Die Pflichtinnung für Spengler, Gas-, Wasser- und Heizungsinstallateure in der „Stadt des deutschen Handwerks“

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Der Zugriff der Nationalsozialisten auf die selbständigen Innungen des Handwerks erfolgte über die Deutsche Arbeitsfront (DAF). Die nach der Zerschlagung der Gewerkschaften am 10. Mai 1933 gegründete DAF hatte den Auftrag, Arbeiter, Angestellte, Handwerker und Unternehmer Hitlers Machtanspruch zu unterwerfen und auf NS-Kurs zu trimmen. Der DAF wurden die verschiedenen Wirtschaftszweige als „Reichsbetriebsgemeinschaften“ eingegliedert. Auf Leys Befehl wurde auch eine „Reichsbetriebsgemeinschaft Handwerk“ gebildet; ihr musste jeder Betriebsinhaber vor dem Eintrag in die Handwerksrolle beitreten. Nach Städten, Kreisen und Gauen organisiert gliederte sich die Gemeinschaft in sieben wiederum in Fachschaften unterteilte Fachgruppen. Spengler, Installateure, Zentralheizungsbauer sowie Lüftungs- und Kühlanlagenhersteller bildeten mit den Elektroinstallateuren eine Fachschaft in der Fachgruppe „Metall“. An der Spitze der „Reichsbetriebsgemeinschaft Handwerk“ stand der 1934 zum Reichshandwerksmeister ernannte Wiesbadener Spenglermeister Wilhelm Georg Schmidt.
Das Wahlverhalten der Frankfurter Handwerker ist nicht erforscht. Viele werden vermutlich ihr Kreuz bei der NSDAP gemacht haben. Die Nationalsozialisten dankten es ihnen in der Anfangszeit ihrer Herrschaft mit einer ausgesprochen handwerkerfreundlichen Mittelstandspolitik. Vor irgendwelchen Reformen mussten allerdings auch die Innungen die „Gleichschaltung“ mit Partei und Staat über sich ergehen lassen. Den Anfang Mai 1933 nach Wiesbaden einbestellten Obermeistern und Vorsitzenden anderer Handwerkerkorporationen eröffnete der neue Präsident der Handwerkskammer für den Regierungsbezirk, Wilhelm Georg Schmidt, dass sie ihre Ämter an „bewährte Nationalsozialisten“ abzutreten hätten. Konkret bedeutete das zum Beispiel für die Frankfurter Zwangsinnung der Spengler und Installateure, dass der seit 1932 amtierende Obermeister Friedrich Leonhard für 1 1/2 Jahre durch den parteikonformen „Führer der Innung“ Heinrich Lobmeyer abgelöst wurde. Über Lobmeyers Amtsführung ist kaum etwas bekannt. Ein im „Frankfurter Volksblatt“ abgedrucktes, Lobmeyer in Uniform zeigendes Porträt und ein eher nichtssagendes Grußwort zum Jahreswechsel 1933/34 erlauben keine Beurteilung seiner kurzen Amtszeit. Nach eineinhalbjähriger Zwangspause kehrte Leonhard wieder in sein altes Ehrenamt zurück.

Reichshandwerkertag, 16. Juni 1935

Reichshandwerkertag 16. Juni 1935: Großkundgebung der „Reichsbetriebsgemeinschaft Handwerk“ der Deutschen Arbeitsfront auf der Fest- und Spielwiese vor der Hauptkampfbahn.


