„Halt, hier jüdische Badezone!“: Das Licht- und Luftbad Niederrad

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So stimmungsvoll die von vielen als kleine grüne Oase empfundene Maininsel am Niederräder Ufer 10 auf den ersten Blick anmutet, so birgt die Geschichte des traditionsreichen Strandbad Niederrad doch enge Bezüge zu den Verbrechen der Nationalsozialisten.

Geschaffen im Streben nach Volksgesundheit
Seine Existenz verdankt das Licht- und Luftbad dem Streben nach Volksgesundheit seit der Wende zum 20. Jahrhundert. Als die drei größten „Ärzte“ galten damals Luft, Wasser und Gymnastik. Zunächst engagierten sich meist vermögende Bürger durch Stiftungen für das Gemeinwohl. Vielfach halfen sich die Frankfurter aber selbst und gründeten Vereine, beispielsweise zum Betreiben des Lichtluftbades Sachsenhausen. Nach dem Ersten Weltkrieg begann in der Mainmetropole verstärkt der Bau großzügiger Einrichtungen zur Naherholung breiter Bevölkerungsschichten durch die Kommune. Dazu gehörten unter anderem die beliebten Niddabäder Hausen, Eschersheim und Brentano. Nach den Intentionen der ausdrücklich demokratischen, an Massenbedürfnissen orientierten Stadtplanung sollten den in engen, oftmals baufälligen und unhygienischen Wohnungen lebenden Großstädtern nicht nur neue Quartiere in vorbildlichen Siedlungen, sondern auch erschwingliche Möglichkeiten zur Gesunderhaltung geboten werden: Schließlich konnten sich nur wenige Menschen eine Urlaubsreise leisten.
Während die nördlichen Quartiere Anfang der 1920er Jahre nicht nur durch die genannten Bäder recht gut versorgt waren, mussten die rund 80.000 südlich des Mains lebenden Frankfurter mit dem Lichtluftbad vorlieb nehmen. Deshalb eröffnete die Stadt 1925 an der Niederräder Schleuse ein neues Strandbad, das in der Saison sogleich zwischen 1.200 und 1.500 Gäste pro Tag anzog. Schon vorher hatten an diesem Ort Niederräder Schüler Schwimmunterricht erhalten. Nun aber gab es im Badehaus Umkleidekabinen und Duschen sowie Turngeräte und einen Rundlauf – alles ordentlich eingezäunt. In einem doppelstöckigen „schmucken Restaurant“ mit umlaufender Terrasse war zu „zivilen Preisen“ alles zu haben, was das Herz begehrte. Seine traurigen Reste befinden sich heute auf dem Gelände des Campingplatzes, der damals noch zum 300 Meter langen „Strombad an der Schleuseninsel“ gehörte. Diese Insel bescherte damals – ganz ohne Bäume und Grün – die „Illusion des Seebades“: „Sand, Sand, wohin das Auge blickt“, wie die zeitgenössische Presse berichtete, den das letzte Mainhochwasser reichlich angeschwemmt hatte. Deshalb waren wohl auch die abgegrenzten Schwimmbereiche nicht tief genug, so dass sie als „großes Planschbecken“ verspottet wurden. Trotzdem diente das Bad von Beginn an auch der „dienstlichen Schwimmausbildung“ der Polizei. Heute kaum vorstellbar: Der Main führte dort das sauberste Wasser, da das Wehr groben Unrat abhielt und das kühle Nass gut „durchlüftet“ wurde. Die wenig idyllische Aussicht auf die Silos des Westhafens zog damals allerdings ebenso Kritik auf sich, wie die „polternd über die Brücke“ donnernden Züge an den Ausläufern des heutigen Campingplatzes.

