Friedrich Wilhelm Heinz: Vom ersten SA-Führer Hessens zum späteren ersten Nachrichtendienstchef von Bundeskanzler Konrad Adenauer

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Der junge Freikorpsführer Friedrich Wilhelm Heinz

„Geht es um des Reiches Größe,
geht es um des Volkes Ehre
Fraget nicht, ob gut, ob böse...
Unser Denken: Kampf
Unsere Seele : Sieg
Unser Leben : lieber kurz, ein Heldenlied,
als ein langes Geraufe um Groschen und Krippen.“

Diese martialischen Verse schrieb der junge Frankfurter Friedrich Wilhelm Heinz am 19. April 1922 in ein Gästebuch, 5 Tage, nachdem Walther Rathenau – der (jüdische) Außenminister der Republik von Weimar den Vertrag von Rapallo zwischen dem Deutschen Reich und dem bolschewistischen Russland abgeschlossen hatte. Zu diesem Zeitpunkt hatten die Planungen der „Organisation Consul“, der Heinz angehörte, Rathenau zu ermorden, bereits Gestalt angenommen. Wer war dieser heute in Frankfurt weitgehend unbekannte politische Aktivist, der sowohl einer der ersten SA-Führer Frankfurts wie später Angehöriger des militärischen Widerstands gegen Hitler sein sollte?
Friedrich Wilhelm Heinz wurde am 7. Mai 1899 als Sohn des Fabrikanten und Apothekers Adam Martin Heinz und seiner Frau Auguste Apollonia, geb. Heck, in Frankfurt am Main geboren. 1901 zog die Familie nach Usingen, von dort 1905 nach Annerod bei Giessen. 1908 übernahm Adam Martin Heinz in der Kleyerstraße die „Kamerun-Apotheke“, so benannt nach dem „Kamerun“, dem wenig reputierlichen Industrie- und Arbeiterviertel rund um die Mainzer Landstraße. Friedrich Wilhelm Heinz besuchte bis zur Obersekunda die Liebig-Oberrealschule im Frankfurter Stadtteil Sachsenhausen. Zeitweise wohnte die Familie in der Bockenheimer Sophienstraße und in der Nähe des Schweizer Platzes in Sachsenhausen.
Wie bei vielen Jungen in seinem Alter war es sein größter Wunsch, später einmal Soldat zu werden. Das latente Unbehagen an der stickigen Atmosphäre des Kaiserreichs, das sich in der Gründung alternativer Gesellschaftsformen wie der bündischen Jugendbewegung äußerte, fing der preußische Staat bei den jungen Bürgersöhnen mit paramilitärischen Organisationen auf. Diese nutzten die Naturbegeisterung, das Interesse an den neuesten Errungenschaften der Technik, den bürgerlichen Aufstiegswillen, aber auch die Abenteuerlust für militärische Zwecke des künftigen Offiziersnachwuchses aus. Die zum „Jungdeutschlandbund“ gehörenden Pfadfinder boten auch dem jungen Heinz die Möglichkeit, dem Schulalltag zu entfliehen und sich auf eine spätere Laufbahn als „des Kaisers liebste Kinder“ vorzubereiten. Er schloss sich der Frankfurter Pfadfindergruppe „Schwarze Freischar“ an. Der Ausbruch des Ersten Weltkrieges war für die Heranwachsenden das vorgezogene Ende der Kindheit und die frühzeitige Aufnahme in die Welt der Erwachsenen. 1916 verließ Heinz die Schule und trat als Fahnenjunker in eines der Berliner Garderegimenter ein. An der Westfront bewährte er sich als unerschrockener Zugführer und Stoßtruppkämpfer. Die Revolution im November 1918 erlebte er verwundet im Lazarett.
Zu Kriegsende war er einer jener unzähligen Kriegsleutnants, die – wie es Mitkämpfer Ernst von Salomon später einmal formulierte – „nichts anderes gelernt hatten, als eine Kompanie geschlossen über den Rinnstein zu führen“. Sie konnten angesichts der Abrüstungsbestimmungen des Versailler Vertrages nicht damit rechnen, in das verkleinerte Heer der Republik übernommen zu werden. Doch die neu aufgestellten Freikorps, die zum Schutz der Ostgrenzen wie zum Kampf gegen die Arbeiterparteien schon wenige Wochen nach Ausrufung der Republik entstanden waren, boten diesen jungen Soldaten eine neue politische Heimat und militärische Aufgabe. Nach seiner Genesung stellte sich Heinz von April bis Juni 1919 als Angehöriger des Freiwilligen Infanterieregiments Nr. 46 dem Grenzschutz Ost an der Posen-Niederschlesischen Grenze zur Verfügung. Am 23. Juni 1919 wurde Heinz durch einen von polnischen Insurgenten herbeigeführten Eisenbahntransportunfall erneut schwer verwundet. Bis zu seiner Verabschiedung Ende März 1920 war er als Erzieher zum Kadettenhaus Wahlstatt kommandiert.

