Der Gauleiter Jakob Sprenger

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Gauleiter Jakob Sprenger. Die Entstehungszeit dieses von H. F. Lauffer zu Propagandazwecken aufgenommenen Fotos ist nicht bekannt.

Jakob Sprenger wurde am 24. Juli 1884 in Oberhausen/Pfalz als Sohn eines Landwirts geboren. Im Jahr 1902 trat er in den Dienst der Kaiserlichen Reichspost ein. Von 1912 bis Ende 1932 amtierte er - nur unterbrochen durch den 1. Weltkrieg - in der Hauptkasse des Postamts 13 im Frankfurter Stadtteil Bockenheim.
Als Sprenger Anfang 1919 in die Heimat zurückkehrte, fand er sich in den politischen Verhältnissen der noch jungen Weimarer Republik nicht zurecht. Auf der Suche nach einer Organisation, die seinen politischen Ideale entsprach, wie zum Beispiel Autoritarismus und Nationalismus, stieß Sprenger zu Beginn der 20er Jahre auf die NSDAP. Ob er bereits 1922 oder 1923 Parteimitglied wurde, bleibt unklar. Nachweisbar ist jedoch, dass er sich nach dem am 23. November 1923 erfolgten NSDAP-Verbot der im Januar 1924 gegründeten Deutschen Partei (DP) zuwandte, die sich als Auffangbecken für die nunmehr politisch-organisatorisch „heimatlos“ gewordenen Nationalsozialisten verstand. Anlässlich der für Mai 1924 angesetzten Reichstags- und Kommunalwahlen schloss sich die in Frankfurt von Sprenger geführte DP mit anderen völkisch-nationalistischen Gruppierungen zum Völkisch-Sozialen Block (VSB) zusammen, um somit eine Konkurrenzsituation zu vermeiden, die zu einer Zersplitterung des völkisch-nationalistischen Lagers hätte führen können.
Sprengers politisches Engagement zeigte in Frankfurt bald Erfolg. Bei den Wahlen zur Stadtverordnetenversammlung am 4. Mai 1924 errang der VSB insgesamt vier Mandate. Eines davon übernahm Ende April 1925 - als Nachfolger des ausgeschiedenen Robert Weyel - Jakob Sprenger, der seit der Auflösung der DP im Juni 1924 zu den führenden Mitgliedern der Frankfurter „Nationalsozialistischen Freiheitspartei“ (NSFP) zählte und im Stadtparlament vor allem durch sein teilweise ungebührliches Verhalten und die Ignoranz parlamentarischer Gepflogenheiten auffiel.
Nachdem die NSDAP am 27. Januar 1925 wiederbegründet worden war, traten die Frankfurter VSB-Stadtverordneten in die NSDAP über. Sprenger erhielt am 14. August 1925 die Mitgliedsnummer 17009. In der Folgezeit konzentrierte er sich mehr auf sein politisches Engagement als auf seinen Beruf, den er 1932 schließlich zugunsten eines besoldeten Parteiamtes aufgab. Für die NSDAP zahlte sich diese Schwerpunktsetzung aus. Durch Sprengers Engagement, der die anfangs nicht mehr als 20 - 30 Nationalsozialisten Frankfurts als Ortsgruppenleiter führte, nahm die Zahl der Parteimitglieder merklich zu. Darüber hinaus sorgte er dafür, dass in Frankfurt binnen kürzester Zeit geordnete finanzielle, organisatorische und personelle Strukturen geschaffen wurden, die in der von Chaos und Durcheinander gekennzeichneten Frühzeit der NSDAP durchaus nicht überall anzutreffen waren.
Als Anerkennung für seine herausragenden Leistungen für die NSDAP ernannte Hitler am 1. März 1927 Sprenger zum Gauleiter des Gaues Hessen-Nassau (-Süd). Die Position des stellvertretenden Gauleiters übernahm der frühere Finanzbeamte Karl Linder. Als Gauleiter zeichnete Sprenger für die Führung der regionalen Parteiinstanz verantwortlich, die zwischen der Lokal- und der Reichsebene eingerichtet worden war, um eine zuverlässige und rasche Umsetzung der Anordnungen Hitlers in den unteren Parteiebenen zu garantieren.