Letzte Bademöglichkeit für Frankfurter Juden
Eine 1984 angebrachte Gedenkplakette des Künstlers Günter Maniewski erinnert an das hier eingerichtete „Judenbad“. Kaum waren im September 1935 die diskriminierenden „Nürnberger Rassegesetze“ verkündet worden, mit denen als Juden Verfolgte ihre Bürgerrechte verloren hatten und die Ehe wie die außereheliche Liebe zwischen ihnen und „Ariern“ verboten wurde, schloss Frankfurt am Main Juden im Mai 1936 vom Besuch aller öffentlichen Bäder aus. Einzige Ausnahme: das Strandbad Niederrad. „Versuchsweise“ verpachtete der Magistrat die Einrichtung an die Jüdische Gemeinde. Die Stadt erwarb sich damit als Vorreiterin unrühmliche Meriten – übrigens ebenso wie Düsseldorf und das Land Baden. Denn in vielen Kommunen, darunter Berlin, war Juden damals noch nicht der Besuch der öffentlichen Badeanstalten untersagt. Darüber konnte keineswegs hinwegtrösten, dass bei der „angeordneten Absonderung der Juden nicht schikanös verfahren“ werden sollte. Es wird wohl ein Geheimnis der Nationalsozialisten bleiben, wie dieser Anspruch eingelöst wurde. Schon allein die schimpfwortartige Verwendung des Begriffs „Judenbad“, im jüdischen Selbstverständnis Ort ritueller Waschungen, beleidigte die jüdischen Frankfurterinnen und Frankfurter und ihre religiösen Empfindungen.
Die Jüdische Gemeinde scheint den ausgrenzenden Beschluss wegen vorausgegangener Übergriffe und Pöbeleien gegenüber jüdischen Badegästen akzeptiert zu haben. Bot die Einrichtung doch für viele Verfolgte „einen Rest Normalität und Zuflucht“, wie Stadträtin Linda Reisch bei der Enthüllung der Gedenktafel sagte. Und natürlich war der Zuspruch immens, obwohl das Bad von den traditionellen jüdischen Vierteln im Osten und Westen der Stadt weit entfernt lag. 1936 kamen fast 37.000 Badegäste, im Jahr darauf sogar knapp 54.000. Die bei Wettkämpfen nicht mehr erwünschten jüdischen Sportler trugen hier 1936 beispielsweise eine Paddel- und Ruderregatta aus. Viele jüdische Kinder und Jugendliche, die sich häufig schon auf dem Schulweg mit prügelnden Hitler-Jungen konfrontiert sahen, konnten im Niederräder Strandbad ohne Angst vor Anfeindungen spielen und sich ein wenig entspannen. Aber gesellschaftsfähig war das Bad nicht mehr. Ein ausführlicher Bericht der „Frankfurter Wochenschau“ vom Juni 1937, der Frankfurt wegen seiner Lage an Main und Nidda „zu einer der gesündesten Städte des Binnenlandes“ erklärte und alle Bäder der Stadt stolz vorstellte, ließ das Strandbad Niederrad einfach unter den Tisch fallen. Denn badende Juden passten nicht in die mühsam konstruierte Tradition, nach der schon „bei den alten Germanen die natürlichen Flussbäder zu den Lebensgewohnheiten“ gehört hatten.
Obwohl Juden inzwischen aus fast allen Berufen verdrängt und ihrer ökonomischen Grundlagen weitgehend beraubt waren, erregte das „Judenbad“ den Neid und die Begehrlichkeit vieler „arischer“ Frankfurter. Im Sommer 1938 hieß es bereits, es sei „in der heutigen Zeit nicht mehr vertretbar, dass die Stadt für die Juden ein eigenes Bad unterhalte“ und die Niederräder „ihr altes Mainbad den Juden überlassen“ müssten. Zudem käme es an heißen Tagen, wenn die Straßenbahnen „nach und von Niederrad derart von Juden angefüllt“ seien, „oft zu unliebsamen Vorfällen“. „Die Beschwerden aus der Bevölkerung über die Benutzung des Strandbades Niederrad durch die Juden nehmen von Tag zu Tag zu“, schrieb der NSDAP-Kreisleiter an Oberbürgermeister Friedrich Krebs. Vor allem die auf dem heute von einem Campingplatz belegten Nachbargelände und vermutlich Anfang der 1930er Jahre dort bereits untergebrachte Marine-Standarte 34 von SA und Hitler-Jugend (HJ) erhob Anspruch auf das Strandbad. Aber der Oberbürgermeister fällte in der Badesaison 1938 keine Entscheidung mehr. Bis Ende Juli nutzen nochmals 22.000 Badende die Gelegenheit, sich am Main zu erholen – es sollte die letzte sein. Insgesamt zahlten die jüdischen Badegäste 40.000 RM Eintritt, die der Stadt zu Gute kamen.

