Bertha Pappenheim (1859 – 1936). Teil II: Die Zeit nach 1933

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Bertha Pappenheim im Alter von 75 Jahren, Zeichnung von Joseph Oppenheim, 1934

Kritik am Zionismus
Wie viele deutsche Juden glaubte Bertha Pappenheim an die deutsche Kultur und die deutsche Verfassung. Sie hatte zwar zeitlebens ein äußerst sensibles Gespür für Antisemitismus, hielt aber daran fest, dass dieser durch weibliche, jüdische und deutsche Kulturarbeit überwunden werden könne. Aus demselben Grund war sie auch eine vehemente Gegnerin des Zionismus und seiner politischen Lösung der „Judenfrage“.
Dabei sprach sie der zionistischen Idee an sich durchaus Plausibilität zu. In einer Rede von 1904 äußerte sie, wenn die Zionisten hielten, was der Zionismus verspreche, „wäre er ein Segen für das jüdische Volk“. (Zur Lage der Jüdischen Bevölkerung in Galizien (1904), in: Heubach, Sisyphus, S. 81) Sie zeigte Verständnis dafür, dass gerade die in äußerster Armut lebenden Ostjuden und -jüdinnen im Zionismus einen Ausweg aus ihrer sozialen Notlage suchten. Dadurch, dass der Zionismus die Zukunft des jüdischen Volkes jedoch in einem anderen Land sah, stellte er die Grundfesten ihrer Identität, ihr Deutsch- und Jüdin-Sein in Frage. Nach einem Treffen mit der führenden Zionistin Henrietta Szold, bei dem es, wie Dora Edinger berichtet, zu einem schweren Konflikt kam (Dora Edinger, An Frau Jensen (6.3.1961), in: AJM B 86/735), schrieb Bertha Pappenheim kurz vor ihrem Tod:
„Für einen kleinen Teil der Judenschaft mag Palästina schon räumlich etwas bedeuten – für den Geist des Judentums ist die Welt gerade gross genug.“ (Denkzettel (Amsterdam, 15.9.1935), in: AJM B 86/738).
Bertha Pappenheim kritisierte zudem, dass der Zionismus nicht auf die Forderungen der Frauenbewegung eingehe bzw. den Kampf von Frauen um die Gleichberechtigung nationalpolitischen Themen unterordne. Es widerstrebte ihr, dass die männliche Führungsschicht den Frauen nur untergeordnete Positionen zuteilten und sie nicht an der Planung und Gestaltung der Kibbuzim beteiligten. Weitere Kritikpunkt waren die kollektive Kinderaufzucht in den Kibbuzim, durch die ihrer Ansicht nach die Kernfamilie zerstört wurde, und dass die Zionisten die Religion zur Privatsache innerhalb der jüdischen Nation erklärten.

