Die evangelische Erlösergemeinde in Oberrad 1933-1945

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Die Erlöserkirche in Oberrad im Jahre 1933

Die evangelische Gemeinde in Oberrad spiegelte im Verlauf des Nationalsozialismus das Zerrbild der politischen und kirchenpolitischen Strömungen dieser Zeit wider. Der Pfarrer der Erlösergemeinde, Johann Georg Probst, war ein unbedingter Kämpfer für die Kirche und vertrat mit hohem persönlichem Einsatz den evangelischen Glauben. Aber ebenso war er auch lange Zeit ein emphatischer Streiter für den Nationalsozialismus und eine völkisch-nationalistisch geprägte Kirche.
So war es das Verdienst des Pfarrers Probst, der 1925 die Gemeinde übernahm, dass der Großteil der über 6000 Gläubigen der Erlöser-Gemeinde eng mit ihrer Kirche verbunden waren. Die verschiedenen Einrichtungen, wie auch die Gottesdienste, erfreuten sich großer Beliebtheit. Eingerichtet waren Jungen- und Mädchenkreis, Jungmänner- und Jungmädchenkreis (120-140 Mitglieder), Männer- und Frauenkreis (60-80 Mitglieder), Frauenhilfe (ca. 500 Mitglieder), sowie ein Kirchen- und Posaunenchor.
Probst – der schon in den zwanziger Jahren ein Anhänger der deutschnationalen Bewegung war – propagierte in seiner Gemeinde die Ideen von einer Kirche, die erst in Einheit mit dem Nationalsozialismus ihre wahre Mission erfüllen könne. Unter seinen Zöglingen warb er offen für den Eintritt in die NSDAP und verteidigte in seinen Predigten die Politik der Nationalsozialisten. Ebenso bereitwillig befürwortete Probst 1934 den Übertritt der verschiedenen Jugendverbände der Gemeinde in die Parteigliederungen der NSDAP, wie die HJ oder den BDM. Schließlich verband Probst sein Wirken auch mit dem intensiven Kampf gegen die katholische Gemeinde in Oberrad. So ließ er beispielsweise deren Flurprozessionen durch lautstarke Proteste evangelischer Gemeindemitglieder stören.

Chor und Altar der Erlöserkirche. Die Kirche wurde 1912 vom Frankfurter Architekten Karl Blattner erbaut und mit Jugendstilmotiven ausgemalt.


