Kathi Meyer-Baer – Musikwissenschaftlerin und Bibliothekarin in Frankfurt am Main

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Kathie Meyer-Baer

Kathi Meyer-Baer wurde als Katharina Gertrud Meyer am 27. Juli 1892 in Berlin geboren. Über Kindheit und Jugend in ihrem Elternhaus ist kaum etwas bekannt. Die Tatsache aber, dass sowohl Kathi Meyer-Baer als auch ihre Schwester Dora Edinger (geb. Meyer, später ebenfalls in Frankfurt ansässig, Biographin Bertha Pappenheims) die Möglichkeit erhielten zu studieren und als jeweils eine der ersten Frauen in ihrem Fach auch zu promovieren, deutet auf eine bildungsorientierte und unterstützende Atmosphäre hin, die der Bankier Martin Meyer und seine Frau Gertrud Meyer (geb. Salinger) ihren Töchtern geboten haben müssen.
Kathi Meyer besuchte das Mädchengymnasium in Berlin-Charlottenburg und nahm Klavierunterricht bei Frieda Quast-Hodapp und Georg Bertram. Nach ihrem Schulabschluss entschied sie sich für ein Studium der Musikwissenschaft an der Berliner Friedrich-Wilhelms-Universität, wo sie neben dem Unterricht bei Johannes Wolf und Hermann Kretzschmar als zweites Fach Tonpsychologie belegte, das von Carl Stumpf vertreten wurde.
Kretzschmar lehnte 1915 Kathi Meyers Promotion mit der Begründung ab, ihre Arbeit über weiblichen Chorgesang enthalte zu wenig Fußnoten (Josephson 2008, S. 229). Daraufhin wandte sie sich an Hugo Riemann an der Universität Leipzig, wo ihre Dissertation, nach zusätzlichen Prüfungen in Physik und Philosophie, noch im selben Jahr angenommen wurde. Die Arbeit wurde 1917 unter dem Titel „Der chorische Gesang der Frauen“ veröffentlicht.
Nach einer kurzen Rückkehr nach Berlin führten erste berufliche Schritte Kathi Meyer nach München. Dort verfasste sie 1918/19 mehrere wissenschaftliche Zeitschriftenbeiträge und engagierte sich als Dozentin in der Frauenbildung.
Nachdem sie erneut kurz nach Berlin zurückgekehrt war, kam Kathi Meyer 1922 nach Frankfurt am Main, wo sie ihre erste und zeitlebens einzige, ihren Qualifikationen annähernd gerecht werdende Festanstellung erhielt: Meyer wurde Bibliothekarin und wissenschaftliche Mitarbeiterin in der Musikbibliothek Paul Hirsch. Die private Sammlung, die seit 1909 für die Öffentlichkeit zugänglich war, umfasste neben musikwissenschaftlicher Literatur eine der umfangreichsten Kollektionen von Notendrucken in Europa.
Kathi Meyer war für Katalogisierungsarbeiten und die Betreuung der Besucher zuständig. Ihre Hauptaufgabe bestand jedoch, gemeinsam mit Paul Hirsch, in der Herausgabe des auf vier Bände angelegten, umfangreich bebilderten und bibliophil ausgestatteten Katalogs der Bibliothek. Dieser war nicht nur bei Sammlern kostbarer Bücher sehr begehrt, sondern diente Musikern wie auch wissenschaftlich Arbeitenden als eines der wesentlichen musikbibliographischen Referenzwerke jener Jahre. Darüber hinaus ging Kathi Meyer auch einer ausgedehnten journalistischen Tätigkeit nach, unter anderem für die Frankfurter Zeitung, und veröffentlichte in verschiedenen Fachzeitschriften die Ergebnisse ihrer eigenen Forschungen.
