Das Finanzamt Frankfurt-Main - Außenbezirk (1941-1945): Verwaltung und Verwertung „jüdischen Besitzes“

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Das Eigentum emigrierter, ausgebürgerter oder deportierter Juden wurde im Finanzamt Frankfurt am Main (Außenbezirk) verwaltet. Das Foto aus dem Jahre 1944 zeigt das nach einem Bombenangriff stark beschädigte Gebäude an der Kreuzung Taunustor/Neue Mainzer Straße.

Dem Finanzamt Frankfurt-Main - Außenbezirk kam ab 1942 eine zentrale Rolle bei der so genannten Verwaltung und Verwertung jüdischen Besitzes auf dem Gebiet des heutigen Bundeslandes Hessen zu. Es war zuständig für den Besitz der deportierten oder ausgebürgerten Juden bzw. jüdischen Organisationen, die ihren letzten (Wohn-)Sitz in Frankfurt am Main hatten. Bis zum Spätherbst 1941 war das Finanzamt Ffm-Außenbezirk wie die anderen Frankfurter Finanzämter Frankfurt-Börse, Frankfurt Höchst, Frankfurt-Ost und Frankfurt-West in die „normale“ fiskalische Stigmatisierung und Ausplünderung der Frankfurter Juden eingebunden; beispielsweise verwaltete und verwertete es im Auftrag vom Finanzamt Berlin Moabit-West eingezogene Liegenschaften in der Stadt.
Das Finanzamt Frankfurt-Außenbezirk hatte seinen Sitz in der Neuen Mainzer Straße 43-45 in einem 1872 errichteten Gebäude, das die Reichsfinanzverwaltung von der Polytechnischen Gesellschaft erworben hatte, und war für die Stadtbezirke 14, 24 bis 26, 28 bis 33 und 37 bis 52 zuständig. Die Liegenschaftsstelle war extern in der bei den Bombenangriffen im Herbst 1944 später völlig zerstörten Hochstraße 18 untergebracht, wo sich ab 1941/42 auch die Verwertungsstelle des Finanzamts Frankfurt-Main - Außenbezirk befand. Die Verwertungsstelle kam dann im Oktober 1944 in der Neuen Mainzer Straße 43-45 unter. Geleitet wurde es nach den Recherchen von Jutta Zwilling 1934 von Oberregierungsrat Jahn, 1937 bis 1940 von Oberregierungsrat Schulze-Steinen und von Juli 1940 bis Ende Mai 1945 von Oberregierungsrat Robert Dalquen.

Vermögensverwertung nach den Deportationen
Die Periode der größten Aktivität entfaltete das Finanzamt Außenbezirk mit den im Spätherbst 1941 einsetzenden Verschleppungen der Frankfurter Juden. Die Deportationen im Gebiet des heutigen Hessen begannen im Oktober 1941. Am 9. Oktober reisten der zuständige Oberregierungsrat Heinemann vom OFP Kassel und der Leiter der Liegenschaftsstelle des Finanzamts Außenbezirk, Regierungsrat Dr. Ibach, zu einer Besprechung nach Berlin, denn im Reichsfinanzministerium hatte man sich für eine zentrale Verwertung durch die Liegenschaftsstelle des Finanzamts Frankfurt-Außenbezirk für den Großraum Frankfurt entschieden. Thema der unter der Leitung von Ministerialrat Dr. Walter Maedel stehenden Besprechung war die „Verwertung des eingezogenen Juden-Vermögens“. Fünf Tage später fand im Gebäude der Frankfurter Gestapo eine Folgebesprechung statt, auf der „dieselben Fragen behandeln“ wurden, „über die kürzlich in Berlin gesprochen“ wurde. Am 19. Oktober erfolgte dann die erste Deportation von Juden nach Lodz (Litzmannstadt) und betraf vor allem diejenigen Frankfurter Juden, die im besten Viertel der Stadt, dem Westend, gewohnt hatten.
Bis Jahresende waren aus Frankfurt und dem Regierungsbezirk Kassel laut eines Schreibens des Oberregierungsrats Heinemann an den Vorsteher des Finanzamts Wiesbaden vom 4. Februar 1942 rund 4.000 Juden deportiert worden, davon ca. 1.300 aus Frankfurt. Die Transporte gingen nach Minsk (11. November 1941), Kaunas und Riga (21. November 1941).
Wenigen Wochen nach der ersten „Judenaktion“, am Tag des Erlasses der Elften Verordnung, trafen sich der Oberfinanzpräsident von Kassel, Heinrich Voß, seine im Oberfinanzpräsidium mit der Durchführung der Verwaltung und Verwertung befassten Beamten, der Leiter der Devisenstelle Kassel, Hermann Schultze, und die Leiter oder dafür eigens abgeordneten Beamten der Finanzämter Fulda, Kassel-Innenstadt, Eschwege, Frankenberg, Marburg, Frankfurt-Außenbezirk, Witzenhausen und Melsungen zu einem ersten Erfahrungsaustausch. Nun übermittelte auch das Finanzamt Berlin Moabit-West die bislang von ihr geführten Ausbürgerungsvorgänge für dem Amtsbezirk der Verwertungsstelle Außenbezirk. Im Januar 1943 berichtete der Leiter der am Finanzamt-Außenbezirk eingerichteten Verwertungsstelle, Regierungsrat Dr. Walter Mahr über die bis lang angefallenen Vorgänge: „Die Zahl der bis jetzt durch den Herrn Oberfinanzpräsidenten Berlin an mich abgegebenen Vorgänge über ausgewanderte Juden, die ihren letzten inländischen Wohnsitz in meinem Bezirk hatten, geht in die Tausende und nimmt noch dauernd zu. Ich rechne mit mindestens achttausend Fällen. Die Zahl der Vorgänge über die von hier aus abgeschobenen Juden ist ungefähr doppelt so gross.“
Einige Monate später wurde das Einsatzfeld der Verwertungsstelle erweitert: Mit der Auflösung der Bezirksstelle Hessen/Hessen-Nassau der der Gestapo unterstehenden „Reichsvereinigung der Juden in Deutschland“ im Juni 1943 wurde ihr gesamtes Vermögen beschlagnahmt und zur Verwaltung der Verwertungsstelle des Finanzamts Frankfurt-Außenbezirk übergeben. Damit ging die Verwaltung vor allem der Synagogen- und Friedhofsgrundstücke auf die Dienststelle des Dr. Mahr über, die bis zu ihrer Deportiertation zwangsverpflichteten Juden im Frankfurter Hermesweg unter der Knute des „Beauftragten der Geheimen Staatspolizei bei der jüdischen Wohlfahrtspflege“, Ernst Holland, durchgeführt worden war.

