Die „Euthanasie“-Gasmorde in Hadamar 1941

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Anfang 1940 begann der systematische Mord an kranken und behinderten Menschen im Deutschen Reich. Zunächst wurden im Zeitraum Januar 1940 bis August 1941 in sechs eigens eingerichteten Gasmordanstalten über 70.000 Menschen durch Kohlenmonoxyd ermordet. Eine dieser Gasmordanstalten wurde von Januar bis August 1941 in der umgenutzten Landesheilanstalt Hadamar bei Limburg betrieben. In der dortigen Gaskammer starben allein in diesem Zeitraum etwa 10.100 Menschen, die zuvor als „lebensunwertes Leben“ eingestuft worden waren. Die meisten dieser Opfer waren bereits vorher als Patientinnen und Patienten in Heil- und Pflegeanstalten untergebracht gewesen, wurden also nicht aus Familien abgeholt. Von den über 10.000 im Jahr 1941 in Hadamar Ermordeten waren fast drei Viertel aus auswärtigen Provinzen und Bezirken zur Ermordung dorthin gebracht worden. Insgesamt etwa 2.800 der Opfer aber waren zuvor schon in Anstalten im Regierungsbezirk Wiesbaden (z. B. Eichberg im Rheingau, Herborn im Dillkreis, Weilmünster bei Weilburg) untergebracht gewesen. Das heißt, dass allein in dieser Zeit rund 45 Prozent der psychisch kranken und geistig behinderten Anstaltsbewohner aus dem Regierungsbezirk Wiesbaden, wozu Frankfurt gehörte, ermordet wurden.

NS-„Euthanasie“-Anstalt Hadamar mit rauchendem Schornstein des Krematoriums. Dieses Foto wurde 1941 heimlich aufgenommen.


Während die meisten der aus Frankfurt stammenden Gasmordopfer bereits vorher in Anstalten außerhalb Frankfurts untergebracht gewesen waren, wurden in kleiner Anzahl auch Menschen aus Frankfurt selbst im Rahmen der Mordaktion 1941 wegverlegt. Dies trifft zu auf fünf Frauen, die am 10. Juni 1941 vom Monikaheim in Frankfurt zunächst in die Landesheilanstalt Weilmünster im Taunus verlegt und kurz darauf, am 24. Juli, von dort aus nach Hadamar weiterverlegt und dort ermordet wurden.
Die Stadt Frankfurt und ihr Fürsorgeamt kamen mit der Mordaktion des Jahres 1941 in Berührung, da ein großer Teil der psychisch kranken und geistig behinderten Frankfurter auf Kosten des Fürsorgeamts verpflegt und versorgt wurde. 1937 z. B. galten 2.290 Menschen aus Frankfurt als sogenannte „Ortshilfsbedürftige“, die auf Kosten der Stadt in Landesheilanstalten oder Heilerziehungsanstalten im Regierungsbezirk Wiesbaden untergebracht waren. Nur in den wenigsten Fällen konnten nämlich Familienangehörige oder Krankenkassen für die teure Anstaltsunterbringung in Anspruch genommen werden. Aufgrund dieser Kostenträgerkonstruktion wurde die Stadt Frankfurt wie andere Kreise und Städte zum Nutznießer der „Euthanasie“-Morde, denn für die ermordeten Menschen mussten künftig keine Unterbringungskosten mehr übernommen werden. Dadurch erlangten Behörden wie die Stadtverwaltung Frankfurt aber zwangsläufig auch Kenntnisse von den Geschehnissen, obwohl die Mordaktion offiziell geheim ablief. Spätestens wenn den Fürsorgebehörden durch die Pflegekostenschlussabrechnung der zahlreiche Tod der in Anstalten untergebrachten Menschen bekannt wurde, mußte ihnen bewußt werden, was geschehen war.
Beim Fürsorgeamt Frankfurt bemühte man sich in diesem Zusammenhang, kritische Nachfragen von außen ins Leere laufen zu lassen. Dies geschah, als Wilhelm Avieny (geb. 1897), der offenbar auf die zahlreichen Todesfälle aufmerksam geworden war, sich im Januar 1942 mit einer Anfrage an die Stadt richtete. Avieny hatte einigen Einfluss als ehemaliger Leiter der Nassauischen Landesbank in Wiesbaden, als Vorstandsvorsitzender der Metallgesellschaft in Frankfurt, als Wehrwirtschaftsführer und als Provinzialrat der Provinz Hessen-Nassau. Als Avieny wissen wollte, welche Krankheitsursachen bei den auf Frankfurter Kosten verpflegten Menschen in Anstaltsunterbringung vorlägen, war man im Fürsorgeamt nicht bereit, den Ball aufzunehmen und zumindest verklausuliert auf die „Euthanasie“-Morde einzugehen. Die städtische Fürsorgestelle für Daueranstaltspflege hatte intern kurz zuvor noch viel sagend festgestellt, dass Anfang 1942 in den Landesheilanstalten „noch 1003 Personen auf unsere Kosten“ untergebracht seien – wenige Jahre zuvor waren es noch mehr als doppelt so viele gewesen. Amtsleiter Stadtrat Dr. Werner Fischer-Defoy aber wiegelte ab: „Diese Personen sind sämtlich als chronisch Kranke zu bezeichnen. Wie viel unheilbar sind, läßt sich nicht feststellen!“ Der Amtsjurist und stellvertretende Leiter des Fürsorgeamtes Dr. Rudolf Prestel (1898-1979) vertrat die Auffassung, man könne die gegenwärtigen Krankheiten gar nicht herausfinden, sondern nur jene, die ursprünglich zur Anstaltsunterbringung geführt hätten. Diese zu ermitteln, erfordere aber „eine ganz erhebliche Verwaltungsarbeit“, da man dafür alle Akten der städtischen Fürsorgestelle für Daueranstaltspflege durchsehen müsse. Prestel empfahl, Avieny solle sich mit seiner Frage an den Bezirksverband Nassau in Wiesbaden (den Träger der Landesheilanstalten im Bezirk Wiesbaden) wenden. Im Fürsorgeamt konnte man aber davon ausgehen, dass Avieny dort am wenigsten eine ehrliche Antwort bekommen würde.
Die Behandlung der Angelegenheit durch das Frankfurter Fürsorgeamt zeigt den Unwillen, das Schicksal der Frankfurter Anstaltspatienten näher beleuchten zu lassen. Dann nämlich hätte sich unweigerlich herausgestellt, dass mehr als 1.000 Anstaltspatientinnen und -patienten aus Frankfurt, für deren Unterbringung die Stadt bislang gezahlt hatte, 1941 innerhalb eines sehr kurzen Zeitraums verstorben waren.


Literatur und Quellen
  • Peter Sandner, Verwaltung des Krankenmordes. Der Bezirksverband Nassau im Nationalsozialismus, Gießen 2003
  • Akten im Institut für Stadtgeschichte Frankfurt am Main: Akten des Magistrats 4051 und 8974
  • Akten im Hessischen Hauptstaatsarchiv (Wiesbaden): Abt. 461 Nr. 32061
  • Akten im Bundesarchiv (Berlin): Bestand R 179

Zusätzliche Stichwörter
Institutionen/Orte/Begriffe:  Fürsorgeamt der Stadt Frankfurt;  

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