Spurensuche an der Georg-Büchner-Schule

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Die Anfrage des „Vereins zur Gründung der Stiftung Auschwitz Frankfurt am Main e.V.“ bei der Georg-Büchner-Schule, die Ausstellung „Auschwitz - das Verbrechen gegen die Menschheit“ mit auszurichten, erwies sich als außergewöhnliche Chance. Sie zu ergreifen bestand darin, alle Gremien der Schule für dieses Projekt zu gewinnen und an der halbjährigen Vorbereitung sowie Ausrichtung der Ausstellung vom 14. 2. - 7. 3. 1993 zu beteiligen. Der Besuch der Ausstellung wurde von allen 9. und 10. Klassen, fünf 8. Klassen und einer 7. Klasse intensiv vorbereitet, durchgeführt und nachbereitet. Viele Schülerinnen und Schüler, Eltern und weitere Angehörige, Kolleginnen und Kollegen besuchten auch privat die Ausstellung und nahmen an dem vielseitigen Begleitprogramm teil. Die Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus und dem Holocaust wurde damit auf eine breite Basis der Schule gestellt. Das Projekt wurde öffentlichkeitswirksam und gewann eine nachhaltige Bedeutung.

Recherche
Zwei Kolleginnen der Schule begannen nach Dokumenten aus der NS-Zeit im Schularchiv zu suchen. Sie fanden in den Unterlagen der „Vorgängerschule“, der Bismarck-Realschule, ein Konferenzbuch der Jahre 1932 bis 1944, Schülerakten mehrerer jüdischer Schülerinnen und Schüler und entschlossen sich 1994 für Schülerinnen und Schüler eine Arbeitsgemeinschaft „Spurensuche“ anzubieten, die sich zur Aufgabe machen sollte, die Funde im Archiv zu sichten und daran zu arbeiten. Das Konferenzbuch vermittelt einen Eindruck über die Pädagogik des Nationalsozialismus und zeigt, wie der Alltag einer Schule sukzessive auf die Ideologie und den unumschränkten Erziehungs- und Bildungsanspruch des herrschenden Regimes ausgerichtet wurde. In diesem Konferenzbuch gibt es auch einen konkreten Hinweis auf die Diskriminierung und Ausgrenzung einer jüdischen Schülerin: In einer Kurzkonferenz am 1. 2. 1936 teilt der Schulleiter dem Kollegium mit, dass in der 6. Klasse eine jüdische Schülerin bei einer Klassenfeier mitgewirkt hat. Dieser Vorgang sei von dem Vater einer Mitschülerin bei der NSDAP angezeigt und an die Schulbehörde weitergeleitet worden. Der Schulleiter erklärt, dass dieser „Vorfall“ mit den „Grundsätzen des Nat. Soz. Staates unvereinbar sei“, und verbietet „ein für allemal die Teilnahme jüdischer Kinder an Feiern“.

Lore Breslaus Klasse vor der Bismarck-Realschule


Die weitere Recherche im Archiv der Schule ergab, dass es sich bei der jüdischen Schülerin um Lore Breslau handelte, die am 26. 3. 1936 die Schule verließ und auf die Höhere Privatschule Westend wechselte. Der Lebens- und Leidensweg dieses Mädchens und seiner Familie konnte durch das Auffinden der Namen im Deportationsbuch und in den Gedenkbüchern des Jüdischen Museums und an der Gedenkstätte Neuer Börneplatz, durch Informationen über Adressen, Umzüge, Geschäftsaufgabe und anderes mehr in Unterlagen des Instituts für Stadtgeschichte und durch Einsicht in Devisen-, Rückerstattungs- und Entschädigungsakten im Hessischen Hauptstaatsarchiv in Wiesbaden detailliert erforscht werden. Gespräche mit Zeitzeugen trugen zur Erhellung des Schicksals der Familie bei: Ihre letzte Spur führte ins Getto Lodz. Das Sterbedatum des Vaters in Lodz ist bekannt. Lore und ihre Mutter galten als „verschollen“ und wurden nach 1945 für „tot“ erklärt. Ein Bruder konnte emigrieren und lebt in Australien. Die Schule pflegt den Kontakt mit ihm.

