Frankfurter völkerkundliche Forschungsexpeditionen 1933 bis 1945

Druck

„Frankfurter Völkerkundliche Forschungsexpeditionen 1933-1945“. Ursprünglich in: Peideuma, Band 1 1938/40, S. 49 (mit der Legende), entnommen aus: Hans-Jürgen Heinrichs, Die fremde Welt, das bin ich. Leo Frobenius: Ethnologe, Forschungsreisender, Abenteurer, Wuppertal 1998, S. 243.
Heinrichs fügt hinzu: „Von 1937 an hießen, auf Wunsch von Frobenius, die Expeditionen ‚Frobenius-Expeditionen’ bzw. ‚Deutsche Umwelt’ (DU). Er verband diese Umbenennnung mit einem Bekenntnis zur deutschen Kultur, die in der Lage sei, ‚das Du des anderen Volkes’ zu erkunden.“

1904 gründete Leo Frobenius die „Deutsche Innerafrikanische Forschungs-Expedition“ (DIAFE). Sein Ziel war, ethnographische, ethnologische und mythologische Belege für sein Afrika-Archiv zu sammeln. 1925 kaufte die Stadt Frankfurt am Main dieses Archiv, das sich inzwischen „Institut für Kulturmorphologie“ nannte.
In den Jahren 1904 bis 1935 organisierte Frobenius die Afrikareisen DIAFE I bis XII. Es folgten kleinere Forschungsreisen innerhalb Europas (1934 bis 1937) und unter dem Namen 1. und 2. Frobenius-Expedition (1937 bis 1939) noch zwei größere.

Die Jahre bis zum Ersten Weltkrieg
In den Jahren bis zum Ersten Weltkrieg bereiste Frobenius, teils mehrjährig, in Begleitung von Assistenten und Malern, zu zweit oder in Gruppen, alle Teile Afrikas. Auf seiner ersten Reise 1904 bis 1906 in das Kongo-Kassai-Gebiet sammelte er 8.000 Gegenstände. Damit konnte er die Vorschüsse der ihn beauftragenden Völkerkundemuseen bezahlen, und er gewann Erkenntnisse z. B. über Männerbünde, mit denen er die Existenz des von ihm definierten westafrikanischen Kulturkreises belegen konnte. Während seiner vierten Reise nach Nigeria und Kamerun grub er Artefakte wie Ife-Skulpturen der Yoruba aus. Ein besonders Prunkstück war der Bronzekopf des Meeresgottes Olokun. Dieses Kulturkreisgebiet nannte Frobenius „atlantisch“, seiner Meinung nach war es „möglicherweise mit dem Atlantis der Alten identisch“ (Rhotert). Ab der sechsten Reise 1913 in das Sahara-Atlas-Gebirge begann Frobenius Kopien von Felsbildern anzulegen. Seine siebte Reise 1915 fand im Auftrag des Auswärtigen Amtes statt. Sie diente der Kurier- und Spionagetätigkeit in Italienisch-Eritrea, war wissenschaftlich unergiebig und politisch ein „völliger Fehlschlag“ (Braukämper). Immerhin bekam Frobenius für seine Kuriertätigkeit den Titel „Geheimrat“ verliehen. Als Finanziers der Reisen traten neben den Völkerkundemuseen in Hamburg, Berlin und Leipzig die Karl-Ritter-Stiftung, die Rudolf-Virchow-Stiftung sowie das Reichskolonialamt, das Land Preußen und das Deutsche Reich auf; die Reise von 1913 bezahlte Kaiser Wilhelm II.

Titelblatt des Cicerone (Museumsführer) zur international viel beachteten Ausstellung „Das Urbild“.


