Die Morde der dezentralisierten „Euthanasie“-Aktion 1941-1945

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Im August 1941 stoppte Hitler die Gasmordaktion an Kranken und Behinderten angesichts wachsender Unruhe in der Bevölkerung. Doch damit waren die NS-„Euthanasie“-Verbrechen nicht beendet. Es kristallisierten sich verschiedene regionale Krankenmordregionen heraus, wo die Tötungen im Sinne einer dezentralisierten „Euthanasie“-Aktion mit zentraler Koordination fortgesetzt wurden. Auch der Regierungsbezirk Wiesbaden wurde wieder zu einem Zentrum der Morde. In den Anstalten Hadamar (bei Limburg), Eichberg (Rheingau), Kalmenhof (Idstein/Untertaunus) und Weilmünster (bei Weilburg) kamen bis 1945 nochmals ca. 10.000 Menschen durch überdosierte Medikamente, Einspritzungen oder gezielte Unterernährung ums Leben, darunter auch viele aus Frankfurt stammende Menschen.
Mehrfach hatte der Bezirksverband Nassau (Wiesbaden) als Träger der Mordanstalten sich in dieser Zeit mit Interventionen aus Frankfurt auseinander zu setzen. Die Stadt Frankfurt war mit Umlagezahlungen und mit Pflegegeldzahlungen für die Frankfurter Patienten einer der Hauptgeldgeber des Bezirksverbandes. Bei ihrer Kritik verquickte die Stadt moralische Argumente (wegen Unterversorgung der Patienten in den Anstalten) mit finanzpolitischen Vorwürfen (wegen des Gewinnstrebens des Verbandes auf Kosten der Kommune). Ein erster Anhaltspunkt für die Vorwürfe war der „Beköstigungssatz“ in den Anstalten, also die Summe der Lebensmittelausgaben pro Patient und Tag, die sich aus dem Haushaltsplan ablesen ließ. Nach einer Intervention des Frankfurter Oberbürgermeisters Dr. Friedrich Krebs (1894-1961) im Frühjahr 1942 äußerte der Bezirksverband beschwichtigend, es könne „keine Rede“ davon sein, dass „die Patienten in den Anstalten hungern oder sogar verhungern“. Anschließend erreichte der Leiter des Frankfurter Fürsorgeamts, Dr. Werner Fischer-Defoy (1880-1955), dass Krebs die Angelegenheit zurückstellte.
Die nächste Frankfurter Initiative wegen der Anstaltspolitik des Bezirksverbandes Nassau startete die Stadtkämmerei aus finanzpolitischen Motiven. Der Bezirksverband hatte nämlich durch Überbelegung und „Euthanasie“-Morde die Effizienz seiner Anstalten gesteigert, aber die von Frankfurt zu zahlende Umlage nicht gesenkt. Angesichts des Haushaltsplans 1943 empfahl der Frankfurter Stadtkämmerer Dr. Friedrich Lehmann (1888-1960) daher, gegen die „Anreicherungspolitik des Bezirksverbandes“ zu protestieren. Letztlich aber genehmigte das Reichsinnenministerium den Haushaltsentwurf, ohne dass der Umlagensatz gesenkt worden wäre.
Im Januar 1944 wurde im Gauhaus in der Gutleutstraße über die Finanzverhältnisse des Bezirksverbandes beraten. Die dort von OB Krebs geäußerte Kritik am Finanzgebaren des Bezirksverbandes verhallte ohne Resonanz. Brisanter für den Bezirksverband war, dass noch einmal die Ernährungssituation in den Landesheilanstalten zur Sprache kam. Der OB verlangte eine genaue Darlegung, wie die Ernährung der Patienten möglich sei, obwohl der Bezirksverband als Anstaltsträger nur 46 Pfennig pro Tag und Patient für Essen ausgebe. Drei Monate später übermittelte der Bezirksverband dem Oberbürgermeister eine penible Aufschlüsselung über angeblich ausreichende Lebensmittelrationen. Obwohl die geschönte Darstellung den Verdacht auf die Aushungerung der Patienten nicht ausräumen konnte, legte die Stadt Frankfurt die Sache nun endgültig ad acta.
Trotz aller Bedenken nahm die Stadt Frankfurt auch in den letzten Kriegsjahren nicht davon Abstand, ihre kranken oder behinderten Bürger in die unter Verdacht stehenden Anstalten einzuweisen. Der Leiter der städtischen Universitäts-Nervenklinik, Prof. Karl Kleist (1879-1960), brachte – wie schon in der Vorkriegszeit – weiterhin regelmäßig psychisch Kranke dort unter. Eine quantitativ andere Dimension als die routinemäßigen Verlegungen hatte die Massenverlegung im Februar 1944. Kleist trat an die als Mordanstalt verrufene Landesheilanstalt Eichberg heran und brachte dort über 160 Menschen unter, welche die Universitäts-Nervenklinik wegen Bombenschäden selbst nicht weiter versorgen konnte. Wenig später fand eine Rückverlegung statt, 50 Menschen aber kehrten nicht zurück.
Unabhängig davon ließ das Fürsorgeamt Frankfurt Anfang 1944 160 Plätze für „Alte und Sieche“ in der Landesheilanstalt Eichberg einrichten. Magistratsdirektor Baldes und Amtsjurist Rudolf Prestel (1898-1979) vom Fürsorgeamt besuchten den Eichberg im März 1944, um über die Ausweitung dieser Abteilung mit dem wohlklingenden Namen „Altenheim Rheinhöhe“ zu sprechen. Entlassungen von dort durften nur mit Genehmigung des Fürsorgeamts geschehen, um die eigenständige Rückkehr der Schwerkranken nach Frankfurt zu verhindern. Nach 1945 blieb ungeklärt, ob auch Altenheimbewohner auf dem Eichberg den „Euthanasie“-Morden zum Opfer gefallen sind.
Neben den Psychiatriepatienten wurden in den letzten Kriegsjahren auch andere Menschen zu Opfern der Morde in Hadamar. Ab 1943 waren dies Kinder aus Fürsorgeerziehung mit einem jüdischen Elternteil, darunter auch Frankfurter Kinder. 1944 und 1945 wurden in Hadamar zudem mehrere hundert arbeitsunfähige Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter mit Spritzen ermordet. An den Einweisungen war das 1943 gebildete Gauarbeitsamt Rhein-Main in Frankfurt-Sachsenhausen unter seinem Präsidenten Ernst Kretschmann (1891-1970) maßgeblich beteiligt; der Auftrag zur Ermordung wird Gauleiter Jakob Sprenger persönlich zugeschrieben.


Literatur und Quellen
  • Peter Sandner, Verwaltung des Krankenmordes. Der Bezirksverband Nassau im Nationalsozialismus, Gießen 2003
  • Akten im Institut für Stadtgeschichte Frankfurt am Main: Akten des Magistrats 4.053 und 8.974
  • Akten im Hessischen Hauptstaatsarchiv (Wiesbaden): Abt. 430/1 Nr. 12541, 12841 und 12845; Abt. 461 Nr. 32061 und 32442; Abt. 463 Nr. 1154 bis 1160

Zusätzliche Stichwörter
Institutionen/Orte/Begriffe:  Fürsorgeamt der Stadt Frankfurt;  

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