Ausstellung der „Black Box“ an der Georg-Büchner-Schule


Ausstellung einer Black Box
Die Ergebnisse dieser Spurensuche sind 1995 zu einer festen Ausstellung – einer sog. Black Box – gestaltet worden. Sie besteht aus acht schwarzen Stellwänden, die im Quadrat aufgestellt werden, um das der Besucher herumgehen kann. Die Fragen der Schüler und Schülerinnen sind in weißer Schrift auf schwarze Pappdeckel geschrieben, die aufgeklappt werden können und hinter denen dann auf weißem Papier Antworten zu finden sind. Etliche Fragen aber blieben zunächst unbearbeitet. Dies wird durch leere, weiße Flächen hinter den Klappdeckeln augenfällig. Damit wird an andere Lerngruppen und nachfolgende Jahrgänge appelliert daran weiterzuarbeiten. Die Black Box wurde zum ersten Mal in der Öffentlichkeit zusammen mit der Ausstellung „Täter in Auschwitz“ im Jahr 1995 gezeigt. Diese Ausstellung präsentierte Fotos, die von dem Fotografen Günter Schindler während des Auschwitz-Prozesses 1963-1965 in Frankfurt am Main aufgenommen wurden und angeklagte Täter des Konzentrationslagers Auschwitz zeigt. Der „Verein zur Gründung einer Stiftung Auschwitz e.V.“ und die Evangelische Dreifaltigkeitsgemeinde hatten die Ausstellung eingerichtet. Der Black Box wurde 1995 ein erster Preis beim Wettbewerb „Bockenheimer Idee“ (Ausrichter: SPD-Bockenheim II) zugesprochen. Am 13. 3. 2001 war die Ausstellung am „Frankfurter Aktionstag gegen Rassismus“ zu sehen, der von der „Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit Frankfurt am Main e.V.“ im Haus am Dom/altes Hauptzollamt veranstaltet wurde.
Die Black Box wurde auch in der Schule regelmäßig zu den offiziellen Gedenktagen präsentiert und ebenso dann, wenn an ihr anlässlich einer Projektwoche weitergearbeitet worden ist. 1997 wurde die Spurensuche in einer Schulbroschüre veröffentlicht. Ein Klassensatz wurde zur internen Ausleihe der Schulbibliothek zur Verfügung gestellt.

Gedenkortprojekt, das sich nicht realisieren ließ
Ab 1998 zeigte sich im Kreis der Kolleginnen und Kollegen das Interesse an der Gestaltung eines zentralen Gedenkortes in der Schule. Eine Arbeitsgruppe von Kolleginnen, Kollegen und Eltern konstituierte sich und lud mehrere Künstler ein, einen Vorschlag zur Gestaltung eines Gedenkortes für die Schule zu entwickeln. Man entschied sich schließlich für die Zusammenarbeit mit dem Künstler Bernd Fischer, der einen kommunikativen Ansatz vertrat und mit der Schule gemeinsam einen Gedenkort entwickeln wollte. Er schlug vor, einen großen, begehbaren Archiv-Schrank zu gestalten, der dazu dienen sollte, die bisher geleistete Arbeit an der Schule zur Thematik zu präsentieren, aber auch für weitere aktuelle und zukünftige Beiträge zum Thema „Menschenrechte – Menschenrechtsverletzungen“ geeignet sei. Dieser Vorschlag fand in der Arbeitsgruppe breiten Zuspruch. Die Arbeitsgruppe entschied weiter, die Frontseite mit Texten zu gestalten, die auf den Inhalt des Schrankes hinweisen und ein lyrisches Mahnzeichen gegen das Vergessen setzen sollten. Diesen Zielsetzungen entsprechend wurden kurze Aussagen zu den wesentlichen biografischen Daten Lore Breslaus formuliert und das Gedicht „Identität“ von Rose Ausländer ausgewählt. Die biografischen Angaben sollten zum Nachfragen auffordern und für die Weiterarbeit anschlussfähig sein, das Gedicht sollte vor allem Jugendliche ansprechen. Rose Ausländer schrieb dieses Gedicht 1983 als sogenanntes „spätes Ghettogedicht“ im Sinne eines poetischen Mahnzeichens gegen das Vergessen. Sprache und Thema des Gedichts sind gerade für Jugendliche geeignet, über die eigene Identität nachzudenken und teilnehmend nachzuvollziehen, welches Leid durch Identitätsverlust hervorgerufen wird. Vor einer Wand im Foyer des zentralen Verwaltungsgebäudes der Schule sollte die Installation platziert werden. Herr Fischer und die Arbeitsgruppe stellten daraufhin die Idee des Archiv-Schranks der Gesamtkonferenz vor; Herr Gottfried Kößler vom Fritz Bauer Institut hielt ein Impulsreferat zum Thema „Schulische Denkmale und Gedenktage“.
Zum Schuljahr 2000/2001 begann eine Schüler/-innen-AG mit vier Kolleginnen/Kollegen im Atelier des Künstlers Modelle für die Installation zu entwickeln. Vier Modelle mit Ausführungsbeschreibungen wurden erstellt und fanden in der Schule und in drei Ausstellungen außerhalb der Schule (Nikolaikirche in Frankfurt, Haus am Dom in Frankfurt, Hellhof in Kronberg) große Beachtung. Leider ergaben sich nach eineinhalb Jahren intensiver Arbeit unerwartete Schwierigkeiten bei der Genehmigung des Aufbaus der Installation. Vom Hochbauamt der Stadt Frankfurt wurden aus Sicherheitsgründen der für die Gedenkstätte ausgewählte Ort und das Material der Türen des Archiv-Schranks beanstandet. Es wurde die Meinung vertreten, der vorgesehene Ort entspräche in seiner Bauweise nicht mehr den aktuellen Brandschutzbestimmungen. Die notwendigen Baumaßnahmen zur Behebung dieses Mangels wurden uns nur bedingt in Aussicht gestellt. Außerdem hätten die Türen des Archiv-Schranks durch extrem teure Brandschutztüren ersetzt werden müssen, deren hohe Kosten das für die Gedenkstätte vorgesehene Budget weit überschritten hätten. So musste schließlich dieses Projekt aufgegeben werden.


