„… verzweifelte Menschen“: Hedwig und Rosette Kracauer

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„Wir leben doch nicht normal, wenn wir auch äusserlich so tun als ob, zur richtigen Zeit essen, uns zu Bett legen, aufstehen, Sachen einholen, zerrissene Dinge ausbessern, Briefe Schreiben, nötige Besuche machen und solche empfangen ... Im Innern sind wir verzagte, verzweifelte Menschen, die nicht aus noch ein wissen.“
Hedwig Kracauer, 21. November 1938

Hedwig und Rosette Oppenheimer kamen 1862 beziehungsweise 1867 in Frankfurt am Main zur Welt. Der Vater Falk Aron, genannt Ferdinand, Oppenheimer war Inhaber eines Manufakturwarengeschäftes; später arbeitete er als Börsenmakler. Mit seiner Ehefrau Friederike Oppenheimer bekam er insgesamt sieben Kinder.

Schwestern heiraten Brüder
In den 1880er Jahren heirateten die beiden Schwestern Isidor und Adolf Kracauer, zwei Brüder aus Sagan in Niederschlesien. Mit ihrem Ehemann Isidor übernahm Hedwig Kracauer 1885 die ehrenamtliche Leitung der „Julius und Amalie Flersheimschen Stiftung“, einer Anstalt zur Erziehung verwaister und halbverwaister jüdischer Knaben. Das kinderlose Paar führte ein geselliges, liberal eingestelltes Haus. Isidor Kracauer lehrte von 1875 bis 1919 Geschichte, Deutsch und Erdkunde am Philanthropin. Er gehörte dem Vorstand des Frankfurter Vereins für Geschichte und Landeskunde an. Zu seinen bekannteren Veröffentlichungen zählten das „Urkundenbuch zur Geschichte der Juden in Frankfurt. 1150-1400“ (1911 und 1914) und die „Geschichte der Juden in Frankfurt [1150-1824]“ (1925 und 1927). Es erschien posthum und gilt noch heute als Standardwerk. Hedwig Kracauer bereitete das Manuskript zur Veröffentlichung vor.
Adolf Kracauer arbeitete als Handelsreisender, zuletzt für eine Pariser Tuchfirma. 1889 brachte Rosette Kracauer mit Sohn Siegfried das einzige Kind des Paares zur Welt; er wurde später als Redakteur der Frankfurter Zeitung, Soziologe, Philosoph und Filmkritiker berühmt. Da der Ehemann berufsbedingt oft auf Reisen ging, band sich Rosette Kracauer eng an ihren Sohn. Dieser wiederum suchte intellektuell die Nähe von Tante und Onkel. Nach dem frühen Tod des Vaters und bis zu seinem Umzug nach Berlin 1930 teilte sich Siegfried Kracauer mit seiner Mutter die Wohnung in der Sternstraße 29.

1933 und die Folgen
Wenige Stunden nach dem Berliner Reichstagsbrand am 27. Februar 1933 verhafteten die Nationalsozialisten bekannte Regimegegner. Siegfried Kracauer und seine Ehefrau Elisabeth flüchteten umgehend nach Paris. Dort mussten zunächst schriftliche Formalitäten erledigt werden. Hedwig Kracauer gab Hilfestellung aus Frankfurt und klärte den Neffen mit Daten und Fakten über die Geschichte seiner Familie auf.
Nach der „Machtergreifung“ hatten beide Frauen die von den Nationalsozialisten ausgehende Gefahr sofort klar erkannt. Die Flucht aus Frankfurt war damals allerdings noch kein Thema. Erst die Ausschreitungen während des November-Pogroms 1938 veranlassten die Schwestern, panikartig die Ausreise zu Siegfried Kracauer nach Frankreich zu forcieren. Doch dafür war es inzwischen zu spät. Vergeblich bemühte sich Siegfried Kracauer, Mutter und Tante die Ausreise ins benachbarte Frankreich zu ermöglichen.
Ab 1936 wohnten die Schwestern zusammen in der Kronberger Straße 47. Dort ließen sie eine Fotoserie anfertigen, vermutlich um Siegfried Kracauer im fernen Paris über ihre momentane Lebenssituation zu informieren. Die Bilder zeigen die eher häusliche Rosette und die intellektuelle Hedwig auch bei den ihnen typischen Verrichtungen. Ihre Schreibmaschine war für Hedwig Kracauer das wichtigste Arbeitsutensil. Technische Defekte ärgerten sie stets maßlos. An ihren Neffen schrieb sie 1936: „Leider erlaubt meine Maschine immer noch kein glattes Schreiben, der Mechaniker hat jetzt die Randsteller nicht repariert. Das hält sehr auf und ärgert mich bei jeder neuen Zeile.“ Ende 1941 wurde sie gezwungen, das Gerät abzugeben. Von dem Verlust zeugen letzte, mit der Hand geschriebene Briefe. Ab Sommer 1941 mussten beide Frauen wiederholt die Wohnung wechseln. Im Juli 1941 waren sie in der Liebigstraße 19, ab 3. November 1941 in der Eysseneckstraße 41 und ab 15. November 1941 im Jüdischen Altersheim, Sandweg 7, registriert. Das Hausstandsbuch vermerkte den letzten Umzug der Frauen, die zwischenzeitlich den Zwangsnamen „Sara“ annehmen mussten. „Ach, wenn wir auch noch eines Tages Reisevorbereitungen treffen könnten, wir möchten Euch noch einmal wiedersehen“, schrieb Hedwig Kracauer am 14. August 1941 an ihren Neffen.

