In den Tod getrieben: Kapellmeister Gustav Brecher (1879–1940)

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„Die Hoffnung lass ich mir nicht mindern.“
(Meistersinger/Gustav Brecher, 1930)
Der Dirigent und Komponist Gustav Brecher kommt am 5. Februar 1879 in Eichwald (Teplitz-Schönau) als Sohn eines Arztes und Neffe des Berliner Tonkünstlers Robert Kahn zur Welt. Die Familie lebt ab 1889 in Leipzig, wo Gustav Brecher studiert und 1897 als Dirigent debütiert.
Die Uraufführung seines Erstlings, der auf dem gleichnamigen Werk von Henrik Ibsen basierenden symphonischen Dichtung „Romersholm“ (1896), besorgt Richard Strauss noch zu Brechers Schulzeit im Liszt-Verein in Leipzig. Es folgt das Werk „Aus unserer Zeit“ nach Worten von J. H. Mackay, das ebenfalls Richard Strauss in Berlin und München aufführt. Bühnenerfahrung sammelt Gustav Brecher als Volontär ab 1898/1899 am Stadttheater Leipzig, später in Bromberg und Posen. An der Wiener Hofoper arbeitet er 1900 als Dirigent unter Gustav Mahler. Ab 1902 ist er erster Kapellmeister am Stadttheater Olmütz. Von 1903 bis 1911 arbeitet er in gleicher Funktion am Stadttheater Hamburg, wo er 1911 Busonis „Brautwahl“ uraufführt, die Brecher gewidmet ist. Anschließend ist er bis 1916 Erster Kapellmeister in Köln.
Von 1916 bis 1920 wirkt Gustav Brecher an der Frankfurter Oper als erster Dirigent. Hier zeichnet er etwa für die musikalische Leitung der „Götterdämmerung“ aus Wagners „Ring des Nibelungen“ verantwortlich. Als Waltraude tritt damals Magda Spiegel auf, den Alberich gibt Richard Breitenfeld – beide später ebenfalls Opfer des Holocaust. Zuweilen vertritt er den Dirigenten Willem Mengelberg bei Konzerten der Frankfurter Museumsgesellschaft im Saalbau. Anlässlich der Feierlichkeiten zum 50-jährigen Bestehen des Frankfurter Opernhauses im Jahre 1930 kehrt Brecher kurzzeitig als Gastdirigent an den Main zurück.
Ab 1920 leitet der Musiker die Meisterklasse für Dirigieren am Sternschen Konservatorium in Berlin. Parallel widmet er sich einer europaweiten Konzerttätigkeit. Seit 1923 fungiert Gustav Brecher als Generalmusikdirektor und künstlerischer Leiter der Oper in Leipzig, wo er sich besonders mit Aufführungen zeitgenössischer Stücke einen Namen macht. Er gilt als Vorkämpfer des modernen Musiktheaters außerhalb Berlins. So leitet Brecher 1927 die Uraufführungen von Ernst Kreneks „Jonny spielt auf“, 1930 von Kurt Weills „Aufstieg und Fall der Stadt Mahagonny“ und Erwin Dressels „Der Rosenbusch der Maria“. Außerdem bemüht er sich besonders um Inszenierungen von Strauss, den er in einer bereits 1900 publizierten monografischen Skizze würdigte, und Wagner. Daneben rückt er lange vergessene Barockopern von Händel wie 1924 „Tamerlan“ oder 1928 „Alcina“ wieder in den Blickpunkt.
Obwohl sein Vertrag 1932 bis 1936 verlängert wurde, zwingen die Nationalsozialisten Gustav Brecher wegen seiner jüdischen Herkunft im März 1933 zum Rücktritt. Zusammen mit seiner Ehefrau Gertrud, Tochter des Generaldirektors der AEG-Berlin Dr. Felix Deutsch, flüchtet Brecher in das belgische Exil. Aus Verzweiflung über den Einmarsch deutscher Truppen und die erneute Verfolgung nehmen sich Gustav Brecher und seine Ehefrau im Mai 1940 in Ostende das Leben: Das Paar stürzt sich von einem Boot vor der Küste in das Meer.
Gustav Brecher ist auf der Gedenktafel der Städtischen Bühnen aufgeführt.


Literatur und Quellen
  • Artur Holde, Hundert Jahre jüdisches Frankfurt, o. O. 1960, S. 11.
  • Institut für Stadtgeschichte Akten der Stadtverordnetenversammlung 1687.
  • Albert Richard Mohr, Musikleben in Frankfurt am Main. Ein Beitrag zur Musikgeschichte vom 11. bis 20. Jahrhundert, Frankfurt am Main 1976, S. 372.
  • Joseph Walk, Kurzbiographien zur Geschichte der Juden 1918-1945, München u. a. 1988, S. 45.
  • Habakuk Traber/Elmar Weingarten (Hg.), Verdrängte Musik. Berliner Komponisten im Exil, Berlin 1987, S. 222.
  • Deutscher Wirtschaftsverlag, Reichshandbuch der deutschen Gesellschaft. Das Handbuch der Persönlichkeiten in Wort und Bild, Berlin, [1930] Bd. 1, S. 206 f.
  • S. Wininger, Große Jüdischer National-Biographie, Nendeln/Liechtenstein 1979, Bd. 1, S. 450 f.
  • Herbert A. Strauss/Werner Röder u. a., International Biographical Dictionary of Central European Emigrés 1933-1945, Bd. 2, München/New York/London/Paris 1983, S. 148.
  • 50 Jahre Opernhaus Frankfurt a. M. 1880-1930. Festwoche vom 10.-16. Oktober, [Frankfurt am Main 1930], S. 21

Zusätzliche Stichwörter
Institutionen/Orte/Begriffe:  Städtische Bühnen;  

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