Einstellungsänderung nach der NS-Machtübernahme
Dennoch suchte Bertha Pappenheim die Auseinandersetzung und war am Ende bereit, den Ideen des Zionismus im Jüdischen Frauenbund Eingang zu gewähren. Rahel Straus, eine überzeugte Zionistin, wurde von Bertha Pappenheim für das Amt der Ersten Vorsitzenden des Frauenbundes vorgeschlagen. Im Gegensatz zu Bertha Pappenheim hatten sich andere jüdische Frauenrechtlerinnen durchaus dem Zionismus angeschlossen.
Bertha Pappenheim reagierte auf die nationalsozialistische Machtergreifung mit Entsetzen:
„Wir sind füreinander verantwortlich, einerlei, wo der Einzelne steht. – Wir sind an ein Gemeinschaftsschicksal gebunden, und damit kam für uns deutsche Juden […] der furchtbare Nackenschlag am 1. April 1933. Wie hat er uns getroffen! Wie werden wir ihm, wie werden wir der Diffamierung, der Verelendung standhalten? Durch Selbstmord der Einzelnen? Durch Selbstmord der Gemeinschaft? Durch Auslöschen der Erinnerung an die Vergangenheit?“ (Die jüdische Frau (25.8.1934), in: Edinger, S. 117.)
Um von sich aus alles zu vermeiden, was den Antisemiten neue Nahrung liefern könnte, vertraten Bertha Pappenheim und der Jüdische Frauenbund nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten eine Art „Selbstzuchtkampagne“ (Marion Kaplan). Juden und Jüdinnen sollten alles vermeiden, was Aufsehen errege, „aufreizend“ wirke „in Sprache und Ton, in Kleidung und Auftreten“ oder „die materiellen Genüsse betont in den Vordergrund“ rücke. (Pappenheim, Bertha, Der Einzelne und die Gemeinschaft, in: Bl. d. Jüd. Frauenbunds 6, 1933, S. 1.) Damit unterlagen sie dem Trugschluss, dass Bescheidenheit den Antisemitismus aufhalten könne. Bertha Pappenheim schlug vor, in der Zeit, in der Juden und Jüdinnen Kino, Theater, Festlichkeiten etc. fernbleiben müssten, stattdessen Familienbindung und religiösen Alltag zu pflegen. Der Entwürdigung sollte Gemeinschaft, Selbstachtung und religiöse Verinnerlichung entgegengesetzt werden.
Bertha Pappenheim blieb kritisch gegenüber der Hinwendung des Jüdischen Frauenbundes zu zionistischen Ideen und fühlte sich mit ihrem Ruf nach religiöser Besinnung und einem noch stärkeren Bezug auf die Gebote allein gelassen. Lange bekämpfte sie die jüdische Kinderverschickung, weil sie Familien nicht auseinanderreißen wollte. Der Jüdische Frauenbund folgte zunächst ihrer Linie und bereitete erst in den letzten Jahren seines Bestehens Frauen auf die Emigration vor. Möglicherweise deutet jedoch Bertha Pappenheims Reise nach England und Schottland, auf der sie eine Gruppe von Kindern – darunter befanden sich auch Isenburger Heimkinder – in das jüdische Waisenhaus Glasgow überführte, auf ihre gewandelte Ansicht zur Kinderverschickung hin.

Krankheit und Tod
1935 nach einer Reise nach Wien und Bad Ischl wurde bei Bertha Pappenheim im Münchener Jüdischen Krankenhaus ein bösartiger Tumor entdeckt. In Frankfurt übernahm ihr langjähriger Arzt Dr. Minkel die Behandlung. Obwohl sehr gebrechlich, unternahm sie noch zwei letzte Reisen. Im Herbst 1935 fuhr sie nach Amsterdam, um die Zionistin und Leiterin der Jugendalijah Henrietta Szold, kennen zu lernen. Es kam jedoch zu keiner inhaltlichen Annäherung. Außerdem besuchte sie nach dem Tod von Sara Schenirer und Dr. Leo Deutschländer das orthodoxe „Beth-Jakob-Lehrerinnenseminar“ in Krakau und regte seine Erweiterung sowie die Gründung einer sozial-pädagogischen Ausbildungsstätte für jüdische Mädchen an.
1935 trat das ein, was einige Gegner Bertha Pappenheims immer befürchtet hatten: Der „Stürmer“ nutzte ihre Arbeiten zur Bekämpfung des Mädchenhandels, um die angebliche Sittenlosigkeit des Judentums nachzuweisen.
Am 9. April 1936 bekam Bertha Pappenheim eine Vorladung zu einer Vernehmung bei der Staatspolizeistelle Offenbach. Obwohl ihr Arzt und ihre Vertrauten ihr aufgrund ihres Gesundheitszustandes rieten, sie solle sich wenn, dann nur in ihrem Haus vernehmen lassen, ließ sich Bertha Pappenheim nicht davon abhalten, der Vorladung zu folgen. In der eineinhalbstündigen Vernehmung stellte sich heraus, dass sie persönlich denunziert worden war. Eine christliche Angestellte hatte gemeldet, dass ein Mädchen aus dem Heim des Jüdischen Frauenbundes in Neu-Isenburg eine abschätzige Bemerkung über Hitler gemacht habe. Hannah Karminski, die Bertha Pappenheim begleitete, schrieb dazu:
„Sie kennen Fräulein P., – ich brauche Ihnen nicht zu schildern, wie sie war: übermenschlich gross – in ihrer ehrlichen Entrüstung, in der klaren Darstellung der Vorgänge, in ihrer unerschütterlichen Ruhe. Ach, und selbst dieser Stunde wusste sie das Zipfelchen Humor zu geben, mit dem sie ja in fast jeder Situation ihre Überlegenheit bewies! Man sah dort, wen man vor sich hatte. Bis in ihre letzten Tage war sie froh, daß sie diese Aussagen noch an Ort und Stelle machen konnte, – sie hat am nächsten Tag nochmals in einem Brief unmißverständlich (das Protokoll war ihr zu ,zahm‘) alles festgehalten und der Staatspolizei geschickt.“ (An die fernen Freunde von Fräulein Pappenheim. Bericht über die letzten Stunden, Berlin 7.6.36, S. 9, in: Leo Baeck Institut ME 497 Memoirs Hannah Karminski)
Dennoch erkannte Bertha Pappenheim nun endgültig die Gefährlichkeit der Lage. Sie gestand ihrer Nachfolgerin in der Leitung des Jüdischen Frauenbundes, Ottilie Schönewald, ihren Irrtum ein und äußerte, dass sie jetzt deren Vorsicht gegenüber den Nationalsozialisten verstehe, die sie bis dahin für Feigheit gehalten hatte. Bertha Pappenheim blieb bis zuletzt tätig. Sie übersetzte ein Werk aus der Französischen Revolution und das 2. und 3. Buch Mose der Zeenah-U-Rennah, die jedoch im Krieg verloren gingen.

