Der „Jungdeutsche Orden“ in Frankfurt 1920-1922

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Einer der Bünde der Weimarer Republik, der die radikalste Metamorphose vom völkisch-nationalistischen Freikorps-Nachfolger in den frühen zwanziger Jahren bis zur fast republikanischen Vereinigung Anfang der dreißiger Jahre durchmachte, war der 1920 von Arthur Mahraun gegründete „Jungdeutsche Orden“. Hervorgegangen war er bereits im Januar 1919 aus der ebenfalls von Mahraun geführten „Offiziers-Kompanie-Cassel“, die sich aber durch die Bestimmungen des Versailler Vertrages als Zeitfreiwilligenverband auflösen musste. Im März 1920, in der Woche des Kapp-Putsches, rief Mahraun dann mit anderen Kriegsheimkehrern und Zeitfreiwilligen in Kassel den an mittelalterlichen Vorbildern orientierten „Jungdeutschen Orden“ ins Leben.
In den ersten Jahren seines Bestehens war die Abwehr des „inneren“ und „äußeren Feindes“ eine der Hauptaufgaben des „Jungdo“. Wie andere rechtsextreme Gruppierungen auch suchte man größere Waffenverstecke anzulegen und sich in Wehrsport und militärischen Übungen auf den „Ernstfall“ vorzubereiten. Und in diesem Kontext fiel der Jungdo in Frankfurt 1921 das erste Mal nachhaltig auf, als in der Wöhlerschule ein geheimes Waffenversteck entdeckt wurde, das von einem der bekannten Jungdeutschen, dem ehemaligen 1. Schriftführer des Jungdeutschen Ordens, Fritz Renner, mit angelegt worden war.

Die Frankfurter Ortsgruppe des „Jungdo“ war im Juni 1920 gegründet worden. Die Frankfurter SPD-Zeitung „Volksstimme“ berichtete bereits am 23. August 1920 über die Gründung und die Verbindung zur „Organisation Escherich“ (kurz: Orgesch). Während aufgrund der alliierten Forderungen im Sommer 1920 die Wehrverbände und Selbstschutzorganisationen auch durch den hessisch-nassauischen Oberpräsidenten und die Landesregierung in Darmstadt für aufgelöst erklärt wurden, konnte sich in der „bayerischen Ordnungszelle“ unter dem Schutz der Regierung die Orgesch ausbreiten. Unter dem Decknamen „Grosshessischer Wirtschaftsbund für Hessen, Hessen-Nassau und Waldeck“ konstituierte sich im September die hessische Dependance der „Orgesch“, mit der Zielsetzung: „durch ein Bündnis zwischen Bürger- und Bauerntum“ der „drohenden Gefahr linksradikaler Unruhen“ zu begegnen und eine „Rätediktatur“ zu verhindern. Den Schulterschluß zwischen dem „Grosshessischen Wirtschaftsbund“, den hessischen Landbundorganisationen als Vertretern der Bauernschaft und dem „Jungdeutschen Orden“ machte ein „Aufruf zum Selbstschutz“ vom 31. Januar 1921deutlich, den Arthur Mahraun in Absprache mit Forstrat Escherich erließ: „Alle Schutzwehren haben sich in das Abwehrverhältnis zu setzen … Die Leitung der gesamten Schutzwehren liegt in den Händen des Stabes von Selchow (Marburg). Die gesamte wehrfähige bürgerlich-bäuerliche Mannschaft hat zu den angegebenen Befehlsstellen einzurücken, Drückeberger werden mit allen Mitteln der Vergeltung gebrandmarkt.“
Die enge Kooperation zwischen der Orgesch und dem Jungdo geht auch aus einem Schreiben hervor, das der Jungdo-Führer Hans Drissler, 1934 Pg. Nr. 332508 (also auch er ein „Alter Kämpfer“ der NSDAP), für den späteren Gauwirtschaftsberater uind Freund des Gauleiters Jakob Sprenger, Wilhelm Avieny ausstellte: „Hiermit bestätige ich auf Wunsch Pg. Avieny, Wiesbaden, zur Vorlage bei Parteibehörden, dass er in der Zeit von 1919-1921 dem Jungdeutschen Orden, Bruderschaft Frankfurt a/M. angehörte. Der Jungdeutsche Orden war damals noch rein nationalistisch tätig und hat sich die hiesige Bruderschaft besondern im Kampf gegen die Revolutionäre von 1918 und gegen die Kommunisten (U.S.P.D.) gewandt. Der Jungdeutsche Orden, Bruderschaft Frankfurt a/M. arbeitete im engsten Zusammenhang mit der Organisation Escherich, dem Zeitfreiwilligenverband, mit Rittmeister von Neufville und stellte ein ansehnliches Kontingent zu den Oberschlesischen Freiheitskämpfen.“

