Das Bürgerhospital der Dr. Senckenbergischen Stiftung

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Das Bürgerhospital am Alleenring, etwa 1930

Die meisten Frankfurter hielten das Bürgerhospital an der Nibelungenallee für nazifreundlich. Schuld an dem braunen Image trugen der NSDAP beigetretene Assistenzärzte, die schon vor 1933 regelmäßig SA-Leute nach Saalschlachten oder gewalttätigen Demonstrationen im Bürgerhospital verarztet hatten. Die von den fraglichen Medizinern zunächst noch verdeckt im Hospital betriebene Propaganda steigerte sich nach der am 30. Januar 1933 erfolgten Ernennung Hitlers zum Reichskanzler und eskalierte nach der von den Nationalsozialisten am 5. März 1933 gewonnenen Reichstagswahl im demonstrativen Auftreten als Parteimitglieder während der Arbeitszeit.
Der jüdische Augenarzt des Bürgerhospitals, Josef Igersheimer, emigrierte, als ihm zum 1. Juli 1933 die Kassenzulassung entzogen wurde, in die Türkei. Unter den Mitarbeitern des Bürgerhospitals herrschte 1933 eine Atmosphäre des Misstrauens. Auseinandersetzungen zwischen den nationalsozialistischen Assistenzärzten und dem Chefarzt der Medizinischen Abteilung, Bernhard Scholz, waren an der Tagesordnung. Der politisch aktive Chefarzt hatte von 1912 bis 1916 der nationalliberalen Fraktion im Frankfurter Stadtparlament angehört und war ein erklärter Gegner der NSDAP. Die im Bürgerhospital tätigen evangelischen Diakonieschwestern blieben zur Hitlerpartei auf Distanz. Der jüdische Frauenarzt Arthur Kutz konnte seine Privatpraxis im Bürgerhospital zunächst relativ unbehelligt weiter ausüben. Allerdings wurde ihm auf Drängen der Partei im Herbst 1933 mit Hermann von Ravenstein ein zweiter Gynäkologe zur Seite gestellt, da „man es arischen Frauen nicht zumuten konnte, sich von einem jüdischen Arzt untersuchen zu lassen.“ Der Röntgenologe Hermann Kahl und der seit 1931 im Bürgerhospital behandelnde Urologe Carl Dessecker waren NSDAP-Mitglieder. Das Hauspersonal wirkte wie die deutsche Gesamtgesellschaft in seiner politischen Haltung gespalten, war aber einer starken von dem Hausschreiner Bach und dem Kassierer Pfeiffer ausgehenden NS-Propaganda ausgesetzt.
Der Hospitalbetrieb wurde Anfang 1934 auf das „Führerprinzip“ umgestellt. Zum „Schutze des Arbeitsfriedens im Hause und der Arbeitskraft der Gefolgschaft“ erließ die Dr. Senckenbergische Stiftung als Träger des Bürgerhospitals am 1. Oktober 1934 eine das nationalsozialistische Arbeitsrecht umsetzende Dienstordnung. Dem Vorsitzenden der Stiftungs-Administration, August de Bary, oblag kraft seines Amtes die Leitung des Bürgerhospitals als „Betriebsführer“.
Eine gewisse Sonderstellung behielt die Schwesternschaft, weil der Evangelische Diakonieverein Berlin-Zehlendorf als Mitglied der Inneren Mission nicht in die „Deutsche Arbeitsfront“ eingegliedert werden konnte.

Besuchsordnung 1938; Zweiklassenmedizin: nach Punkt 11 dürfen nur Privilegierte täglich Besuch empfangen


Gemeinsam mit dem Diakonieverein konnte die Administration 1936 die Übernahme der Krankenpflege im Bürgerhospital durch die NS-Schwesterschaft abwenden. Offenbar hatten die nationalsozialistisch gesinnten Assistenzärzte des Bürgerhospitals ihre Hände mit im Spiel, als sich 1936 der Gauleiter von Hessen-Nassau, Jakob Sprenger, mit der Behauptung, er sei berechtigt, ein Frankfurter Krankenhaus zum Arbeitsfeld für die „braunen Schwestern“ zu bestimmen, an die Senckenbergische Stiftung wandte. Die nach der Farbe ihrer Tracht als „braune Schwestern“ bezeichneten NS-Pflegekräfte durchliefen eine dreijährige, auch „weltanschauliche“ Ausbildung. Während August de Bary Verhandlungen mit der Oberin der NS-Schwesternschaft aufnehmen musste, informierte er gleichzeitig den Vorsitzenden des Diakonievereins, Pastor Paul Pilgram, über das drohende Unheil. Pilgram setzte sich mit dem Hauptamtsleiter der NS-Volkswohlfahrt, Erich Hilgenfeldt, in Verbindung, der seinerseits keinen Anlass für die Übernahme des Arbeitsfeldes im Frankfurter Bürgerhospital durch die NS-Schwesternschaft erkennen konnte. Nachdem 1938 auch noch der Versuch, die Krankenpflegeschule des Bürgerhospitals zur Aufnahme einiger NS-Schwesternschülerinnen zu vergattern, mangels Bewerberinnen kläglich gescheitert war, blieb das Krankenhaus an der Nibelungenallee eine Domäne des Evangelischen Diakonievereins.
Als einziges Frankfurter Krankenhaus wurde das Bürgerhospital im Zweiten Weltkrieg komplett beschlagnahmt und zum Reservelazarett I erklärt. Bereits am 27. August 1939, mithin fünf Tage vor dem eigentlichen Kriegsbeginn hatte die Wehrmacht die Beschlagnahmung des Hospitals angekündigt. Bis zum 10. September 1939 musste das Hospital von zivilen Patienten geräumt dem Wehrkreiskommando übergeben werden. Als Entschädigung für die Beschlagnahmung zahlte die Wehrmacht der Stiftung pro Bett und Tag eine Mark fünfzig, wobei der Abrechnung 250 Betten zugrunde gelegt wurden.
Im Luftkrieg bewährten sich die schon 1934 unter dem Schwesternhaus des Bürgerhospitals für 150 Personen angelegten Luftschutzkeller. Vier Tage vor dem Heiligen Abend des Jahres 1943 wurden bei einem Luftangriff sämtliche Fenster auf der Nordseite des Schwesternhauses und des Hauptgebäudes zerstört. Während im Personalwohnhaus des Bürgerhospitals am 1. Februar 1944 eine Sprengbombe einschlug, wurde das Dach des Schwesternhauses am 25. September 1944 ein Raub der Flammen. Für das Bürgerhospital war der Krieg mit der Einnahme Frankfurts durch amerikanische Truppen kurz vor Ostern 1945 noch nicht überstanden. Die US-Army beschlagnahmte das mit weit über 400 verwundeten und erkrankten Soldaten heillos überfüllte Reservelazarett. Das Bürgerhospital blieb bis Februar 1946 beschlagnahmt und fiel solange für die zivile Krankenpflege aus.


Literatur
  • Thomas Bauer: Mit offenen Armen. Die Geschichte des Frankfurter Bürgerhospitals, hrsg. vom Bürgerhospital Frankfurt am Main e. V., Frankfurt a. M. 2004

Zusätzliche Stichwörter
Personen:  Johann Christian Senckenberg;  

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