Von „Stadt der Rothschilds“ zu „Stadt des deutschen Handwerks“ –
Die Suche nach einem Etikett für Frankfurt in der NS-Zeit

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Während seiner zwölfjährigen Amtszeit von 1933 bis 1945 verfolgte Oberbürgermeister Friedrich Krebs das Ziel, für Frankfurt am Main einen geeigneten Beinamen zu finden. Das Wiesbadener Regierungspräsidium vertrat dazu die Auffassung, dass Städte mit einer geschichtlichen Tradition wie Frankfurt es nicht unbedingt nötig hätten, sich eine zusätzliche Bezeichnung zuzulegen, da der „Name sowohl im Inland als auch im Ausland hinreichend bekannt“ wäre. Allerdings ging es bei den Etikettierungen nach 1933 nicht darum, den Bekanntheitsgrad deutscher Städte national und international zu steigern, sondern vielmehr um den Versuch einer möglichst NS-nahen Zuschreibung. So erhielten Städte wie München, Nürnberg, Stuttgart, Goslar oder Wittenberg die Titel „Hauptstadt der Bewegung“, „Stadt der Reichsparteitage“, „Stadt der Auslandsdeutschen“ „Reichsbauernstadt“ beziehungsweise „Lutherstadt“.

Zwanghaftes Bemühen
Für Frankfurt bemühte sich Krebs um ein Ehrentitel, der ihm geeignet schien, die jüdisch-demokratischen und liberalen Traditionen der modernen Großstadt zu negieren – ein unlösbares Dilemma, wie sich zeigen sollte. Bereits im April 1933 forderte der Oberbürgermeister, dass aus der Stadt der „Frankfurter Zeitung“ und Mayer Amschel Rothschilds wieder eine „deutsche Stadt“ und die „Stadt Goethes“ werde. Ein anderer Vorschlag lautete „Stadt der Römerbergfestspiele“. Als „Bayreuth der deutschen Klassik“ wollten Krebs und der neue Generalintendant der Städtischen Bühnen Hans Meissner Frankfurt in der deutschen Kulturgeschichte verankert wissen. Da die Initiatoren der beliebten Freilichtaufführungen – Intendant Alwin Kronacher und Stadtrat Max Michel – Juden waren, wurde diese Idee rasch wieder verworfen. Im November 1933 warb Krebs für die Bezeichnung „Reichs- und Messestadt“, die er anlässlich der ersten Frankfurter Buchmesse nach dem Regierungsantritt Hitlers kurzfristig favorisierte. Ab 1934 durfte Frankfurt dann offiziell den Titel „Messestadt“ führen, teilte sich dieses Privileg jedoch mit Königsberg, Leipzig und Köln. Das sprachlich leicht modifizierte und damit exklusive Etikett „Südwestdeutsche Messe“ fand keine Fürsprecher. Ebenso erging es der bekannten Selbstcharakterisierung Frankfurts als „Kaiser- und Krönungsstadt“, denn auf die Tradition des Alten Reiches und den Status Freie Reichsstadt wollte sich der NS-Staat nicht beziehen. Oberbürgermeister Krebs legte stets Wert darauf, Frankfurt als Zentrum für Tagungen, Kongresse, Ausstellungen und als attraktiven Wirtschaftsstandort mit Flughafen und Autobahnanschluss zu positionieren. So wurden im Frühjahr 1934 die Vorschläge „Frankfurt: Kongress- und Kulturstadt“ sowie „Frankfurt: Verkehrsbrücke von Norden nach Süden“ zumindest geprüft. Mit Eröffnung einer „Modezentrale für deutsche Damenschneiderei“ im Mai 1935 kam noch die Bezeichnung „Stadt der deutschen Mode“ in die engere Wahl.
Damit endete das eher willkürlich anmutende Sammeln von Ideen vorerst, denn enge Berater von Krebs ersannen anlässlich des 1935 erstmalig in Frankfurt anberaumten Reichshandwerkertages den dann tatsächlich verwendeten Zusatz: „Stadt des deutschen Handwerks“. Zwar hatte das Handwerk den Finanz- und Handelsplatz Frankfurt nie in besonderer Weise geprägt, aber diese – auf den ersten Blick unverfängliche – Bezeichnung konnte sich allgemeiner Wertschätzung der Nationalsozialisten sicher sein. Mit dieser geistigen Umorientierung distanzierte Krebs sich gezielt von historischen Entwicklungen des 19. Jahrhunderts, die auch zur Aufhebung des hiesigen Ghettos, zu Emanzipation und Gleichberechtigung der Frankfurter Juden geführt hatten, und von der demokratischen Tradition des Paulskirchen-Parlaments. Pünktlich zur Eröffnung des Handwerker-Kongresses am 16. Juni 1935 traf bei Gauleiter Jakob Sprenger ein Telegramm Hitlers ein. Darin bestätigte der Reichskanzler, dass „die Stadt Frankfurt sich künftig Stadt des deutschen Handwerks“ nennen dürfe.