Deportation und Tod
Am 18. August 1942, einem Dienstag, wurden 1.022 vornehmlich alte Menschen aus Frankfurt in das Ghetto Theresienstadt verschleppt, darunter die 80jährige Hedwig Kracauer und ihre 75jährige Schwester Rosette. Auch Rabbiner Leopold Neuhaus, Oberkantor Nathan Saretzki und Alfred Weil vom Vorstand der Jüdischen Gemeinde gehörten zu diesem Transport. Mehr als die Hälfte der Betroffenen wohnten bis dahin in den zehn jüdischen Altersheimen, so wie Hedwig und Rosette Kracauer im Sandweg 7. Als Sammelstellen dienten die „Gestapo-Haftstätten“ Rechneigrabenstraße 18-20 und Hermesweg 5-7. Zum Teil brachte der Leichenwagen der Jüdischen Gemeinde die Menschen zu diesen Heimen. Von dort wurden sie auf Last- und Leiterwagen zur Großmarkthalle transportiert, wo hinter dem Ostflügel die Bahnwaggons nach Theresienstadt bereitstanden. Elf Personen starben bereits während der eintägigen Fahrt. Bei großer Hitze soll der Zug in Theresienstadt angekommen sein. Aufzeichnungen eines Häftlings zufolge wurden die Frauen nackt inspiziert und vermutlich nach Wertsachen durchsucht. Nur 17 Verschleppte dieses Transportes erlebten im Mai 1945 die Befreiung.
Hedwig und Rosette Kracauer blieben nur knapp einen Monat in Theresienstadt. Am 26. September 1942 wurden die beiden alten Damen unter den Transportnummern „Br-898“ und „Br-114“ in das Vernichtungslager Treblinka verschleppt und wahrscheinlich sofort vergast. Ende März 1941 gelang Siegfried Kracauer und seiner Ehefrau Elisabeth im letzten Moment die Flucht von Lissabon nach New York. Bis zum Schluss hatte er versucht, über das amerikanische Rote Kreuz Kontakt nach Frankfurt zu halten. Am 18. August 1942, dem Deportationstag von Mutter und Tante, bedankte er sich noch überschwänglich bei der Institution für die Weitergabe eines Briefes seiner Mutter – nicht wissend, dass dies das letzte Lebenszeichen seiner Angehörigen war.
Nach Kriegsende, am 8. August 1949, schrieb Siegfried Kracauer an Bernhard Guttmann: „... ich fuehlte mich noch auf lange Zeit gelaehmt, wann immer es galt, liebe Verbindungen wieder aufzunehmen, die unvermeidlicherweise Wunden der Vergangenheit aufrissen. Meine alte Mutter und Tante wurden frueh im Krieg von Frankfurt nach Theresienstadt deportiert. 1945 erfuhren wir, dass sie von dort nach Polen verschleppt worden seien. Das ist alles, was wir wissen, und es genuegt für unser ganzes Leben.“
An der Hausfassade Sternstraße 29 erinnert eine Gedenktafel an Siegfried Kracauer. Rosette und Hedwig Kracauer sind mit Namensblöckchen an der Gedenkstätte Neuer Börneplatz verewigt.



Literatur
  • Ingrid Belked / Irina Renz (Bearb.): Siegfried Kracauer 1889-1966, Marbacher Magazin 47, Marbach am Neckar 1988.
  • Jüdisches Museum Frankfurt (Hg.), „Und keiner hat für uns Kaddisch gesagt …“. Deportationen aus Frankfurt am Main 1941 bis 1945, Frankfurt am Main 2005, besonders den Katalogteil von Heike Drummer / Jutta Zwilling, S. 278-289.

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    Impressum © Stadt Frankfurt am Main. Text erstellt 2011, aktualisiert am: 26.10.2015