SA-Bad
Wenige Tage vor dem Pogrom 1938 verfügte Krebs am 2. November, das Strandbad Niederrad solle „im nächsten Jahr den Juden nicht mehr zur Verfügung gestellt werden“. Sofort begann das Gerangel um die künftige Nutzung, bei dem die bereits erwähnte Marine-Standarte 34 im Vorgriff auf die erwartete Übergabe einen 32 Meter langen Bretterzaun zu ihrem Gelände niederriss und die Insel in Besitz nahm. Dennoch versuchte die Jüdische Gemeinde noch im Sommer 1939, Krebs davon zu überzeugen, „welch dringendes Bedürfnis“ bestehe „ein städtisches Strandbad auch in diesem Jahr zur Benutzung für Juden freizugeben“. Letztlich vergeblich. Die SA-Gruppe Hessen setzte sich tatsächlich gegen die Anträge „arischer“ Vereine und anderer NS-Gliederungen, darunter auch die SS, durch und erhielt im Mai 1939 einen Mietvertrag von der Stadt. Damit war aus dem „Judenbad“ ein „SA-Bad“ geworden. Ein Teil des früheren Schleusenbeckens durften Vereine nutzen; SS wie HJ kamen ebenfalls zum Zuge.

Nachkriegsgeschichte
Nach dem Krieg ging es mit dem Badebetrieb weiter, als wäre nichts geschehen. Bis Ende der 1960er Jahre immer mehr tote, halbverweste Fische angeschwemmt wurden und das Wasser für das Baden zu schleimig wurde. Wegen Salmonellengefahr musste das Strandbad 1967 schließlich geschlossen werden. Ein engagierter Bürger rettete kurz darauf das Gelände vor dem Zugriff des angrenzenden Campingplatzes und kümmerte sich jahrelang ehrenamtlich um die Erhaltung der Anlage. Sein Durchhaltevermögen zeitigte Erfolg. Ab 1978 gab es wieder eine Bewirtschaftung auf der zwangsläufig zum Licht- und Luftbad gewordenen Insel.


Literatur und Quellen
  • Heike Drummer/Jutta Zwilling, Licht- und Luftbad Niederrad, in: Deutsche Bank AG (Hg.), Ayºe Erkmen / Shipped Ships I. Frankfurt am Main 2001, S. 14-22.
  • „Halt, hier jüdische Badezone!“, in Klaus Heuer, Wetterleuchten. Niederrad von 1930-1950, hrsg. von der Evangelisch-Lutherischen Zacchäusgemeinde, Frankfurt am Main 1988, S. 44f.
  • Institut für Stadtgeschichte S3/G 16.161: Licht- und Luftbad Niederrad; Magistratsakte 7303/1.
  • Irmal Meier, „Eine Oase in der Großstadt“ – das Licht- und Luftbad Niederrad. Ein Sommer auf der Insel, in: Ina-Maria Greverus/Johannes Moser/Kirsten Salentin (Hg.), STADTgedanken aus und über Frankfurt am Main. Der Stadt Frankfurt am Main zum 1200. Geburtstag, Frankfurt am Main 1994, S. 395-414.
  • Das Strandbad Niederrad, in: Werner Hardt, Niederrad in Wort und Bild – von 1128 bis heute! Die Geschichte Niederrads und Geschichten aus Niederrad, hg. vom Bezirksverein Niederrad e. V., Frankfurt am Main 2007, S. 101-104.
  • Wolfgang Wippermann, Das Leben in Frankfurt zur NS-Zeit, Bd. 1, Frankfurt 1986, S. 80-82, 182-188.

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