Rose Schlösinger: Mutige Widerstandskämpferin

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„Ich bin gerade jetzt ganz ruhig und fast heiter …“ Abschiedsbrief von Rose Schlösunger, 5. August 1943)

Als Tochter des Werkzeugmachers Peter Ennenbach und der Fabrikarbeiterin Sophie Ennenbach, geb. Schlösinger, kam Rose Schlösinger am 5. Oktober 1907 in Frankfurt am Main zur Welt. Nach der Scheidung der Eltern 1914 lebte Rose mit ihrer älteren Schwester Anna bei der Mutter. Überliefert ist, dass die beiden Mädchen eine glückliche Kindheit verlebten – trotz der elterlichen Trennung. Die Mutter setzte sich als linke Sozialdemokratin und SPD-Stadtverordnete für die Interessen der Frauen speziell in der Arbeitswelt ein, organisierte 1911 den Ersten Internationalen Frauentag in Frankfurt und baute nach dem Ersten Weltkrieg die Abteilung für weibliche Erwerbstätige beim Arbeitsamt auf.

Sozialistische und berufliche Orientierung, Ehe und Mutterfreuden
Die beiden Mädchen gingen wie selbstverständlich in die Sozialistische Arbeiterjugend (SAJ). Gemeinsame Ausflüge, Lektüre und Kulturerlebnisse teilten sie fortan mit politischen Freunden. Rose gehörte auch der Gewerkschaft und vermutlich der SPD an.
Sie verließ die Schule mit der Mittleren Reife. Nach einer hauswirtschaftlichen Ausbildung absolvierte sie von 1924 bis 1926 ein Kindergärtnerinnen-Seminar. Anschließend war sie drei Jahre in ihrem Beruf tätig – unter anderen in Sodental – und von 1926 bis 1929 städtische Angestellte. 1929 gehörte sie zu den ersten Studentinnen der Frankfurter Wohlfahrtsschule und legte 1931 das Examen in Berufsberatung und Jugendpflege mit Auszeichnung ab. Ihr Praktikum nahm sie in der Sozialstation Nordend in der Hallgartenstraße/Ecke Rotlintstraße auf.
Im Studium lernte Rose den Handelslehrer Friedrich Heinemann kennen, den sie bald heiratete. Nach der kurzen, schon 1932 wieder geschiedenen Ehe, aus der im selben Jahr die Tochter Marianne hervorging, lebte Rose wieder bei der Mutter.

Entlassung aus politischen Gründen
Kurz nach dem Regierungsantritt Hitlers wurde Rose Schlösinger als Tochter einer „politisch Unzuverlässigen“ und politisch selbst ebenfalls Missliebige aus dem Praktikum entlassen. Auch die Mutter erhielt Berufsverbot. Die Familie musste zeitweise von Wohlfahrtsunterstützung leben. In Erwerbslosenkursen schulte die Sozialarbeiterin zur Sekretärin um. Rose Schlösinger und ihre Mutter zogen 1934 nach Chemnitz um, wo sie in der Anonymität auf ein unbehelligtes Leben hofften. Rose fand dort eine Stelle als Maschinen-Einschreiberin, später als Sekretärin bei der Wanderer Werke AG und ernährte die Familie fortan allein. Ihr Kind lebte zumeist bei der verheirateten Schwester. Rose quälte in Chemnitz großes Heimweh nach Frankfurt.
In Chemnitz lernte Rose ihren Vetter Bodo Schlösinger kennen; die beiden wurden ein Paar und heirateten im Juni 1939. Die Eheleute zogen bald mit Mutter und Tochter nach Berlin, Sebastianstraße 42, um, wo Rose als Chefsekretärin in der Zentrale der Wanderer Werke AG tätig war. Der Ehemann, Übersetzer für Englisch und Russisch, arbeitete im Auswärtigen Amt in der Austauschstelle mit der Sowjetunion.