Grab von Bertha Pappenheim auf dem Friedhof an der Rat-Beil-Straße in Frankfurt am Main. Der Psalmvers lautet: Er macht die Kindeslose des Hauses zur frohen Mutter von Kindern.


Vor allem ihre geistige Ziehtochter Hannah Karminski begleitete sie in den letzten Lebenstagen und hielt ihre Hand, als Bertha Pappenheim am 28. Mai 1936 starb. Bertha Pappenheims Beerdigung fand auf ihren Wunsch hin in aller Stille statt, sie wurde im Grab neben ihrer Mutter in Frankfurt beigesetzt. Bertha Pappenheim erlebte die Zwangsauflösung des Jüdischen Frauenbundes 1938 und die Verfolgung und Ermordung vieler Mitarbeiterinnen und Zöglinge nicht mehr.
1953 wurde der Jüdische Frauenbund in Frankfurt wiederbegründet.


Literatur und Quellen
  • AJM = Archiv des Jüdischen Museums Frankfurt
  • Marianne Brenzel, Anna O. – Bertha Pappenheim. Biographie, Göttingen 2002
  • Dora Edinger (Hg.), Bertha Pappenheim. Leben und Schriften, Frankfurt am Main 1963
  • Melinda Given Guttmann, The Enigma of Anna O. A Biography of Bertha Pappenheim, London 2001
  • Helga Heubach (Hg.), Das Heim des Jüdischen Frauenbundes in Neu-Isenburg 1907 bis 1942, Frankfurt am Main 1985
  • Helga Heubach (Hg.), Bertha Pappenheim. Sisyphus: Gegen den Mädchenhandel – Galizien, Freiburg im Breisgau 1992
  • Helga Heubach, Bertha Pappenheim u.a. „Das unsichtbare Isenburg“. Über das Heim des Jüdischen Frauenbundes in Neu-Isenburg 1907–1942, Frankfurt am Main 1994
  • Marion Kaplan, Die jüdische Frauenbewegung in Deutschland. Organisation und Ziele des Jüdischen Frauenbundes 1904–1938 (Hamburger Beiträge zur Geschichte der deutschen Juden 7), Hamburg 1981
  • Elisa Klapheck/Lara Dämmig (Hgg.), Bertha Pappenheim. Gebete. Translated into English by Estelle Forchheimer, Berlin 1. Aufl. 2003
  • Christina Klausmann, Politik und Kultur der Frauenbewegung im Kaiserreich. Das Beispiel Frankfurt am Main (Geschichte und Geschlechter 19), Frankfurt/New York 1997
  • Britta Konz, Bertha Pappenheim (1859-1936). Ein Leben für jüdische Tradition und weibliche Emanzipation, Frankfurt am Main 2005
  • Elisabeth Loentz, Let me continue to speak the truth. Bertha Pappenheim as author and activist, Cincinnati 2007

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