Kulturmorphologie, die erste Frankfurter Schule

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Die Frankfurter Schulen
Unter dem Namen „Frankfurter Schule“ wurde in den 1950er Jahren das Frankfurter Institut für Sozialforschung bekannt. Doch bereits in den 1930er Jahren tauchte dieser Begriff für das Institut für Kulturmorphologie in Frankfurt am Main auf. Nach Cancik (1986) bezeichnete Karl Kerény 1934 ein Werk, das in der Reihe der „Frankfurter Studien“ erschienen war, als eine Arbeit aus Walter F. Ottos „Frankfurter Schule“. Dieser und Leo Frobenius, die freundschaftlich verbunden waren, vetraten einen Wissenschaftsansatz, den sie Kulturmorphologie nannten.
Beide Frankfurter Institute waren Privatunternehmungen, die in einer lockeren Anbindung an die Universität eine gewisse akademische Legitimität suchten, aber auch unabhängig bleiben wollten. Auch wurden beide im Hinblick auf den Forschungsgegenstand und die Forschungsmethode angezweifelt. Sie unterschieden sich jedoch in der Finanzierung und im Forschungsfeld. Das Institut für Sozialwissenschaft war finanziell gut ausgestattet und beschäftigte sich mit der westlichen Gesellschaft, das Institut für Kulturmorphologie war meist verschuldet und untersuchte hauptsächlich afrikanische Gesellschaften: „in einer saloppen Weise könnte man vom Institut für Sozialforschung als einem Institut für Rationalismus, dem Institut für Kulturmorphologie als einem Institut für Irrationalismus sprechen“ (Schivelbusch, S. 27).

Seit 1938 erscheint die von Leo Frobenius begründete Zeitschrift „Paideuma“. Diese Seite aus dem ersten Heft zeigt die geographische Verbreitung von Motiven aus Volksmärchen.


Kulturkreislehre
Frobenius’ befasste sich mit seiner Kulturkreislehre mit auffälligen ethnographischen Parallelen, die im 19. Jahrhundert diskutiert wurden, z. B. Beschneidungsrituale in so unterschiedlichen Regionen wie Australien und Westafrika oder im Judentum. Die Evolutionisten versuchten dies durch Entwicklungsstufen zu erklären, die alle Völker zwingend durchleben müssten. Auf der anderen Seite gingen die Diffusionisten davon aus, dass sich durch frühe Kontakte zwischen Völkern übereinstimmende Kulturelemente verbreiteten; ihnen schloss sich Frobenius an und erweiterte die Theorie: Es gäbe nicht nur einzelne Kulturelemente, die durch Wanderungen im direkten oder indirekten Kontakt von Kultur zu Kultur gekommen waren, sondern eine ganze Fülle von Kulturelementen, die gemeinsame Kulturkreis ausmachten. Möglich waren nach Frobenius diese Kontakte nicht nur in historischer, sondern auch in prähistorischer Zeit. Die Verbreitung von Kulturelementen hielt er auf Karten fest, von denen er ganze Serien herstellte, um ein dynamisches „Kartenerlebnis“ vermitteln zu können (Straube).
Frobenius entwickelte im Laufe der Zeit immer stärker eine gesamtheitliche Sicht, statt von Kulturkreisen sprach er immer mehr von Kulturen. Er arbeitete lebendige kulturelle Einheiten heraus, deren Kulturstil er beschrieb. Hierfür ging er später von zwei in Afrika verwurzelten Basiskulturen aus, der hamitischen und der äthiopischen. Der hamitischen Kultur ordnete er die Jagd, die Gier und durch den Hang zum Machbaren, die Energie zur Welteroberung zu. Die äthiopische Kultur sah er in Verbindung mit Religiosität, Sesshaftigkeit, Ackerbau und Moralität.

Begleitheft zu einer Ausstellung des Instituts für Kulturmorphologie im Bundespalais (heute Palais Thurn und Taxis).


