Die „Gefolgschaftssiedlung“ Gelastraße und die „Seßhaftmachung des Industriearbeiters“

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„Die Heimstättensiedlung ist die Wohn- und Werkform des deutschen Arbeiters, die es ihm ermöglicht, von dem heiligsten Recht auf ein Stück Heimaterde einen solchen Gebrauch zu machen, daß der Familie daraus gesunde Kräfte für Leib und Seele erwachsen. Durch die Bewirtschaftung soll ihre Lebenshaltung wesentlich verbessert werden und in Krisenzeiten drückendste Not von ihr ferngehalten werden. Sie verdient daher als bevölkerungspolitische wie als nationalsozialistische Notwendigkeit bevorzugte Förderung vor jeder anderen Wohnform.“
Richtlinien zur Heimstättensiedlung, 1934

Das Neue Bauen, in Frankfurt durch die unter Stadtbaurat Ernst May zwischen 1925 und 1930 entstandenen Siedlungen (zum Beispiel Römerstadt, Praunheim, Westhausen) und Versorgungsgebäude (zum Beispiel Großmarkthalle, Schwimmbad Fechenheim) vorbildlich vertreten, galt den Nationalsozialisten durch den Bruch mit Traditionen allein ästhetisch als „undeutsch“. In Frankfurt konnte jedoch nicht der sonst allseits zu hörende Vorwurf gelten, die Weimarer Republik habe nur eine „unzureichende Bauproduktion“ hervorgebracht. Vielmehr waren hier in der kurzen May-Ära rund 15.000 neue Wohnungen entstanden; die meisten von ihnen in durchgrünten Gartensiedlungen in einem Kranz um die Stadt herum. Dort lebten Anfang der 1930er Jahre rund elf Prozent der Frankfurter. Allerdings hatte auch May angesichts der Weltwirtschaftskrise bereits vor seinem Weggang 1930 den Standard der Siedlungen minimieren müssen.

Die Neuausrichtung des Siedlungsbaus in der NS-Zeit
Der Bausektor war bereits von dem Regierungsantritt Adolf Hitlers am 30. Januar 1933 ein ideologisch aufgeladener Bereich, den die Nationalsozialisten zur allgemeinen Kritik an der Weimarer Republik und ihrem „System“ instrumentalisierten. Ihre Wohnungspolitik zielte darauf ab, dass die Wohnung „eine wirkliche Heimstätte sein“ solle; nicht wie im 19. Jahrhundert in einer „Mietskaserne“, sondern möglichst als „Siedlerhaus“ mit eigenem Garten und Stall. Ferner stellten sie diese in den Dienst der Bevölkerungspolitik, indem sie familientauglichen Wohnraum schaffen sollte. Dazu gehörte auch eine auch für kinderreiche Familien bezahlbare Miete beziehungsweise Finanzierung im Eigenheimbau.
In den zwölf Jahren zwischen 1933 und 1945 changierte die NS-Wohnungspolitik zwischen programmatischen Extremen, zwischen „Heimstätte und Wohnmaschine“ und zwischen Anspruch und Wirklichkeit. Die Neuausrichtung vollzog sich in vier Phasen: Kleinsiedlungsplanung als Maßnahme der Arbeitsbeschaffung (1933-1935), Wohnungsbau im Zeichen des „Vierjahresplans“ (1936-1939), Versuche einer Organisation des „sozialen“ Wohnungswesens (1940 bis 1942) und „totale Wohnungspolitik“ im Verlauf des Zweiten Weltkriegs (1943 bis 1945).

