Die Publikation „Dokumente zur Geschichte der Frankfurter Juden 1933–1945“

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Am 21. August 1942 richtete der jüdische Frankfurter Richard Breitenfeld einen verzweifelten Appell an den nationalsozialistischen Oberbürgermeister Friedrich Krebs:
„Heute erfahre ich, dass unser Haus Hansa-Allee 7 mit dem nächsten Transport, wahrscheinlich in 8-10 Tagen, Frankfurt am Main verlassen muss. Seinerzeit hörte ich von prominenten Leuten, dass ich für meine 30jährigen Dienste um die Frankfurter Oper bei einer Evakuierung [Tarnbezeichnung für Deportation, d. V.] der Juden in Frankfurt/M. verbleiben kann … Können Sie, hochgeehrter Herr Oberbürgermeister, mir und meiner Frau helfen? Selbstverständlich nur dann, wenn es für Sie ohne jede Unannehmlichkeit geschehen kann. Sonst füge ich mich ins Unvermeidliche“ (Andernacht/Sterling 1963, Auszug aus Dok. XIV 10, S. 529, Magistratsakten 7.968 – Scan folgt).
Richard Breitenfelds Schreiben ist Teil der „Dokumente zur Geschichte der Frankfurter Juden 1933–1945“, die 1963 im Verlag Waldemar Kramer erschienen. Auf über 550 Seiten versammelt das Buch zahlreiche amtliche Quellen sowie Zeitzeugenberichte, die die hoffnungslose Lage der jüdischen Minderheit unter dem NS-Regime, der seitens der nichtjüdischen Bevölkerung kaum Hilfe zuteil wurde, drastisch vor Augen führen. Auch für Richard Breitenfeld regte sich keine rettende Hand: Am 1. September 1942 wurde der über siebzigjährige Pensionär nach Theresienstadt deportiert. An den ermordeten Opernsänger erinnert heute die Richard-Breitenfeld-Straße im Frankfurter Stadtteil Kalbach-Riedberg.
Im Herbst 1946 wies Oberbürgermeister Walter Kolb das Frankfurter Stadtarchiv (heute Institut für Stadtgeschichte) an, alle Akten, die die NS-Judenverfolgung in Frankfurt am Main betrafen, systematisch zu sammeln. Tatkräftig unterstützt wurde die Stadt Frankfurt von jüdischen Vertriebenen im Londoner Exil, die sich unter dem Vorsitz des Rabbiners Georg Salzberger für die Aufarbeitung der Geschichte der Frankfurter Juden einsetzten. Ergebnis dieser Aktivitäten war am 17. Mai 1961 die Gründung der Kommission zur Erforschung der Geschichte der Frankfurter Juden, in der Mitglieder des Magistrats, der alten und der neu gegründeten jüdischen Gemeinde sowie der Wissenschaft zusammen trafen. Vorsitzender war in den 1960er Jahren Oberbürgermeister Werner Bockelmann, als sein Stellvertreter amtierte der namhafte Rabbiner und Gelehrte Kurt Wilhelm. Auf ihrer ersten Sitzung beschloss die Kommission, der so bekannte Persönlichkeiten wie Franz Böhm, Max Horkheimer und Carlo Schmid angehörten, eine Publikationsreihe. Mit der Bearbeitung des ersten Bandes, der „Dokumente zur Geschichte der Frankfurter Juden 1933–1945“, wurden zwei ausgewiesene Forscher betraut: die Frankfurter Politikwissenschaftlerin und jüdische Historikerin Eleonore Sterling, einziges weibliches Mitglied der Kommission, und Dietrich Andernacht, Leiter des Frankfurter Stadtarchivs und mit der Konzipierung mehrerer Quellenbände zur jüdischen Geschichte in der Freien Reichsstadt Frankfurt am Main befasst.
Zeitlich beginnen die „Dokumente“ mit dem „Judenboykott“ im April 1933 gegen Frankfurter jüdische Geschäfte, Praxen und andere Einrichtungen. In den folgenden Abschnitten wird das wohl dunkelste Kapitel der Frankfurter Stadtgeschichte aufgerollt: die brutalen Novemberpogrome von 1938, das Hinausdrängen der jüdischen Minderheit aus dem öffentlichen und wirtschaftlichen Leben, die zerstörerische Wirkung der Nürnberger Rassengesetze auf jüdisch-nichtjüdische Liebespaare und Familien, die Reglementierung jüdischer Institutionen und Vereine, schließlich Vertreibung und Emigration, Ausbürgerung und „Arisierung“, die weitere Eskalation der Diskriminierung nach Kriegsbeginn, Zwangsarbeit, zuletzt die Deportation in Konzentrations- und Vernichtungslager. Ein Personenregister mit biografischen Kurzangaben beschließt das Buch.

