Der braune Magistrat: Werner Fischer-Defoy

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Werner Fischer-Defoy, Gemälde von Emil Dielmann, um 1936. Auf dem linken Revers war ursprünglich das NSDAP-Abzeichen zu sehen, das später übermalt wurde.

Ein weiteres städtisches Dezernat, das neben denjenigen von Oberbürgermeister, Bürgermeister und Personaldezernent vakant wurde, weil die Nationalsozialisten den Amtsinhaber entlassen hatten, war das Amt für Gesundheit und Fürsorge. Der Posten des 1933 beurlaubten SPD-Stadtrats, Bürgermeisters und Arztes Dr. Karl Schlosser wurde im Oktober desselben Jahres mit dem Stadtmedizinalrat Dr. Werner Fischer-Defoy besetzt. Der aus einer Arztfamilie stammende, 1880 in Magdeburg geborene Fischer-Defoy hatte nach Abitur und Studium zunächst eine Zeitlang als Schiffsarzt gearbeitet und sich dann in seiner Assistentenzeit auf Pathologie spezialisiert, bis er sich 1908 in Quedlinburg als praktischer Arzt mit eigener Praxis niederließ. Dort widmete er sich vor allem der Tuberkulosefürsorge und der medizinischen Versorgung und Untersuchung von Prostituierten. Nach der Kreisarztprüfung trat er im Mai 1913 eine Stelle als Direktoralassistent am National-Hygiene-Museum in Dresden an.
Im April 1919 kam er als Stadtschularzt nach Frankfurt. Drei Jahre später war er als Stadtmedizinalrat und Leiter des Referats C im Gesundheitsamt für das Wohlfahrtsarztwesen, die Abteilung Geschlechtskrankheiten, die Psychopathenfürsorge, Hygiene-Aufklärung und Ärztefortbildung verantwortlich. Sein damaliger Vorgesetzter, Stadtrat Schlosser, bescheinigte ihm verwaltungstechnisches Geschick, hohe Intelligenz und Beherrschung der Fachliteratur. Er hielt ihn für einen idealen Sozialhygieniker und Stadtarzt.
1933 war Fischer-Defoy der eigentliche Profiteur des Machtwechsels im Gesundheitsamt. Er trat die Nachfolge seines Vorgesetzten als Stadtrat an, auch wenn er später betonte, er sei lediglich seiner Qualifikation und nicht seiner Parteimitgliedschaft wegen in dieses Amt gelangt. Fischer-Defoy war seit 1929 Mitglied der NSDAP (Nr. 150.641) und von 1929 bis 1931 der SA. Seine SPD-Kollegen jedoch hatten den Dienst quittieren müssen. Aus Sicht der Nationalsozialisten war die Entscheidung für Fischer-Defoy naheliegend und konsequent: Er besaß Erfahrung, kannte als langjähriger Mitarbeiter des Gesundheitsamts die dortigen Verhältnisse genau und konnte als überzeugtes Parteimitglied die Gewähr dafür bieten, daß die städtische Gesundheits- und Fürsorgepolitik von nun an im Einklang mit den nationalsozialistischen Vorstellungen betrieben wurde. Sein Forschungsinteresse hatte sich im Laufe der Jahre immer mehr in Richtung Sozial- und Rassehygiene verschoben. In Publikationen zu diesem Thema vertrat er zwar keine besonders extremen Ansichten, die Äußerungen bewegen sich durchaus im Rahmen der damals üblichen Theorien. Aber von den von ihm vertretenen Positionen war es nicht weit zu einer im nationalsozialistischen Sinn verstandenen Fürsorgepolitik.
Während Stadträte wie Friedrich Lehmann ihre Publikationstätigkeit während der Zeit des Nationalsozialismus beinahe völlig einstellten, vertrat Fischer-Defoy seine Ansichten in diesen Jahren auch in einschlägigen nationalsozialistischen Zeitschriften mit Artikeln wie „Die erbbiologische Aufbauarbeit des Frankfurter Stadtgesundheitsamtes“. Die „Erb- und Rassenpflege“ bildete in den folgenden Jahren auch eine der Hauptaufgaben des Gesundheitsamts. Neben seiner hauptamtlichen Arbeit war Fischer-Defoy als Vorsitzender der Frankfurter Ortsgruppe der „Deutschen Gesellschaft für Rassenhygiene“, als Referent für Fürsorgeangelegenheiten im Gauamt für Kommunalpolitik, aber auch im Fachausschuß VI für Wohlfahrt des Deutschen Gemeindetages aktiv.
Im Mai 1945 stand Fischer-Defoy dem städtischen Hauptuntersuchungsausschuß Rede und Antwort. Man hielt seine Weiterbeschäftigung für unproblematisch, empfahl allerdings eine Versetzung, weil seine frühe Parteimitgliedschaft in der Behörde allgemein bekannt gewesen sei. Da Fischer-Defoy aber ohnehin die erforderliche Altersgrenze erreicht hatte, schlug man vor, ihn zu pensionieren. Auf eine mögliche Verstrickung des Stadtrats in die nationalsozialistische Gesundheitspolitik ging der Ausschuß nicht ein. Zumindest ansatzweise kam dieses Thema im Spruchkammerverfahren Anfang 1948 zur Sprache. Aber auch da sah man Fischer-Defoy als eine „unpolitische Natur“, die durch „zufällige Bekanntschaft“ zum Nationalsozialismus gekommen sei, seine Tätigkeit im Gesundheitsamt und damit seine Rolle in der nationalsozialistischen Gesundheitspolitik blieb damit so gut wie ausgeblendet. Die Kammer verließ sich vielmehr auf Aussagen einzelner Zeugen, die Fischer-Defoys Handeln in Einzelfällen belegten. So kam sie zu dem abschließenden Ergebnis, daß sich sein Verhalten dem Widerstand angenähert habe und stufte ihn als Grenzfall zwischen Mitläufer und Entlastetem ein.
Fischer-Defoy hatte bereits im August 1945 um Wiedereinstellung in den Dienst der Stadt gebeten, ein Wunsch, den das Personalamt für völlig abwegig hielt. Der Oberbürgermeister bekräftigte diese Einschätzung einen Monat später und lehnte auch eine Pensionierung ab, sondern bestand auf der Entlassung, was den Verlust der Versorgungsbezüge für Fischer-Defoy bedeutete. Trotz der sehr wohlwollenden Beurteilung durch die Spruchkammer gelang es ihm nicht mehr, sein Ruhegehalt zu erstreiten, da die Stadt der Auffassung blieb, er habe sein Amt einzig seiner Mitgliedschaft in der NSDAP zu verdanken gehabt. Nach einer Gesetzesänderung kam der Stadtrat a.D. ab April 1952 in den Genuss seiner vollen Versorgungsbezüge.
Werner Fischer-Defoy starb 1955 im Alter von 75 Jahren.


Literatur
  • Bettina Tüffers, Der Braune Magistrat. Personalstruktur und Machtverhältnisse in der Frankfurter Stadtregierung 1933-1945 (Studien zur Frankfurter Geschichte 54), Frankfurt am Main 2004

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