Vertrieben: Der Verleger Jacob Rosenheim (1870-1965)

Druck

Jacob Rosenheim kommt am 9. November 1870 in Frankfurt am Main zur Welt. Er bleibt das einzige Kind des Bankkaufmannes Elias Rosenheim und von Charlotte Rosenheim, geb. Kauffmann. Zwischen 1878 und 1886 besucht er die Samson Raphael Hirsch-Schule der der Israelitischen Religionsgesellschaft.
Der geistig aufgeweckte Schüler interessiert sich für religiöse Literatur. Lektüre findet er nicht zuletzt in dem renommierten Antiquariat und Buchhandel seines Großvaters Isaak Kauffmann; das Geschäft führt später dessen Sohn Ignatz weiter. „I. Kauffmann“ verlegt jüdisch-hebräische Schriften, Schul-, Gesang- und Gebetsbücher, Zeitschriften und Bilder. Das 1832 gegründete Antiquariat kauft sogar ganze Bibliotheken an und pflegt internationale Kontakte. Laut Rosenheim ist der Betrieb „Treffpunkt für alle jüdisch Interessierten“. Auch Samson Raphael Hirsch publiziert dort. Jacob Rosenheim verehrt den Rabbiner als „genialen Reorganisator des modernen orthodoxen Judentums“. Als Heranwachsender studiert er dessen Kommentar zu den fünf Büchern Mose wissbegierig: „Alpha und Omega aller jüdischen Weisheit“.
Die Ausbildung zum Bankkaufmann bei der Frankfurter Privatbank „Emanuel Schwarzschild“ mit „Annehmlichkeiten einer nur siebenstündigen täglichen Berufsarbeit“ wählt Rosenheim bewusst, um Zeit für intensiven Talmud-Unterricht und freies Studium der jüdischen Lehre zu haben: „Stadtbibliothek und Rothschildsche Bibliothek boten reichlich Gelegenheit, mir Lesestoff zum Studium der Geschichte der Philosophie und Naturwissenschaften und aus dem Bereich der systematischen Philosophie, insbesondere Werke der Ethik und Ästhetik, zu beschaffen. Was mich besonders anzog, wurde allmählich gekauft und gründlicher studiert.“

Der Verleger
Nach der Insolvenz seines Arbeitgebers 1893 entscheidet sich Jacob Rosenheim für den Beruf des Buchhändlers und ein Volontariat bei „Carl Jügel Nachfolger“ in Frankfurt. „Meine Hauptwonne war, jede Woche den großen Eilballen aus Leipzig auszupacken und so die neuesten Erscheinungen … in die Hand zu bekommen.“ Es folgt eine Volontärstelle bei „S. Fischer“ in Berlin. Dort lernt Rosenheim die Adass-Jisroel-Gemeinde und Esriel Hildesheimer kennen – Begegnungen, die sein weiteres jüdisch-politisches Wirken prägen.
Zurück in seiner Heimatstadt gründet er 1895 den „J. Rosenheim Verlag“ und publiziert zunächst, was ihm angeboten wird. 1898 erwirbt das Unternehmen die Fachzeitschrift „Der Tourist“ und damit den gleichnamigen Verlag sowie kurz darauf die politisch ambitionierte „Frankfurter Frauen-Zeitung“ und das „Zentralblatt der Hütten- und Walzwerke“. Sozius wird der Versicherungsagent Moritz A. Loeb (1862-1935). Im selben Jahr heiratet Rosenheim Gertrude Straus.
Mit Übernahme und Erneuerung von „ Der Israelit“, seit 1859 von Rabbiner Markus Lehmann in Mainz verlegt, entwickelt Rosenheim Frankfurt ab 1905 zu einem Zentrum der unabhängigen jüdischen Orthodoxie. Seine Zeitschrift beeinflusst das deutsche Judentum und gilt als das Organ westeuropäischer Orthodoxie. Die Geschäftsstelle Große Eschenheimer Straße 23 befindet sich in Nachbarschaft zur berühmten „Frankfurter Zeitung“. Intellektueller Mittelpunkt ist jedoch Rosenheims Wohnung in der Königswarter Straße 11 und er selbst gilt als „die jüdische internationale Persönlichkeit“.

