Ein Projekt an der Dahlmannschule (Grundschule)

Druck

Die Arbeit an der Brüder-Grimm-Schule über jüdische Schüler und Schülerinnen im Stadtteil im Nationalsozialismus hatte ergeben, dass es unter den Opfern eine jüdische Schülerin gab, die die Dahlmannschule, eine der Brüder-Grimm-Schule benachbarte Grundschule, besucht hatte. Es handelte sich dabei um Irene Mainzer. Das Leben und das Schicksal von Irene Mainzer und ihrer Familie war von einer Schülergruppe der Brüder-Grimmschule detailliert erforscht worden.

Schüler der Dahlmannschule mit dem Stolperstein für Irene Mainzer, der vor dem Haus Rhönstraße 2 verlegt wurde.

Schüler der Dahlmannschule bei der Verlegung von Stolpersteinen für Irene, Moritz und Sofie Mainzer vor dem Haus Rhönstraße 2.


Irene Mainzer war die Tochter von Sophie und Dr. Moritz Mainzer. Von 1930 bis Ostern 1934 besuchte sie die Dahlmannschule in Bornheim. Die Familie wohnte in der Rhönstraße 2 (heute ein Neubau) nicht weit von der Dahlmannschule entfernt. Der Vater, ein Rabbiner, verstarb 1938 in Frankfurt an den Folgen einer mehrtägigen Inhaftierung durch die SS. Irene und ihre Mutter wurden am 22. November 1941 nach Kaunas (Litauen) deportiert und dort erschossen. Die zwei Schwestern von Irene konnten 1939 emigrieren und haben überlebt.
Wir planten für die ermordeten Familienmitglieder Stolpersteine verlegen zu lassen und wollten die Dahlmannschule mit daran beteiligen. Die Schulleiterin zeigte sich sehr interessiert und folgte unserem Vorschlag, im Schulelternbeirat, Schulverein und im Kollegium um Unterstützung der Stolpersteinverlegung für eine ehemalige Schülerin und deren Eltern zu bitten. Der Schulverein übernahm die Finanzierung des Stolpersteins für Irene Mainzer, und zwei Kolleginnen wollten mit ihren 4. Klassen die Stolpersteinverlegung vorbereiten und zum Schicksal der ehemaligen Schülerin arbeiten.
Im Mai 2007 bereiteten wir in Gesprächen mit der Schulleiterin und den beiden Kolleginnen das Projekt vor, das nach den Sommerferien im September begonnen werden sollte. Wir stellten den Kolleginnen die Recherche über die Familie und weiteres Material wie Zeittafeln, Hinweise zur Fachliteratur und lokalhistorische Unterlagen zur Verfügung. Ein Fragenkatalog (s. Anlage) sollte den Kolleginnen helfen, sich behutsam der Thematik anzunähern, Bedenken offen auszusprechen und eine Projektkonzeption zu planen.
Dem eigentlichen Projekt „Ein Stolperstein für Irene Mainzer“ sollte zu Beginn des Schuljahres eine bereits geplante Unterrichtseinheit zum sozialen Lernen mit dem Schwerpunkt „Kinderrechte“ vorangestellt werden. Es wurde vor diesem Hintergrund vereinbart, die Bereiche „Diskriminierung, Ausgrenzung und Entrechtung“ an dem Schicksal der Irene Mainzer und dem ihrer Familie schwerpunktmäßig zu thematisieren und die Bereiche „Deportation und Ermordung“ auch im Blick auf das Stolpersteineprojekt des Kölner Künstlers Gunter Demnig zu behandeln. Kinder und Eltern sollten darüber informiert werden, dass „Stolpersteine“ von Gunter Demnig für ermordete jüdische Mitbürger und Mitbürgerinnen vor deren letzten Wohnorten verlegt werden, und dem Text für Irene Mainzer „Hier wohnte / Irene Mainzer / Jg. 1924 / deportiert 1941 / Kaunas / ermordet 28.11.1941“ mit den dafür notwendigen Kenntnissen begegnen können.
Zum Verlegungstag am 6. November 2007 erstellten die beiden Klassen ein Plakat mit dem Titel „Irene in der Dahlmannschule“. Am Verlegungstag selbst wurde der Stein für Irene Mainzer in der Schule den beiden Klassen gezeigt, der eingravierte Text verlesen und besprochen. Die Schulleiterin übernahm den Stein, begleitete die beiden Klassen mit den Kolleginnen und vielen Eltern zum Verlegungsort, an dem dann der Stein zusammen mit den Steinen für Irenes Eltern vom Künstler verlegt wurde. Die Schüler und Schülerinnen der Brüder-Grimm-Schule verlasen die Ergebnisse ihrer Recherche, die Kinder der Dahlmannschule zeigten ihr Plakat und trugen einige ihrer Ergebnisse, auch ihre Gedanken zum Schicksal der Familie Mainzer vor. Der Rabbiner Andrew Steiman von der Henry und Emma Budge-Stiftung gedachte mit bewegenden und für die Kinder verständlichen Worten der Ermordeten und sprach anschließend ein Totengebet auf Hebräisch und Deutsch.
Das Plakat wurde in der Schule ausgestellt und fand nachweislich viel Beachtung.

