Ludwig Heilbrunn (1870-1951) – Mitbegründer der Frankfurter Universität

Druck

„Es ist nicht viel von meinem Leben zu berichten. Ich wohne nach wie vor in einem kleinen Boarding House bei recht netten und freundlichen Leuten und obendrein recht billig. … Seit ich Euch geborgen weiß, schlafe ich auch wieder gut. … So erträglich auch die äusseren Lebensumstände sein mögen, … ist mein einziger Wunsch doch meine letzten Lebensjahre nicht in einem fremden boarding house zubringen zu müssen und wieder mit Euch vereinigt zu sein.“
Ludwig Heilbrunn an Sohn Rudolf Heilbrunn, London 9. Juli 1945

Ludwig Heilbrunn kam am 6. Oktober 1870 in Frankfurt am Main zur Welt. Seine Eltern waren der früh verstorbene Kaufmann Moritz Heilbrunn und Henriette Heilbrunn, geb. Epstein, aus Hofgeismar. „Ich war ein scheues ängstliches Kind; mangels freundschaftlicher und geselliger Beziehungen zu anderen Menschen voller Furcht und Scheu vor jedem Fremden. Es lag … ein Druck auf uns Kindern“, kennzeichnete Heilbrunn im Rückblick die familiäre Situation für sich und seine Schwester Sophie.
Nach dem Besuch von Wöhlerschule und Städtischem Gymnasium in Frankfurt studierte Ludwig Heilbrunn in Straßburg, Heidelberg, Leipzig und Berlin Rechtswissenschaften. 1893 folgte die Promotion in Heidelberg. Noch im selben Jahr wurde er Referendar und 1897 zum Assessor ernannt. Ein Jahr später ließ sich Heilbrunn als Rechtsanwalt, seit 1920 als Notar zugelassen, in Frankfurt nieder. Bis 1933 fungierte er als Vorstandsmitglied der Anwaltskammer Frankfurt am Main. Zusammen mit einem Sozius betrieb er eine Kanzlei in der Neuen Mainzer Straße 26, später in der Kaiserstraße 23.
Am 8. Juli 1900 heiratete Ludwig Heilbrunn die Juwelierstochter Clara (Claire) Koch. Das Paar hatte zwei Söhne: Rudolf Heilbrunn, geboren 1901, und Robert Heilbrunn, geboren 1905.

Politiker, Autor und Mäzen
Als Rechtsanwalt, Politiker, Autor und Mäzen besaß Ludwig Heilbrunn eine herausragende Bedeutung für seine Vaterstadt. Von 1910 bis 1928 fungierte er als Stadtverordneter zunächst – in der Kaiserzeit – für die Fortschrittliche Volkspartei (FVP), ab 1919 für die Deutsche Demokratische Partei (DDP). Er galt als enger Freund und Mitarbeiter von Oberbürgermeister Franz Adickes, dessen politische Pläne er im Stadtparlament unterstützte. Zwischen 1915 und 1918 saß er für die FVP im Preußischen Abgeordnetenhaus und war von 1919 bis 1921 DDP-Vertreter der Preußischen Verfassunggebenden Landesversammlung. Von 1919 bis 1933 wirkte er als Mitglied im Vorstand der Frankfurter Handelskammer.
Große Verdienste erwarb sich Heilbrunn um die Gründung der Frankfurter Stiftungsuniversität, deren langjähriges Kuratoriumsmitglied und späterer Ehrenbürger er war. Außerdem erhielt er 1918 die Ehrendoktorwürde der sozial- und wirtschaftswissenschaftlichen Fakultät. Sein Einsatz um eine Berufung Albert Einsteins an die Frankfurter Universität scheiterte indes 1920. Von 1907 bis 1919 gab er die Monatszeitschrift für Handelsrecht und Bankwesen heraus. Heilbrunn publizierte zu juristischen, wirtschaftlichen und finanzpolitischen Fragen; er trat aber auch kulturwissenschaftlich hervor – etwa als Goethe-Forscher oder mit seinen Schriften „Die Gründung der Frankfurter Universität“ (1915), „Frankfurt nach dem Kriege. Eine Denkschrift“ (1918), „Frankfurt im Sezessionskrieg“ (1926) oder „Zur Reform des Aktienrechts“ (1930). Heilbrunn war Förderer der Frankfurter bibliophilen Gesellschaft und engagierter Sammler von Kunst und Francofurtensien. Auch als Schauspieler und Dramaturg eigener kleiner Theaterstücke versuchte er sich.
Familie Heilbrunn pflegte in ihrem Haus Niedenau 84 ein großbürgerliches Leben, das von geselligen Anlässen, Reisen und Kontakten zu Politik, Wirtschaft und Kultur gekennzeichnet war. Der Maler Jacob Nussbaum porträtierte Ludwig Heilbrunn 1925 in Öl; von Ehefrau Clara und Sohn Robert sind Bilder des renommierten Frankfurter Fotoateliers Nini & Carry Hess erhalten. Das Verhältnis der Eltern zu den Söhnen war überaus innig. Wie der Vater studierten beide Rechtswissenschaften. Rudolf Heilbrunn wurde 1928 an der Frankfurter Universität promoviert und trat später in die mütterliche Juwelierfirma Koch ein. Robert Heilbrunn arbeitete in Frankfurt als Rechtsanwalt und war Verwalter der Isaak Hertz’schen Stiftung.


