Theodor W. Adorno (1903-1969)

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Zweifellos gehört Theodor W. Adorno zu den bedeutendsten Intellektuellen des 20. Jahrhunderts, um nicht zu sagen, daß er eine Art Universalgenie war. Jedenfalls hat sein gesamtes Schaffen spätestens seit den dreißiger Jahren, über mehrere Generationen hinweg und bis zum heutigen Tage, die unterschiedlichsten Strömungen und Disziplinen der Geisteskultur und -wissenschaft nachhaltig beeinflußt. Als Philosoph, Ästhetiker, Musiktheoretiker, Komponist, Soziologe und nicht zuletzt als ein in allen Massenmedien präsenter Essayist verkörperte er die Rolle des Statthalters der philosophischen und ästhetischen Moderne.
Gestützt auf Marx und Freud, unter Zuhilfenahme von Hegels antinomischer Dialektik, ausgerichtet an einem vom kategorischen Imperativ gereinigten Freiheitsbegriff Kants und schließlich flankiert von der hermeneutischen Kunst eines Arnold Schönberg oder Samuel Beckett, hat Adorno eine hochkomplexe, negativ-dialektische Theorie der Moderne konstruiert, die sich vorrangig als radikale Kritik an der gesellschaftlichen Moderne versteht. Ihr utopischer Fluchtpunkt ist die Emanzipation der Individuen innerhalb der Gesellschaft, ihre Befreiung aus den Fesseln des Entfremdungs- und Verdinglichungszwangs industrieller Vergesellschaftung. Negativ – und darin unterscheidet sich sein Denken wesentlich vom orthodoxen Marxismus – bleibt Adornos Utopie darin, daß er sich weigerte, Bilder von einem besseren Leben positiv auszumalen, was ihm als Verharmlosung des Bestehenden galt. Trotz dieses theoretischen Bilderverbots tauchen an ein paar einzelnen, über das Gesamtwerk verstreuten Stellen Momentaufnahmen eines nicht entfremdeten Lebens, eines gewaltlosen Umgangs des Subjekts mit seiner Welt auf: Es sind die Erinnerungsbilder aus seiner Kindheit. Am deutlichsten in seinem 1933 erschienenen Aufsatz „Vierhändig noch einmal“. Adorno skizziert hier die häusliche Intimität gemeinsamen Musizierens, das nicht den Leidensdruck künstlerischer Isolation kennt. Eingebunden in die kollektive Harmonie des vierhändigen Spielens ist das Kind, das, ohne die Noten lesen zu können, die Seiten umblättert. Diese Szene verkörpert wohl par excellence Adornos wohlbehütete Kindheit, die Welt der Musik, behütet durch zwei Frauen, eben derjenigen, die am Klavier vierhändig spielen: seine Mutter Maria, geborene Calvelli-Adorno delle Piane, ehemalige kaiserliche Hof-Opernsängerin, und ihre Schwester Agathe, Pianistin, Begleiterin der berühmten Sängerin Adelina Patti. In dieser spielerischen, von Alltagsnöten entlasteten, privaten Intimität von Weiblichkeit und Musik hatte der Vater mit seiner Welt keinen Platz, obgleich er solchen Schonraum ermöglichte.
Oscar Alexander Wiesengrund war ein erfolgreicher und reicher jüdischer Weinhändler, der sein Judentum, wie es damals in den reichen jüdischen Familien Frankfurts am Main üblich war, ganz und gar abgelegt hatte. Unüblich war eher, daß die Wiesengrunds nicht im Westend wohnten, sondern in einem klassizistischen Haus am Main an der Schönen Aussicht, von wo aus sie dann später in den Vorort Oberrad in die Seeheimer Straße 19 umzogen. Jedenfalls gehörte der Vater mit seiner Welt der Arbeit und Öffentlichkeit nicht ins Bild glücklicher Kindheit, die für Adorno immer, wenn auch nicht explizit thematisiert, Maßstab jeglicher Kollektivität blieb. Freilich konnte auch die gesellschaftliche Institution Schule dem selbstsicheren Jungen nichts anhaben. Nach drei Jahren Volksschule besuchte er das Kaiser-Wilhelm-Gymnasium in Sachsenhausen, übersprang die Unterprima und legte bereits 1921, befreit von den mündlichen Prüfungen, die Reifeprüfung ab. Noch im gleichen Jahr begann er im Sommersemester im Alter von 17 Jahren an der Frankfurter Universität sein Studium in Philosophie, Soziologie, Psychologie und Musikwissenschaft. Während seines Studiums wird Adorno an der Universität kein großes Aufsehen von sich machen. Demgegenüber aber sehr wohl innerhalb des Frankfurter Musiklebens. Bereits seit 1919 erhielt er am Hochschen Konservatorium bei Bernhard Sekles Kompositionsunterricht und entfaltete seit 1921 eine sehr rege Tätigkeit als Musikkritiker. In den Jahren 1921–1932 erschienen von ihm an die 100 musikkritische Artikel, die seinen frühen Ruhm als gefürchteten und gestrengen Musikkritiker begründeten. Schon zu diesem frühen Zeitpunkt entwickelte er in seinen Beiträgen starke normative Kriterien zur Bewertung fortschrittlicher Musik. Adorno duldete in der zeitgenössischen Musik keinerlei formale Konventionalität. Und auf der Höhe der Zeit konnte sich für ihn nur solche Musik befinden, die sich an Arnold Schönberg messen ließ. Was sich nicht im Bannkreis der „Neuen Musik“ bewegte, fand vor dem jungen Wiesengrund-Adorno keine Gnade. Aber nicht nur als professioneller Musikrezipient, sondern auch als Musikproduzent fand Adorno Anerkennung: Ende April wurde ein Streichquartett des jungen Komponisten aufgeführt, zusammen mit Liedern von Ludwig Rottenberg, dem Chef der Frankfurter Oper. Frankfurt am Main war in den zwanziger Jahren eine der führenden Musikstädte Deutschlands und genoß auf dem Gebiet moderner Musik internationalen Ruf.
