Die Familie Goldmann und ihre „Flucht in die Welt“

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Dr. Jacob Goldmann wurde 1887 als Sohn eines Viehhändlers in Gundersheim bei Worms geboren. Er brach aus der Familientradition aus und studierte vor dem Ersten Weltkrieg in Heidelberg Medizin. Sein Studium schloss er im Bereich der Gynäkologie mit „summa cum laude“ ab. 1912 übernahm Goldmann im Odenwaldstädtchen Reinheim eine Praxis. 1914 bis 1918 diente er als Arzt an der Westfront. Nach dem Ende des Krieges kehrte er der Liebe wegen nach Reinheim zurück und heiratete dort die 1895 geborene Tochter des Getreidehändlers Hermann Frohmann, Martha Frohmann. 1921 wurde ihr einziger Sohn Robert geboren.
Für die Goldmanns waren die krisengeschüttelten Jahre nach dem Ersten Weltkrieg Jahre des Erfolgs und des familiären Glücks. „De Dokter“, wie Dr. Jacob Goldmann überall hieß, galt wegen seiner medizinischen Fähigkeiten, vor allem im Bereich der Geburtsheilkunde, als „ungesalbter Heiliger Reinheims“. Die Familie des jüdischen Arztes galt als integriert und beliebt, und keiner hätte von ihnen erwartet, was das Jahr 1933 auch für die Goldmanns mit sich brachte: Terror und Angst.
Der 30. Januar 1933 setzte dem dörflichen Miteinander ein jähes Ende: Nachbarn entpuppten sich als Nazis, alte antijüdische Stereotypen und Feindbilder, die spätestens seit dem letzten Jahrhundert, als die Gegend eine Hochburg der Antisemitenbewegung eines Otto Böckel war, im kollektiven Gedächtnis der Bevölkerung verkapselt blieben, fielen in einer von Wirtschaftskrise und Modernisierungsängsten verunsicherten Gegend auf fruchtbaren Boden. Unaufhaltsam wuchs auch in Reinheim seit Ende der zwanziger Jahre die NSDAP an, am 9. und 10. Mai 1931 versammelten sich bespielsweise 800 Parteimitglieder zu einem „Deutschen Tag“ vor Ort, auf dem auch antisemitische Ausfälle das Vokabular prägten. Dennoch waren nach Erinnerung von Robert Goldmann die Reinheimer in ihrer Mehrheit noch keine Nazis: „Viele im Dorf sympathisierten mit den Nazis, dabei waren sie aber nicht aktiv … der Antisemitismus war in dem sozialen Gefüge der Reinheimer heimisch, machte aber nicht die wesentliche Anziehungskraft der Nazis aus.“
Doch mit der „Machtübernahme“ änderte sich dies: Aus Nachbarn wurden Nazis, die ihre jüdischen Mitbewohner drangsalierten. Ein Knallkörperanschlag der Nachbarn versetzte die Familie in Angst und Schrecken, die Großmutter fiel in eine tiefe Depression; die diskutierte Auswanderung wurde unmöglich, weil 1933 auch die Pässe der Juden konfisziert wurden: „So, nun sitzen wir drin in der Mausefalle“, beschrieb die junge Witwe Margarete Sallis-Freudenthal die demütigende Prozedur im Frankfurter Polizeipräsidium bei der Abgabe der Pässe. Dr. Jacob Goldmann wurde nun von NS-Behörden in Reinheim penibel überwacht.
Nach zunehmenden Schikanen verkaufte die Familie Haus und Praxis weit unter Wert an einen „auslandsdeutschen“ Arzt und versuchte, sich in der Großstadt Frankfurt eine neue Existenz zu schaffen.
Doch der fragile Neuanfang stand unter einem unheilvollen Vorzeichen: Wenige Monate nach dem Umzug stürzte sich die seit dem Anschlag sprachlos gewordene Großmutter aus dem Fenster zu Tode; das Leben der Goldmanns war nunmehr überschattet von der Angst, negativ aufzufallen: „Überall haben sie Spione, und wenn du nur irgend etwas sagst, das als feindlich oder beleidigend Hitler gegenüber gewertet werden kann, dann wirst du verhaftet. Und du weißt, was das für uns alle bedeutet“, schärfte die Mutter ihrem Sohn immer und immer wieder ein.
Mitte der dreißiger Jahre kam es zu einer Krise in der Familie, als Martha Goldmann in Erfahrung brachte, dass ihr Ehemann nach den NS-Gesetzen „illegal“ Devisen für eine Auswanderung ins Ausland transferiert hatte. Auf Drängen der Mutter wurde das Geld zurück transferiert: „Wir waren nun wieder ehrlich“, denn in den Augen der Mutter und des Großvaters war es nicht der legitime Versuch, die Voraussetzung für einen guten Start in den USA zu schaffen, sondern eine „typisch jüdische Schiebung“, die dem NS-Propagandabild entsprach.
„Zweifellos war dieses Bild, das der Nazismus nicht erfunden, lediglich weiterentwickelt hatte, ein wahrer Alptraum für Menschen … wie meine Mutter. Die peinliche Einhaltung der Gesetze war die höchste aller Pflichten, wer auch immer sie gemacht hatte oder wie auch immer sie zustande gekommen waren“, erinnerte sich Robert Goldmann später.
