Tod in Theresienstadt: Stadträtin Else Alken (1877-1942)

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„Ich weiß nämlich … auch heute noch nicht, wohin ich gehe, ausser, dass ich Frankfurt als meine Heimat betrachte & dass ich auch dorthin zurückkehren werde, sowie ich kann – vorläufig habe ich noch gar kein Empfinden für das, was aus mir wird, die Einsamkeit ist so unerträglich, so bedrückend & die Sehnsucht nach dem Verlorenen so gross …“ (Else Alken aus Wien, 17. März 1933)
Die spätere katholische Sozialpolitikerin und erste Frankfurter Stadträtin Else Alken kommt am 14. Mai 1877 in Breslau als Tochter des Journalisten und Schriftstellers Dr. Fedor Mamroth und von Johanna Mamroth, geb. Schwabacher, zur Welt. Im Alter von 18 Jahren konvertiert sie zum Katholizismus; sie gilt als tief religiös.
Der Vater ist Katholik und seit 1889 als Feuilletonchef bei der „Frankfurter Zeitung“ beschäftigt. Das Mädchen besucht eine höhere Töchterschule in Breslau und ein Pensionat in Paris (Frankreich). Es schließt sich ein Studium der „sozialen Krankenhausarbeit“ sowie der Sozial- und Gefängnisfürsorge an. Am 9. Januar 1904 heiratet Else Mamroth in Berlin den Senatspräsidenten am Oberlandesgericht Frankfurt am Main und Kurator der Johann Wolfgang Goethe-Universität, Dr. Carl Alken. Nach nationalsozialistischer Definition handelt es sich um eine „Mischehe“. Während des Ersten Weltkriegs kümmert sich Else Alken um die Lazarettarbeit und ruft ein Tagesheim für Frauen ins Leben, dessen Leitung sie übernimmt. Für ihr Engagement wird sie mit der Rote Kreuz-Medaille III. Klasse ausgezeichnet.
Alken tritt der Zentrumspartei bei, deren 2. Vorstandsvorsitzende sie in Frankfurt wird. Sie gehört zu den Anhängern Joseph Wirths und des Linkskatholizismus. Else Alken fungiert von 1924 bis 1928 und ab 1929 als ehrenamtliche Stadträtin für das Zentrum und ist ab 27. Mai 1924 erstes weibliches Magistratsmitglied in Frankfurt am Main. Da sie verschiedene Fremdsprachen beherrscht, repräsentiert Else Alken mehrfach die Stadt bei Auslandsbesuchen.
Ehrenamtlich engagiert sie sich im Gefängnisverein und für das Monikaheim. Außerdem übernimmt sie den Vorsitz des Frankfurter Verbandes der Frauenvereine, der Politischen Arbeitsgemeinschaft von Frauen und des Frauenausschusses der Frankfurter Zentrumspartei. Sie fordert unter anderem die Mitarbeit von Frauen beim Bau- und Wohnungswesen. 1921 wird Else Alken in den Provinziallandtag gewählt. Der Schwerpunkt ihres dortigen Engagements liegt auf der Entwicklung des Landesjugendamts des Regierungsbezirks. Sie setzt sich besonders für Reformen im Heim- und Anstaltswesen ein. Außerdem wird sie 1927 in den Landes- und Provinzialausschuss (für Wohlfahrtsfragen) berufen, dem sie stellvertretend bereits seit 1922 angehört. Bei den Wahlen zum Kommunallandtag am 17. November 1929 wird die engagierte Politikerin zwar wiedergewählt, legt das Mandat aber wegen Arbeitsüberlastung noch im selben Jahr nieder.
Nach der Ernennung Hitlers zum Reichskanzler wird Alken im März 1933 von ihrem Amt als Stadträtin suspendiert.
Nach dem Tod ihres Ehemannes am 21. Februar 1933 begibt sich Else Alken nach Wien, anschließend nach Tirol und beantragt von dort Witwenrente. Das Gesuch wird jedoch abgelehnt. Deshalb sieht sie sich gezwungen, spätestens 1935 nach Frankfurt zurückzukehren. Ihre Frankfurter Adressen sind um 1924 Eppsteiner Straße 9, um 1929 Bockenheimer Landstraße 98/I oder 105, ab März 1932 Schubertstraße 2, später Eppsteiner Straße 43. Bei der letzten Adresse handelte es sich vermutlich um ein „Judenhaus“, in dem antisemitisch Verfolgte vor ihrer Deportation aus Frankfurt zwangsweise konzentriert wurden.
Als „katholische Jüdin“ bemüht sich Else Alken 1942 durch Vermittlung über den Limburger Bischof Antonius Hilfrich vergeblich um eine Anforderung durch den Vatikan-Staat, weil die Emigration damals bereits unmöglich war.
Else Alken wird am 1. September 1942 im Alter von 65 Jahren bei der achten großen Deportation aus Frankfurt in das Durchgangs- und Konzentrationslager Theresienstadt deportiert, wo sie drei Monate später an Heiligabend stirbt.
Ein Artikel der Frankfurter Rundschau vom 19. Juli 1946 bezeichnet sie als „Künderin des wahrhaft christlichen Sozialismus“. Im Frankfurter Dom wird 1951 unter anderen auf Inititative der Präsidentin des Deutschen Hausfrauenbundes Fini Pfannes eine Gedächtnisfeier für Else Alken begangen. Es schließt sich eine Gedächtnisfeier am Grab ihres Ehemannes an, wo dem Wunsch Alkens entsprechend Freunde ihren Namen auf dem Gedenkstein ihres Gatten ergänzen ließen. Bei der Feierstunde vertritt Stadtrat Bisbois den Frankfurter Oberbürgermeister, der zu Weihnachten 1951 einen Kranz der Stadt auf der Grabstätte niederlegen lässt. Die CDU-Abgeordnete Charlotte Schiffler beantragt im September 1960 schließlich die Benennung einer Straße „nach der um das soziale Leben in Frankfurt am Main hochverdienten und im Lager Theresienstadt verstorbenen ehrenamtlichen Stadträtin Else Alken“ vorzunehmen. Denn sie sei „ein hervorragendes Beispiel des geistigen Widerstandes der Frankfurter Bürger gegen den Nationalsozialismus“. Seit 1962 trägt eine Straße in der Adolf-Miersch-Siedlung Frankfurt-Niederrad ihren Namen.


Literatur und Quellen
  • Paul Arnsberg, Die Geschichte der Frankfurter Juden seit der Französischen Revolution, Darmstadt 1983, Bd. 3 Biographisches Lexikon, S. 528.
  • Heike Drummer/Jutta Zwilling (Bearb.), Jüdisches Museum Frankfurt am Main (Hg.), Datenbank Gedenkstätte Neuer Börneplatz.
  • Historische Kommission für Nassau (Hg.), Nassauische Parlamentarier. Ein biografisches Handbuch. Teil 2: Der Kommunallandtag des Regierungsbezirkes Wiesbaden 1868-1933, bearb. von Barbara Burkhardt und Manfred Pult. Wiesbaden 2003, S. 9f.
  • Institut für Stadtgeschichte S 2/773; Personalakten 15.471.
  • Wolfgang Klötzer (Hg.), Frankfurter Biographie, Frankfurt am Main 1994, Bd. 1, S. 21

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