Als um so bedeutsamer muß es gelten, daß Adorno in einem Atemzug mit seinem Lehrer Sekles und seinem Rivalen Paul Hindemith genannt wurde. Vergleichsweise blaß muß demgegenüber sein Studium der Philosophie erscheinen. Allerdings kommt er auch hier, wie schon in der Schule, schnell voran: Im sechsten Semester schreibt Adorno innerhalb eines Monats seine Dissertation und gibt sie am 14.Juni 1924 ab. Seine Doktorarbeit mit dem Titel „Die Transzendenz des Dinglichen und Noematischen in Husserls Philosophie“ genügte keineswegs dem Anspruch der Avanciertheit und Aktualität, den er ja fortwährend im Bereich der Musik kompromißlos erhob. Im Gegenteil, sie bewegte sich brav auf den vorgegebenen Bahnen seines Lehrers Hans Cornelius, des ersten Frankfurter Ordinarius der Philosophie, eines Neukantianers, der in der Nachfolge Kants die Transzendentalphilosophie neu begründen wollte und damit eigentlich schon einer vergangenen Epoche angehörte. Die neueren Strömungen der Rationalismuskritik konnten ihm und seinem Schüler nichts anhaben. Dafür wurde der gehorsame Schüler auch mit summa cum laude belohnt. Schon während der Niederschrift seiner Dissertation hatte Adorno im Juni 1924 auf dem Frankfurter Fest des „Allgemeinen deutschen Musikvereins“ den Schönbergschüler Alban Berg kennengelernt. Ihm folgte Adorno nach Wien, um bei ihm Komposition zu studieren. Schon nach einem einjährigen Aufenthalt kehrte er, offensichtlich als Komponist gescheitert, nach Frankfurt am Main zurück. Die verbleibenden letzten zwanziger Jahre verbrachte Adorno größtenteils in Berlin, wo er sich vergeblich darum bemühte, eine feste Anstellung als Musikkritiker zu bekommen. Aber damit noch nicht genug: Am 14. November 1927 legte er in Frankfurt am Main der Fakultät seine Habilitation mit dem Titel „Der Begriff des Unbewußten in der transzendentalen Seelenlehre“ als Anfrage vor. Diesmal war die Arbeit nicht mehr bloße Schulphilosophie. So vollzieht sich im Schlußkapitel schon zaghaft die Hinwendung zur Ideologiekritik. Prompt wurde sie auch von Cornelius abgelehnt. Allerdings sollten sich seine Mißerfolge auf die späten zwanziger Iahre beschränken. So hielt er schließlich im Mai 1931 an der Frankfurter Universität seine Antrittsvorlesung „Die Aktualität der Philosophie“, nachdem er sich bei Paul Tillich mit seiner „Kierkegaard“-Arbeit habilitiert hatte.
Nunmehr hatte er auch in der Philosophie seinen Rückstand gegenüber seinen Musikbeiträgen aufgeholt. Daß er sich jetzt philosophisch auf der Höhe seiner Zeit befand, hatte er wohl dem nicht unerheblichen Einfluß seiner an Marx geschulten Freunde Max Horkheimer und Walter Benjamin zu verdanken. Der junge Privatdozent konnte jedoch nur vier Semester lang lehren: Durch Hitlers Machtergreifung verlor er seine Venia legendi. 1934 emigrierte Adorno nach England, wo er am Merton College in Oxford aufgenommen wurde, allerdings zu seinem eigenen Bedauern nur als „advanced student“. Hier blieb er bis Ende 1937, arbeitete hauptsächlich an seinen Husserl-Studien, heiratete 1935 die promovierte Chemikerin Gretel Karplus, die er schon während seines längeren Berlin-Aufenthalts kennengelernt hatte, und kam öfters zu längeren Aufenthalten nach Deutschland zurück. Auf Einladung Horkheimers siedelte er im Februar 1938 nach New York über und wurde offizielles Mitglied des Instituts für Sozialforschung, das sich, von den Nazis aus Frankfurt am Main vertrieben, seit 1934 in den Räumen der Columbia University niedergelassen hatte. Noch im gleichen Jahr der Übersiedlung verschaffte ihm Horkheimer eine wissenschaftliche Halbtagsstelle bei dem von der Rockefeller Foundation finanzierten „Radio Research Project“. Nicht nur, daß sich der deutsche Gelehrte, aus der musischen und liberal bildungsbürgerlichen Beschaulichkeit Frankfurt am Mains kommend, mit den „Modern Times“ und dem „Way of Life“ einer hochindustrialisierten Gesellschaft konfrontiert sah, nun mußte sich der eher zur spekulativen Philosophie neigende Intellektuelle auch noch unter die empirische Soziologie begeben, in der es ausschließlich aufs Zählen und Messen ankam. Im November 1941 konnte Adorno dann endlich Horkheimer nach Los Angeles nachreisen, um hier die lang ersehnte philosophische Arbeit aufzunehmen: Bis zum Sommer 1944 verfassen die beiden zusammen das Grundlagenwerk Kritischer Theorie, die „Dialektik der Aufklärung“.
Die verbleibenden Jahre im Exil, bis zum Winter 1949, erwiesen sich für Adorno als äußerst ertragreiche Schaffensphase. In dieser Zeit entstanden seine Hauptwerke „Minima Moralia“ und „Philosophie der neuen Musik“. In den 50er Jahren beteiligte sich Adorno zunächst intensiv an den empirischen Projekten des in Frankfurt am Main neugegründeten Instituts für Sozialforschung. Auch wenn zunächst ablehnend, so hatte sich Adorno letztlich doch in den Vereinigten Staaten das Handwerkszeug der empirischen Soziologie angeeignet. Und es darf als sein Verdienst gelten, daß er innerhalb der Nachkriegssoziologie einen Ansatz entwickelt hat, der die reine Empirie in eine Kritische Theorie der Gesellschaft zu integrieren versuchte. Erst Ende September 1953 erhielt Adorno in Frankfurt am Main eine außerordentliche Professur für Philosophie und Soziologie, einen „Wiedergutmachungslehrstuhl“ wie es auch im offiziellen Jargon hieß und dann auch mit dem diffamierenden Gestus behaftet war, eine von außen durch die Alliierten erzwungene Pflicht gegenüber den Opfern zu sein. Zu Recht empfand Adorno solchen Umstand als Stigmatisierung und bemühte sich um eine ordentliche Professur, die er jedoch erst am 1. Juli 1957 bekam.

