Mátyás Seiber – Jazz-Pionier in Frankfurt

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Mátyás Seiber wurde am 4. Mai 1905 in Budapest in eine jüdische Musikerfamilie hineingeboren. Bereits mit 14 Jahren begann er an der dortigen Musikakademie seine Studien in Komposition und Violoncello, die er 1924 abschloss. Seiber sammelte auch früh schon Erfahrungen als Musikpädagoge. Beeinflusst durch die pädagogische Konzeption seines Kompositionslehrers Zoltán Kodály entwickelte sich Mátyás Seiber zu einem Komponisten und Pädagogen, der zeitlebens eine Neugier und stilistische Offenheit pflegte, die niemals aufgesetzt wirkte, sondern immer darauf abzielte, einen musikalischen Gedanken mit den ihm adäquaten Mitteln zu entwickeln und umzusetzen.
Seibers Zeit in Budapest endete mit einem Eklat: 1925 reichte er seine Serenade für Bläsersextett bei einem Kompositionswettbewerb ein, der erste Preis wurde ihm jedoch verweigert. Bela Bartók verließ daraufhin aus Protest gegen diese Entscheidung die Jury.
Ob Seiber aufgrund dieses Ereignisses Budapest verließ oder vorher schon diese Entscheidung getroffen hatte, ist unklar. Fest steht, dass er ab August 1925 in Frankfurt polizeilich gemeldet war, offenbar um hier als Musikpädagoge zu arbeiten, wofür es allerdings keine Belege gibt. Einen Anfang 1926 beim Schulamt beantragten Erlaubnisschein für die Erteilung von privatem Musikunterricht holte er dort jedenfalls nie ab. Ebenso wenig lässt sich nachweisen, dass Seiber zwischen 1926 und 1927 als Schiffsmusiker in einer Tanzkapelle Reisen nach Süd- und Nordamerika unternahm, wobei er erstmalig mit dem Jazz in Berührung gekommen sein soll.

