Frühe SA-Organisation in Frankfurt bis 1925

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Aufmarsch der SA in Frankfurt 1925

Die Parteichronik der NSDAP im Gau Hessen-Nassau zeigt, dass sich in den Jahren vor der Neugründung 1925 viele Gruppierungen und Personen unter dem Namen SA versammelten. Die „Sturmabteilungen“ dieser Periode hatten mit der späteren Partei- und Saalschutztruppe im einheitlichen Braunhemd nicht sehr viel gemein. Und sie folgten zum Teil auch anderen Führern, was man nach 1933, wo eine Erfolgsgeschichte ohne Sackgassen opportun war, gerne verschwieg. Für den Partei-Chronisten Gimbel beginnt die Gründung der eigenständigen Frankfurter SA erst 1923 mit der Führung durch Paul Umhofer, die im Frühjahr 1923 in einem feierlichen Weiheakt die erste nationalsozialistische Sturmfahne Frankfurts erhalten habe.

Aufmarsch der Frankfurter SA in Herborn 1925


Keimzelle der späteren SA war in Frankfurt jedoch der 1919 gegründete deutsch-völkische Turnverein „Friedrich Ludwig Jahn 1919“. Er stand unter der Führung des Offiziers Karl Tillessen aus der Brigade Ehrhardt und des Sicherheitspolizisten Kurt Münch, nach 1933 leitender Funktionär in NS-Sportorganisationen. Zahlreiche Polizisten mit einschlägiger Gesinnung und spätere Partei-Veteranen zählten zu den engagiertesten „Turnern“, darunter die „Alten Kämpfer“ Otto Schröder, Georg Wurster, Kaspar Maus und der erste in der NS-Parteigeschichtsschreibung genannte SA-Führer Paul Umhofer. Letzterer war durch seine Beteilung an den Fememorden durch die Schwarze Reichswehr 1923 einer der „Märtyrer“ und „Heroen“ der Frankfurter „Kampfzeit“, und es machte sich in der Traditionspflege eben besser solche Personen zu nennen, als die, die später in der Versenkung verschwanden wie der Frankfurter SA-Führer Adolf Freund oder die aus der „Brigade Ehrhardt“ hervorgegangenen Offiziere, die zusammen mit Kurt Münch eben den Grundstein für die Sturmabteilung legten.
Otto Schröder und Heinrich Völker, der aus Bad Vilbel stammte, aber wie Horst und Ernst von Salomon und Friedrich Wilhelm Heinz bei der Frankfurter Commerzbank arbeiteten, berichteten in ihren „Kampferlebnissen“ genau, was der Turnverein Jahn so trieb. Völker kam schon sehr früh in Kontakt mit der völkischen Szene, besuchte Versammlungen der Deutschnationalen, aber auch die Veranstaltungen des politischen Gegners. An einem Zeitungsstand entdeckte er neben den dem „Alldeutschen Verband“ nahestehenden Gazetten auch die in Frankfurt erscheinende „Freiheitsfahne“ und suchte alsbald den Kontakt zu den rührigen jungen Aktivisten der „Brigade Ehrhardt“:
„Nachdem der Kapp-Putsch endgültig zusammengebrochen war, lernte ich Kameraden kennen, die der Brigade Ehrhardt und dem Bund Oberland angehörten. Von diesen wurde ich zu Zusammenkünften mitgenommen, als ich bei einer dieser Zusammenkünfte einen Herrn von Salomon aus Frankfurt a.M. kennen lernte. Dieser v. Salomon war Mitglied eines Verbandes nationaler Soldaten und grosser Antisemit. Als dieser dann ebenfalls eine Stellung bei meiner Firma, der Commerz- und Privatbank Frankfurt a.M. erhielt, wurde ich von diesem näher über die Zieles dieses Verbandes aufgeklärt. V. Salomon kannte ausserdem Leute, die mit den Erzberger-Richtern (früher Mördern) bekannt waren und als ich mich dann als Mitglied zum ,Verband nationalgesinnter Soldaten‘ anmeldete, lernte ich Leute kennen, die in der damaligen Kampfzeit eine sehr aktive Rolle spielten. Ich nenne hier ausser dem oben erwähnten Horst v. Sal., dessen Bruder Fritz v. S. [Ernst v. Salomon], den damals bekannten Leutnant Heinz, Lt. Plaatz [Hartmut Plaas] usw. Von nun an nahm ich auch an Zusammenkünften des völkischen Turnvereins Jahn in einer Turnhalle oder Schule zu Frankfurt a.M. teil, wo oben genannte Personen Aufklärungsvorträge hielten. Dort lernte ich auch damals den Buchhändler der heutigen völkischen und deutschen Buchhandlung Böhle kennen. Durch v. S. erhielt ich Unterricht im Schiessen und kam auch in den Besitz von zwei neuartigen Pistolen. Die Schiessübungen mit v. Sal. fanden im Feld zwischen Gronau und Vilbel statt und zwar wöchentlich zweimal bei Eintritt der Dunkelheit.“
Auch Schröder betonte die Verwandlung des völkischen Turnvereins in eine schlagkräftige Saalschutztruppe unter dem besonderen Einfluß von Tillessen: „Tillessen erkannte sofort den Wert des Turnvereins Jahn und ging mit gutem Beispiel voran, indem er, sobald er in Frankfurt war, an den Turnabenden teilnahm. Kurt Münch, der Leiter des Turnvereins, stellte sich ganz auf unsere Absichten ein. Geländemärsche und Kriegsspiele mit dem Turnverein Jahn aus Darmstadt wurden regelmässige Sonntagsbeschäftigung.“
Eine zweite Vorgängerorganisation der SA waren die wehrsportlichen Formationen des Jungdeutschen Ordens bis 1921. Auch hier vermischten sich Sport und paramilitärische Übungen. Nachdem Mahraun nach der Verstrickung einzelner Ordensmitglieder wie die des Schriftführers Friedrich Wilhelm Heinz in die Ermordung des ehemaligen Reichsfinanzministers Matthias Erzberger die Frankfurter Gruppe gesäubert und den Mitgliedern eine strikte Trennung von den Aktivisten der „Brigade Ehrhardt“ verordnet hatte, gründeten die einschlägig bekannten Personen als Auffangorganisation den „Verband nationalgesinnter Soldaten“. Die Zeitschrift „Volk und Wehr“, reichsweites Organ des Verbandes, berichtete auch regelmässig über die Aktivitäten der Turnvereins Jahn und der Frankfurter Ortsgruppe sowie anderer Ortsgruppen in Hessen wie Darmstadt und Kassel. Auffallend ist dort, dass an der Spitze hochrangige pensionierte Offiziere standen und Turnen und Fechten neben den vaterländischen Abenden das Programm des Verbandes bestimmten.