Bilanz der Verwertung
Die Verwaltung und Verwertung gestaltete sich im Bereich des besagten Frankfurter Finanzamtsbezirks effektiv und ohne große Reibungsverluste. In einem Erfahrungsaustausch mit der Vermögensverwertungsstelle des OFP Hamburg zog Oberfinanzpräsident Voß, dem auch die Frankfurter Finanzämter unterstanden, im Oktober 1942, befriedigt Bilanz:
„Die meisten der von Berlin übersandten Akten betrafen Juden aus dem Bezirk Gross-Frankfurt a.M. Ich habe mit der Verwaltung und Verwertung des jüdischen Vermögens dieses Bezirkes das FA Ffm-Außenbezirk … betraut. Nach einem Bericht dieses Amtes vom 19. Oktober 1942 ist die Verwertungsstelle zurzeit mit einem Regierungsrat [Dr. Walter Mahr] als Sachbearbeiter, einem OstI, einem StI, 6 männlichen und 3 weiblichen Dauerangestellten sowie 11 Vollziehungsbeamten besetzt. Die Vollziehungsbeamten werden jedoch sobald die Mobiliarverwertungsarbeiten beendet sind, unverzüglich ihren früheren Dienststellen wieder zugeführt werden. Auch wird nach dem vorstehend genannten Bericht des Amtes in einigen Monaten die eine oder andere der nicht qualifizierten Kräfte zur anderweitigen Verwendung frei werden.
Es sind bisher aus dem Bezirk Gross-Frankfurt in 10 Abschiebungsaktionen rund 10.000 Juden entfernt worden. Aus diesen 10 Aktionen sind rund 4.300 Akten entstanden. Unter dem verfallenen Vermögen aus dem Bezirk Gross-Frankfurt befinden sich 76 Grundstücke, die abgeschobenen Juden gehört haben. Dazu kommen weitere 353 Grundstücke aus dem Vermögen ausgewanderter Juden, sodass insgesamt 444 Grundstücke zu verwalten und verwerten sind.
Der Vorsteher des Finanzamts Frankfurt-Außenbezirk hatte zur Mobiliarverwertung aus den ersten drei Aktionen 33 vom Gauheimstättenamt Frankfurt geprüfte und zugelassene Haus- und Zwangsverwalter als Abwickler herangezogen. Daneben hatte er die sämtlichen zur Verwertungsstelle abgeordneten Vollziehungsbeamten bei der Abwicklung einfacherer jüdischer Haushaltungen sowie Schnellräumungen, die von der Wehrmacht, der NSDAP, der Stadtverwaltung Ffm und sonstigen Dienststellen zahlreich begehrt wurden, eingesetzt. Für die Verwertung aus den letzten drei Aktionen hatte er fünf Abwickler neben den Vollziehungsbeamten eingesetzt. Die Verwertung aus der 4. bis 7. Aktion wurden mit Hilfe der Vollziehungsbeamten allein bewältigt. Es handelte sich hierbei im Durchschnitt um ärmere Juden. Aus den letzten drei Abschiebungsaktionen, die rund 1850 Juden umfassten, sind etwa 800 Wohnungen zu räumen.
Gegenwärtig befinden sich noch etwa 580 Juden in Frankfurt a.M. Die Judenabschiebungen nähern sich damit ihrem Ende.“