Handwerk – „untrüglicher Maßstab für echte deutsche Volkskultur“
In den kommenden Jahren mühten sich die Verantwortlichen tatkräftig, dem Titel gerecht zu werden und eine Identifikation mit dem Handwerk zu erzeugen. Zum ersten Reichshandwerkertag reisten werbewirksam 150.000 Meister, Gesellen und Lehrlinge aus ganz Deutschland an. In diesem Zusammenhang beschloss die Stadtverwaltung, eine Stiftung zur Förderung des handwerklichen Nachwuchses ins Leben zu rufen. Diese sollte Meister- und Gesellenstücke des „deutschen Handwerks“ ankaufen. Die Mittel stellten Stadt, Polytechnische Gesellschaft sowie die Wilhelm und Adele Katzenstein-Stiftung. Letztere war 1895 zur Unterstützung ohne Unterschied der Konfession von armen, kranken Kindern und talentierten Personen, die ein Handwerk erlernen wollten, errichtet worden. Seit 1924 hatten keine Vorstandswahlen mehr stattgefunden, und so ist es als ein Resultat der „Gleichschaltung“ zu deuten, dass NSDAP-Mitglied Werner Fischer-Defoy, Leiter des Städtischen Gesundheits- und Fürsorgeamtes, nach 1933 als Vorsitzender in den Akten erwähnt wird. Das Vermögen der Stiftung fiel 1938 zwangsweise an die Jugendfürsorge und an eine Allgemeine Ausbildungsstiftung.
Im Gedenken an den Frankfurter NSDAP-Märtyrer und SA-Mann lobte die Stadt den Hans-Handwerk-Gedächtnis-Preis aus. 1936 befand sich ein Handwerker-Institut an der Johann Wolfgang Goethe-Universität in Planung, wurde später aber nur als Abteilung mit bewahrenden Aufgaben am Institut für Wirtschaftswissenschaft realisiert. Im April 1937 feierte die Stadt die Eröffnung eines Lehrlingsheims für ausländische Handwerker; die Jugendlichen entstammten mehrheitlich faschistischen oder dem Faschismus nahe stehenden Staaten wie zum Beispiel Italien, Bulgarien und Rumänien. Es bestanden Bestrebungen zur Umwandlung der Städelschule in eine Handwerkerschule. Der Opernplatz sollte Standort für den „Brunnen des deutschen Handwerks“ mit Emblemen der Innungen werden, denn dort hielten die Handwerker jährlich ihre großen Kundgebungen ab. Auf dem Areal zwischen Gutleutstraße und Hermann-Göring-Ufer (Untermainkai) mit Rothschildschem Palais und Gewerkschaftshaus wurde symbolträchtig das „Haus des deutschen Handwerks“ geplant. Der Monumentalentwurf des Kölner Architekten Clemens Klotz blieb Entwurf.