Kulturmorphologie
Neben der vergleichenden Forschung in der Kulturkreislehre entwickelte Frobenius ein Kulturverständnis, das einzelne Kulturen als lebendige Organismen begriff, deren Betrachtung er Kulturmorphologie nannte. Darin verglich er Kulturen mit Saatkörnern, die heranwachsen, reifen, altern und sterben. In diesem Bilde bezeichnet er die Kindheit als „Ausdruck“ oder „Ergriffenheit“, die Jugend als „Eingliederung“, das Mannesalter als „Anwendung“ und das Greisenalter als „Abnutzung“. Besondere Bedeutung hat der Zustand der Ergriffenheit. In ihm erlebt der Mensch, bzw. die Kultur, die Wirklichkeit und stellt sie nachvollziehend dar, er gibt ihr Ausdruck. Jede Kulturgestaltung ist anfangs demnach Ausdruck eines Erlebnisvorganges und niemals Ergebnis eines kausal-logischen, zweckgerichteten Denkprozesses (Straube). Bedeutende Faktoren solcher Erlebnisvorgänge sind die natürliche Umwelt und somit der geographische Raum. In der Rasse, d. h. der biologischen Herkunft sieht er keinen prägenden Faktor, er spricht sogar recht abschätzend von der „verblödeten Rassensucht“ (zit. n. Straube).
Ein weiterer zentraler Begriff der Frobeniusschen Lehre ist das Paideuma, welches er jedoch nie klar definierte. Straube: „Man geht wohl nicht fehl, in dem so genannte Paideuma das geistig-seelische Potential einer Kulturgemeinschaft zu sehen […]“. Sowohl Geräte des täglichen Gebrauchs sind geprägt vom Paideuma, wie auch das persönliche Genie und das Denken und Fühlen des Volkes sein Ausdruck sind.
Gemäß seines Phasenmodells teilte Frobenius auch die Weltgeschichte in Schöpfungsperiode (Kindheit), Gestaltungsperiode (Jugend) und Erfüllungsperiode (Mannesalter). Auch die Religionsethnologie, die Jensen nach Frobenius’ Tod entwickelte, basierte mit den Begriffen „Ergriffenheit“, „Ausdruck“ und „Anwendung“ auf diesem Drei-Phasen-Modell. Als Beginn jeder Religion sah Jensen die gefühlsmäßige Ergriffenheit von einer Idee über das Sosein der Welt. Diese Erfahrung findet ihren Ausdruck in den mythischen Schöpfungen einer jeden Kultur. Als Beispiel führte er die Dema-Gottheiten an, Urzeitwesen, die von Menschen getötet, zerstückelt und begraben wurden. Aus den Leichenteilen entstanden wiederum Nahrungspflanzen. Hier wird die Erfahrung thematisiert, dass der Tod die Voraussetzung für den Fortbestand des Lebens ist (Kohl). Diese Weiterentwicklung der Kulturmorphologie fand in der Nachkriegszeit jedoch keine Resonanz.


Literatur
  • Hubert Cancik, Dionysos 1933. W.F. Otto, ein Religionswissenschaftler und Theologe am Ende der Weimarer Republik, in: Richard Faber/Renate Schlesier (Hg.), Die Restauration der Götter. Antike Religion und Neo-Paganismus, Würzburg 1986.
  • Ad. E. Jensen, Leo Frobenius. Leben und Werk. In: Paideuma, 1938/40 Band 1, S. 45-58.
  • Karl-Heinz Kohl, Adolf Ellegard Jensen, in: Christian F. Feest/Karl-Heinz Kohl (Hg.), Hauptwerke der Ethnologie, Stuttgart 2001.
  • Meinhard Schuster, Museum und Institut. Zu Genealogie und Vernetzung der Frankfurter Ethnologie 1904-1965, in: Karl-Heinz Kohl/Editha Platte (Hg.), Gestalter und Gestalten, Frankfurt am Main/Basel 2006.
  • Wolfgang Schivelbusch, Intellektuellendämmerung. Zur Lage der Frankfurter Intelligenz in den zwanziger Jahren, Frankfurt am Main 1985.
  • Helmut Straube, Leo Frobenius (1873–1938), in: Wolfgang Marschall (Hg.), Klassiker der Kulturanthropologie, München 1990.
  • Bernhard Streck, Entfremdete Gestalt. Die Konstruktion von Kultur in den zwei Frankfurter Denkschulen, in: Thomas Hauschild (Hg.), Lebenslust und Fremdenfurcht. Ethnologie im Dritten Reich, Frankfurt 1995.

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