Die „rassenbiologische“ und polizeiliche Erfassung der Sinti und Roma in Frankfurt ab 1936

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„Rassische Untersuchungs-Bescheinigung“ der Rassehygienischen Forschungsstelle Berlin für Martin T., ausgestellt in Frankfurt am 17. Februar 1938, anonymisiert

Anfang 1936 richtete das Reichsministerium des Innern die „Rassenhygienische Forschungsstelle“ im Reichsgesundheitsamt in Berlin ein. Deren Hauptaufgabe war die Ermittlung und Erfassung der im Deutschen Reich lebenden Sinti und Roma. Seit den Nürnberger Gesetzen vom 15. September 1935 stellte sich für die NS-Regierung die Frage, wer überhaupt zur Gruppe der „Zigeuner“ zu rechnen sei. Während die Eigenschaft „Jude“ durch die Religionszugehörigkeit der Großeltern bestimmt wurde, sollte die „Rassenzugehörigkeit“ der Sinti und Roma nach anthropologischen Kriterien festgestellt werden. Die „Rassenhygienische Forschungsstelle“ dokumentierte die Ergebnisse ihrer „rassenbiologischen Erfassungen“ von Sinti und Roma auf Kartei- und Messkarten. Darauf wurden neben biometrischen Daten auch sonstige personenbezogene Angaben festgehalten. Soziokulturelle Merkmale wie Wohnsituation, Schulbesuch, Sprachenbeherrschung oder Musikalität wurden ebenfalls registriert.
Leiter der „Rassenhygienischen Forschungsstelle“ war der Psychiater Dr. Robert Ritter, seine engste Mitarbeiterin war die Krankenschwester und spätere Psychologin Eva Justin. Daneben wirkten eine Reihe weiterer Mitarbeiter an den Erfassungstätigkeiten mit, unter anderem der Frankfurter Mediziner Gerhart Stein (1910-1979), ein Schüler von Prof. Otmar Freiherr von Verschuer am Frankfurter Universitätsinstitut für Erbbiologie und Rassenhygiene.

Erfassungsfoto der zehnjährigen Schülerin Barbara M., Rassenbiologische Erfassung in Frankfurt am 17. Februar 1938

Erfassungskarte der zehnjährigen Schülerin Barbara M., Rassenbiologische Erfassung in Frankfurt vom 17. Februar 1938



Die „rassenbiologischen Erfassungen“ wurden an den jeweiligen Wohnorten der Sinti und Roma vorgenommen. Hierzu setzte die Forschungsstelle so genannte „fliegende Arbeitsgruppen“ ein, die ausgedehnte Erfassungsreisen unternahmen. Die erste umfangreiche Serie von Erfassungen fand von Anfang Januar 1938 bis Ende März 1938 statt. Daran nahm Gerhart Stein teil. In die Gesamtheit der Erfassungsdaten gingen auch Messdaten ein, die Stein im Rahmen seiner Dissertationsforschung bereits im Mai 1936 und im August 1937 bei Sinti und Roma in Frankfurt erhoben hatte.

Der Sinto Ludwig R., Foto aus dem Bestand der „Rassenhygienischen Forschungsstelle“ in Berlin, aufgenommen wahrscheinlich am 19. Januar 1938

Erfassungsfotos vom 20. Januar 1938. Der Frankfurter Sinto Christian R. war kurz zuvor aus seiner Wohnung ins Lager Dieselstraße eingewiesen worden, er starb 1941.

Die meisten dokumentierten „rassenbiologischen Erfassungen“ in Frankfurt am Main fanden im Rahmen der genannten Erfassungsserie Anfang 1938 statt. Zwei jeweils zweitägige Aufenthalte der „fliegenden Arbeitsgruppe“ sind für den 19./20 Januar 1938 und den 16./17. Februar 1938 belegt. An den beiden Januarterminen wurden diejenigen Frankfurter Sinti und Roma untersucht, die bereits im Frankfurter Zwangslager Dieselstraße interniert waren. Am 19. Januar wurde die Erfassung vermutlich im Zwangslager selbst durchgeführt. Bei dem Termin am 20. Januar 1938 wurden Sinti und Roma aus dem Lager offenbar im Frankfurter Polizeipräsidium erfasst und erkennungsdienstlich fotografiert. Auf Messkarten ist die Lagerinternierung der untersuchten Sinti folgendermaßen umschrieben: „Grundst[ück] zugewiesen / aufgestellter Wagen / Wohnwagen“ – oder: „unter behördl[ichem] Druck / Wohnwagen“.
Am 16. und 17. Februar 1938 wurden jene Frankfurter Sinti und Roma zur Erfassung zitiert, die zu diesem Zeitpunkt noch in Mietwohnungen lebten. In diesem Fall wurde die Wohnsituation beispielsweise so umschrieben: „fester Wohnsitz immer / wo [?] / Frankf[urter] Mietwohnung“. Die erkennungsdienstlichen Fotoserien legen nahe, dass die Erfassungen vom Februar 1938 durchgehend im Frankfurter Polizeipräsidium am Hohenzollernplatz (heute Platz der Republik) stattfanden. Im Anschluss an die Erfassung erhielten die Betroffenen eine Bescheinigung, mit der sie künftig nachweisen konnten, dass sie bereits untersucht worden waren.
Die „rassenbiologischen Erfassungen“ der Ritter’schen Forschungsstelle veranlassten Himmler als „Reichsführer SS und Chef der Deutschen Polizei“ zu seinem Erlass vom 14. Dezember 1938. Darin ordnete Himmler an, „die Regelung der Zigeunerfrage aus dem Wesen dieser Rasse heraus in Angriff zu nehmen. Der „Festschreibungserlass“ vom Oktober 1939 intensivierte die Zusammenarbeit zwischen Polizeibehörden und Rassenforschern weiter. Zu einem Stichtermin Ende Oktober 1939 erfasste die Polizei sämtliche Sinti und Roma listenmäßig und stellte die Ergebnisse der „Rassenhygienischen Forschungsstelle“ von Robert Ritter zur Verfügung. Umgekehrt wurden die Ergebnisse der „rassenbiologischen Erfassungen“ der Ritter-Mitarbeiter in den folgenden Jahren bei der Erstellung von Deportationslisten herangezogen. Im Vorfeld von Deportationen der Sinti und Roma in Konzentrations- oder Vernichtungslager klärte das Frankfurter Polizeipräsidium so genannte „Zweifels- und Grenzfälle“ persönlich mit dem Leiter der „Rassenbiologischen Forschungsstelle“, Robert Ritter, ab.


Literatur und Quellen
  • Peter Sandner, Frankfurt. Auschwitz, Die nationalsozialistische Verfolgung der Sinti und Roma in Frankfurt am Main, Frankfurt am Main 1998
  • Eva von Hase-Mihalik / Doris Kreuzkamp, Du kriegst auch einen schönen Wohnwagen. Zwangslager für Sinti und Roma während des Nationalsozialismus in Frankfurt am Main, Frankfurt am Main 1990
  • Akten und Unterlagen im Bundesarchiv (Koblenz/Berlin): Bestand R 73 Nr. 14005; Bestand R 165

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