Wie berechtigt die Ängste von Martha Frohmann waren, erwies sich im Herbst 1938. Die latenten Pläne zur Auswanderung in die USA waren der Devisenstelle Frankfurt bekannt geworden, im Oktober ließ die Zollfahndungsstelle die Safes von Jacob Goldmann bei der Deutschen Bank und der Commerz-Bank in Frankfurt öffnen, da „der Verdacht besteht, dass die sichergestellten Vermögenswerte unter Umgehung der bestehenden Vorschriften der Devisenbewirtschaftung entzogen werden.“
Zehn Tage später wurde das gesamte Vermögen der Goldmanns von der Devisenstelle unter Sicherungsanordnung gestellt. Dies bedeutete eine finanzrechtliche Entmündigung, denn für jede Kontobewegung, jede Geldausgabe war nun deren Genehmigung erforderlich. Die Devisenstelle Frankfurt gehörte zu den drei für das Gebiet des heutigen Bundeslandes Hessen zuständigen Devisenstellen, die jeweils dem Oberfinanzpräsidium Kassel bzw. Darmstadt zugeordnet waren. Für Geschäftsleute bedeutete eine Sicherungsanordnung häufig der Beginn der „Enteignung“, sprich „Arisierung“ und Ende der unternehmerischen Autonomie, für eine Arztfamilie wie die Goldmanns, die ihre Flucht aus Deutschland vorbereitete, permanente Beobachtung durch die Devisenstelle, die mit ihr zusammenarbeitende Zollfahndung und die Gestapo.
Kurz darauf, nach dem Novemberpogrom, wurde Jacob Goldmann in seiner Wohnung in der Scheffelstr. 13 verhaftet und nach Buchenwald verschleppt. Der die Verhaftung vornehmende Polizeibeamte ermöglichte es Martha Goldmann, mit dem zunächst noch im Frankfurter Gefängnis einsitzenden Ehemann finanzielle Regelungen zu treffen, um die geplante Auswanderung zu forcieren. Zusammen mit ihrem Steuerberater und einem Mitarbeiter der HAPAG (Hamburg-Amerikanischen Packetfahrt-Actien-Gesellschaft) suchte Martha Goldmann jegliche Möglichkeit zu erschließen, Deutschland zu verlassen. Verzweifelt wartete die Familie auf die Zuteilung ihrer Quotennummer für die Einreise in die USA, „in den Tagen nach dem 10. November wurde Amerika zu einem Kap der Hoffnung, aber es war eingehüllt in einen unglaublichen Nebel von ,wenn und ob‘.“
Martha Goldmann war auch eine jener Frauen, die immer wieder bei der Frankfurter Auswandererberatungsstelle in der Braubachstrasse vorsprachen, um doch noch ein Visum für eines jener anderen Länder zu erhalten, in denen die Einwanderung noch möglich schien. Doch diese war dem Ansturm nach dem 9. November 1938 nicht gewachsen.
Dr. Jacob Goldmann kehrte vor Weihnachten aus Buchenwald zurück. Als Frontkämpfer war er vorzeitig entlassen worden. Die Familie hatte über Verwandte mittlerweile ein Affidavit erhalten, das ihnen die Einreise über England erlaubte. Um ihren Verwandten nicht zur Last zu fallen, nutzten die Goldmanns den geringen Spielraum beim Transfer des Umzugsguts: Sie erwarben neue Möbel und medizinische Apparaturen für einen beruflichen Neuanfang in Höhe von über 5.000,- RM. Die Frankfurter Devisenstelle genehmigte die Ausfuhr, machte den Transport jedoch von einer Zahlung von 10.000,- RM an die „Deutsche Golddiskontbank“ abhängig, für die Goldmann Wertpapiere in Zahlung gab. Die Tatsache, dass der Flüchtige im Ausland Einkünfte aus seinem Umzugsgut habe, könne jetzt schon bei der Bemessung der Dego-Abgabe berücksichtigt werden, hieß es in einem Rundbrief des Reichswirtschaftsministeriums. Dies galt insbesondere bei medizinischen Geräten, die in der Regel mit einem Aufschlag von 200% versehen wurden.
Im Frühjahr 1939 konnten die Goldmanns Deutschland endlich verlassen, nachdem sie vorher ihr Silber bei der Städtischen Pfandleihe hatten abliefern müssen und vom Frankfurter Finanzamt-Ost zur Reichsfluchtssteuer in Höhe von rund 20.000,- RM veranlagt worden waren. Der Vermieter ihrer Wohnung drängte beim Hauptzollamt auf eine baldige Ausfuhr des noch in der Wohnung lagernden Hausrats: „Sie würden mir einen ausserordentlichen Gefallen tun, wenn der Auszug des Juden Goldmann sobald als möglich vorgezogen werden kann.“
Aus den bei der Speditionsfirma „Kosmos“ lagernden Umzugskisten holte die Zollfahndung noch einige Gegenstände heraus, darunter die eigens für die „Auswanderung“ angeschafften Haushaltsgeräte: „1 Kochplatte, 1 Nähmaschine, 1 Radioapparat. … Ferner habe ich die in der Liste aufgeführte Stärke gestrichen“ – ein üblicher Vorgang, denn penibel achteten die Zollbeamten darauf, dass die Juden nur das absolut Notwendigste ins Ausland mitnahmen, zur Not strichen sie auch Leib- und Damenbinden, Nähzeug, Ersatz-Wäsche u. ä., was der Auswandernde den jüdischen Wohlfahrtseinrichtungen zur Verfügung stellen musste. Eine Bescheinigung über die Übergabe an die Jüdische Gemeinde zählte zu so zu den lebensnotwendigen Dokumenten zum Verlassen Deutschlands.

