Der „Gebietsarzt der HJ“ Jörgen Schmidt-Voigt. Opposition unter vorgetäuschter Anpassung

Druck

„Wie schön sind unsere Mädchen und unsere Knaben, wie leuchtend ist ihr Blick, wie gesund und frisch ihre Haltung, wie herrlich sind die Körper der Hunderttausende und Millionen, die durch unsere Organisationen geschult und gepflegt werden.“
Diese, zum Bau des Reichstagsgeländes in Nürnberg 1937 proklamierten Worte Hitlers sind mehr als eine Apotheose der Jugend – präzisieren sie doch das politische Programm und den totalen Anspruch auf die Vereinnahmung einer ganzen Generation durch die Nationalsozialisten. Zwei Jahre zuvor, zum „Parteitag der Freiheit“ 1935, formulierte Hitler seine Erwartungen an die Jugend und das Erziehungswesen mit den bekannten Worten „… der deutsche Junge der Zukunft muss schlank und rank sein, flink wie Windhunde, zäh wie Leder und hart wie Kruppstahl. Wir müssen einen neuen Menschen erziehen, auf dass unser Volk nicht an den Degenerationserscheinungen der Zeit zugrunde geht.“ Bereitschaft zur Aufopferung für die Volksgemeinschaft, Wehrhaftigkeit und körperliche Ertüchtigung haben demnach Vorrang gegenüber geistiger Bildung.
Wie in vielem, misstraute das NS-Regime auch in der Frage der Erziehung staatlichen Einrichtungen. Selbst nachdem politisch unzuverlässige Lehrer suspendiert und die Unterrichtsinhalte ideologisch ausgerichtet waren, galten die Schulen nicht als die bevorzugte und zuverlässige Erziehungsinstanz.
Die Aufgabe, die Jugend als „politische Soldaten Adolf Hitlers“ marschieren zu lassen, hatte die Hitler-Jugend (HJ) zu übernehmen. Anfang Juli 1926 auf dem zweiten Reichsparteitag der NSDAP in Weimar als nationalsozialistische Jugendorganisation gegründet, fristete sie während der Weimarer Republik ein eher kümmerliches Dasein. Eine bedeutende Massenorganisation wurde sie erst mit der Gleichschaltung, d. h. dem Verbot der konkurrierenden Jugendverbände 1933. Das „Gesetz über die Hitlerjugend“ vom 1. Dezember 1936 und noch mehr die Einführung der „Jugenddienstpflicht“ am 1. Dezember 1939 machten die Mitgliedschaft in der HJ zur Pflicht. Mit etwa 8,2 Millionen Mitgliedern im Jahre 1939 waren nahezu alle deutschen Jugendlichen in einer der Teilorganisationen der HJ (Jungvolk/Jungmädel bzw. Hitlerjugend/Bund Deutscher Mädel) organisiert.
Effektiv wie effizient durchorganisiert, griff die HJ, eher eine Partei- als Staatsjugend, einschneidend in den Alltag von Kindern, Jugendlichen und Heranwachsenden ein. Dennoch konnten sich, wie Frankfurter Zeitzeugen berichten, innerhalb der HJ Freiräume für Aktivitäten öffnen, die, wenngleich kein Widerstand waren, aber dennoch einigen „Sand in das Kugellager des Nationalsozialismus“ streuten.

Ausschnitt aus einem Brief Schmidt-Voigts an einen Freund vom 28. September 1938. Schmidt-Voigt bezieht sich hier auf die Einladung Hitlers nach München an den englischen Premierminister Chamberlain und den französischen Ministerpräsidenten Daladier, die auf Druck Mussolinis zustande kommt. Am folgenden Tag, den 29. September 1938, erreicht Hitler weitreichende Zugeständnisse in der Sudetenfrage, die zwar vorerst die Kriegsgefahr bannen, aber faktisch zur Zerschlagung der Tschechoslowakei führten.