Frobenius’ Frankfurter Zeit
1926, ein Jahr nach seiner Ankuft in Frankfurt, begann Frobenius mit neuen Expeditionen. Er konzentrierte sich jetzt mehr und mehr auf prähistorische Grabungen und Felsbilder, die er vor dem Untergang retten wollte. Sie wurden als Aquarelle, Zeichnungen oder Abreibungen, meist in Originalgröße, auf Leinwand kopiert. Die Formate maßen zwischen 30 x 40 cm bis hin zu 250 x 350 cm. Zu Frobenius’ Zeit wurden ca. 4.500 solcher Felsbildkopien gesammelt. Mit den Felsbilder und den Grabungsergebnissen konnte Frobenius den europäischen Forschungshorizont wesentlich erweitern, und man musste sich fragen, ob in der Erforschung der menschlichen Kultur die Rolle Afrikas bisher nicht völlig unterschätzt worden war.
Schon vor dem 2. Weltkrieg wurden diese Felsbildzeichnungen in großen Ausstellungen des In- und Auslandes gezeigt. 1930, 1932 und 1934 waren die Exponate zu Gast im Trocadéro-Museum in Paris, 1933 und 1935 in Wien und 1935 mit der Ausstellung „Zeitlose Kunst afrikanischer Kulturen“ in den Wandelhallen des Reichstages in Berlin. In Frankfurt präsentierte man sie 1932 und 1936 unter dem Titel „Das Urbild“. Nach Ausstellungen in Brüssel, Amsterdam, Zürich und Johannesburg kamen die Bilder 1937 ins New Yorker Museum of Modern Art und wurden dort so erfolgreich aufgenommen, dass sie bis 1939 in 31 weiteren Städten der USA gezeigt werden konnten.

Leo Frobenius auf einem Elefant.


In den Jahren 1926 bis 1935 fanden von Frankfurt aus die Expeditionen DIAFE VIII bis XII statt und führten in die Nubische Wüste, nach Südafrika, Libyen und Transjordanien. 1934 bis 1937 wurden verschiedene Studienreisen, die nicht als DIAFE gekennzeichnet waren, in Skandinavien, Frankreich, Spanien und Italien durchgeführt, um Vergleichsmaterial zu den afrikanischen Bildern zu sammeln. Für Frobenius war DIAFE XII (1934 bis 1935) die letzte Reise, an der er teilnahm. Er starb im August 1938, wobei er bis zuletzt an der Planung einer Angola-Expedition gearbeitet hatte. Noch auf seine Veranlassung hin wurden ab 1937 die Forschungsreisen „Frobenius-Expeditionen“ genannt. Die erste Frobenius-Expedition ging unter Frobenius’ Schüler Adolf E. Jensen 1937 bis 1938 auf die Molukkeninsel Ceram und nach West-Neuguinea (Indonesien), die zweite Frobenius-Expedition unter Helmut Petri 1938 bis 1939 nach Nordwest-Australien.
Nach dem Zweiten Weltkrieg organisierte das Institut ab 1950 wieder Expeditionen.