In dieser Zeit knüpfte Heinz Kontakt zur „Nationalen Vereinigung“, hinter der hohe Militärs wie Walter von Lüttwitz, erzkonservative Politiker wie Wolfgang Kapp standen. Dazu gehörten auch die späteren Protagonisten der Geheimbund- und Wehrverbandsszene, die Heinz’ Leben bis zu seinem Ende mit prägen sollten: Waldemar Pabst, Kopf der „Gardekavallerie-Schützendivision“, verantwortlich für den Mord an Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht, Hermann Ehrhardt, charismatischer Führer der 2. Marinebrigade, einer Eliteeinheit der Freikorps, der ehemalige kaiserliche Feldherr Erich Ludendorff, sowie der bereits damals schon legendäre Marineoffizier und spätere Leiter des Amtes Ausland/Abwehr im „Dritten Reich“, Wilhelm Canaris.
Rasch fand Heinz zu der nach ihrem Führer Hermann Ehrhardt benannten 2. Marinebrigade. Hier knüpfte er neue Verbindungen, die er nach der Rückkehr nach Frankfurt intensivierte, wie beispielsweise zu Manfred von Killinger von der „Offizierssturmkompanie“ der Brigade Ehrhardt. Diese Elitetruppe innerhalb des Freikorps gab auch das personelle Rückrat für die „Organsiation Consul“ (OC) ab, die alsbald die junge Republik an den Rand eines Bürgerkriegs führen sollte. Zusammen mit dem jungen Freikorpsoffizier Ernst von Salomon und Eliteoffizieren der Brigade wie Karl Tillessen, Erwin Kern und Hartmut Plaas zog Heinz im Großraum Frankfurt ein konterrevolutionäres Netzwerk auf, dem Studentenverbindungen, von der etablierten Deutschnationalen Volkspartei enttäuschte Konservative, Jugendbündische und völkisch-radikale Sektierer angehörten. Einig waren sie in ihrem Hass auf die vermeintliche „Judenrepublik“, die Deutschland verraten und an die Feindmächte ausgeliefert hatte.
Das Netzwerk der OC breitete sich rasch über ganz Deutschland und Österreich aus. Es bestand ein guter Kontakt zur Reichswehr, und alsbald war der auch eng mit der neu entstandenen NSDAP verwobene Geheimbund Teil der geheimen Wiederaufrüstung, für die sich der Begriff „Schwarze Reichswehr“ einbürgerte.
Von der Welt der Geheimbünde war es nun nicht mehr weit zur Welt der Geheimdienste: Schon bald, nachdem sich die „Organisation Consul“ über Deutschland und auch Hessen ausgebreitet hatte, suchte die Reichswehr, der durch den Versailler Vertrag die Etablierung eines Geheimdienstes offiziell verboten worden war, Kontakt zu den rührigen jungen Offizieren in Frankfurt. Anfang 1921 kam ein Kriegskamerad von Heinz, Hauptmann Wilhelm Reinert, mit einem zweiten Offizier vom Reichswehrgruppenkommando Kassel nach Frankfurt. Die Reichswehr betrieb unter dem Deckmantel eines „Deutschen Übersee-Dienstes“ (DÜD) in Kooperation mit großindustriellen Kreisen des Ruhrgebiets einen illegalen Nachrichtendienst, der entlang der von den Franzosen und Belgiern besetzten Zone am Sitz der jeweiligen Reichswehrgruppenkommandos eigene Büros unterhielt. Der DÜD führte ein Agentennetz, das sich zumeist aus ehemaligen Offizieren zusammensetzte, die aus Patriotismus, aber auch aus Abenteuerlust und finanzieller Not Spionageaufgaben für die Reichswehr und ihre Financiers übernahmen. Neben der Aufklärung der französischen und belgischen Besatzungstruppen betrieb der DÜD auch Wirtschaftsspionage und einen florierenden Waffenhandel, zumeist nach Italien, Spanien, China, Mexiko, Irland oder in die französischen Kolonien.