Im Spätsommer 1922 wurde der NDS nach der Ermordung von Walther Rathenau mit einem reichsweiten Verbot belegt. Nun musste neue Organisationsformen gefunden werden. Der neu gegründete Wiking-Bund – die Angehörigen der 2. Marinebrigade hatten ein Wikingerschiff am Ärmel getragen – war dann wiederum aufs engste verzahnt mit dem Turnverein Jahn und den 1922 im Gebiet des heutigen Hessen gegründeten Sturmabteilungen der SA.
Dies wiederum ging zurück auf ein Kartellabkommen zwischen dem in München wirkenden Freikorpsführer Hermann Ehrhardt und Adolf Hitler. Dieses Abkommen, das Beispiel für die SA im ganzen Reich abgab, sah vor, dass Ehrhardt hoch dekorierte Offiziere zum Aufbau der Sturmabteilungen abkommandierte, die politische Schulung der Brigademitglieder sollte durch die NSDAP erfolgen, in die man eintrat oder mitbegründete wie dies in Frankfurt z.B. geschah. Einer der führenden Ehrhardt-Brigadiere, Kapitänleutnant a.D. Alfred Hoffmann, trat in das SA-Oberkommando ein. Nomineller Führer war 1923 zwar der spätere Reichsluftfahrtminister Hermann Göring, der Hoffmann aber den Aufbau der SA überließ, bis sich im Spätsommer Ehrhardt und Hitler nachhaltig zerstritten.

