Leo Frobenius, Ethnologe und Direktor des Völkermuseums

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Leo Frobenius

Genial, begeisternd, ein begnadeter Gelehrter, so lobten ihn die einen. Ein Scharlatan, eine tyrannische, sich selbst vergötternde Spielernatur, unseriös, ja dubios, so sahen ihn die anderen. Kein Zweifel herrschte daran, dass er wusste, wie er sich in Szene setzten konnte: Seine knallroten Expeditionsautos im Hof des Palais Thurn und Taxis waren für alle Vorbeikommenden sichtbar präsentiert. Wenn Leo Frobenius (1873 – 1938) von einer Expedition nach Frankfurt zurückkam, wurde das in einer öffentlichen Prozession gefeiert, nachdem man die Expeditionsfahrzeuge im Stadtwald noch einmal frisch eingestaubt hatte. Nach ihm wurde eine Zigarre benannt; jedermann konnte an dem Duft der großen weiten Welt teilhaben, den „unser Afrikaner“, wie er liebevoll genannt wurde, verkörperte. 1938, zu seinem 65. Geburtstag, erhielt Leo Frobenius die Goethe-Plakette der Stadt Frankfurt, und sowohl Anhänger als auch Gegner des Nationalsozialismus feierten einträchtig beieinander.
Leo Viktor Karl August Frobenius wurde am 29. Juni 1873 als Sohn des preußischen Offiziers und Festungsbauers Hermann Frobenius und seiner Frau Mathilde Frobenius, geb. Bodinus, in Berlin geboren. Sein Großvater, Dr. Heinrich Bodinus, seit 1871 Direktor des Zoologischen Gartens Berlin, brachte ihm durch die von ihm veranstalteten „Nubierschauen“ und durch den Kontakt zu Afrikareisenden den Kontinent Afrika nahe. Auch Frobenius’ erste Besuche in Frankfurt fallen in diese Zeit: „Ich stamme direkt aus dem Zoo in Frankfurt. Mein Großvater, Dr. Heinrich Bodinus, hat nämlich den Frankfurter Zoo eingerichtet […] Im Frankfurter Zoo habe ich als kleiner Junge die erste Sehnsucht nach Afrika empfunden.“ (zit. n. Heinrichs)
Ohne Abitur begann er eine Kaufmannslehre in Bremen und arbeitete als Volontär in den völkerkundlichen Museen in Bremen, Basel und Leipzig. Ab 1893 veröffentlichte er wissenschaftliche Werke und reichte 1894 eine Dissertation zum Thema „afrikanische Geheimbünde“ ein, die allerdings abgelehnt wurde. 1901 heiratete er Editha Frobenius, geb. Brandt (1880-1967).
1898 gründete Leo Frobenius das „Afrika-Archiv“ in Berlin. Diese Sammlung von ethnographischen und ethnologischen Motiven und Bildern zog 1920 als „Institut für Kulturmorphologie“ nach München und wurde schließlich 1925 von der Stadt Frankfurt gekauft.
1898 hatte Frobenius mit seinem Werk „Ursprung der afrikanischen Kulturen“ die Kulturkreislehre begründet, eine Forschungsrichtung, die sich dem Vergleich von Kulturelementen in verschiedenen Erdregionen widmet. Zudem entwickelte er ein Kulturverständnis, das Kultur als einen lebendigen Organismus verstand, geprägt vom „Paideuma“, das man nach Hans Fischer als das „geistig-seelische Potential einer Kulturgemeinschaft […], von dem die schöpferischen Impulse ausgehen“ verstehen kann. Die ganzheitliche Betrachtung der Kulturen bezeichnete Frobenius als Kulturmorphologie.
1904 startete Frobenius die erste von 12 Afrikareisen (DIAFE – Deutsche Innerafrikanische Forschungs-Expeditionen), eine davon brachte ihm den Titel „Geheimrat“ ein. Immer wieder fand er für seine Projekte Geldgeber, auch in Kaiser Wilhelm II., dem er dann ab 1923 in der Doorner Akademie verbunden war.

Frobenius und Frankfurt
Heinrich Simon, der Herausgeber der Frankfurter Zeitung, Konsul Karl Kotzenberg sowie Stadtrat und Pädagogikprofessor Julius Ziehen ergriffen 1924 die Initiative, Frobenius nach Frankfurt zu holen; er galt als Bereicherung der städtischen Kulturszene und des universitären Diskurses. Frobenius seinerseits sah darin die Chance, die Finanzierung seines Instituts für Kulturmorphologie zu sichern, mit der Aussicht, am Städtischen Völkermuseum Direktor zu werden und an der Frankfurter Stiftungs-Universität zu lehren. Die Frankfurter Universität galt als liberale, experimentierfreudige Anstalt, und der künstlerisch-intuitive Zug in Frobenius’ Arbeiten passte zu Strömungen wie den Georgianern, Nietzscheanern und zur Gestaltpsychologie. An der Universität waren es besonders Walter F. Otto, Hermann Lommel und Karl Reinhardt, die der Stadt die Anstellung Frobenius’ empfahlen, trotz heftiger Kontroversen zwischen den Fakultäten. Besonders der Geograph Walter Behrmann befürchtete eine zu starke Popularisierung der Universität. Ungeachtet der kritischen Stimmen erhielt Frobenius ab 1924/25 einen Lehrauftrag an der Universität. Die Stadt Frankfurt kaufte sein Archiv und brachte es im Palais Thurn und Taxis, dem Völkermuseum, unter. Er selbst bezog ein altes Patrizierhaus am Untermainkai. 1932 erhielt Frobenius eine Honorarprofessur an der Universität. 1934 wurde er Direktor des Völkermuseums.

