Das St. Katharinen- und Weißfrauenstift im Nationalsozialismus

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Der Zweck des St. Katharinen- und Weißfrauenstifts bestand nach der dem nationalsozialistischen Sprachgebrauch angepassten Verwaltungsordnung vom 1. April 1939 in der unmittelbaren „Unterstützung und Versorgung hilfsbedürftiger deutscher Frauen, die Witwen oder unverheiratete Töchter verstorbener hiesiger Einwohner sind, durch Gewährung von Jahresrenten.“ Die Bewerbung um eine Stelle als „Stiftsfrau“ war hauptsächlich an zwei Bedingungen geknüpft: Die Antragstellerin musste mindestens seit zwei Jahren in Frankfurt wohnen und evangelisch sein.
Das Pflegamt des über erheblichen Grundbesitz verfügenden St. Katharinen- und Weißfrauenstifts stand im Blickpunkt der Öffentlichkeit. Just am 13. März 1933, dem Tag, an dem der Richter am Frankfurter Landgericht Friedrich Krebs zum Oberbürgermeister berufen wurde, informierte die öffentliche milde Stiftung den Magistrat über das Ergebnis der Senior- und Subsenior-Wahlen. Der neue Senior des St. Katharinen- und Weißfrauenstifts, Adolf Melber, stand der SA nahe und sein Stellvertreter, Alexander Mettenheimer, besaß seit dem 1. August 1932 das Parteibuch der NSDAP. Im Juli 1933 musste der Kaufmann Karl Sidler, weil er nach Bad Homburg verzogen war, seinen Platz im Pflegamt für den Stadtverordneten der NSDAP, Arno Wolfram, räumen. Als glühender Anhänger des Nationalsozialismus gehörte Wolfram schon seit Herbst 1926 der Hitlerpartei an.
Über die politische Einstellung der anderen Pflegamtsmitglieder, Julie Roger, Carl von der Emden und Walter Hessenberg, ist nichts bekannt. Emden wurde Anfang 1935 von dem Direktor bei der IG-Farbenindustrie und SA-Mitglied Fritz Fester abgelöst. Zusammen mit Fester hatte Oberbürgermeister Krebs am 5. Januar 1935 Eva von Metzler als Nachfolgerin der im achtzigsten Lebensjahr stehenden Julie Roger ernannt. Eva von Metzler gehörte weder der NSDAP noch sonst irgendeiner nationalsozialistischen Organisation an und stand der Hitler-Diktatur fern.

Dok.. Eine aufwändige Urkunde für eine großzügige Spende an die NSV von 1935. Die „Oberste Leitung“ der Parteiorganisation der NSDAP ließ diese Urkunde aus Berlin übersenden. Unterzeichnet ist dieses Dokument, wenn auch nur in Faksimile, von Erich Hilgenfeldt, dem Leiter der NS-Volkswohlfahrt (NSV).

Dok.. 1939 fiel die Spende nicht so großzügig aus. Dementsprechend bescheidener ist auch die Urkunde.