Realisierte Formen des Gedenkens

Gedenktafel für Lore Breslau in der Georg-Büchner-Schule, oberer Teil


Die Texte aber, die von den Projektbeteiligten für die Gestaltung der Fronttüren des Archiv-Schranks vorgesehen waren, wurden von Bernd Fischer zu zwei Texttafeln gestaltet, die in Form, Material und Gestaltung eine geschlossene Installation bilden. Sie wurden an einer Wand im Foyer der Schule angebracht und am 19. Oktober 2002 im Rahmen einer Gedenkstunde offiziell übergeben. In den Jahren danach sind am Platz vor den Gedenktafeln Mahnwachen an den offiziellen Gedenktagen durch Schülerinnen und Schüler abgehalten worden, die auch auf Nachfragen Antworten geben konnten. Veranstaltungen dieser Art können für nachfolgende Schüler- und Lehrergenerationen Anlass sein sich mit dem Holocaust und dem Nationalsozialismus auseinander zu setzen.
So besuchte eine Gruppe von Lehrerinnen und Lehrern ein Tagesseminar in der Gedenkstätte Buchenwald, um die pädagogischen Angebote dort kennen zu lernen. Im März 2004 war eine erneut eingerichtete Arbeitsgemeinschaft „Spurensuche“ mit zwei Lehrkräften zu einem Zweitagesseminar in Buchenwald. Es wurde zu verschiedenen Themen u. a. über das Sonderlager in Buchenwald 1938-1939 gearbeitet, in dem auch Lore Breslaus Vater und Bruder zeitweilig inhaftiert waren. Kopien von Dokumenten zu diesem Ereignis, die der Schule von der Gedenkstätte zur Verfügung gestellt wurden, beleuchten eine weitere Spur der Recherche zu Lore Breslau und ihrer Familie. Im Übrigen wurden die Ergebnisse des Seminars in Buchenwald in der Schule ausgestellt und dann der Materialsammlung der Schule zugeführt.

Stolpersteine für Lore Breslau und ihre Eltern vor der Schloßstrasse 120.


Im September 2005 hat die Schule für Lore Breslau und deren Eltern Stolpersteine durch den Künstler Gunter Demnig verlegen lassen. Gremien der Schule haben die Steine finanziert. Die offizielle Auftaktveranstaltung für die Frankfurter Verlegung wurde in der Schule unter Mitwirkung von Schülern und Schülerinnen ausgerichtet. Sie verteilten während der Arbeiten am Verlegungsort Informationsflyer über das Schicksal der Familie Breslau und standen für Fragen von Passanten, Hausbewohnern und Mitgliedern der Frankfurter Initiative „Stolpersteine“ zur Verfügung.



Literatur
  • „Auschwitz – das Verbrechen gegen die Menschheit“, Ausstellungsbegleiter, hg. vom Verein zur Gründung der Stiftung Auschwitz Frankfurt am Main e.V., Wiesbaden 1993.
  • „Auschwitz – das Verbrechen gegen die Menschheit“, Dokumentation der Arbeit mit der Ausstellung; hg. von der Georg-Büchner-Schule, Frankfurt am Main 1993.
  • Ingrid Apel / Inge Gembach-Röntgen, „Spurensuche, Dokumentation einer Recherche an der Georg-Büchner-Schule“, hg. von der Georg-Büchner-Schule, Frankfurt am Main 1997.
  • Gedenkstunde am Samstag, dem 19. Oktober 2002 – Redebeiträge, hg. von der Georg-Büchner-Schule, Frankfurt am Main 2003.
  • Gisela Haase, Erinnern und Lernen. Die Auseinandersetzung an einer Frankfurter Schule mit dem Nationalsozialismus und Holocaust, Frankfurt 2004 ( als PDF hier verfügbar ).
  • Die genannten und weitere Veröffentlichungen sind unter dem Namen „Gisela Haase“ in der „Bibliothek der Alten“ im Historischen Museum Frankfurt, Saalgasse 19 (Römerberg), 60311 Frankfurt am Main einzusehen.

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