Bis zum Sommer 1923 waren die militärischen Einheiten des Wiking und der SA stellenweise identisch. Nach der Flucht der beiden nationalsozialistischen Führer Adalbert Stier und Dr. Helmuth Klotz sowie der Inhaftierung Karl Tillessens und Hartmut Plaas nach dem Rathenau-Mord war Friedrich Wilhelm Heinz zunächst der unbestrittene SA-Führer in Hessen. Er organisierte Waffen, ließ die jungen Wiking-Mitglieder von der Reichswehr in Gießen und Marburg ausbilden – in Frankfurt selbst durfte wegen der Bestimmungen des Versailler Vertrages keine größere Reichswehr-Einheit stationiert sein – und bereitete im Auftrag seiner Führung den großen Umsturzversuch mit vor. Doch nach der Flucht von Klotz und Stier erwuchsen ihm Konkurrenten: Der Frankfurter SA-Führer Adolf Freund und der SA-Führer des Lahn-Dill-Gebietes, Eugen Kauertz, versuchten Heinz die Führungsrolle streitig zu machen. Der Konflikt ging bis hoch in die Führungsetage des SA-Oberkommandos. Im Mai 1923 beschied Göring Freund mit barschen Worten: „Zur allgemeinen Kenntnis diene, dass nach wie vor Herr Lt. Heinz/Fft. auch für die S.A. oberste Instanz ist … Ihr Vorgesetzter, sowie der Vorgesetzte sämtlicher in Hessen und Hessen-Nassau befindlichen S.A. ist der für diesen Bezirk zum S.A.-Bezirksführer ernannte Leutnant a.D. Münch/Frankfurt, der wiederum in taktischer Hinsicht Herrn Leutnant Heinz untersteht.“
Die Querelen zogen sich in den spannungsgeladenen Sommertagen des Jahres 1923 noch einige Zeit hin, bis Kauertz und Heinz ein Abkommen schlossen und eine gedeihliche Zusammenarbeit vereinbarten. Dieses war kaum in Kraft, da kam es zum Zerwürfnis zwischen Ehrhardt und Hitler. Die Tage vor dem so genannten Hitlerputsch waren für die Frankfurter SA, so sie noch existierte und handlungsfähig war, Tage der Verwirrung. Ein Teil der SA-Mitglieder waren nach Berlin gefahren, um auch dort unter Führung von Paul Schulz und Major Buchrucker einen Staatstreich durchzuführen. Zu ihnen zählten der erste offizielle SA-Führer laut Partei-Chronik, Paul Umhofer, Georg Wurster und Horst von Salomon. Die nicht mit dem Wiking assoziierten Frankfurter SA-Leute erfuhren meist erst aus der Zeitung oder durch Mund-zu-Mund-Propaganda von dem gescheiterten Putsch, auch wenn viele von ihnen nach 1933 behaupteten, dabei gewesen zu sein oder doch in Frankfurt voll bewaffnet auf ein Stichwort gewartet zu haben.
Andere Tarnorganisationen der SA waren bereits im Sommer durch polizeiliche Maßnahmen neutralisiert, ihre Führer verhaftet worden. So im Falle des „Wandervereins Freiwild“ und „Wandervereins Möve“. Bei letzterem war eine Verbindung zur NSDAP und Bayern ganz deutlich festzustellen. Bei einem der Führer war das NS-Parteiprogramm gefunden worden, bei anderen Waffen; andere hatten an einschlägigen Veranstaltungen in Bayern teilgenommen.
Nach dem fehlgeschlagenen Hitlerputsch war auch unter den Resten der SA in Frankfurt der Katzenjammer groß. Als Friedrich Wilhelm Heinz eine Versammlung einberief und über seine Münchner Erlebnisse berichtete – er hatte das Geschehen an der Feldherrnhalle miterlebt – und vor allem überaus kritische Worte über Hitlers persönliches Verhalten und Führungseigenschaften fand, zerstritten sich der Wiking und die Reste der NS-Organisationen komplett. In der Verbotszeit der NSDAP, die in Frankfurt u.a. unter „Deutscher Partei“, „Völkisch-Sozialem Block“ und „Nationalsozialsozialistische Freiheitspartei“ auftrat, schützten Angehörige der alten SA zwar die wenigen Versammlungen, von schlagkräftigen Sturmabteilungen konnte jedoch erst wieder einige Zeit nach der Neugründung der NSDAP im Jahr 1925 die Rede sein.


Literatur
  • Susanne Meinl, Nationalsozialisten gegen Hitler. Die nationalrevolutionäre Opposition um Friedrich Wilhelm Heinz, Berlin 2000
  • Eberhart Schön, Die Entstehung des Nationalsozialismus in Hessen, Meisenheim am Glan 1972

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