„Jedem Volksgenossen seine eigene Heimstatt“
Noch bevor der „Volkswohnungs-“ oder „Arbeiterwohnstättenbau“ und die „Gemeinschaftssiedlung“ im Rahmen des „Vierjahresplans“ ab 1936 begrifflich stärker propagiert wurden, warben Rhein-Mainisches Siedlungswerk und Gauheimstättenamt in den Jahren 1935/36 bereits bei mittleren bis großen Firmen um deren Engagement im Wohnungsbau für ihre „Gefolgschaftsmitglieder“, wie die Betriebsbelegschaften unter den Nationalsozialisten genannt wurden. Sie sollten diesen etwa durch Zuschüsse oder Übernahme der zweiten Hypothek unterstützen und damit öffentliche Haushalte entlasten. Seit 1935 hatte die „Verordnung über die weitere Förderung der Kleinsiedlung, insbesondere durch Übernahme von Reichbürgschaften“ festgelegt, dass künftig keine Erwerbslosen mehr, sondern nur noch Beschäftigte der gewerblichen Wirtschaft für das Auswahlverfahren um eine „Siedlerstelle“ zuzulassen seien. Gauleiter Jakob Sprenger initiierte mit der „Industriesiedlung“ eine Sonderaktion, „die den Baumarkt des Rhein-Main-Bezirks in den nächsten Jahren maßgebend beeinflussen wird“, wie der Geschäftsbericht 1934 der Nassauischen Heimstätte annahm.
Ziel war es die Entwicklung von der (vorstädtischen) Kleinsiedlung mit vornehmlich einheimischen Bewohnern zur Industriesiedlung, die von ortsfremden Arbeitern errichtet werden sollte, in der unmittelbaren Nähe größerer Betriebe voran zu treiben. Im Zeichen der Kriegsvorbereitungen war nicht mehr der an seine „Scholle“ gebundene „Siedler“, sondern das zur Mobilität bereite „Gefolgschaftsmitglied“ Mittelpunkt des wohnungs- und wirtschaftspolitischen Interesses.

Bau in der Gelastraße
Zu den Großprojekten der Nassauischen Heimstätte in dieser Phase zählte die „Gefolgschaftssiedlung“ Gelastraße mit 100 geplanten Wohneinheiten. Hier ging es um die „Seßhaftmachung des Industriearbeiters“ wie dies Gauleiter Jakob Sprenger mit seiner „Industriesiedlung“ vorgeschwebt hatte. Es war eine von drei damals in Frankfurt entstehenden Gefolgschaftssiedlungen, die beiden anderen wurden in Sossenheim (115 Häuser) und eine „Großsiedlung“ mit 161 Häusern auf dem Frankfurter Berg errichtet.
Das Baugelände für die Gefolgschaftssiedlung Gelastraße im Osten Frankfurts zwischen Riederwald und Seckbach bei den östlichen Industriegebieten Fechenheim, entlang der Borsigallee und nahe der Hanauer Landstraße sowie des Osthafens hatte die Heimstätte für 123.626 Reichsmark von der Stadt Frankfurt erworben.
Hier entstanden 1936 insgesamt 66 kleine Siedlerhäuschen. Waren die May-Siedlungen der Weimarer Zeit aber noch durchgängig an das Kanalnetz angeschlossen – manche verfügten sogar über Radioempfang in jeder Wohnung – und selbstverständlich mit modernen sanitären Anlagen ausgestattet gewesen, so sahen die Planungen für die Gelastraße ähnlich wie in Goldstein aus Kostengründen keine Kanalanschlüsse mehr vor. Mit Baubeginn stellten die Planer jedoch fest, dass eine Versickerung der Abwässer auf dem Areal nicht möglich war. Die Heimstätte musste deshalb erhebliche Mehrkosten für die Kanalisation aufwenden. Vermutlich lag es daran, dass das ursprünglich vorgesehene Bauprogramm um rund ein Drittel minimiert wurde. Die Häuser hatten kein Bad. Den Garten samt Kleinviehstall sollten die Bewohner zur Selbstversorgung nutzen – allerdings auf relativ kleinem Grundstück. Die Bauweise war traditionell mit Satteldach.



Literatur
  • Heike Drummer / Jutta Zwilling, Wir geben Ihnen Raum. 75 Jahre Nassauische Heimstätte, Frankfurt am Main 1997, besonders S. 48-71.Gert Kähler (Hg.), Geschichte des Wohnens Bd. 4: 1918-1945. Reform – Reaktion – Zerstörung, Stuttgart 1996 (2. Aufl.).Heinz Ulrich Krauß, Frankfurt am Main. Daten, Schlaglichter, Baugeschehen, Frankfurt am Main 1997.

Zusätzliche Stichwörter
Institutionen/Orte/Begriffe:  Goldsteinsiedlung;  

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