Die Zeitschrift Melos bewirbt Seibers Schule für Jazz-Schlagzeug, 1929


Wie auch immer er sich die entsprechenden Kenntnisse angeeignet hat, Seiber erfüllte im Januar 1928 alle Voraussetzungen, als Leiter der neu eingerichteten Jazzklasse am Hoch’schen Konservatorium zu fungieren, des weltweit ersten Studiengangs dieser Art. Bernhard Sekles, der Direktor des Konservatoriums und Initiator des neuen Studiengangs, lobte Seiber in seiner Ankündigung der Jazzklasse im November 1927 als einen Musiker, der „den Jazz an Ort und Stelle, also in Amerika, studiert und ausgeübt hat, darüber hinaus aber über die gründlichste musikalische Allgemeinbildung, vor allem über eine meisterliche Satztechnik verfügt und außerdem die pädagogische Fähigkeit besitzt, den Stoff in progressiver Weise zu systematisieren“ (zit. n. Cahn 1979, S. 263).
Nichts desto trotz löste eine andere Äußerung Sekles’ heftige Diskussionen aus, deren politische Wellen bis in den Preußischen Landtag schlugen. Sekles hatte in seiner Ankündigung auch eine „Transfusion unverbrauchten Niggerblutes“ angepriesen, die den angehenden Musikern vermittelt werden solle, „denn eine Musik ohne Triebhaftigkeit verdient den Namen Musik nicht mehr“ (ebd. S. 262). Einerseits bezog sich die Kritik an Sekles natürlich auf seine provokante Formulierung, die eine „frivole Verhöhnung der deutschen Musik“ darstelle. Andererseits gab es aber auch innerhalb wie außerhalb des Konservatoriums nur wenig Zustimmung für die Einrichtung der Jazzklasse selbst. Sogar die New York Times berichtete im März 1928 unter dem Titel „Jazz Bitterly Opposed in Germany“ von der hitzig geführten Debatte.
Dabei reagierte Sekles mit der Eröffnung einer Jazzklasse auf längst bestehende soziale Realitäten: Beim Publikum war der Jazz (oder die Tanzmusik nordamerikanischer Prägung, die man weithin als Jazz apostrophierte) außerordentlich beliebt. Zudem bot die Jazzklasse angehenden Musikern die Möglichkeit, sich im musikalischen Unterhaltungssektor zu professionalisieren, in den ohnehin viele Musiker zum Zweck des Broterwerbs gedrängt wurden.
Mátyás Seiber selbst sah den Sinn und Zweck des Jazzunterrichts aber bei weitem nicht allein darin, studierte Jazzmusiker hervorzubringen, sondern er war der festen Überzeugung, dass auch der klassisch trainierte Orchestermusiker zweierlei aus dem Studium des Jazz lernen könne, nämlich eine „geradezu maschinell-exakte rhythmische Präzision, zugleich aber auch rhythmische Gelöstheit und Freiheit: dann die Entwicklung einer improvisatorischen Fähigkeit“. In Letzterem sah Seiber sogar eine Anknüpfung an die Improvisationspraxis des 16. Jahrhunderts, deren „Wiederbelebung“ das Studium des Jazz bewirken könne. (zit. n. Komponisten in Frankfurt am Main, S. 58 ff.)
Die Teilnehmerzahl in der Jazzklasse schwankte zwischen 10 und 19 Studenten, die von Seiber in den Fächern Ensemble, Jazz-Instrumentation und Jazz-Klavier unterrichtet wurden; als weitere Instrumente standen Saxophon, Trompete, Posaune, Schlagzeug und Banjo zur Wahl. Im März 1929 fand das erste öffentliche Konzert statt, das von Radio Frankfurt übertragen wurde. Es folgten weitere erfolgreiche Auftritte der „Kapelle Mátyás Seiber“, die zum Teil auch überregional gesendet wurden. Darüber hinaus wirkte die Jazzklasse auch an der Produktion der „Dreigroschenoper“ im Neuen Theater mit. Mátyás Seiber entfaltete in Frankfurt eine äußerst vielfältige Tätigkeit: als Lehrer, Dirigent und Bearbeiter (z. B. der Jazz-Revue „Jim & Jill“ im Januar 1928 im Schauspielhaus), aber auch als Komponist und Autor. Die beim Schott Verlag erschienene „Schule für Jazz-Schlagzeug“ (1929) und die „Rhythmischen Studien“ (1933) bezeugen noch einmal sein großes pädagogisches Interesse gerade an der rhythmischen Schulung.
Im April 1933 wurde allen jüdischen und nichtdeutschen Lehrern des Konservatoriums gekündigt. Mátyás Seiber und 13 andere Mitglieder des Lehrkörpers, darunter auch Bernhard Sekles, wurden zum 31. August entlassen. Das Betreten des Konservatoriums wurde ihnen mit sofortiger Wirkung untersagt. In der kurzen Zeit des Bestehens der Jazzklasse war es gelungen, zumindest drei Jazzmusiker auf den Weg zu bringen, die zum Teil bis weit in die Nachkriegszeit hinein in Deutschland tätig waren: Eugen Henkel (Banjo und später Tenorsaxophon), Rudi „King“ Thomsen (Trompete) und Dietrich Schulz-Köhn (Posaune). Es sollte allerdings fast ein halbes Jahrhundert dauern, bis Konservatorium und Musikhochschule wieder an die 1933 abgebrochene Tradition des Jazzunterrichts in Frankfurt anknüpften.
Mátyás Seiber emigrierte 1933 über Ungarn und Russland nach England und ließ sich 1935 in London nieder. Nach wechselnden freiberuflichen Tätigkeiten als Journalist, Komponist für Unterhaltungsmusik und Kompositionslehrer konzentrierte Seiber seine Aktivitäten ab 1942 am Morley College, einer Institution für Erwachsenenbildung, an der er Komposition und Dirigieren unterrichtete. 1945 gründete Seiber die Dorian Singers, mit denen er sich auch für die Verbreitung der Neuen Musik einsetzte, ein Ziel, das er auch als Mitbegründer der „Society for the Promotion of New Music“ verfolgte. Als Seibers kompositorisches Hauptwerk gilt die Kantate „Ulysses“ für Tenor, Chor und Orchester (1946/47), eines von mehreren musikalischen Ergebnissen seiner Beschäftigung mit James Joyce.
Mátyás Seiber starb am 29. Mai 1960 bei einem Autounfall in Südafrika. Seinem Andenken widmete der ungarische Komponist György Ligeti 1961 seine Komposition „Atmosphères“.



Literatur
  • Peter Cahn, Das Hoch’sche Konservatorium 1878-1987, Frankfurt 1979.
  • Peter Cahn, Jüdische Komponisten des 20. Jahrhunderts in Frankfurt am Main, in: Wolfgang Birtel u. a. (Hg.), Jüdische Musik und ihre Musiker im 20. Jahrhundert. Bericht über ein Symposium (Mainz 1998), Mainz 2006, S. 243-253.
  • Jürgen Schwab, Der Frankfurt Sound. Eine Stadt und ihre Jazzgeschichte(n), Frankfurt 2004.
  • Katherine Smith Bowers, East Meets West. Contributions of Mátyás Seiber to Jazz in Germany, in: Michael Budds (Hg.), Jazz and the Germans. Essays in the Influence of “Hot” American Idioms in 20th-Century German Music, Hillsdale/NY 2002, S. 119-140.
  • Stadt- und Universitätsbibliothek Frankfurt am Main u. a., Komponisten in Frankfurt am Main. Zweite Folge vom 16. Jahrhundert bis zur Gegenwart, Frankfurt 1981, S. 57-60.
  • Institut für Stadtgeschichte, Sammlung Personengeschichte S2, Signatur 12.723
  • Institut für Stadtgeschichte, Schulamt, Signatur 1.208

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