1927 fand begleitend zum Konzertfestival „Sommer der Musik“ in Frankfurt am Main die Ausstellung „Musik im Leben der Völker“ statt. Kathi Meyer zeichnete als leitende Kuratorin und Herausgeberin des Katalogs wesentlich für diese Schau verantwortlich, die von den Besuchern und in der Presse gern als „musikalische Weltausstellung“ tituliert wurde. Die Ausstellung umfasste neben kulturhistorischen Aspekten von Musik auch sozialgeschichtliche, psychologische, ethnologische und technische Themen. Nach der Idee Kathi Meyers präsentierte sich die Musikwissenschaft als eine sich modernisierende Disziplin; die Ausstellung machte diese vielfältigen Zugänge zur Musik erstmals für ein größeres Publikum erfahrbar.
Möglicherweise weil sie ahnte, dass sie – als Frau und Jüdin in einer doppelten Außenseiterposition – in Deutschland keine Aussicht auf eine Stelle als Musikwissenschaftlerin an einer Universität hatte, entschloss sich Kathi Meyer Ende der 1920er Jahre, ihre bisherige Qualifikation durch eine Ausbildung als wissenschaftliche Bibliothekarin zu ergänzen, die sie an der Staatsbibliothek zu Berlin sowie in der Stadtbibliothek Frankfurt am Main absolvierte. Letztere war gemeinsam mit einigen anderen Bibliotheken für die Literaturversorgung der Frankfurter Universität zuständig.
Während sie nach der „Machtergreifung“ der Nationalsozialisten ihrer journalistischen Tätigkeit nur noch sehr eingeschränkt nachgehen konnte, war Kathi Meyer, was ihre Arbeit in der Musikbibliothek Paul Hirsch angeht, zunächst nicht von beruflichen Einschränkungen betroffen, da die Sammlung privat und im Besitz eines jüdischen Bürgers war. Paul Hirsch konnte den Bibliotheksbetrieb bis Ende 1935 aufrechterhalten; er ging 1936 nach England ins Exil. Eine versuchte Beschlagnahmung der Bibliothek durch die Behörden misslang, und Hirsch konnte – mit ganz wenigen Ausnahmen – seine Sammlung nach England ausführen und auch dort wieder der öffentlichen Nutzung zuführen. Paul Hirsch und Kathi Meyer setzten daraufhin ihre Arbeit an der Herausgabe des Katalogs der Bibliothek in jahrelangem brieflichem Austausch fort. Der letzte Band erschien 1947 in Cambridge.
Ihre Weiterbeschäftigung in Hirschs Bibliothek nach 1933 und das damit zumindest vorläufig gesicherte materielle Auskommen könnten auch der Grund dafür sein, warum Kathi Meyer in den Veröffentlichungen des Jüdischen Kulturbunds Rhein-Main/Frankfurt am Main lediglich als „Förderin“ geführt wird und weder unter den Organisatoren, noch als Autorin oder Vortragende oder etwa unter den zahlreichen Annoncen mit privaten Unterrichtsangeboten auftaucht.
1934 heiratete Kathi Meyer den Frankfurter Kaufmann Kurt Baer. Da sie dem gemeinsamen Sohn, der im Januar 1936 geboren wurde, die englische Staatsbürgerschaft ermöglichen wollte, brachte sie das Kind während eines Besuchs in England zur Welt. Dieser wurde vermutlich durch die Unterstützung und Vermittlung Paul Hirschs ermöglicht. Die Familie Meyer-Baer ging im Frühjahr 1938 zunächst ins Exil nach Paris. Dort setzte Kathi Meyer-Baer ihre wissenschaftliche Publikationsarbeit fort. Im Frühjahr 1940 gelang schließlich die Flucht in die USA. Wie in Frankfurt und auch in Paris, gelang es Kathi Meyer-Baer auch hier nicht längerfristig, eine angemessene Position an einer Forschungseinrichtung oder einer Bibliothek zu erhalten. Aus ihrem Briefwechsel mit Paul Hirsch in Cambridge geht hervor, dass sie immer wieder mit Anpassungsschwierigkeiten zu kämpfen hatte, sowohl sprachlicher Natur als auch, was soziale Umgangsformen und Gepflogenheiten des Wissenschaftsbetriebs betraf. Meyer-Baer arbeitete schließlich bis kurz vor ihrem Tod als freiberufliche Musikwissenschaftlerin. Kurzzeitstipendien ermöglichten ihr u. a. Forschungsreisen nach Europa und wissenschaftliche Publikationen in Zeitschriften und in Buchform. Kathi Meyer-Baer starb am 3. Januar 1977 in Atlanta.