So erwähnen zahlreiche Dokumente und Zeitzeugenberichte das mutige Verhalten des Frankfurter Arztes Dr. Jörgen Schmidt-Voigt. 1917 geboren, legte Schmidt-Voigt 1936 am humanistischen Lessinggymnasium das Abitur ab und studierte in Frankfurt und Marburg Medizin. HJ-Mitglied wurde Schmidt-Voigt am 1. Juni 1933, bis dahin war er Mitglied einer evangelischen Pfadfinderschaft. Er schreibt dazu 1935: „Dieser Schritt ist mir keinesfalls leicht gefallen. Aber die Hitlerjugend als alleinige Staatsjugend war im Aufbau begriffen. Ich fühlte mich daher verpflichtet, meine Erfahrung in den Dienst dieser Aufbauarbeit zu stellen.“ Seine Ambivalenz der HJ gegenüber, die aus diesen Sätzen spricht, bestätigte sich in Auseinandersetzungen mit der HJ-Gebietsführung und dem Entzug der Führung eines HJ-Fähnleins.
Die eingangs zitierten Hitler-Worte lassen erkennen, dass die nationalsozialistische Weltanschauung nicht ohne Wirkung auf die medizinische Wissenschaft bleiben konnte. So trat zu einer mehr individuellen Gesundheitsfürsorge alsbald eine als verpflichtend zu verstehende allgemeine Gesundheitsvorsorge. Gesundheitliche Prävention sollte einerseits der „Aufartung“ der „nordischen Rasse“ dienlich sein, bezweckte andererseits die Steigerung der Arbeits- wie Wehrkraft: „Der Jugendliche ist der Arbeiter und Soldat von morgen. Die Gesunderhaltung der deutschen Jugend muss daher als vordringlich angesehen werden.“
Konsequenz dieses Postulats war der Umbau des bestehenden staatlichen Gesundheitssystems sowie – parallel dazu – der Aufbau eines offensiv operierenden parteiamtlichen Gesundheitssystems. Eine bedeutende Rolle bei der Realisierung dieses Konzepts der „Gesundheitsführung“ sollte die Hitlerjugend spielen.

Jörgen Schmidt-Voigt (rechts) trug nur zu offiziellen Anlässen die Uniform eines HJ-Gebietsarztes. Im Vordergrund ein HJ-Feldscher, erkennbar an der Y-förmigen „Lebensrune“, im Range eines Oberkameradschaftsführers (Winkel mit Stern). Die Aufnahme entstand vermutlich während einer Übung im Schullandheim des Frankfurter Goethe-Gymnasiums in Oberreiffenberg Anfang der 40er Jahre.

So konnte und wollte man auf die Qualifikationen des jungen medizinisch gebildeten Hitlerjungen Schmidt-Voigt nicht verzichten, obwohl seine kritische und antimilitaristische Haltung schon aus Schulzeiten bekannt waren. Schon während seines Studiums hielt er Sanitätskurse ab und baute eine Feldschereinheit auf; 1941 wurde er „Gebietsarzt“ der HJ. Diese, vom üblichen HJ-Alltag relativ isolierte Tätigkeit, ermöglichte Schmidt-Voigt, sich einen Kreis von Jugendlichen zu suchen, die wegen Disziplinschwierigkeiten mit HJ-Führern in Konflikt geraten waren. Der Schriftsteller Richard Hey erinnert sich:
„Ich wurde vorgerufen und vom Gefolgschaftsführer wegen Feigheit und Unfähigkeit feierlich degradiert … Meine Kameradschaft kannte den plötzlich aussätzig Gewordenen nicht mehr. … Ich hatte mit einem strengen Verweis gerechnet, nicht mit dieser Sorte öffentlicher Entehrung. Die machte mir zu schaffen, mehr als ich mir eingestehen konnte. Am HJ-Leben nahm ich nicht mehr teil. Solln die mich doch holen kommen, dachte ich. Wie trotzdem der Kontakt mit dem HJ-Gebietsarzt zustande kam, dem obersten im Gau Hessen-Nassau, weiß ich nicht mehr. … Wohl aber dass ich diesem Mann von etwa Ende zwanzig sofort vertraute … Da müssen von ihm ein paar Worte gefallen sein, die mich aufhorchen ließen. Die mich dazu brachten, eines Nachmittags zusammen mit zwanzig, fünfundzwanzig anderen Jungen erwartungsvoll in einem Raum der Frankfurter HJ-Zentrale zu sitzen … Wir erfuhren, dass aus uns eine so genannte Feldscher-Einheit (gemeint ist eine Gebietsfeldschereinheit) werden sollte, was bedeutete, dass wir eine Ausbildung als Sanitäter erhalten würden, um bei Sportveranstaltungen, Aufmärschen, Geländespielen der HJ eingesetzt zu werden. In Wahrheit ging es diesem Doktor als Gebietsarzt um weit mehr. Die Feldscher-Einheit war Oberfläche, Tarnung. Zwar wurden wir gründlich unterrichtet, und nicht nur im Mullbindenaufwickeln … Aber indem wir uns beim Lernen auch selbst besser kennen lernten, kamen wir dahinter, dass viele von uns Schwierigkeiten in ihrer HJ-Vergangenheit gehabt hatten. Jörgen, auf seinen Wunsch redeten wir den Gebietsarzt titellos an, hatte offenbar ein besonderes Auswahlverfahren für seine Feldscher-Einheit befolgt, mochte aber, wie er später erklärte, seine Pläne nicht sofort offen legen. … Schließlich blieben ein paar mehr als ein Dutzend übrig. Die hatte der Gebietsarzt sich also herausgefiltert, indem er lange Zeit beharrlich in verschiedenen Frankfurter HJ-Gruppierungen nach Hitlerjungen fragte, die negativ aufgefallen waren. … Es ging ihm um nichts weniger als um die Schaffung einer antinazistischen HJ-Einheit. Ein wahrhaft abenteuerliches Unternehmen. …Während der Ausbildung aber hörten wir abends nun immer wieder und immer häufiger Vorträge von Jörgen und seinen Freunden zu Themen der Literatur, der Philosophie, der Musik, der Malerei. So lernten wir auch und vor allem Dichter, Komponisten, Maler kennen, die von den Nazis verfolgt oder totgeschwiegen wurden, deren Werke nicht erwähnt werden durften. Ich war ganz gut vorbereitet, hörte aber trotzdem Neues, vor allem über jüdische Kultur als wichtigem Bestandteil der deutschen Kultur. Zwischendurch gab es Berichte derer, die vorübergehend von ‚draußen‘ zurückkamen, Berichte von solch schonungsloser Offenheit über Wesen und Praxis des Raub- und Vernichtungskrieges, den die Wehrmacht für heilig Vaterland in Russland führte, dass ich Mühe hatte sie zu fassen, zu verarbeiten. Den anderen gings ähnlich.“

