Lindenstraße 27 – Die Gestapozentrale in Frankfurt am Main

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Die Überwachung tatsächlicher oder möglicher politischer Gegner ist keine Erfindung der Nationalsozialisten. Die Angst oder die „Ohnmacht der Allmächtigen“ vor Erschütterungen oder dem revolutionären Umsturz der staatlichen Ordnung durch oppositionelle sozialistische oder anarchistische Bewegungen führte z. B. in Preußen schon früh im 19. Jahrhundert zu verdeckt bzw. geheim arbeitenden Abteilungen in der Polizeiverwaltung. So bestand auch im Frankfurter Polizeipräsidium bereits vor 1933 eine „Politische Polizei“, aus der sich nach der Machtübernahme mit der Ernennung Hermann Görings zum kommissarischen preußischen Innenminister – und damit zum Leiter der preußischen Polizei – eine der gefürchtetesten Terroreinrichtungen des nationalsozialistischen Regimes entwickelte. Zur Zeit der Machtergreifung bestand das Referat der Politischen Polizei gerade mal aus 18 Beamten, die für etwa anderthalb Millionen Einwohner zuständig waren. Bis 1936 wurde das Referat aus der überkommenen Landesverwaltung herausgelöst und schrittweise dem Ende April 1933 gebildeten zentralen Geheimen Staatspolizeiamt (Gestapa) in Berlin unterstellt. Mit der formalen wie faktischen Verselbstständigung gegenüber der allgemeinen Verwaltung wurde die Gestapo organisatorisch und personell weiter ausgebaut. Sie rekrutierte sich zunächst aus den Bediensteten der Politischen Polizei, sofern sie nicht wegen „politischer Unzuverlässigkeit“ entlassen, versetzt oder wie ihr Leiter Ferdinand Mührdel verhaftet und zu einer Gefängnisstrafe verurteilt wurden. Mührdel wurde nach Kriegsende von der amerikanischen Militärregierung als Frankfurter Polizeipräsident eingesetzt.
Während des gut zwölfjährigen Bestehens der Frankfurter Gestapo standen zehn Leiter an deren Spitze. Rechnet man den siebenfachen Wechsel der stellvertretenden Leiter hinzu, lässt sich diese bemerkenswert hohe Fluktuation damit erklären, dass der Frankfurter Posten weitere Schritte auf der Karriereleiter begünstigte. Dagegen blieben die Stellen der mittleren Leitungsebene recht konstant besetzt. Im nationalsozialistischen Sinne politisch zuverlässige oder unverdächtige Beamte aus anderen Abteilungen sicherten die polizeifachliche Qualifikation. Der Personalbestand wurde auch durch die als „Hilfspolizisten“ eingestellten SA- und SS-Leute verstärkt, die in den ersten Wochen nach der Machtübernahme auf eigene Faust jüdische Bürger und politische Gegner misshandelten und so die „Schlagkraft“ in der öffentlichen Wirkung der Gestapo prägten. Ende 1933 war der Personalbestand bereits auf 40 Bedienstete angewachsen. Mit der Ernennung zum „Chef der Deutschen Polizei“ 1936 begann der „Reichsführer der SS“ Heinrich Himmler die Polizeiapparate gänzlich aus der allgemeinen, zivilen Verwaltungen auszugliedern und den SS-Oberabschnitten zu unterstellen. Organisatorisch wurde die Gestapo mehrfach umgegliedert, bis sie 1937 der Geschäftsverteilungsplan des Geheimen Staatspolizeiamtes (Gestapa) in Berlin entsprach.