Mitglied der Widerstandsgruppe Rote Kapelle
Das Ehepaar schloss sich etwa 1940 dem Widerstandskreis um Mildred und Arvid Harnack sowie Libertas und Harro Schulze-Boysen an, der später von der Geheimen Staatspolizei Rote Kapelle genannt wurde. Auch die Mutter nahm anfangs an den Zusammenkünften teil. Dieser Kreis traf sich unter anderem zu Schulungen, die den Beteiligten eigenständiges Denken und Urteilen in wirtschaftlichen und politischen Fragen ermöglichen sollten, um sich auf das Leben nach dem NS-Regime vorzubereiten. Er organisierte aber auch Flugblattaktionen und dokumentierte NS-Verbrechen. Die Widerständler wollten ferner die Möglichkeiten für Friedensverhandlungen mit der Sowjetunion schaffen. Erst Anfang der 1940er Jahre bildeten sich festere Organisationsformen in dieser Sammlungsbewegung heraus.
Vermutlich gaben die Berichte des seit 1941 an der Ostfront eingesetzten Ehemannes, der wohl von grauenvollen deutschen Übergriffen auf die dortige Zivilbevölkerung wusste, den Ausschlag für Rose Schlösinger, sich trotz der Gefahren aktiv gegen das NS-Regime zu engagieren. Die Gruppe um Harnack und Schulze-Boysen weihte sie daraufhin ein in ihre Flugblattaktionen sowie die Versuche des Kommunisten Hans Coppi, der Sowjetunion per Funk militärische Informationen zukommen zu lassen. Schlösinger diente mehrfach als Kurierin zwischen Coppi und Harnack. Nachdem im August 1943 einer der Funksprüche entschlüsselt worden war, wurden 126 Mitglieder der Roten Kapelle verhaftet und 62 von ihnen hingerichtet.

Verhaftung und Hinrichtung
Auch Rose Schlösinger kam nach der Festnahme am Abend des 18. September 1942 in ihrer Wohnung zunächst im Polizeipräsidium am Alexanderplatz, dann im Gerichtsgefängnis Charlottenburg und ab Mai 1943 im Frauenstrafgefängnis Barnimstraße in Haft. Der 2. Senat des Reichskriegsgerichts verurteilte sie wegen angeblicher Spionage am 20. Januar 1943 zum Tode.
Das Gnadengesuch lehnte Hitler am 21. Juli 1943 ab. Rose Schlösinger starb in Berlin-Plötzensee am 5. August 1943 unter dem Fallbeil. Mit ihr wurden 13 andere Widerständlerinnen und zwei Widerständler der Roten Kapelle im Dreiminutentakt ermordet. Rose Schlösinger kam als achte an die Reihe. Ihr Leichnam kam wie der aller Hingerichteten zu Versuchszwecken in das Anatomisch-Biologische Institut der Berliner Friedrich-Wilhelms-Universität. Die Leichen der Frauen untersuchte der Anatom Hermann Stieve in gynäkologischen Sektionen. Ein Grab wurde Rose Schlösinger verweigert.
Ihr Ehemann nahm sich, nachdem er vom Urteil erfahren hatte, am 22. Februar 1943 an der Front das Leben. Das Sorgerecht für die Tochter erhielt der Vater, der es zu dem Kind bislang völlig unbekannten Verwandten nach Eschwege gab. Er kam 1944 als Soldat zu Tode. Die Tochter erhielt erst an ihrem 18. Geburtstag durch deren Schwester den Abschiedsbrief von Rose Schlösinger.

Spätes Gedenken
Da die Mitstreiter der Roten Kapelle in der Bundesrepublik Deutschland als sowjetische Spione galten, blieb ihnen über Jahrzehnte die Anerkennung als Widerstandskämpfer versagt. Das traf auch auf Rose Schlösinger zu. Allerdings widmete Rolf Hochhuth 1963 seine Novelle „Die Berliner Antigone“ seiner Ehefrau Marianne, der Tochter Schlösingers. Der Schriftsteller nutzt das Schicksal seiner Schwiegermutter als Folie seiner Erzählung.
Die Stadt Frankfurt am Main ließ erst an am deren 87. Geburtstag am 5. Oktober 1994 am ehemaligen Wohnhaus der Familie, Münzenberger Straße 4, eine Gedenktafel mit Porträtrelief für die Widerstandkämpferin anbringen. Der Text lautet:
„In diesem Hause verbrachte ihre Kindheit Rose Schlösinger, geborene Ennenbach, geb. am 5. Oktober 1907 in Frankfurt a. M., gest. am 5. August 1943 in Berlin-Plötzensee.
Die Tochter der bekannten Sozialdemokratin Sophie Ennenbach erhielt von 1933 als Kindergärtnerin und Sozialarbeiterin Berufsverbot. Sie arbeitete als Sekretärin in Chemnitz und Berlin und heiratete ihren Vetter Bodo Schlösinger.
Als Mitglied der Widerstandsgruppe ‚Rote Kapelle‘ wurde sie in Plötzensee hingerichtet.“
Inzwischen trägt auch eine kleine Parkanlage am Bornheimer Hang in Frankfurt am Main den Namen Rose-Schlösinger-Anlage.

Literatur
  • Regina Griebel / Marlies Coburger / Heinrich Scheel, Erfasst? Das Gestapo-Album zur Roten Kapelle. Eine Foto-Dokumentation. Halle 1992, S. 136-137.

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    Impressum © Stadt Frankfurt am Main. Text erstellt 2011, aktualisiert am: 03.11.2015