Tätigkeitsbericht, verfasst von dem späteren Schriftsteller Hans-Peter Berglar-Schröer. Er dokumentiert die NS-kritischen Diskussionen in der Gebietsfeldscherschar unter der Leitung von Jörgen Schmidt-Voigt.

Ausschnitt aus dem Tätigkeitsbericht Hans-Peter Berglar-Schröers vom April 1942.

Jörgen Schmidt-Voigts kritische Einstellung zum NS-Regime ist dokumentarisch belegt. In einem Brief an einen Freund schreibt er 1938 über den „ungemeinen Ernst der Lage“ der evangelischen wie katholischen Kirche sowie die Vergeblichkeit der Friedensbemühungen von Chamberlain und Daladier. Mit Blick auf Hitler führt er aus: „Nur ein Wahnsinniger vermag nun noch gegen den Willen der Völker einen Krieg zu beginnen, dessen Schrecken und chaotische Folgen jedem Einsichtigen, der über die Pubertät hinaus ist, klar vor Augen stehen. Wir können es nur wünschen, dass der Frieden erhalten bleiben möge, und dafür beten.“

Dr. Jörgen Schmidt-Voigt bei einer Visite im Hilfskrankenhaus der „Kinderlandverschickung“ in Eppstein im Taunus. Das Foto entstand ca. 1943/44.


Nach kriegsbedingter Auflösung der Gebietsfeldscherschar 1943 arbeitete Schmidt-Voigt bis zum Kriegsende als leitender Arzt im Hilfskrankenhaus der Kinderlandverschickung (KLV) in Eppstein im Taunus, dem ehemaligen Erholungsheim der Frankfurter deutsch-reformierten Gemeinde.
Nach dem Krieg führte Schmidt-Voigts Mitgliedschaft in der NSDAP und seine relativ hohe Stellung als Kriegsgebietsarzt der HJ – er unterstand direkt der Reichsjugendführung – zu einem langwierigen Spruchkammerverfahren, das mit der Einstufung als „Mitläufer“ endete.
Jörgen Schmidt-Voigt spezialisierte sich auf Innere Medizin und war zuletzt bis zu seiner Pensionierung 1982 Leiter der Inneren Abteilung des Kreiskrankenhauses in Bad Soden.
Über die Hitlerjugend in Frankfurt ist nur wenig überliefert und bekannt geworden. Erst die schon zum großen Teil vorliegenden vielseitigen Recherchen und die Vorarbeiten zum 20-jährigen Bestehen des Frankfurter Ikonenmuseums und zur Würdigung seines Stifters Jörgen Schmidt-Voigt im Jahre 2010 haben die interessanten Details über die Feldschereinheit der Frankfurter HJ hervorgebracht, die einerseits die seltenen Möglichkeiten andeuten, sich innerhalb einer straffen NS-Organisation dem ideologischen Druck zu entziehen, andererseits aber erkennbar werden lassen, wie diese von personellen und zufälligen Konstellationen abhängig sind.


Literatur
  • Snejanka Bauer (Hg.) Jörgen Schmidt-Voigt. Mediziner, Musiker und Mäzen (1917-2004), Tübingen 2010 (darin vor allem die Beiträge von Hans Böckler, S. 47-71 sowie S. 83-88 und Manfred Capellmann, S. 37-46).
  • Hans Böckler, Schule in der Kriegszeit 1939-1945. Dokumentarbericht und Erinnerungen von Zeitzeugen der ehemaligen Falk-Mittelschule, Frankfurt. Als Ms. gedruckt, Frankfurt 2005.
  • Richard Hey, Die schlafende Schöne in Formalin und andere frühe Erinnerungen, München 2003.

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    Impressum © Stadt Frankfurt am Main. Text erstellt 2010, aktualisiert am: 14.05.2011