Theodor W. Adorno, Fotografie um 1965


In den 60er Jahren, in denen zahlreiche Werke zur Philosophie, Soziologie, Musik und Literatur entstanden, zog sich Adorno ganz aus dem Geschäft angewandter Soziologie zurück, in der Erkenntnis, daß nur eine Theorie, die aufs Ganze geht, und nicht ein Sammelsurium von Einzelansichten, die Gesellschaft adäquat zu analysieren vermag. Damit verbunden war auch eine stärkere Hinwendung zur Kunst, in der er in letzter Konsequenz die wahren Widerstandsformen gegenüber dem Weltenlauf erblickte.
Solche Abtretung von Möglichkeiten politischen Widerstands und Erkenntniskompetenz an die Kunst sollte auch seinen Konflikt mit der Studentenbewegung bestimmen. Adornos Favorisierung der Kunst muß zuallererst darauf zurückgeführt werden, daß sie, laut seiner Definition, aufgrund ihrer Autonomie in der Lage ist, eine Kritik an gesellschaftlicher Herrschaft zu üben, ohne selbst in Gewaltzusammenhänge verstrickt zu sein. Und gerade diese Position der Gewaltlosigkeit machte es Adorno unmöglich, sich gegenüber der Studentenbewegung, vor deren Bereitschaft zur Gewaltanwendung er zurückschreckte, affirmativ zu verhalten. Hatte er noch vier Tage nach der Erschießung Benno Ohnesorgs in seiner Ästhetikvorlesung am 6. Juni 1967 seine Sympathie für den ermordeten Studenten bekundet, so wußte er sich am 31. Januar 1969, als eine geschlossene Gruppe von 76 Studenten das Institut betrat, nicht anders zu helfen, als die Polizei kommen zu lassen. Damit war freilich der Bruch mit der Studentenbewegung, die ja unter anderem auch sein Werk für die revolutionäre Praxis heranzog, endgültig vollzogen. Zu einer weiteren Auseinandersetzung sollte es nicht kommen: Adorno starb am 6. August 1969 an einem Herzinfarkt während eines Ferienaufenthalts in Visp (Wallis/Schweiz).

Aus: Klötzer, Wolfgang (Hg.), Frankfurter Biographie, Personengeschichtliches Lexikon, Erster Band A-L, Frankfrut am main 1994, S. 16-19

Zusätzliche Stichwörter
Institutionen/Orte/Begriffe:  Frankfurter Schule;  

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