Deutsche Bau- und Siedlungsausstellung und Reichssiedlungshof

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„Der Reichssiedlungshof soll die geistige Zentrale für die gesamte Siedlungsarbeit sein. Dort sollen Methoden und Möglichkeiten der Siedlungsarbeit erprobt werden, um dann mit dem Erprobten und Erforschten in der Siedlungsarbeit Mustergültiges leisten zu können.“
Städtisches Anzeigeblatt, Nr. 36, 1938

Im September 1938 öffnete auf dem Frankfurter Messegelände die Deutsche Bau- und Siedlungsausstellung unter Schirmherrschaft des Reichsleiters der NSDAP und Leiters der Deutschen Arbeitsfront (DAF) Robert Ley ihre Tore. Die Planungen für diese Schau reichten bereits bis 1934 zurück. Vermutlich wollte die Stadtverwaltung damals mit anderen Projekten nationalsozialistischer Siedlungspolitik in Konkurrenz treten – etwa den Mustersiedlungen Stuttgart-Kochenhof, auch bekannt als „Anti-Weißenhof-Siedlung“, oder München-Ramersdorf, um sich vom modernen Image des Neuen Frankfurt während der Weimarer Republik unter Oberbürgermeister Ludwig Landmann und Stadtbaurat Ernst May abzusetzen. Nach den antisemitischen Vorstellungen von Oberbürgermeister Friedrich Krebs sollte die Ausstellung ursprünglich symbolträchtig auf dem Grundstück des Warenhauses Hermann Wronker oder im Haus Oppenheimer gezeigt werden. Wronker war 1934 infolge der antisemitischen Boykott-Bewegung geschlossen worden.

Die Frankfurter Musteranlage
Die Ausstellung fand also mit mehrjähriger Verspätung zu einem Zeitpunkt statt, als der Kleinsiedlungsgedanke mit Selbstbewirtschaftung zumindest für das „Altreich“ überholt war. Und so standen entlang der eigens für das Projekt entworfenen Siedlungsstraße vornehmlich größere Mietshäuser. Die „Volkswohnungen“ in diesen Gebäuden waren so konzipiert, dass für die kinderreiche Familie bei Bedarf zwei Einheiten zusammengelegt werden konnten.
Die Frankfurter Musteranlage entsprach einer von der Deutschen Arbeitsfront (DAF) lange propagierten idealtypischen „Gemeinschaftssiedlung“ für alle Bevölkerungsschichten mit so genannter Siedlerstraße, Anger, Gemeinschaftshaus und Brunnen. Laut Bericht im Städtischen Anzeigeblatt verwirklichte die Ausstellung vorbildlich vier „Grundgedanken der Siedlungsarbeit in Hessen-Nassau: Bodenständige heimatgebundene Bauweise, kein Schematismus der Art und Größe der Häuser, eine wahre Gemeinschaftssiedlung für Menschen verschiedenen Berufs und verschiedenen Einkommens, mustergültige Gemeinschaftsanlagen“.

Beteiligung der Nassauischen Heimstätte
Die Siedlungsstraße säumten zehn Wohngebäude und ein Gemeinschaftshaus, dem als „Mahnmal der Zusammengehörigkeit“ mit Räumen für den Ortsgruppenleiter und Gliederungen der Partei eine herausragende ideologische Bedeutung zukam – nicht zuletzt dokumentiert durch die gestalterische Innenausstattung mit Hakenkreuzfriesen u. ä. Die Namen „Maintal“, „Nassau“, „Odenwald“, „Rodgau“ oder „Bergstraße“ kennzeichneten die angebotenen Haustypen. Das benutzte Baumaterial sowie die beteiligten Handwerker und Architekten stammten sämtlich aus der Region, sollten dem geforderten lokalen Bezug Rechnung tragen und „bodenständiges“ Bauen garantieren. Schlichtes „Mustermobiliar“ und speziell gefertigter, vornehmlich aus irdenen Krügen und Schüsseln bestehender Hausrat dienten dazu, künftige „Siedler“ auf „formschönes“ Wohnen einzustimmen. „An den Schränken, Betten und Stühlen erkenne ich die von der Deutschen Arbeitsfront für die Möbelgestaltung gegebenen Richtlinien“, überzeugte sich 1939 ein kundiger Flaneur während seines Spaziergangs durch die dem Frankfurter Projekt vergleichbare Rüsselsheimer Opel-Stadt.
Maßgeblich beteiligt an der Deutschen Bau- und Siedlungsausstellung war die Nassauische Heimstätte. Die Gesellschaft bearbeitete die genannten Haustypen nach Entwürfen des Gauheimstättenamtes. Dabei entwickelten die Planer ihren bereits in der Weimarer Zeit entfachten Ehrgeiz weiter, mit „den schmalen, langgestreckten, zweigeschossigen Giebelhäusern mit sichtbarem Fachwerk oder Rauhverputz und mit einer Mauer- oder Heckenverbindung zwischen den Hauskörpern“ einen „hessischen Stil“ zu kreieren, der letztlich dann auch in den Siedlungen für Sprendlingen und Neu-Isenburg oder in die erwähnte Opel-Stadt Eingang fand.