Entscheidungen des Pflegamts wurden seit Februar 1938 ausweislich der Sitzungsprotokolle nicht mehr von dem Gremium beschlossen, sondern vom Stiftungsleiter nach Anhörung der Pfleger „verfügt“. Auf die im Vorjahr erlassene „Ortssatzung für die Verwaltung der öffentlichen milden Stiftungen“ gestützt, hatte Oberbürgermeister Krebs am 1. März 1938 Stadtkämmerer Friedrich Lehmann zum Leiter und Stadtrat Bruno Müller zum stellvertretenden Leiter des auf Gründungen im 13. Jahrhundert zurückgehenden St. Katharinen- und Weißfrauenstifts bestimmt. Die Nationalsozialisten hatten den parteilosen Lehmann, obwohl er Freimaurer und Mitglied der Liga für Menschenrechte war, 1933 im Amt des Stadtkämmerers belassen, weil sie angesichts der prekären Frankfurter Haushaltslage nicht auf den Sachverstand des Spitzenbeamten verzichten konnten. Stadtrat Bruno Müller hatte bis 1933 mit der Deutschen Volkspartei sympathisiert und war dann wenige Tage, bevor am 1. Mai 1933 eine Aufnahmesperre für die NSDAP verfügt wurde, in die Hitlerpartei eingetreten.
Der „Führer-Kult“ fand selbst in den Gesuchen um Renten des St. Katharinen- und Weißfrauenstifts seinen Niederschlag. In einem am 2. Mai 1938 aufgesetzten weitschweifigen Bittbrief erklärte Frieda L. gegenüber Oberbürgermeister Krebs: „... ich habe meinen ganzen Trost und Vertrauen auf meinen lieben Führer gesetzt, den uns der liebe Gott geschickt hat, denn was wären wir Alle ohne ihn? Und was er uns versprochen hat, bei seiner letzten Rede wieder in der Festhalle, wo ich ihn persönlich sah, das weiß ich, dass er es hält.“ Im wirklichen Leben hatte sich die ehemalige Bedienstete der Stadt, die mit ihrer monatlichen Rente von 49 Reichsmark nicht auskam, vor 1934 bereits mehrfach ohne Erfolg um eine Stelle als „Stiftsfrau“ beworben. Jetzt ersuchte die 63 Jahre alte Frankfurterin Krebs um eine Erhöhung des städtischen Ruhegeldes oder um Aufnahme als „Stiftsdame“ beim St. Katharinen- und Weißfrauenstift. Frieda L. sollte nicht in den Genuss einer Stiftsrente kommen. Von den fast 400 Bewerbungen im Jahr 1938 konnten nur 62 berücksichtigt werden.
Vor dem Beginn der schweren Luftangriffe im Zweiten Weltkrieg zählten im März 1943 in Frankfurt 77 bebaute Liegenschaften zum Besitz des St. Katharinen- und Weißfrauenstifts. Der über den Stadtkreis Frankfurt und 15 weitere Gemarkungen verstreute Grundbesitz umfasste mehr als 755 Hektar. Der stiftungseigene Hausbesitz wurde bei den Großangriffen 1943/44 schwer in Mitleidenschaft gezogen. Bis zum Kriegsende blieb nicht eine einzige der 77 bebauten Liegenschaften der Stiftung unversehrt – über fünfzig wurden vollständig oder schwer zerstört.
Die Renten der Stiftsfrauen waren sicher. Unter Anspannung aller Kräfte gelang es der Verwaltung selbst in den letzten Kriegsmonaten die Auszahlungstermine einzuhalten. Im Juni 1944 stand eine routinemäßige Überprüfung der Stiftsfrauen an. Weil sich jedoch von 447 Stiftsfrauen 228 außerhalb Frankfurts aufhielten oder evakuiert worden waren, verständigten sich Verwaltungsdirektor Wackernagel und Stiftungsleiter Lehmann zunächst darauf, die Kontrollen für die Dauer des Krieges auszusetzen.
Anstelle einer anonymen Fragebogenaktion wurde im September 1944 Eva von Metzler damit beauftragt, die Stiftsdamen in Frankfurts näherer Umgebung persönlich aufzusuchen und deren Lebensumstände zu überprüfen.
In den Wirren der letzten Kriegsmonate besuchte von Metzler 32 Stiftsfrauen. „Im allgemeinen“, so Metzler in einem Zwischenbericht, „habe ich den Eindruck, dass man praktisch wenig helfen kann, dass die Besuche aber doch ihren Sinn haben, wenn man die große Freude und Dankbarkeit sieht, die sie auslösen.“ Eva von Metzler setzte die auswärtigen Besuche noch bis Anfang März 1945 fort, dann wurden die Überprüfungen aus Sicherheitsgründen auf in Frankfurt lebende Stiftsfrauen beschränkt.



Literatur
  • Thomas Bauer: Das Alter leben. Die Geschichte des Frankfurter St. Katharinen- und Weißfrauenstifts, hrsg. vom St. Katharinen- und Weißfrauenstift, Frankfurt a. M. 2003

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