Hinzu kam die Aufklärung der „linksradikalen Kräfte“: Gezielt sammelten auch Friedrich. Wilhelm Heinz, Ernst von Salomon und seine Kameraden für Reichswehr und Industrie Informationen über die Arbeiterparteien, Gewerkschaften und republikanischen Kampfbünde. Bei der Aufklärung blieb es freilich nicht: Vermutlich nicht nur auf eigene Faust betrieben sie Sabotageakte gegen die Franzosen oder bekämpften profranzösische Separatisten und im Dienst der Franzosen stehende Spitzel. So versuchte die Frankfurter Gruppe, geleitet vom späteren Rathenau-Mörder Erwin Kern, im Frühjahr des Jahres 1922 einen einstigen Mitkämpfer umzubringen, der mit dem Verrat der geplanten Anschlagsserie auf führende Politiker der Republik bei der Polizei drohte und im Verdacht stand, ein französischer Spitzel zu sein. Wegen dieses Fememordversuches standen Ernst von Salomon und Friedrich Wilhelm Heinz einige Jahre später in Gießen vor Gericht.
Eine besonders subtile Aufgabe war die Ausschaltung des „Blücherbundes“, eines Abspaltung des aus dem Freikorps hervorgegangenen Bundes „Oberland“. Dieser hatte sich zum Ziel gesetzt, mit Hilfe der Franzosen Bayern vom Reich zu lösen und eine Monarchie auszurufen. Um dies zu verhindern, aber auch um von den Franzosen für derartige Aktionen reichlich zur Verfügung gestellte Mittel in die eigenen Taschen zu lenken, hatte die Führung der jetzt als „Bund Wiking“ firmierenden OC sich auf ein Bündnis mit „Blücher“ eingelassen.
Der Blücherbund hatte eine rührige Ortsgruppe auch in Frankfurt, und da das Fanal zu Losschlagen die Zerstörung der Synagogen in Frankfurt und Leipzig sein sollten, fand sich auch Heinz Anfang 1923 zusammen mit seinem Vorgesetzten, Kapitänleutnant Alfred Kautter, zu Besprechungen mit den bayrischen Führer und französischen Geheimdienstoffizieren zusammen. Leiter des französischen Geheimdienstes in Höchst war Capitaine de Pommerede. Kurz vor dem vereinbarten Zeitpunkt ließen Kautter und Heinz durch Anzeige bei den Behörden die Aktivisten des Blücher-Bundes hochgehen.
Die Tätigkeit für den DÜD schützte die OC-Aktivisten teilweise vor der juristischen Verantwortung für die Attentate auf Matthias Erzberger, Walter Rathenau und Philipp Scheidemann, in die die Frankfurter OC intensiv verstrickt war. Im September 1921 wurde Heinz erstmals von der Frankfurter Polizei im Zusammenhang mit dem Attentat der OC auf Erzberger verhaftet. Da ihm nichts nachzuweisen war, wurde er nach einiger Zeit wieder auf freien Fuß gesetzt. Während seiner Inhaftierung hatte die Frankfurter SPD-Zeitung „Volksstimme“ die Fäden von München nach Frankfurt genauestens unter die Lupe genommen und über Heinz berichtet. Das Blatt nutzte die spöttische Gegendarstellung von Heinz noch einmal, um auf die von der Polizei in ihren Augen nicht hinreichend untersuchten Aktivitäten der Frankfurter OC hinzuweisen.