Transfer nach Oberursel
Die Mustersiedlung, die ursprünglich für den „Retortenort“ Zeppelinheim als der „Heimstätte für Luftschiffer“ nahe des Frankfurter Flughafens projektiert worden war und nach Beendigung der Frankfurter Ausstellung auch dorthin transferiert werden sollte, wurde schließlich originalgetreu in Oberursel auf dem Gelände des dortigen „Gausiedlungshofs“ wiederaufgebaut. Diesen erhob Robert Ley anlässlich der Bau- und Siedlungsausstellung in den Rang eines „Reichssiedlungshofs“. Das Areal hatte die Frankfurter Johann Wolfgang Goethe-Universität bereits 1934 erworben, um es für Siedlungslehrgänge zu nutzen. Zwei Jahre später, 1936, übernahm der zeitgleich gegründete gemeinnützige Siedlungsförderungsverein die Bewirtschaftung und weitere Ausstattung. Die Leitung wurde nunmehr Wilhelm Avieny, einem der einflussreichsten NS-Wirtschaftsfunktionäre im Rhein-Main-Gebiet, die Geschäftsführung Adolf Darjes übertragen. Letzterer fungierte gleichzeitig als Geschäftsführer der gemeinnützigen Siedlungsbaugesellschaft Nassauische Heimstätte. Diente die „Forschungs-, Lehr- und Musteranlage des nationalsozialistischen Siedlungswerks“ einerseits als Ausbildungsstätte für Mitarbeiter von DAF und NSDAP, als Beratungsstelle für künftige Siedler oder die Kleintierzucht, so erfüllte sie andererseits auch eine Modellfunktion für die Ansiedlung der als „Volk ohne Raum“ propagierten Deutschen im Rahmen der bevorstehenden kriegerischen Eroberung neuen Territoriums im Osten.
Im Zweiten Weltkrieg wurde hier das Durchgangslager Luft (DULAG Luft) für gefangene britische und US-amerikanische Piloten eingerichtet. Nach 1945 übernahm die US-Armee das Areal zunächst als Camp Seibert, später unter dem Namen Camp King. Im Kriegsgefangenenlager und Verhörzentrum waren zeitweise hochrangige und prominente Nationalsozialisten, Geheimdienstleute und Militärs interniert, zum Beispiel Hermann Göring, Otto Meißner, Erich Neumann, Graf Schwerin von Krosigk, Hanna Reitsch, Klaus Barbie oder Wernher von Braun. Auch der NS-Gegner Eugen Kogon lebte zeitweilig im Camp und verfasste dort sein berühmtes Buch „Der SS-Staat“.
Nach Abzug der US-amerikanischen Militärs 1993 fiel das Quartier zunächst in den Besitz der Bundesrepublik Deutschland. Im Mai 1998 erwarb es die Stadtentwicklungs- und Wirtschaftsförderungsgesellschaft mbH Oberursel (Taunus) und errichtete dort ein modernes Wohnviertel für etwa 900 Menschen. Die ehemaligen Gebäude der alten Mustersiedlung blieben zwar innerhalb des aufwändigen Konversionsprojektes erhalten, sind aber heute als Pflegefälle für den Denkmalschutz längst mit Erweiterungsbauten modernen Wohnbedürfnissen angepasst.



Literatur
  • Heike Drummer / Jutta Zwilling, Wir geben Ihnen Raum. 75 Jahre nassauische Heimstätte, Frankfurt am Main 1997.
  • Der Reichssiedlungshof. Forschungs-, Lehr- und Musteranlage des nationalsozialistischen Siedlungswerkes, Frankfurt am Main [1938]

Zusätzliche Stichwörter
Institutionen/Orte/Begriffe:  Dulag;   Deutsche Arbeitsfront (DAF);  

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