Im März 1940 erreichten die Goldmanns Amerika, im Sommer 1941 gelang es auch dem Großvater Hermann Frohmann noch, auf verschlungenen Wegen in die USA zu entkommen. Ihre Flucht in die Welt war damit beendet. Durch ein kleines Devisendepot, dass der Vater diesmal heimlich in die USA transferiert hatte, gelang ein bescheidener beruflicher Neuanfang. Auf ihre Möbel und ihre teuer erworbene Praxiseinrichtung mussten die Goldmanns jedoch vergeblich warten: Ihre Umzugskisten wurde im Ausfuhrhafen bei Kriegsausbruch beschlagnahmt und später irgendwo im Reich versteigert.

Robert Goldmann machte eine typisch amerikanische Karriere: Aus dem Einwanderersohn, der neben dem College in einer Kleiderfabrik jobbte, wurde ein bekannter für den Radiosender Voice of America tätiger Journalist. Im Rahmen dieser Arbeit kehrte Robert Goldmann bereits frühzeitig wieder in seine alte Heimat zurück. Seine Eltern hatten die Vorstellung, Reinheim zu besuchen, energisch abgelehnt, „Warum willst Du dorthin zurück, nach all dem, was sie uns angetan haben? Dort interessiert sich keiner für uns. Warum sollten wir uns für sie interessieren?“, erklärte Martha Goldmann. Gerade war das Rückerstattungsverfahren anhängig, bei dem die Goldmanns für den Zwangsverkauf ihres Hauses und ihrer Praxis in Reinheim einen erbitterten Kampf führten, und wo sich der Rückerstattungspflichtige und dessen Anwalt in Briefen mit deutlich antisemitischen Duktus über die angebliche „Rechtmäßigkeit“ des Verkaufs äußerten.

Doch für Robert Goldmann stand bei seinem ersten Besuch in Deutschland nicht die Suche nach verlorengegangenen Gütern im Mittelpunkt, sondern die Konfrontation mit den Schrecken der Vergangenheit im Sinne einer persönlichen Vergangenheitsbewältigung. Beim Kaddisch am Grab seiner Großmutter Hilda Frohmann wurde aus Robert Frohmann wieder ein bewußter Jude, nachdem die Jahre in Amerika, der berufliche Aufstieg, aber auch die Verfolgungen durch McCarthy seine Wurzeln zugedeckt hatten.
Seit 1988 Ehrenbürger der Stadt Reinheim, versucht Goldmann, Mitarbeiter der Europa-Abteilung der „Anti-Diffamation League“, nach eigenem Bekunden „einen Neuanfang“ mit den Deutschen im Allgemeinen und den Reinheimern im Besonderen. So hat die Stadt ein Stipendium für Forschungen auf dem Gebiet rassistischer, religiöser und politischer Verfolgung ausgeschrieben, das seinen Namen trägt und für deren Träger Robert Goldmann das Vorschlagsrecht hat. Als er bei einem seiner Besuche in Reinheim im August 2000 gefragt wurde, ob er es angesichts rassistischer Ausschreitungen für möglich halte, dass es so etwas wie den Nationalsozialismus noch einmal geben könne, antwortete er vorsichtig: „Ich will das nicht ganz ausschließen.“
Die Rückkehr in die Welt der Kindheit ist für Goldmann dennoch eine offene Wunde. Denn da ist immer noch der Selbstmord der Großmutter in Frankfurt und das Elternhaus, dessen „Verkauf“ das Ende der Kindheit symbolisierte, der bittere Kampf um Rückerstattung und Wiedergutmachung: „Es steht noch. Nach unserer Flucht wurde es zwangsverkauft. Bis vor kurzem praktizierte ein Arzt im Erdgeschoss, und im Obergeschoss war eine Wohnung. Das Haus ist äußerlich in keinem guten Zustand. Das – dieser Zustand – das tut mir weh.“
Ob er „den Deutschen“ vergeben habe? „Mir ist es ja noch vergleichsweise gut gegangen. Nach der Vergebung müsste man andere fragen, die stärker gelitten haben – meine Eltern etwa und viele, die von den Nazis gequält und ermordet worden sind.“


Literatur
  • Robert Goldmann, Flucht in die Welt, Frankfurt am Main 1996

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