Auch als im nächsten Frühsommer Heinz in die Anschläge auf Rathenau und den ehemaligen Reichskanzler und Kasseler Oberbürgermeister Philipp Scheidemann verstrickt war – angeblich habe Heinz die von dem Frankfurter Völkischen und Nationalsozialisten Gustav Windmeier besorgte Blausäure-Pistole den beiden Attentätern Hans Hustert und Karl Oehlschläger überbracht –, entging der Reichswehr-Agent Heinz weiterer Strafverfolgung. Ungestört konnte er beim Aufbau schwarzer Reichswehreinheiten in Hessen mitwirken, die nicht nur den erwarteten französischen Angriff abwehren, sondern auch den Sturz der Republik herbeiführen sollten.
Als Zivil- und Ausbildungsoffizier des Infanterieregiments 15 (Gießen-Marburg-Kassel) sorgte er für die Rekrutierung geeigneter Zeitfreiwilliger aus den völkischen Bünden und Parteien. Seine Führungsrolle in der Frankfurter Rechtsszene wurde allerdings im Frühjahr 1923 in Frage gestellt, als die bisherigen starken Männer der NSDAP, Helmuth Klotz und Adalbert Stier sich vor polizeilicher Verfolgung nach Bayern absetzen mussten. Obwohl Hermann Göring als oberster SA-Führer Heinz in seiner Position als „oberste Instanz“ der SA in Hessen und Hessen-Nassau bestätigte, betrieb der Frankfurter SA-Führer Adolf Freund seine Aufmarschpläne für einen Rechtsputsch auf eigene Faust.
Der „Marsch auf Berlin“ im November 1923 scheiterte bekanntlich jedoch an der Zerstrittenheit der konterrevolutionären Konspirateure. In den Kreisen der OC, die sich jetzt „Bund Wiking“ nannte, machte man vor allem den politischen Dilettantismus der NSDAP und ihres Führers Adolf Hitler verantwortlich, mit dem man zunächst jedwede Verbindung löste.
Heinz, der den Fehlschlag in München miterlebt hatte, verprellte nach seiner Rückkehr die Frankfurter Nationalsozialisten mit der durchaus richtigen Erkenntnis, Hitler und Ludendorff seien an dem Fehlschlag schuld, und es wäre wohl besser gewesen, beide wären bei der ersten Salve an der Feldherrnhalle gefallen.
In den Folgemonaten trennten sich die Wege von „Wiking“ und NSDAP – trotz weitgehender ideologischer Übereinstimmung. Anschluss fanden die Ehrhardt-Anhänger an den größten konservativen Wehrverband, den „Stahlhelm – Bund der Frontsoldaten“ des Franz Seldte, dem Heinz 1925 beitrat. Im gleichen Jahr zog Heinz nach Magdeburg um.
Hier versuchte eine junge Elite um den Schriftsteller Ernst Jünger, ihre Erfahrungen aus Krieg und Nachkrieg zu einer neuen Ideologie zu formen und einen „Dritten Weg“ zwischen Kapitalismus und Kommunismus zu finden. Die Suche nach einem genuin „deutschen Faschismus“, so das konkrete Postulat in der Stahlhelm-Zeitschrift „Standarte“, erregte ob seines radikalen Anspruches und der Kritik an den alten Eliten jedoch bald den Unwillen der von wilhelminischen Honoratioren dominierten Bundesführung des „Stahlhelm“. Und so stießen Heinz und einige seiner Freunde aus der Brigade Ehrhardt erneut zur NSDAP. Bei ihrem Versuch, die inzwischen im Aufwind begriffene Partei mit den Brüdern Otto und Gregor Strasser zu einer aktivistischen Sammelbewegung aller radikalen Kräfte gegen die Republik umzuformen, kollidierte diese Fronde sehr schnell mit dem Führungsanspruch Adolf Hitlers und dessen neuem Legalitätskurs und der Annäherung an die konservativen Eliten. Im Zuge der Entmachtung des Strasser-Flügels und der Zähmung der SA musste auch Heinz die NSDAP 1929/30 wieder verlassen.