Literatur und Quellen
  • David Josephson, „Why then all the difficulties!“. A life of Kathi Meyer-Baer, in: Notes. Quarterly Journal of the Music Library Association, Vol. 65 (2), 2008, S. 227-267.
  • Kathrin Massar, Die Musikbibliothek Paul Hirsch. Zur Geschichte einer Frankfurter Büchersammlung, in: Musik in Frankfurt am Main (Archiv für Frankfurts Geschichte und Kunst 71), hg. von Evelyn Brockhoff, Frankfurt am Main 2008, S. 125-136.
  • The New Grove Dictionary of Music and Musicians, Stanley Sadie (Hg.), London 2001 (2. Aufl.).
  • Pamela M Potter, Die Lage jüdischer Wissenschaftler an den Universitäten der Weimarer Zeit, in: Musik in der Emigration 1933-1945. Verfolgung, Vertreibung, Rückwirkung, hg. von Horst Weber, Stuttgart/Weimar 1994, S. 56-68.
  • Hansjakob Ziemer, „Musik im Leben der Völker“. Musik und Gesellschaft in Frankfurt am Main um 1927, in: Musik in Frankfurt am Main (Archiv für Frankfurts Geschichte und Kunst 71), hg. von Evelyn Brockhoff, Frankfurt am Main 2008, S. 111-124.
  • British Library, London: Hirsch Papers; nachgelassene Papiere von Paul Hirsch, u. a. Korrespondenz mit Kathi Meyer-Baer ab 1936.
  • Duke University, Durham: Kathi Meyer-Baer Papers (ca. 1950-1969); wissenschaftlicher Nachlass Meyer-Baers, u. a. Notizen zu Publikationen, Korrespondenz.
  • Universitätsarchiv Leipzig: Promotionsakte (Signatur: Phil.Fak.Prom.03028).
  • Schriften von Kathi Meyer-Baer (Auswahl):
  • Der chorische Gesang der Frauen mit besonderer Bezugnahme seiner Betätigung auf geistlichem Gebiet (1. Bis zur Zeit um 1800), Leipzig 1917.
  • Über Musikbibliographie, in: Musikwissenschaftliche Beiträge. Festschrift für Johannes Wolf zu seinem 60. Geburtstage, Walter Lott/Helmuth Osthoff/Werner Wolffheim (Hg.), Berlin 1929 (Reprint 1978).
  • Bedeutung und Wesen der Musik. Der Bedeutungswandel der Musik, Strasbourg 1932 (Sammlung musikwissenschaftlicher Abhandlungen 5) (Reprint Baden-Baden 1975).
  • Music of the Spheres and the Dance of the Death. Studies in Musical Iconology, Princeton (NJ) 1970.
  • (Als Herausgeberin:)
  • Katalog der internationalen Ausstellung „Musik im Leben der Völker“. Frankfurt am Main 11. Juni – 28. August 1927, Frankfurt: Werner & Winter, 1927.
  • Katalog der Musikbibliothek Paul Hirsch (=Veröffentlichungen der Musikbibliothek Paul Hirsch, Reihe 2), Frankfurt am Main (zusammen mit Paul Hirsch).
  • Bd. 1: Theoretische Drucke bis 1800, Berlin 1928
  • Bd. 2: Opern-Partituren, Berlin 1930
  • Bd. 3: Instrumental- und Vokalmusik bis etwa 1830, Frankfurt am Main (Privatdruck) 1936
  • Bd. 4: Erstausgaben, Chorwerke in Partitur, Gesamtausgaben, Nachschlagewerke, etc., Ergänzungen zu Bd. 1-3, Cambridge 1947

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