In ihrer Einleitung schrieben Dietrich Andernacht und Eleonore Sterling, dass sich die „Dokumente“ „in erster Linie an die Frankfurter Leser“ wenden. Doch könnte der Band auch über Frankfurt hinaus auf Interesse stoßen: „Gibt er doch einen Ausschnitt aus der Verfolgung der Juden in Deutschland, mithin ein Beispiel für das, was sich in jenen Jahren, mit nur geringfügigen Abwandlungen, in den deutschen Städten abgespielt hat. Er beleuchtet, aus der örtlichen Begrenzung, die Einzelheiten schärfer und stellt uns unmittelbarer dem handelnden und leidenden Menschen gegenüber. Und doch wird der Band dem Frankfurter mehr sagen als dem Außenstehenden. Örtlichkeiten und Personen sind bekannt. Zeugen sind um und neben uns. Das Geschehen rückt greifbar nahe. Es sprechen die Steine der Stadt, deren Zeugnis der Aufruf der Israelitischen Gemeinde anlässlich des Boykottes 1933 beschwor“ (ebd. S. 15).
Den erwähnten Aufruf verfasste am 30. März 1933 für die jüdische Gemeinde Dr. Eugen Mayer, der u.a. auf die jahrzehntelangen Verdienste der jüdischen Frankfurterinnen und Frankfurter für ihre Stadt verwies: „Wenn keine Stimme sich für uns erhebt, so mögen die Steine dieser Stadt für uns zeugen, die ihren Aufschwung zu einem guten Teil jüdischer Leistung verdankt, in der so viele Einrichtungen vom Gemeinsinn der Juden künden, in der aber auch das Verhältnis zwischen jüdischen und nichtjüdischen Bürgern stets besonders eng gewesen ist“ (ebd. S. 17). Im Vorwort des Quellenbandes schrieb Oberbürgermeister Bockelmann: „Sehr beeindruckt hat mich, dass selbst Dokumente der Verfolgung Zeugnis legen [sic!] für die enge Verbindung der jüdischen Mitbürger mit unserer Stadt und ihren Anteil am Leben der Stadt.“


Literatur
  • Dietrich Andernacht, Eleonore Sterling (Bearb.), Dokumente zur Geschichte der Frankfurter Juden 1933–1945. Hg. von d. Kommission zur Erforschung der Geschichte der Frankfurter Juden. Frankfurt a.M. 1963
  • Fritz Backhaus [Red.], „Und keiner hat für uns Kaddisch gesagt …“ Deportationen aus Frankfurt am Main 1941 bis 1945. [Hg. vom Jüdischen Museum der Stadt Frankfurt am Main im Auftr. des Dezernats für Kultur und Freizeit der Stadt Frankfurt am Main. Wiss. Recherchen u. Texte: Heike Drummer und Jutta Zwilling]. Frankfurt/M., Basel 2004;
  • Hans-Otto Schembs, Jüdische Mäzene und Stifter in Frankfurt am Main. Mit e. Einf. v. Hilmar Hoffmann. Hg. v. d. Moses-Jachiel-Kirchheim´schen Stiftung. Frankfurt/M. 2007;
  • http://www.juedischesmuseum.de [inkl. Website mit Angaben zur Kommission]

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