Nachkriegskarrieren von Robert Ritter und Eva Justin in Frankfurt 1947-1966

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Robert Ritter, um 1947

Dr. Robert Ritter, der ab 1936 als Leiter der „Rassenhygienischen Forschungsstelle“ des Reichsgesundheitsamts die „rassenbiologischen Erfassung“ der Sinti und Roma im Deutschen Reich geleitet hatte, bewarb sich 1947 bei der Stadt Frankfurt. Die Stadträte Personaldezernent Rudolf Menzer (1904-1991) und Gesundheitsdezernent Rudolf Prestel befürworteten die Anstellung, vermutlich ohne über Ritters Rolle in der NS-Zeit vollkommen informiert zu sein. Allerdings war der Stadtverwaltung vor der Anstellung bekannt, dass Ritter die Zwangssterilisation und eine dauerhafte Lagerhaft von Sinti und Roma befürwortet hatte. Am 1. Dezember 1947 konnte Ritter seinen Dienst als Stadtarzt im Gesundheitsamt in der Braubachstraße 18-22 antreten, im April 1948 wurde er dort Obermedizinalrat. Der Psychiater Ritter war im Gesundheitsamt zuständig für die Leitung der „Jugendhilfsstelle“ und der „Fürsorgestelle für Gemüts- und Nervenkranke“. Ritter konnte auch seiner engsten Mitarbeiterin Dr. Eva Justin eine Stelle bei der Stadt verschaffen. Justin wirkte ab 1. März 1948 zunächst als Psychologin in Ritters Arbeitsbereich, in den 1950er Jahre leitete sie die Erziehungsberatungsstelle Bornheim des städtischen Jugendamts.
Ab 1948 ermittelte die Frankfurter Staatsanwaltschaft gegen Ritter wegen dessen Tätigkeit während der NS-Zeit. Den Zeugenaussagen von Sinti und Roma wurde kaum Gewicht beigemessen. Dagegen glaubte man Ritter seine (falsche) Behauptung, er habe bis Kriegsende nichts von den Auschwitz-Deportationen erfahren. Das Ermittlungsverfahren wurde 1950 eingestellt. Ritters Tätigkeit bei der Stadt Frankfurt war von Reibereien gekennzeichnet. Er wollte sich nicht in die Hierarchie des Amtes einfügen und fehlte krankheitsbedingt sehr oft. Daraufhin leitete Gesundheitsdezernent Prestel am 11. April 1951 die Kündigung ein, die aber nicht mehr umgesetzt wurde, da Ritter vier Tage später, am 15. April 1951, in Oberursel starb.

Eva Justin, 1946

Eva Justin, 1964


Ab 1958 richteten sich Ermittlungen der Frankfurter Staatsanwaltschaft gegen Eva Justin, Mitte 1960 wurde das Ermittlungsverfahren auf weitere Beschuldigte ausgedehnt. Die Ermittlungen fielen in die 1956 begonnene Amtszeit des engagierten hessischen Generalstaatsanwalts Dr. Fritz Bauer. Die Staatsanwaltschaft stellte das Ermittlungsverfahren anfangs in eine Reihe mit dem geplanten Auschwitz-Prozess und verkündete, das Verfahren solle „die nationalsozialistischen Vernichtungsmaßnahmen gegen Zigeuner aufklären“. Trotz umfangreicher Beweiserhebung gelang der Staatsanwaltschaft letztlich jedoch keine umfassende Aufklärung. Man konstatierte zwar, dass die von Eva Justin angefertigten „rassenbiologischen Gutachten“ über Sinti und Roma die Grundlage für Auschwitz-Deportation und Ermordung gewesen seien, doch glaubte man nicht nachweisen zu können, dass Justin die Folgen ihres Tuns gekannt und intendiert hätte. Andere zweifelsfrei bewiesene Handlungen, etwa die „Beihilfe zu einer versuchten schweren Körperverletzung im Amte“ (gemeint war eine geplante Zwangssterilisation) wurden als verjährt eingestuft. Man hielt Justin zugute, dass sie seinerzeit als junge Frau dem Einfluss ihres Lehrers Ritter erlegen sei und dass die mittlerweile gläubige Katholikin ihre Einstellung geändert habe. Am 12. Dezember 1960 stellte die Staatsanwaltschaft das Ermittlungsverfahren gegen Justin ein und gab das Verfahren wegen weiterer Beschuldigter nach Köln ab.
Die Ermittlungen 1959/60 fanden in der Öffentlichkeit kaum einen Widerhall. Erst im April 1963 wurden die Medien auf Justins NS-Vergangenheit aufmerksam. Der sogenannten „Fall Justin“ machte nach einem „Spiegel“-Beitrag wochenlang Schlagzeilen, auch die „Hessenschau“ berichtete ausführlich darüber. Kommunalpolitik und Stadtverwaltung griffen die Angelegenheit auf und veranlassten neue Untersuchungen. Die Stadt entschied im Januar 1964, Justin zwar nicht zu entlassen, sie aber nicht mehr in der Erziehungsberatung einzusetzen. Im September 1964 geriet der „Fall Justin“ erneut ins Blickfeld der Öffentlichkeit. Grund dafür war der neue Verwendung von Eva Justin, die im Auftrag von Sozialdezernent Rudolf Prestel nun Sozialdaten auf dem 1953 eingerichteten städtischen Wohnwagenstandplatz Bonames erhob, wo auch Sinti und Roma wohnten. Anstoß erregte, dass ausgerechnet Justin mit diesem Auftrag betraut worden war, die in der NS-Zeit an der „rassenbiologischen Erfassung“ der Sinti und Roma maßgeblich mitgewirkt hatte. Oberbürgermeister Willi Brundert erklärte den Fall zur Chefsache und beendete Justins Einsatz in Bonames. Im Oktober 1964 wechselte Eva Justin daraufhin an die Universitäts-Nervenklinik. Anfang 1966 prüfte die Staatsanwaltschaft Frankfurt nochmals, ob ein Strafverfahren gegen Justin eröffnet werden könne, kam aber erneut zu einem negativen Ergebnis. Am 11. September 1966 starb Eva Justin in Offenbach.
Seit dem 27. Januar 2000 erinnert eine Mahn- und Gedenktafel am Gebäude des Gesundheitsamts in der Braubachstraße an die Verfolgung und Ermordung der Sinti und Roma im Nationalsozialismus und an die Nachkriegsbeschäftigung von Robert Ritter und Eva Justin im städtischen Dienst.


Literatur und Quellen
  • Peter Sandner, Frankfurt. Auschwitz, Die nationalsozialistische Verfolgung der Sinti und Roma in Frankfurt am Main, Frankfurt am Main 1998
  • Akten im Institut für Stadtgeschichte Frankfurt am Main: Bestand Personalakten Nr. 18576 und 92546
  • Akten im Landesarchiv Nordrhein-Westfalen, Hauptstaatsarchiv Düsseldorf, Rep. 231 Nr. 1535 bis 1540 und 1545 bis 1547
  • Akten im Hessischen Hauptstaatsarchiv (Wiesbaden), Abt. 461 Nr. 34141 bis 34143

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