Gestapo-Gebäude Lindenstr. 27


1939 wurde schließlich die gesamte deutsche Polizei, also auch die Gestapo, direkt dem Reichssicherheitshauptamt (RSHA) mit Reinhard Heydrich an der Spitze unterstellt und wurde so de facto ein Zweig der NSDAP. Die Frankfurter Gestapo war den beiden SS-Oberabschnitten „Fulda/Werra“ in Kassel und „Rhein“ in Wiesbaden untergeordnet, ohne dass je eine Abgrenzung der Zuständigkeiten mit den Oberpräsidenten getroffen wurde. Erheblichen politischen Einfluss übte auch der Gauleiter der NSDAP Jakob Sprenger, vor allem in seiner Funktion als „Reichsverteidigungskommissar, aus. Mit der Erweiterung der Aufgabengebiete und des Personalbestands war eine räumliche Trennung vom allgemeinen Polizeiapparat notwendig geworden. Zunächst fand die Gestapo in der heutigen Wilhelm-Leuschner-Straße 22 (früher Bürgerstraße) ausreichende Diensträume, im April 1941 zog sie in die Lindenstraße 27 um, wo sie bis zum Kriegsende verbleiben sollte. In diesem repräsentativen Gebäude, 1896/97 von der Cronstetten-Hynspergischen Stiftung als evangelisches Damenstift gebaut, fanden die mittlerweile 140 Bediensteten ausreichend Platz. Die drei im Keller eingerichteten Haftzellen reichten jedoch bei weitem nicht aus. So mussten weitere Haftstätten im Polizeigefängnis im Klapperfeld, im Untersuchungsgefängnis Hammelsgasse und in der Strafanstalt in Preungesheim genutzt werden. Nach den massiven Luftangriffen auf die Innenstadt wurde das 1942 errichtete „Arbeitserziehungslager Heddernheim“ (AEL) als „Erweitertes Polizeigefängnis“ und als Durchgangslager für Deportationen genutzt.

Die Gestapo benachrichtigt Oberbürgermeister Krebs über die Verhaftung des beim Statistischen Amt beschäftigten Fritz Eigenstetter, 9. November 1942, Vorderseite

Die Gestapo benachrichtigt Oberbürgermeister Krebs über die Verhaftung des beim Statistischen Amt beschäftigten Fritz Eigenstetter, 9. November 1942, Rückseite