Organisation der Verwertungsstelle
Ein erhaltener Geschäftsverteilungsplan vom April 1943 zeigt die Organisationsstuktur. Nach Jutta Zwilling gliederte sich die Verwertungsstelle in folgende acht Arbeitsgebiete: V1 unter Obersteuerinspektor Ripper vertrat den Sachbearbeiter für die Dienstgeschäfte der Verwertungsstelle, erledigte allgemeine Anfragen, Besichtigungen außerhalb der Dienststelle, die Überwachung der Vollziehungsbeamten und die Verwertung von Hausrat. Außerdem führte er Sonderaufträge wie die Verwertung von Kunstgegenständen und Wertsachen durch; ihm unterstanden auch Kanzlei und Registratur, die mit den Vollziehungsbeamten Steuersekretär Schunk, Büroassistent Birlenbach und den Angestellten Fischer, Kistler, Koch, Lübeck und Stadler besetzt war. V2 unter Steuerinspektor Bendler bearbeitete die Verwertung der Vermögen jüdischer Emigranten mit den Anfangsbuchstaben des Nachnamens A bis H, V3 unter Meyer Bockhoff die Buchstaben J bis R, V4 unter Ass. Egli die Buchstaben S bis Z, V5 unter Angestelltem Lippert die Verwertung des Vermögens Deportierter (Aktenzeichen 1 bis 6.000). V6 unter Ass. Dr. Bach zeichnete für die Verwertung des Vermögens Deportierter (Aktenzeichen 6.001ff.) verantwortlich. In V7 erledigten die Angestellten Theobald und Henneberger dringende Forderungen, wie Mieten oder städtische Abgaben, die Einziehung von Bankguthaben und verwerteten dem Reich verfallene Wertpapiere. Das Arbeitsgebiet V8 schließlich, besetzt mit dem Angestellten von der Heid, bearbeitete Rechnungssachen einschließlich dem Verkehr mit der Finanzkasse. Die Leitung der Verwertungsstelle hatte der aus Darmstadt stemmende Jurist Dr. Walter Mahr übernommen.

Spruchkammerverfahren
Gegen die meisten der beteiligten Beamten und Angestellten wurde nach 1945 ihre Tätigkeit in der Verwertungsstelle in den Spruchkammerverfahren belastend hervorgehoben. Da ihnen jedoch meist nicht nachgewiesen werden konnte, sich persönlich bereichert zu haben, wurden die sich auf den dienstlichen Gehorsam berufenden Beamten in der Regel – wie auch die Beispiele von Philipp Schunk und Dr. Walter Mahr zeigen – als bloße Mitläufer eingruppiert und konnten ihren Dienst in der Finanzverwaltung der neuen Bundesrepublik fortsetzen.
Auffallend ist, dass auch der Vorgesetzte des besonders engagierten „Verwerters“ Walther Mahr, der Leiter des Finanzamts-Außenbezirk, Oberregierungsrat Robert Dalquen, im Spruchkammerverfahren recht glimpflich davon kam. Zunächst in die Gruppe der III der Belasteten eingestuft, reihte ihn die Spruchkammer Obertaunus schließlich in die Schar der Mitläufer ein. Dalquen hatte es verstanden, zahlreiche Persilscheine herbeizuschaffen, die ihm nicht nur die übliche Distanz zum Nationalsozialismus trotz Parteimitgliedschaft (seit Mai 1933) und einen guten Leumund bestätigten, sondern auch seine Rolle bei der Verwaltung und Verwertung des „jüdischen Eigentums“ verschleierten. Zeugen bescheinigten ihm, öffentlich „Juden-& Christenverfolgung“ als „Zeichen schlechter Bildung“ bezeichnet und jüdische Steuerbürger korrekt behandelt zu haben, darunter auch der Rechtsanwalt Max Ludwig Cahn. Er selbst habe beim Eintritt in die NSDAP nur seiner „Beamtenpflicht“ genügt. Seine Aufgabe als Vorgesetzter der Verwertungsstelle und des in den Ruch der Bereicherung und Unterschlagung geratenen Beamten Mahr wurde im Verfahren, das im November 1946 endete, nie thematisiert.


Literatur
  • Monica Kingreen (Hg.): „Nach der Kristallnacht“. Jüdisches Leben und antijüdische Politik in Frankfurt am Main 1938-1945, Frankfurt am Main 1999
  • Susanne Meinl, Jutta Zwilling: Legalisierter Raub. Die Ausplünderung der Juden im Nationalsozialismus durch die Reichsfinanzverwaltung, Frankfurt, New York 2004

Zusätzliche Stichwörter
Ereignisse:  Judendeportation aus Frankfurt (1);   Judendeportation aus Frankfurt (2);   Judendeportation aus Frankfurt (3);  

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