Sponsoren in der Frankfurter Zeit
Die Finanzierung der Expeditionen war nicht einfach. Frobenius gelang es jedoch, Industriemagnaten, Politiker und Wissenschaftler zu motivieren. Seine Expedition 1928 bis 1930 nach Südafrika wurde z. B. getragen von Vogler, Flick, Springbrunn und Thyssen, allesamt später Mitglieder des Keppler-Kreises, der 1932 zur Unterstützung der NSDAP gegründet wurde. Für die Unterstützung seiner XI. und XII. Reise (1933 bis 1935) bedankte sich Frobenius bei Hindenburg, Goebbels und Hitler. In Frankfurt war er Oberbürgermeisters Friedrich Krebs sowie der Georg-Speyer-Stiftung und dem Universitätskurator August Wisser zu Dank verpflichtet. Gerade in Krebs und Wisser fand Leo Frobenius immer wieder wohlmeinende Unterstützer, da sie das kulturelle Leben der Stadt durch eine schillernde und international bekannte Persönlichkeit wie Frobenius belebt sahen, obwohl sich seine Lehre der Kulturmorphologie nicht mit dem nationalsozialistischen Rassegedanken vereinbaren ließ. Stadt und Universität waren auch später noch Partner von Frobenius, da sie sowohl die Indonesien- als auch die Australien-Expedition finanzierten.
Einen weiteren interessanten Hinweis auf Frobenius’ Förderer entdeckt man im Buch „Ekade Ektab“ (1937), das die Ergebnisse der DIAFE X (1932) beschreibt. Auf Seite V heißt es ganzseitig: „Seiner Exzellenz Benito Mussolini. Dem Staatschef und Duce des italienischen Volkes. In tiefer Dankbarkeit. Für besondere Förderung unserer Forschungen zugeeignet. Leo Frobenius.“
Eine Vorstellung für die Schwierigkeiten, die es zu meistern galt, schildert Hans Rhotert in „Transjordanien“ (1938) über die Reise von 1934: „Die Vorbereitung und Durchführung eines großen Auslandsunternehmens ist für uns Deutsche heute sehr viel schwieriger als vor dem Weltkriege, und es ist kein Geheimnis, daß allein die Frage der Beschaffung der ausländischen Zahlungsmittel mehr schlaflose Nächte verursacht als ehedem die gesamte Ausrüstung, obschon der Bedarf an fremden Geldmitteln im Verhältnis zu den Gesamtkosten sehr viel geringer ist, als der Nichteingeweihte gewöhnlich denken mag, und jedenfalls in keinem Verhältnis steht zu der großen werbenden Wirkung, die von einer solchen Expedition ausgeht.“
So wird auch klar, warum immer wieder dem Werberat der deutschen Wirtschaft gedankt wurde. Dieser war als verlängerter Arm des Propagandaministeriums maßgeblich an der Verteilung von Sachzuwendungen beteiligt, deren Bedeutung sich in den folgenden Zitaten dokumentiert: „entgegenkommenderweise stellten uns die deutschen Fordwerke in Köln für unsere Auslandsunternehmungen zehn dieser Fahrzeuge [Ford A 13/40] zur Verfügung“ oder: „Die Leitzwerke in Wetzlar stellten in großzügiger Weise mehrere Leicas mit verschiedenster Optik und reichlichem Zubehör zur Verfügung“ (Rhotert).
Zusammenfassend lässt sich sagen, dass Frobenius während der nationalsozialistischen Zeit nicht unumstritten war. Er wandte sich entschieden gegen die Idee, dass die Rasse den Menschen prägen würde und schuf sich so Gegner wie z.B. den Reichsleiter der NSDAP Alfred Rosenberg. Andererseits standen aber auch mächtige Fürsprecher auf seiner Seite wie der Frankfurter Oberbürgermeister Friedrich Krebs und der Universitätskurator August Wisser, wodurch es Frobenius ermöglicht wurde, seine Forschungsreisen auch unter dem NS-Regime durchzuführen. Sybille Ehl meint, man könne Frobenius „keinesfalls als unpolitisch bezeichnen, aber auch nicht als simplen Propagandisten des Terrorregimes (…) Seine Zusammenarbeit mit den mächtigsten Industriemagnaten und Politikern im Reiche basierte vor allem auf gegenseitiger Ausbeutung von Prestige- und Publicitygewinn.“ Frobenius Glanz wirkte auch nach seinem Tod 1938 für das Museum und das Institut mit seinen Reisetätigkeiten fort. Für seinen Nachfolger Adolf Ellegard Jensen wurde es allerdings schon viel schwerer, Eigenständigkeit zu bewahren.


Literatur
  • Hans-Jürgen Heinrichs, Die fremde Welt, das bin ich. Leo Frobenius: Ethnologe, Forschungsreisender, Abenteurer, Wuppertal 1998.
  • Ulrich Braukämper, Im Spannungsfeld zwischen Wissenschaft und politischem Aktivismus. Leo Frobenius als Geheimagent in Nordost-Afrika, in: Karl-Heinz Kohl/Editha Platte (Hg.), Gestalter und Gestalten. 100 Jahre Ethnologie in Frankfurt am Main, Frankfurt am Main/Basel 2006.
  • Sybille Ehl, Ein Afrikaner erobert die Mainmetropole. Leo Frobenius in Frankfurt (1924-1938), in: Thomas Hauschild (Hg.), Lebenslust und Fremdenfurcht. Ethnologie im Dritten Reich, Frankfurt 1995.
  • Karl Hermann Jacob-Friesen, Die Felsbildforschungen von Leo Frobenius, in: Leo Frobenius, Ein Lebenswerk aus der Zeit der Kulturwende, Leipzig 1933.
  • Hans Rhotert, Der Werdegang, in: Leo Frobenius, Ein Lebenswerk aus der Zeit der Kulturwende. Leo Frobenius zum 60. Geburtstag, Leipzig 1933.
  • Hans Rhotert, Transjordanien. Vorgeschichtliche Forschungen, Stuttgart 1938.
  • Otto Zerries, Geschichte des Frobenius-Institutes, in: Peideuma. Mitteilungen zur Kulturkunde. Band 4. 1950, S. 363-376.
  • www.frobenius-institut.de

  • Weitere Beiträge zu verwandten Themen
  • Edgar Bönisch  

    Impressum © Stadt Frankfurt am Main. Text erstellt 209, aktualisiert am: 07.02.2012