Neue Überlegungen
Etikettierungen in Form eines Beinamens sind naturgemäß einseitig und können die Vielfalt einer Großstadt nicht fassen. Auch Friedrich Krebs erkannte diesen Nachteil und sann ab 1937 wieder nach neuen Zuschreibungen. Im Hinblick auf Robert Ley und die Deutsche Arbeitsfront (DAF), die in Frankfurt angeblich einen guten Ruf genöss, erwog Krebs – allerdings folgenlos – die Bezeichnung „Stadt der Berufserziehung“. Bald kreisten seine Vorschläge um den Titel „Handelsstadt“, der ja auch das damals wie heute international geprägte Image Frankfurts prägnant abbildet. Alte Bedenken von Bürgermeister Linder gegen diese Bezeichnung „im Hinblick auf die frühere Vorherrschaft des Judentums in Frankfurt“ waren zu diesem Zeitpunkt, da Nürnberger Rassegesetze und die damit verbundene rechtliche Ausgrenzung von Juden aus dem öffentlichen Leben längst griffen, kein Thema mehr. Krebs plädierte nun dafür, Frankfurt künftig als „Stadt des Handels und des deutschen Handwerks“ zu bezeichnen. Mit entsprechend großem Argwohn betrachtete der Magistrat das Gerücht, Augsburg wäre inzwischen zur „Stadt des deutschen Handels“ ausersehen. Laut Pressemitteilungen war die Neueinrichtung des dortigen Fuggerhauses zu einem Handelsmuseum und „Haus des deutschen Handels“ bereits angedacht.
Mit „Stadt der Chemie“ geriet wieder ein älterer Vorschlag in die engere Wahl. Schließlich war Frankfurt Sitz der IG Farben AG, des weltweit größten Chemie-Konzerns, und hatte schon 1937 die ACHEMA, Ausstellung für chemisches Apparatewesen, beherbergt. Noch im Zweiten Weltkrieg feilte Krebs am passenden Etikett. Die Beinamensuche endete mit dem projektiven Versuch, Frankfurt zum „Zentrum des europäischen Großwirtschaftsraums“ zu erklären. Aus heutiger Perspektive mag dieser letzte Vorschlag fast modern anmuten; in Zeiten zunächst siegreich durchgeführter Überfälle der Wehrmacht auf deutsche Nachbarstaaten kann er nur als blanker Zynismus gedeutet werden.
Offiziell behielt die Main-Metropole während der NS-Zeit den Titel „Stadt des deutschen Handwerks“ bei. Auch wenn der Versuch einer positiven Identifikation mit dem Handwerk als gescheitert gelten durfte, so gelang es den politisch Verantwortlichen doch, mit dieser bodenständigen Zuschreibung, die jüdisch-emanzipatorischen Traditionen Frankfurts zu negieren.
Erst am 20. Juli 1945 – andere Städte hatten zu diesem Zeitpunkt ihre Beinamen längst abgelegt – informierte Oberbürgermeister Kurt Blaum die US-Militärregierung darüber, dass die Kommunalverwaltung den Namen „Stadt des deutschen Handwerks“ ab jetzt nicht mehr verwende; Briefköpfe und andere offizielle Dokumente mit dem Zusatz würden vorerst beschnitten.


Literatur und Quellen
  • Heike Drummer, Friedrich Krebs – Nationalsozialistischer Oberbürgermeister in Frankfurt am Main. Rekonstruktion eines politischen Lebens, in: Hessisches Jahrbuch für Landesgeschichte 42, Marburg 1992, S. 219-253
  • dies., Stadt des deutschen Handwerks, in: Lothar Gall (Hg.), FFM 1200. Traditionen und Perspektiven einer Stadt, Sigmaringen 1994, S. 315–340.
  • dies., Eine nationalsozialistische Provinzposse, in: DAMALS 9/1994, S. 48
  • dies., Der „Brunnen des deutschen Handwerks“ – Ein Beitrag zum Selbstverständnis der Stadt Frankfurt am Main im Nationalsozialismus, in: kritische berichte 2 (1995), S. 58-65.
  • Arno Lustiger (Hg.), Jüdische Stiftungen in Frankfurt am Main, Frankfurt am Main 1988, S. 162.
  • Institut für Stadtgeschichte Magistratsakten 4.011/2 f Bd. 1 und AZ 4.688, Stiftungsabteilung 170.

Zusätzliche Stichwörter
Personen:  Karl Linder;  

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