Friedrich Wilhelm Heinz mit seiner Frau Hedwig Ende der zwanziger Jahre


Joseph Goebbels, der an Heinz – „ein kluger, belesener und politischer Mann“ – und vor allem an dessen Frau Hedwig – ein „entzückendes, graziöses, kluges Geschöpf. Ich bin bis über die Ohren in sie verliebt.“ – anfangs großen Gefallen gefunden und Heinz bei seinem Aufstieg in der NSDAP unterstützt hatte, notierte im Verlauf des Reichsparteitages 1929: Walter Buch [der Parteirichter] „hat ein Komplott aufgedeckt. Dr. [Otto] Strasser, Heinz, [Herbert] Blank und Konsorten gegen Hitler.“
Nach dem Parteiausschluss ging Heinz nach Berlin wo er als Schriftsteller und Journalist arbeitete und sich über seinen Freund Franz Schauwecker wieder mit der Stahlhelm-Führung aussöhnte. Den 30. Januar 1933 begrüßte Heinz wie viele Anhänger des Frontsoldatenbundes. Als NS-Gegner und „Schädling der Partei“ wurde er jedoch in der Nacht des Reichstagsbrandes verhaftet und misshandelt. Wie ein gutes Jahr später, am 30. Juni 1934, dem Tag des Röhm-Putsches, entging er durch Fürsprache von alten Freunden den politischen Säuberungen. Eine Karriere im NS-Staat blieb ihm jedoch verwehrt, da Hitler persönlich den Wiedereintritt von Heinz in die Partei ablehnte.
Nach der endgültigen Auflösung des gleichgeschalteten Frontsoldatenbundes ließ er sich 1936 in der Wehrmacht reaktivieren. Der alte Mitkämpfer Canaris ebnete dem politisch Missliebigen den Weg in den Geheimdienst. Als Presseoffizier der Abwehrabteilung im Reichskriegsministerium, der ‚Abwehr‘, zuständig für Propaganda und Propaganda-Abwehr in den Medien – die auf den Zweiten Weltkrieg vorbereitende Propagandamaschinerie des NS-Regimes lief auf Hochtouren – fand er ein seinem politischen Vorleben gemäßes Arbeitsfeld.
Doch bald schon liefen systemstabilisierende Abwehrarbeit und die Konspiration gegen Hitler parallel: Über seinen Vorgesetzten, Hans Oster, fand Heinz schnell Anschluss an die oppositionelle Gruppe um Oster und Canaris, die in der Abwehr zunächst gegen die riskante Kriegszielpolitik Hitlers kämpfte, sich 1938 aber zu einem Anschlag auf Hitler durchrang, bei der Heinz mit einem Stoßtruppunternehmen auf die Reichskanzlei eine wichtige Rolle spielen sollte.