In der Zwischenzeit hatte sich einiges verändert. Seit dem Gesetz über den vorläufigen Aufbau des Handwerks vom 29. November 1933 und der dazugehörigen Ausführungsbestimmungen vom 15. Juni 1934 waren Pflichtinnungen obligatorisch. Auf Anordnung der Handwerkskammer wurden am 4. Juli 1934 in Frankfurt alle Organisationen des Handwerks aufgelöst und 48 Pflichtinnungen nach dem „Führerprinzip“ neu errichtet. Die Zwangsinnung für Spengler und Installateure nannte sich fortan Pflichtinnung für Spengler, Gas-, Wasser- und Heizungs-Installateure Frankfurt am Main. Die Pflichtinnungen im Kreis Groß-Frankfurt unterstanden der Kreishandwerkerschaft, einem verlängerten Arm der Wiesbadener Handwerkskammer. Als 1935 per Gesetz auch noch der „Große Befähigungsnachweis“ eingeführt wurde, feierten das die Handwerksvertreter als historischen Wendepunkt. Um die Wiedereinführung des „Großen Befähigungsnachweises“, der den Meistertitel und damit die Mitgliedschaft in einer Innung zur Voraussetzung für die Gründung eines Handwerksbetriebes machte, hatte man schließlich jahrzehntelang vergeblich gerungen. Innerhalb kürzester Zeit erfüllte die nationalsozialistische Mittelstandspolitik somit die wesentlichen Forderungen der Weimarer Handwerkerbewegung. Die wirtschaftliche Not im Handwerk war dadurch freilich nicht behoben.
In den Augen der braunen Machthaber war Frankfurt am Main wegen ihrer demokratischen und jüdischen Traditionen das „Neu-Jerusalem am fränkischen Jordan“. Der Versuch, von diesem „Negativimage“ wegzukommen und Frankfurt zur „Stadt des deutschen Handwerks“ hochzustilisieren, verlief im Sande. Weder hat der Beiname bei den Nazis verfangen, noch hat er dem lokalen Handwerk besonderen Auftrieb verliehen. Oberbürgermeister Krebs suchte die Gründe für diesen Schlag ins Kontor in der Zerstrittenheit von DAF und Reichswirtschaftsministerium sowie in der Ablösung des Frankfurt wohlgesonnenen Reichshandwerksmeisters Schmidt.
Mit jedem Tag, den der Krieg näher rückte, verlor die in den ersten Jahren der NS-Diktatur mit Nachdruck betriebene Mittelstandspolitik an Boden. Gab es bei Kriegsbeginn in Frankfurt noch 371 Spengler- und Installateurbetriebe, so machte sich bereits nach dem ersten Kriegsjahr ein empfindlicher Mangel an Facharbeitern bemerkbar. Das Verkehrs- und Wirtschaftsamt informierte Oberbürgermeister Krebs am 12. November 1940 darüber, dass infolge der Dienstverpflichtung von Handwerkern selbst dringende Instandsetzungsarbeiten entweder gar nicht oder nur mit großer Verzögerung erfolgten. Mit Fortdauer des Kriegszustandes litt das Handwerk zunehmend unter dem Mangel an Arbeitskräften und Rohstoffen. Zum wirtschaftlichen Niedergang gesellte sich im Frühjahr 1942, als die Handwerkskammern aufgelöst und in Gauwirtschaftskammern eingegliedert wurden, der Verlust jeglichen politischen Einflusses.
In Frankfurt herrschte Angst vor Fliegerangriffen. Nachdem die Stadt schon im Juni 1940 von kleineren Verbänden bombardiert worden war, entwickelte die Kreishandwerkerschaft 1941 den streng vertraulich eingestuften „Einsatz-Plan des Frankfurter Bau-Handwerks bei Sofortmaßnahmen zur Behebung von Fliegerschäden und Reparaturdienst“. Laut Plan sollten die einzelnen Gewerbe unter der Leitung eines erfahrenen Betriebsinhabers, in der Regel des Obermeisters, in „Arbeitsgemeinschaften“ organisiert werden. Die „Arbeitsgemeinschaft“ der Spengler und Installateure stand unter dem Kommando von Obermeister Ludwig Huber. Den 24 Frankfurter Polizeirevieren wurde von den „Arbeitsgemeinschaften“ jeweils ein Obmann mit Stellvertreter benannt. So wussten beispielsweise die Beamten des ersten Polizeireviers im Ernstfall sofort, dass sie sich bei Problemen mit Gas- und Wasserinstallationen an C. Bartelmann (Sandgasse 23) oder Heinrich Reichwein (Meisengasse 12) zu wenden hatten. Als die Bedrohung aus der Luft immer größer wurde, ermahnte Reichshandwerksmeister Schramm am 15. März 1943 unter anderen Spengler, Installateure und Heizungsbauer, nicht in ihrer Einsatzbereitschaft zu erlahmen. Unter Androhung von Geldstrafen bis zu 1.000 Reichsmark erinnerte Schramm an den Grundsatz: „Alle selbständigen Meister und Betriebsinhaber der in Frage kommenden Betriebe sind verpflichtet, bei der Beseitigung der Fliegerschäden tätig mitzuarbeiten und den Weisungen der Einsatzleiter unbedingt Folge zu leisten.“
Von der Pflichtinnung für Spengler, Gas-, Wasser- und Heizungsinstallateure war nach zwölfjähriger NS-Diktatur nicht mehr viel übrig. Vorstandsmitglied Heinrich Reichwein quittierte am 7. August 1945 den Empfang der aus den Trümmern der Geschäftsstelle in der Neuen Mainzer Straße geretteten Überreste: Die Innungsfahne, ein elektrischer Heizofen, Akten des Reichsinnungsverbandes, ein zusammenklappbarer Tisch und ein paar defekte Büromöbel – das war alles.


Literatur
  • Thomas Bauer: Von Kenneln, Kranen und Kesseln. 100 Jahre Innung Sanitär Heizung Klima Frankfurt am Main 1898-1998, hrsg. von der Innung, Frankfurt a. M. 1998

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