Zu den Aufgaben der Frankfurter Gestapo gehörte die Verfolgung der politischen Gegner der „Linksopposition“ (wie Sozialdemokraten, Kommunisten, Gewerkschafter, Internationaler Sozialistischer Kampfbund), der „Rechtsopposition (bürgerliche Demokraten, Zentrum etc.), die Überwachung der Kirchen bzw. religiösen Gemeinschaften und die Spionageabwehr. Mit Kriegsbeginn kamen noch die Überwachung der Fremd- und Zwangsarbeiter und ab 1941 die Deportationen der jüdischen Bürger in die Konzentrationslager in die Zuständigkeit der Frankfurter Gestapo.
Der Kriegsverlauf ließ die Frankfurter Gestapo in weiteren Zusammenhängen wie auch außerhalb des Stadtgebiets und der Wiesbadener Außenstelle tätig werden. Erwähnt wurde bereits das am 1. April 1942 errichtete „Arbeitserziehungslager“ (AEL) am Heddernheimer Zeilweg, in das für einen begrenzten Zeitraum „arbeitsverweigernde“ oder „arbeitsvertragsbrüchige“ deutsche und ausländische Arbeitskräfte zur „Erziehung“ zur geregelten Arbeit im nationalsozialistischen Sinne eingewiesen werden konnten. Die Haftbedingungen waren äußerst grausam: Die AEL galten als die „KZ der Gestapo“, mehrere Exekutionen sind nachweisbar. Dem Heddernheimer AEL, das für männliche Häftlinge vorgesehen war, waren weitere Lager angeschlossen. Weibliche Häftlinge aus der örtlichen Zuständigkeit der Frankfurter Gestapo wurden zunächst im AEL Watenstedt bei Salzgitter und ab dem Sommer 1944 in Hirzenhain im Vogelsberg inhaftiert.
Seit 1940 waren zunächst in Wiesbadener Hotels, ab 1944 im Jagdschloss Niederwald bei Rüdesheim Mitglieder der französischen Waffenstillstandskommission in sogenannter „Ehrenhaft“ interniert, für deren Sicherung die Frankfurter Gestapo bzw. deren Wiesbadener Außenstelle verantwortlich war. In die gleiche Zuständigkeit fiel auch die Sicherung des Führerhauptquartiers „Adlerhorst“ nahe Usingen im Taunus, in dem sich Hitler im Winter 1944/45 nachweislich aufhielt. Für etwa ein halbes Jahr befand sich 1943/44 im Grüneburgpark neben dem Palmengarten das Kriegsgefangenenlager für Angehörige westlicher Luftstreitkräfte, das so genannte „Dulag Luft“, das als „Schutzengel Frankfurts“ für alliierte Luftangriffe gedacht war. Die Verhöre fanden in Oberursel statt, wohin 1944 das Lager verlegt wurde.
Außerhalb der Lindenstraße war die Frankfurter Gestapo des Weiteren zuständig für Transporte von als „untragbare Elemente“ geltenden sowjetischen Kriegsgefangenen aus dem Limburger Kriegsgefangenenlager nach Buchenwald , die Druckschriftprüfstelle bzw. Auslandsbriefprüfstelle in der Herderschule in der Nähe des Zoos, das für Telefonüberwachung zuständige „Forschungsamt der Luftwaffe“, eine Spionageabwehrstelle des Wehrmachts-Generalkommandos in Kassel und die Überwachung der Bezirksstelle Hessen/Hessen-Nassau der Reichsvereinigung der Juden im Hermesweg 5. Geleitet wurde die Überwachung der Bezirksstelle bis zu ihrer faktischen Auflösung 1943 durch den städtischen Beamten und SS-Unterführer Ernst Holland.
Die Luftangriffe auf Frankfurt hinterließen auch in der Gestapozentrale in der Lindenstraße und in den über die Stadt verteilten Dienststellen ihre Spuren. Das Kirchenreferat musste nach Wiesbaden, die Verwaltungsabteilung im September 1944 nach Kronberg verlagert werden. Das Kriegsende kam für die Gestapo rasch, aber nicht schnell genug, um die über hunderttausend Akten vor der Vernichtung durch die Gestapo selbst zu verhindern. Mehr durch Zufall blieben die auf etwa 129.000 Personen bezogenen Karteikarten erhalten, wovon sich etwa ein Siebtel auf die Zeit vor 1933 bezieht. Unter Abzug der statistisch notwendigen Korrekturen verblieben 110.000 Karteikarten erhalten, die Verdächtigungen, Beobachtungen, Hausdurchsuchungen, Vorladungen, Inhaftierungen usw. dokumentieren.
Die scheinbar unbegrenzte Machtfülle und unendliche Schlagkraft der Gestapo war letztlich ein Mythos, der sich aus der Ohnmacht der ins Exil oder früh in die Illegalität getriebenen Opposition erklärt. Obwohl die Frankfurter Gestapo mit ihrer Kontrollkompetenz über die erwähnten Institutionen über ein beachtliches personelles Potential verfügte, war sie keine vor Ort allgegenwärtige „detektivische Großinstitution“. Für die ständige Erweiterung des Aufgabenfeldes stand kein geeignetes Personal zur Verfügung, auch kein neues. Das vorhandene Personal wurde während des Krieges sogar abgebaut und war ohnehin im bürokratischen Alltag verstrickt. Die Tod und Vernichtung bringende Macht der Gestapo gründete weniger auf gezielt eingesetzten V-Männern als auf zahlreichen Denunzianten, darunter Spinner und Wichtigtuer, „Gelegenheitszuträger“ also, die dem Apparat gezielte wie punktuelle Zugriffe ermöglichten. Erst mit der Praxis der „verschärften Vernehmung“ gewann die Gestapo ihr terroristisches Potential. Anders verhielt es sich bei den Vorbereitungen zur Deportation der jüdischen bzw. jüdischstämmigen Bürger aus Frankfurt und Umgebung. Hier schöpfte die Gestapo ihr bürokratisches Potential voll aus: von der Gestellung zur Großmarkthalle zum Abtransport „nach Osten“ bis hin zur Verwertung des persönlichen wie gemeindlichen Vermögens.
Nach 1945 wurde gegen leitende Beamte der Frankfurter Gestapo kein Prozess eröffnet. Durch die gezielte Vernichtung von Aktenmaterial fehlten konkrete Tatbeweise. Oswald Poche, Leiter der Gestapo von 1941-1943 lebte bis zu seinem Tod 1962 unerkannt unter falschem Namen in Frankfurt am Main. Zur Anklageerhebung kam es deshalb nur gegen untergebene Beamte, die von Zeugen belastet und überführt werden konnten. Nach bisherigem Kenntnisstand wurden sieben Personen mit Haft bis zu vier Jahren verurteilt. Nur gegen einen einzigen Beamten, Heinrich Baab, im „Judenreferat“ verantwortlich für die Deportationen, wurde wegen Mordes, Freiheitsberaubung und Körperverletzung im Amt ein lebenslängliches Urteil gefällt. Rudolf Thorn, langjähriger Sachbearbeiter „Juden-, Kirchen- und Sektenreferat“ wurde 1950 in der DDR zu elf Jahren Zuchthaus wegen Verbrechen gegen die Menschlichkeit verurteilt. Thorn verbüßte seine Strafe bis 1956. Straffrei blieben dagegen Hans Tauber, Leiter des AEL in Heddernheim, und der letzte Leiter der Frankfurter Gestapo Reinhard Breder.
Nach Kriegsende wurde das leicht beschädigte Gebäude in der Lindenstraße 27 wieder hergerichtet und war vorübergehend Sitz der Frankfurter Oberbürgermeister. 1996 finanzierte eine Bank, die dort ihre Frankfurter Dependance eröffnet hatte, ein Symposium zur Aufarbeitung der Geschichte des Hauses.