Friedrich Wilhelm Heinz und Admiral Wilhelm Canaris, 1943


Diese Attentatsvorbereitungen kamen bekanntlich nicht zur Ausführung und erst 1944 kam es zu dem misslungenen Anschlag von Claus Schenk Graf von Stauffenberg. In die „Operation Walküre“ war der zeitweise als Regimentskommandeur der „Division Brandenburg“ im „Russlandfeldzug“ und auf dem Balkan in der „Partisanenbekämpfung“ eingesetzte Heinz nur noch am Rande mit eingebunden. Durch seine Kritik an der NS-Vernichtungspolitik in der Ukraine und mit seinem eigenmächtigen Versuch, zumindest in Serbien mit den monarchistischen Partisanen, den „Cetniks“, 1943 ein Bündnis gegen die kommunistischen Partisanen von Tito zu schließen, fiel Heinz in Ungnade. Canaris konnte gerade noch ein Kriegsgerichtsverfahren verhindern. Bis zum Sommer 1944 wurde der auch durch unvorsichtige regimekritische Äußerungen in Ungnade gefallene Heinz in die Führerreserve versetzt. Dann geriet er als Kommandeur des Heeresstreifendienstes im Wehrkreis III in den Strudel des 20. Juli 1944. Zunächst mit Hans Oster und Canaris verhaftet, konnte er durch geschicktes Leugnen seine Freilassung erreichen. Als jedoch im September 1944 geheime Unterlagen der Abwehr-Fronde, die sein Halbbruder Hermann Schilling zeitweise im Tresor seiner Bank versteckt hatte, in die Hände der Gestapo fielen, erging ein neuer Verhaftungsbefehl. Von seinem Vorgesetzten gewarnt, tauchte Heinz rechtzeitig unter. Die Gestapo ließ sich allerdings nur kurz von seinem fingierten Selbstmord und dem geschickten Leugnen seiner Frau narren und verhaftete sowohl Hedwig Heinz wie auch Hermann Schilling als Geiseln. Trotz intensiver Fahndung gelang es ihr nicht, den in Berlin Versteckten zu fassen. Er überlebte als einer der wenigen oppositionellen Offiziere der Abwehr.

In den Jahren bis zur Gründung der Bundesrepublik arbeitete der Ex-Geheimdienst-Mann Heinz als Schriftsteller und Verleger, gleichzeitig aber auch als Nachrichtenhändler für die westlichen Besatzungsmächte. 1950 war er als Kandidat für die neu zu gründenden Nachrichtendienste der Bundesrepublik im Gespräch. Unter dem Dach den Bundeskanzleramtes bzw. des „Amt Blank“ führte er bis 1953 einen kleinen Nachrichtendienst, der ob seiner Erfolge von seinem geheimdienstlichen Konkurrenten, dem späteren Leiter des 1956 etablierten Bundesnachrichtendienst, Reinhard Gehlen, mit großem Misstrauen beäugt wurde. Die beiden nachrichtendienstlichen Kontrahenten Gehlen und der Leiter des Bundesamtes für Verfassungsschutz, Otto John, brachten Heinz 1953 zu Fall. Der KGB suchte Heinz mehrfach zum Überlaufen zu bewegen; unklar ist bis heute, ob der Besuch von Heinz im sowjetischen Karlshorst im Dezember 1954 beim KGB ein Sondierungsversuch oder eine geplante Überläuferaktion war. Die US-amerikanischen Geheimdienste als auch der KGB und der DDR-Staatssicherheitdienst beobachteten Heinz noch lange Jahre, auch als er wieder in der Nähe von Wiesbaden wohnte und in Frankfurt für mehrere große Firmen als Werbefachmann arbeitete.
Heinz starb nach kurzer Krankheit am 26. Februar 1968 in Bad Nauheim.


Literatur
  • Susanne Meinl, Nationalsozialisten gegen Hitler. Die nationalrevolutionäre Opposition um Friedrich Wilhelm Heinz, Berlin 2000
  • Susanne Meinl / Dieter Krüger: Der politische Weg von Friedrich Wilhelm Heinz, in: Vierteljahrshefte für Zeitgeschichte, Jg. 42, Heft 1, Januar 1994, S. 39-69
  • Die reich bebilderte Homepage der Familie ist zu finden unter: http://www.friedrich-wilhelm-heinz.de

Zusätzliche Stichwörter
Institutionen/Orte/Begriffe:  Deutschnationale Volkspartei;   Deutscher Überseedienst;   Bund Oberland;  
Personen:  Walther Freiherr von Lüttwitz;   Otto Strasser;   Herbert Blank;  

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