Leo Frobenius in Frankfurt am Main, die Hand zum Hitlergruß erhebend.


Frobenius und der Nationalsozialismus
Die Einstellung Frobenius’ zum Nationalsozialismus ist ambivalent. In den „Abwehrblättern – Mitteilungen aus dem Verein zur Abwehr des Antisemitismus“ erklärte er sich 1930 klar gegen den Antisemitismus. Er schreibt, sein Problem sei „ganz allein die Kultur – die Kultur, die den Menschen eigentlich zu dem macht, was er ist, wie er denkt, wohin er strebt“; nicht die Rasse, sondern die Kultur präge den Menschen. Er war andererseits aber auch (1934 in der Deutschen Allgemeinen Zeitung) davon überzeugt, dass man sich „in einem der größten Augenblicke der Weltgeschichte“ befinde. Die Rolle, die das deutsche Volk spielen sollte, „möchte ich ausdrücken mit dem Schlussgruß, der hier ungeheuer ernst gemeint ist, nämlich mit einem herzlichen kräftigen ‚Heil Hitler‘“.
Frobenius erhielt vor allem Unterstützung durch Oberbürgermeister Friedrich Krebs und Universitätskurator August Wisser. Er erfuhr aber gleichwohl auch Ablehnung, z. B. durch den Reichsleiter der NSDAP, Alfred Rosenberg. Dieser ließ seine Absage zu Frobenius’ Geburtstagsfeier 1938 folgendermaßen begründen: „Da das Verhältnis der Kulturkreislehre zu dem Grundgedanken des Nationalsozialismus, dem Rassegedanken, ein mindestens höchst problematisches ist, vermag Reichsleiter Rosenberg Ihrer freundlichen Einladung aus sachlichen Gründen nicht Folge zu leisten.“

Widmung in: Leo Frobenius, Die afrikanischen Felsbilder Ekade Ektab. Die Felsbilder Fezzans, Leipzig 1937


Sybille Ehl möchte Frobenius „keinesfalls als unpolitisch bezeichnen, aber auch nicht als simplen Propagandisten des Terrorregimes […] Seine Zusammenarbeit mit den mächtigsten Industriemagnaten und Politikern im Reiche basierte vor allem auf gegenseitiger Ausbeutung von Prestige- und Publicitygewinn.“ Hans Fischer kommt zu der Schlussbeurteilung: Frobenius war „sicher kein Nazi. Sicher ein eindeutiger Anti-Rassist […] Wegbereiter des Nationalsozialismus aber war Frobenius in erster Linie wohl durch seinen Beitrag zur Zerstörung der Vernunft, der kritischen, rationalen Wissenschaft, der Skepsis, zugunsten gläubiger Hingabe und Ergriffenheit, die gerade der Nationalsozialismus fordern und fördern mußte.“
Leo Frobenius starb am 9. August 1938 auf seinem Landsitz in Biganzolo am Lago Maggiore; er wurde auf dem Frankfurter Hauptfriedhof begraben.



Literatur
  • Sybille Ehl, Ein Afrikaner erobert die Mainmetropole. Leo Frobenius in Frankfurt (1924-1938), in: Hauschild, Thomas (Hg.) – Lebenslust und Fremdenfurcht. Ethnologie im Dritten Reich, Frankfurt 1995.
  • Hans Fischer, Völkerkunde im Nationalsozialismus. Aspekte der Anpassung, Affinität und Behauptung einer wissenschaftlichen Disziplin, Berlin/Hamburg 1990.
  • Notker Hammerstein, Die Johann Wolfgang Goethe Universität Frankfurt a. M. Von der Stiftungsuniversität zur staatlichen Hochschule. Band I. 1914 bis 1950, Neuwied und Frankfurt am Main 1989.
  • Hans-Jürgen Heinrichs, Die fremde Welt, das bin ich. Leo Frobenius: Ethnologe, Forschungsreisender, Abenteurer, Wuppertal 1998.
  • Hans-Jürgen Heinrichs, Zuhause in Frankfurt und Afrika. Zum 125. Geburtstag des berühmten Forschers und Reisenden Leo Frobenius und zum 100jährigen Bestehen des „Afrika-Archivs“, in: Forschung Frankfurt, 2/1998. S. 38-47.
  • Wolfgang Schivelbusch, Intellektuellendämmerung. Zur Lage der Frankfurter Intelligenz in den zwanziger Jahren, Frankfurt am Main, 1985.
  • www.frobenius-institut.de
  • „Der Kaiser und sein Forscher“. Der Briefwechsel zwischen Wilhelm II. und Leo Frobenius (1924-1938), Stuttgart 2011

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