Literatur
  • Becht, Lutz, „Die Wohlfahrtseinrichtungen sind aufgelöst worden ...“ Vom „städtischen Beauftragten bei der Jüdischen Wohlfahrtspflege“ zum „Beauftragten der Geheimen Staatspolizei ...“ 1938 bis 1943, in: Monica Kingreen (Hg.), „Nach der Kristallnacht“. Jüdisches Leben und antijüdische Politik in Frankfurt am Main 1938-1945, Frankfurt/New York 1999, S. 211–236, Frankfurt a. M./New York 1999
  • Dams, Carsten, Stolleis, Michael, Die Gestapo. Herrschaft und Terror im Dritten Reich, Frankfurt a. M. 2008
  • Diamant, Adolf, Gestapo Frankfurt a. M. Zur Geschichte einer verbrecherischen Organisation in den Jahren 1933-195, Frankfurt a. M. 1988
  • Eichler, Volker, Das „Judenreferat“ der Frankfurter Gestapo, in: Monica Kingreen (Hg.), „Nach der Kristallnacht“. Jüdisches Leben und antijüdische Politik in Frankfurt am Main 1938–1945, Frankfurt a. M./ New York 1999, S. 237–258
  • Eichler, Volker, Organisation, Struktur und Schriftgutüberwachung der Gestapo in Frankfurt am Main, in: Institut für Stadtgeschichte (Hg.), Frankfurt am Main, Lindenstraße. Gestapozentrale und Widerstand, bearbeitet von Lutz Becht, Frankfurt a. M./New York, 1997, S. 71-85
  • Kingreen, Monica (Hg.), „Nach der Kristallnacht“. Jüdisches Leben und antijüdische Politik in Frankfurt am Main 1938–1945, Frankfurt a. M./ New York 1999

Zusätzliche Stichwörter
Institutionen/Orte/Begriffe:  Gestapo Frankfurt (bis 1941);   Gestapo Frankfurt (1941-1945);  

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