Einen herben Dämpfer erhielt Probsts Begeisterung für den Nationalsozialismus als er nach knapp 19-monatiger Mitgliedschaft mit Wirkung zum 3. Januar 1934 aus der NSDAP ausgeschlossen wurde. Es ist heute nicht mehr genau festzustellen, was der Anlass für den Ausschluss war. Wahrscheinlich waren persönliche Differenzen mit dem Gauleiter von Hessen-Nassau, Jakob Sprenger, der ausschlaggebende Grund. Nahezu zeitgleich zu seinen Differenzen mit der Partei trat Probst auch aus den „Deutschen Christen“ aus, weil sich diese einem von dem NS-Ideologen Alfred Rosenberg propagierten Religionstypus annäherten.
Vorerst hatten die doch entscheidenden Veränderungen in Probsts politischer und kirchenpolitischer Haltung keine Auswirkungen auf die Gemeinde in Oberrad. Noch bis 1935 sind in seinen Predigten den Nationalsozialismus befürwortende Aussprüche verbürgt und auch 1936 zeigte Probst seine Bereitschaft, mit der Ortsgruppe des Stadtteils zusammenzuarbeiten. So bot er dem Ortsgruppenleiter an, zum Jahrestag der „Machtergreifung“ am 30. Januar 1936 einen Gottesdienst für die Parteimitglieder zu halten und das Gemeindehaus für einen Generalmitgliederappell zur Verfügung zu stellen.
In den folgenden Jahren wandte sich Probst jedoch mehr und mehr von den Nationalsozialisten ab und verkündete auch öffentlich – sei es während des Konfirmandenunterrichts, der Predigten oder der Treffen der Männerkreise – seine Kritik am NS-Regime. Spätestens seit 1938 saß die Gestapo regelmäßig in seinen Gottesdiensten. Probst übte Kritik an der Deportation von 300 Frankfurter Juden, was ihm eine Vernehmung bei Gestapo einbrachte.
Bemerkenswert ist, dass die meisten Gemeindemitglieder den Meinungswandel ihres Pfarrers zumindest akzeptierten, denn seine Gottesdienste waren weiterhin gut besucht. Auch die Parteigenossen aus Oberrad ließen Probst gewähren. Seine Verhaftung im Oktober 1939, von der Probst nicht mehr auf die Kanzel der Erlöserkirche zurückkehren sollte, war Resultat der Überwachung durch die Gestapo und ging nicht auf eine Denunziation aus der Bevölkerung zurück.
Georg Probst kam erst im Januar 1940 auf Initiative der Evangelischen Landeskirche wieder aus der Gestapohaft frei. Die Rückkehr in seine Gemeinde blieb ihm verwehrt, weil ein Erlass des Reichssicherheitshauptamtes in Berlin gegen Probst ein „Aufenthaltsverbot für den Bereich des Stapo-Bezirks Frankfurt/Main“ verhängte. Im Mai 1940 wurde er auch aus Hessen verwiesen.
Nachdem Georg Probst erst am 1. Juni 1940 offiziell in den Wartestand versetzt worden war, blieb die evangelische Pfarrei in Oberrad bis zur Einführung des neuen Pfarrers Christian am 1. September 1940 unbesetzt. Georg Johann Christian stand zwar der SPD nahe, ließ jedoch seine politische Einstellung in keiner Weise in seine Predigten oder vor der Gemeinde einfließen. Seine Haltung zu den kirchenpolitischen Fragen der Zeit ist nicht überliefert. Er konzentrierte sich vielmehr ganz auf die Gemeindearbeit, die durch die Auswirkungen des Krieges in Oberrad erheblich beeinträchtigt war. Für die Zeit unmittelbar nach Christians Amtsantritt sind keine besonderen Vorkommnisse in der Erlösergemeinde verzeichnet. Lediglich die Frauenhilfe in Oberrad (mit 420 Mitgliedern die größte evangelische Einrichtung im Stadtteil) wollte sich Ende 1940 wegen interner Probleme auflösen – was jedoch verhindert werden konnte.

Die Erlöserkirche 1945. Das Gebäude wurde während des Krieges mehrmals durch Bomben beschädigt und brannte im März 1944 vollständig aus.

Chor und Altar der Erlöserkirche nach der Zerstörung



Viel schwerwiegender für die Gemeinde waren die Bombenangriffe, die Oberrad im Verlauf der Jahre 1943 und 1944 fast vollständig zerstörten. Einen Tag nach dem Erntedankfest am 3. Oktober 1943 brannten die Erlöserkirche und das Gemeindehaus bis auf die Grundmauern nieder. Nur die Sakristei rettete konnte noch rechtzeitig gelöscht werden, so dass dort am Sonntag nach dem Angriff gut siebzig Gläubige sich zum Gottesdienst versammeln konnten. Alle Versuche, das Gotteshaus wieder aufzubauen wurden beim Fliegerangriff vom 20. Dezember 1943 zunichte gemacht. Die Kirche, das Gemeindehaus und auch die Sakristei wurden endgültig zerstört. Beim letzten Bombeangriff auf den Stadtteil, am 18. März 1944, wurde auch das Gemeindezentrum abermals in Mitleidenschaft gezogen. Dennoch feierte man den Gottesdienst bis zum Ende des Krieges im Keller der Pfarrhausruine.


Literatur und Quellen
  • Matthias Benad/Jürgen Telschow, Alles für Deutschland, Deutschland für Christus, Evangelische Kirche in Frankfurt am Main 1929-1945 (Katalog zur Ausstellung vom 29. April bis 12. Juli 1985 im Dominikanerkloster), Frankfurt am Main 1985
  • Hessische Kirchengeschichtliche Vereinigung (Hg.), Dokumentation zum Kirchenkampf in Hessen und Nassau, 7 Bde, Darmstadt 1974-1992
  • Klaus Scholder, Die Kirchen und das Dritte Reich, 2 Bde., München 2000
  • ISG, S 2 Nr. 1298

Zusätzliche Stichwörter
Institutionen/Orte/Begriffe:  Deutsche Christen;  

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