Anhang
Verlegung eines Stolpersteines für Irene Mainzer
(Fragebogen für Lehrerinnen vor Projektbeginn in der Dahlmannschule)

1. Päd./Persönliche Überlegungen zum Thema

  • Was ist ein Stolperstein von Gunter Demnig?
  • Welches Hintergrundwissen ist notwendig? Mein eigenes Vorwissen?
  • Welche Schwerpunkte zum Thema „Nationalsozialismus und Holocaust“ möchte ist setzen?
  • Wie können meine inhaltlichen und sprachlichen Antworten auf Kinderfragen lauten?
  • Wie gehe ich mit Emotionen wie Erschütterung, Angst, Misstrauen, Blockade, Sensationslust um?

2. Vorerfahrungen der Kinder
  • Welches Vorwissen werden meine Kinder zur Thematik haben? (Holocaust / Stolpersteine)
  • Wie werde ich Vorerfahrungen meiner Kinder ins Unterrichtsgeschehen einbeziehen?
  • Welche schulischen Erfahrungen hat meine Klasse mit historischen Themen, mit Opfergruppen des nationalsozialistischen Systems, mit Menschenrechtsfragen auch im Bezug auf die Herkunftsländer der Kinder? Wie berücksichtige ich den Tatbestand, dass ich jüd. Kinder in der Klasse habe?

3. Eltern
  • Wie und wann informiere ich die Eltern?
  • Will und kann ich die Eltern in das Projekt/Vorhaben mit einbeziehen?
  • Sind Widerstände zu erwarten und wie gehe ich damit um?

4. Kollegium
  • Bietet sich eine Zusammenarbeit mit Parallelklassen an?
  • Wie arbeite ich mit der Schulleitung zusammen? (Zugang zur Chronik, zu den Schülerakten)
  • Wie wird das Kollegium informiert und evtl. in die Arbeit mit einbezogen?
  • Könnte das Projekt sich zu einem Anliegen der ganzen Schule entwickeln?

5. Didaktisch-methodische Überlegungen
  • Warum möchte ich das Projekt/Vorhaben in meiner Klasse durchführen?
  • Welchen Zugang stelle ich mir vor?
  • Welche inhaltlichen Schwerpunkte möchte ich erarbeiten?
  • Wie könnte die Unterrichtszeit strukturiert werden?
  • Welchen Stellenwert sollte die Stolpersteinverlegung einnehmen?
  • Welche Materialien stehen mir zur Verfügung?
  • Welche Wissenselemente, welche Begriffe sollten eingeführt werden?
  • Kann ich mir schwierige Situationen vorstellen?  Wie könnte ich mich in diesen verhalten?
  • Wie erzeuge ich Sicherheit und Hoffnung auf ein „Nie wieder!“?
  • Wie könnte der Prozess des Gedenkens, die Veranstaltung des Verlegens gestaltet werden?




Literatur
  • Eine Spurensuche zu Gertrud Gross, Irene Mainzer, Sophie Mainzer, Dr. Moritz Mainzer; Hrsg.: Brüder-Grimm-Schule, Frankfurt am Main 2007

  • Weitere Beiträge zu verwandten Themen
  • Gisela Haase  

    Impressum © Stadt Frankfurt am Main. Text erstellt 2010, aktualisiert am: 31.08.2015