Zerstörtes Familienleben
Wie in so vielen Frankfurter jüdischen Familien zerstörte der Regierungsantritt Hitlers 1933 das Leben der Heilbrunns komplett. Zum 31. März 1933 musste Ludwig Heilbrunn zwangsweise sein Ausscheiden aus der Anwaltskammer erklären; drei Monate später wurde ihm das Notariat entzogen. Parallel belegten die Nationalsozialisten auch Sohn Robert Heilbrunn mit Berufsverbot. Zum 1. Dezember 1938 ereilte Ludwig Heilbrunn das gleiche Schicksal und sein Name wurde aus der Liste der Frankfurter Rechtsanwälte des Oberlandesgerichts gelöscht. 1936 starb die Ehefrau. Die Söhne emigrierten 1938: Rudolf Heilbrunn in das niederländische Exil nach Amsterdam, Robert Heilbrunn in die USA. Ludwig Heilbrunn gelang im Alter von knapp 70 Jahren die Flucht in das britische Exil nach London. Der Frankfurter Grundbesitz der Familie musste 1938/39 verkauft werden.
Die überlieferte Korrespondenz aus den Jahren 1939 bis 1948 vor allem zwischen Ludwig und Sohn Rudolf Heilbrunn zeugt eindrücklich von den prekären Verhältnissen, in die sich die Familie fügen musste. Ludwig Heilbrunn, nunmehr Witwer, war krank, einsam und völlig mittellos. Rudolf Heilbrunn, der nach nationalsozialistischer Definition in „Mischehe“ lebte, wurde gewaltsam in das Internierungslager Westerbork verschleppt, überlebte jedoch den Zweiten Weltkrieg in den Niederlanden. In den Kriegsjahren riss der Briefkontakt zwischen Vater und Söhnen vollständig ab.

Mit seinem Buch „Kaiserreich, Republik, Naziherrschaft“ – ein Rückblick auf deutsche Politik von Bismarck zu Hitler – gelang es Ludwig Heilbrunn, 1947 noch einmal schriftstellerisch zu reüssieren. Die Publikation erschien im Hamburger Kulturverlag.
Ludwig Heilbrunn starb am 3. April 1951 in Bühl (Baden) und wurde in Frankfurt am Main bestattet. Sohn Rudolf Heilbrunn kam Ende der 1940er Jahre in die Bundesrepublik Deutschland und lebte mit seiner zweiten Ehefrau bis zum Tode 1998 im rheinland-pfälzischen Kaiserslautern. Dort baute er sich eine neue Existenz als Privatdozent, Historiker und Autor auf. Zuweilen hielt er wissenschaftliche Vorträge in Frankfurt am Main, etwa 1963 für das Kuratorium Kulturelles Frankfurt e. V. und die Polytechnische Gesellschaft e. V. zum Thema „Das Ende der Freien Stadt Frankfurt“. Sein Bruder Robert Heilbrunn hingegen kehrte nicht nach Deutschland zurück; er starb 1991 in Washington (USA).
Der heutige Bibliotheksbestand des Jüdischen Museums Frankfurt basiert auf Bücherzuwendungen unter anderen von Rudolf Heilbrunn. Auch dessen umfangreicher Nachlass wird dort aufbewahrt.



Literatur
  • Ludwig und Rudolf Heilbrunn, in: Paul Arnsberg, Die Geschichte der Frankfurter Juden seit der Französischen Revolution, Bd. 3 Biographisches Lexikon, Darmstadt 1983, S. 181-182.
  • Ludwig Heilbrunn, in: Wolfgang Klötzer (Hg.), Frankfurter Biographie, Bd. 1. Frankfurt am Main 1994, S. 312-313.
  • Hans Riebsamen, Jüdische Tellerwäscher-Karrieren in Frankfurt, in: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 4. Dezember 2003.
  • Jüdisches Museum Frankfurt am Main, Nachlass Rudolf Heilbrunn.
  • Institut für Stadtgeschichte, S 5 249 und S 5/389.

Zusätzliche Stichwörter
Institutionen/Orte/Begriffe:  Johann Wolfgang Goethe-Universität;  
Personen:  Jakob Nussbaum;  

  • Weitere Beiträge zu verwandten Themen
  • Heike Drummer / Jutta Zwilling  

    Impressum © Stadt Frankfurt am Main. Text erstellt 2011, aktualisiert am: 14.11.2015