Unter dem Dach des Jungdo war auch eine weitere Gruppe aktiv: Anläßlich der Gründungsversamlung des Frankfurter Jungdo hatten sich drei Männer das erste Mal getroffen, die den Jungdo bis weit ins nächste Jahr für ihre eigenen Zwecke zu nutzen gedachten: der spätere Rathenau-Attentäter Erwin Kern, der junge, ehemalige Kadett und Freikorpskämpfer, Ernst von Salomon, Sohn des Frankfurter Polizeikomissars Felix von Salomon, und der Kaufmannssohn Friedrich Wilhelm Heinz, auch er Mitglied der „Deutschnationalen Volkspartei“, aus der sich viele Jungdo-Mitglieder rekrutierten. Alle drei sollten in den nächsten Jahren zu den aktivsten Mitglieder der Organisation Consul (OC) zählen.
Die Unterwanderung des Jungdo wurde um die Jahreswende 1920/21 dadurch erleichtert, dass Heinz in der Frankfurter Ortsgruppe die Funktion des Schriftführers übernahm. Innerhalb der Bruderschaft hatte es schon seit Monaten erhebliche Differenzen über den Kurs des Ordens gegeben, wie der „Jungdeutsche“, das Periodicum des „Jungdo“, am 1. März 1921 berichtete. „Seit längerer Zeit bestand zwischen der Bruderschaft Frankfurt und der Ordensleitung keine rechte Fühlung.“ Innerhalb der Frankfurter Bruderschaft wurden Stimmen laut, aus dem „Jungdo“ auszutreten und unter dem Namen „Kameradschaftliche Vereinigung“ die „Betreibung von Außenpolitik“ zum Hauptziel der neuen Vereinigung auszurufen. Anlässlich einer Vollversammlung des Frankfurter Jungdos sprach sich die Majorität im Beisein von Ordensgründer Mahraun für ein Verbleib im Orden aus.

Doch bald trennten sich die Wege von Jungdo und OC. Nachdem Heinz wegen seiner Verstrickung in das Erzberger-Attentat und die Gründung einer Wehrsportgruppe im September/Oktober 1921 verhaftet worden war, distanzierte sich der Frankfurter Jungdo von seinem Schriftführer. Mahraun löste aus Angst vor einem Verbot die Frankfurter Bruderschaft sogar ganz auf und versuchte zu verhindern, dass Mitglieder mit Sympathien für terroristische Gruppierungen wie die OC in die neue Bruderschaft einsickerten. Die Verbannten gründeten um den früheren Großmeister Köster den „Deutschen Orden“ und den „Deutschorden Taunus“ unter der Leitung des Amtsgerichtsrates Dr. Seefried in Bad Homburg.
Kontakte zwischen OC und dem Jungdo waren angesichts der engen personellen Vernetzung der rechtsextremen Frankfurter Szene aber nicht zu verhindern. Wegen seiner Verzahnung mit der offiziellen Nachfolgeorganisation der OC, dem „Verband nationalgesinnter Soldaten“ – in Frankfurt an der Spitze der OC-Veteran und Sicherheitspolizist Otto Schröder – und der Mitgliedschaft von Ernst von Salomon traf das befürchtete Verbot den Jungdo in Hessen-Nassau im Sommer 1922 nach dem Attentat auf Walther Rathenau, in das Salomon verstrickt gewesen war. Um das Verbot aufheben zu lassen, setzte Mahraun mit eiserner Faust die Trennung von anderen Organisationen und ein Verbot der Mehrfachmitgliedschaften durch.
Das letzte Mal, dass der Jungdo visuell in der Front der rechtsextremen Verbände und Parteien auftrat, war anlässlich der Durchfahrt des Leichnams von Albert Leo Schlageter am Frankfurter Bahnhof. Der Freikorpsoffizier und Nationalsozialist Schlageter, der im Auftrag einer von der Reichswehr unterstützten Sabotageeinheit im Ruhrgebiet Anschläge gegen die französische Besatzungsmacht verübte, wurde am 7. April 1923 verhaftet und am 26. Mai in Düsseldorf hingerichtet. Als der Sarg auf dem Weg in den Schwarzwald Hessen passierte, traten an jedem größeren Bahnhof die verschiedenen „vaterländischen Verbände“ an und ehrten Schlageter als Nationalhelden. So legten am 8. Juni 1923 an den Bahnhöfen Gießen und Frankfurt Delegationen der NSDAP, des deutschnationalen Jugendbundes, des „Wiking“ und des Jungdeutschen Ordens am Sarg Kränze nieder.

Mahrauns Fernbleiben von der großen konterrevolutionären Front führte bereits im Sommer dazu, dass sich immer mehr Mitglieder vom Orden lösten und anderen Gruppierungen beitraten. Als sich die Ballei Franken des Jungdo im November 1923 am Hitler-Putsch beteiligte, schloss Mahraun die Mitglieder kurzerhand aus dem Orden aus. Auch wenn er in den Folgejahren anläßlich von „Deutschen Tagen“ und Einweihung von Kriegerdenkmalen u.ä. noch mit anderen Verbänden gemeinsam auftrat, so schlug der „Jungdeutsche Orden“ bis zu seiner Auflösung 1933 auch in Hessen einen anderen Weg ein.


Literatur und Quellen
  • Bescheinigung für Wilhelm Avieny, 1934, Hessisches Hauptstaatsarchiv Wiesbaden, Abt. 520, F 6152, Bd. 17a (Spruchkammerakte Wilhelm Avieny)
  • Susanne Meinl, Nationalsozialisten gegen Hitler, Berlin 2000
  • Eberhart Schön, Die Entstehung des Nationalsozialismus in Hessen, Meisenheim am Glan 1972
  • Heinrich Wolf, Die Entstehung des Jungdeutschen Ordens und seine frühen Jahre 1918-1922, München 1970
  • Heinrich Wolf, Der Jungdeutsche Orden in seinen mittleren Jahren 1922-1925, München 1972

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