Für ein orthodoxes Judentum
Ab 1905 beleben Rosenheim und Rabbiner Salomon Breuer die 1885 von Samson Raphael Hirsch gegründete „Freie Vereinigung für die Interessen des orthodoxen Judentums“ neu. Die Reorganisierung, publizistisch unterstützt durch den „Israelit“, erfolgt auch als Reaktion auf antisemitische Strömungen: „An die jüdische Sonderheit erinnert, suchte die jüngere Generation neue Ziele.“ Die erste Versammlung 1907 in Frankfurt beschwört die deutsche Orthodoxie als geistige Schöpfung Hirschs und Esriel Hildesheimers. Rosenheim verurteilt Tendenzen zur Gründung von Einheitsgemeinden: „Bis in die Reihen der Rabbiner hatte der Einheitsdusel schon Opfer gefordert.“ Allein die Austrittsgemeinden akzeptiert er als „die geistigen Festungen des unverfälschten Thoraprinzips“. Deren Konzentration gelingt in Frankfurt, allerdings unter Ausschluss der Gemeindeorthodoxie von Rabbiner Markus Horowitz. „… objektiv betrachtet“ – so bemerkt Rosenheim im Rückblick – „ein geschichtlicher Fehlschlag von verhängnisvollen Konsequenzen“. Entsprechend distanziert er sich ab 1926 vom radikalen Separatismus Hirschs und Breuers.
Die praktische Arbeit der „Freien Vereinigung“ verrichten diverse Gremien. Eines ist die Palästina-Kommission, aus der 1912 auf der Kattowitzer Konferenz die Weltorganisation des gesetzestreuen Judentums „Agudath Israel“ hervorgeht. Diese nimmt ihren Sitz zunächst in Frankfurt am Main, später in Zürich. Zu ihren Aufgaben gehören die Gründung von Ortsgruppen, Schlichtung innerreligiöser Konflikte, Förderung der Arbeit in Palästina und während des Ersten Weltkriegs Fürsorge für jüdische Flüchtlinge. Ab 1929 fungiert Rosenheim als Präsident von „Agudath Israel“.

Vertreibung und Exil
Im Jahr 1935 flüchtet Jacob Rosenheim vor der nationalsozialistischen Verfolgung zunächst in das britische Exil. Seine Frankfurter Immobilie Königswarter Straße 11 (während der NS-Zeit: Quinckestraße) wird 1939 zwangsweise verkauft. 1940 folgt die Übersiedlung nach New York, zehn Jahre später die Einwanderung nach Israel.
Jacob Rosenheim stirbt am 3. November 1965 in Jerusalem. Sein Grab befindet sich auf dem „Har Hamenuchoth“-Friedhof. Unter dem Titel „Ein Frankfurter von internationalem Format“ verfasst Paul Arnsberg einen würdevollen Nachruf auf Rosenberg: „An der Beerdigung“, so schreibt Arnsberg in der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ vom 12. November 1965, „nahmen rabbinische Autoritäten, Rektoren von Thora-Lehranstalten, Mitglieder des Parlaments und Schüler der Schulen und Thora-Lehranstalten der ‚Agudath-Israel‘-Bewegung teil.“


Literatur
  • Drummer, Heike/Zwilling, Jutta: Von Börne zu Reich-Ranicki. Juden und Publizistik in Frankfurt auf dem Weg in die Moderne. Jüdisches Museum Frankfurt (Hg.), Frankfurt am Main 2009, S. 32-41.
  • Morgenstern, Matthias: Von Frankfurt nach Jerusalem. Isaac Breuer und die Geschichte des „Austrittsstreits“ in der deutsch-jüdischen Orthodoxie, Tübingen 1995.
  • Rosenheim, Jacob: Ausgewählte Aufsätze und Ansprachen, 2 Bde., Frankfurt am Main 1930.
  • Ders.: Erinnerungen 1870-1920. Eisemann, Heinrich/Kruskal, Herbert N. (Hg.), Frankfurt am Main 1970.

Zusätzliche Stichwörter
Institutionen/Orte/Begriffe:  Israelitische Religionsgesellschaft;  

  • Weitere Beiträge zu verwandten Themen
  • Heike Drummer/Jutta Zwilling  

    Impressum © Stadt Frankfurt am Main. Text erstellt 2010, aktualisiert am: 26.10.2015