Hitler, Gauleiter Jakob Sprenger und halb verdeckt Oberbürgermeister Krebs.
Hitlers Besuch am 31. März 1938 Frankfurt am Main diente der Propaganda für die Volksabstimmung zum Anschluss Österreichs an das Deutsche Reich. Gleichzeitig fanden Reichstagswahlen statt. Beide Abstimmungen (99 % Zustimmung) hatten lediglich akklamatorischen Charakter. Foto: Heinrich Hoffmann (1938)

Der Gauleiter als volkstümlicher „Propagandist der Tat“: Im September 1933 holte Sprenger demonstrativ Arbeitssuchende vom Arbeitsamt ab und zog mit ihnen durch die Frankfurter Innenstadt. Vor der Börse verteilte er Spaten für den Baubeginn der Reichsautobahn. (Foto: unbekannt)


Die persönliche Ernennung der Gauleiter durch Hitler begründete ihre enorme Machtfülle in ihren Zuständigkeitsbereichen und sicherte ihnen sowohl den direkten Zugang zu Hitler selbst als auch seine Unterstützung im Falle eines Konflikts mit staatlichen aber auch parteiinternen Stellen. Mit der Ernennung zum Gauleiter war Sprenger in den Kreis der so genannten „Vizekönige des Dritten Reiches“ aufgestiegen, als die die Gauleiter galten. Sitz der Gauleitung des Gaues Hessen-Nassau (-Süd) war Frankfurt am Main.
Um den Jahreswechsel 1932/33 wurde Sprengers Zuständigkeit als Gauleiter auch auf den bis dahin völlig unstrukturierten Nachbargau Hessen-Darmstadt ausgedehnt. Mit Hilfe seiner Vertrauten aus der Frankfurter Parteileitung, denen er in Hessen-Darmstadt verantwortungsvolle Parteipositionen übertrug, gelang es ihm bald, auch dort eine funktionierende Organisation zu schaffen. Dass er sich auf seine Mitarbeiter aus Frankfurt, zu denen z. B. der als Gaugeschäftsführer in Darmstadt amtierende Walter Heyse gehörte, blind verlassen konnte, verdankte er seinem Talent, ein raffiniertes, auf Protektion beruhendes Abhängigkeitssystem zu schaffen. Das sorgte dafür, dass die Vorstellungen des Gauleiters auch im Fall seiner Abwesenheit realisiert wurden.
Parallel zu Sprengers gestärkter Position in der NSDAP wuchs auch sein politischer Einfluss in Kommune und Reich. Am 19. Dezember 1929 wurde er zum unbesoldeten Mitglied des Frankfurter Magistrats ernannt, am 14. September 1930 in den Reichstags gewählt und am 5. Mai 1933 - nach der Gleichschaltung der Länder - Reichsstatthalter in Hessen. Die zahlreichen Ämter und Positionen, die er in Staat und Partei bekleidete, ermöglichten es Sprenger, wichtige politische Angelegenheiten zu beeinflussen und zu steuern. Dazu gehörte u.a. die Besetzung des Oberbürgermeisteramts der Stadt Frankfurt. Nach dem zwangsweisen Ausscheiden Ludwig Landmanns im März 1933 musste ein Nachfolger für diesen bedeutenden Posten gefunden werden. Sprenger entschied sich für Friedrich Krebs, den er seit seiner Zeit bei der NSFP als zuverlässigen Nationalsozialisten kannte und der darüber hinaus aufgrund seiner juristischen Ausbildung die formalen Anforderungen, die an das Amt gestellt wurden, erfüllte.
Krebs’ Amtszeit begann mit seiner offiziellen Einführung im Juni 1933 und sollte nach Ablauf von 12 Jahren, also 1945, enden. Doch im Laufe der Zeit erwies sich Krebs nicht - wie von Sprenger erwartet - als fügsame und für die Übertragung des Amts dauerhaft dankbare Marionette des Gauleiters, sondern als ein Mann, der den ihm zugewiesenen Machtbereich nach eigenem Gutdünken auszufüllen beabsichtigte. Dies bewies er, indem er sich weigerte, Anordnungen des Gauleiters bezüglich des Zuzugs von Juden nach Frankfurt und der Arisierung jüdischen Eigentums Folge zu leisten. Darüber hinaus lehnte er auch Sprengers Wunsch nach Errichtung eines Gauforums ab.

Der Gauleiter als Nachbar. Die Wohnung des Gauleiters in der Zeppelinallee 8 gehörte der Stadt, die das Grundstück eigens zu diesem Zweck gekauft hatte.

Der Streit mit der Nachbarin um das Grundstück eskalierte und wurde vor Gericht ausgetragen. Das Ende des Verfahrens ist in den Akten leider nicht überliefert.


Da Sprenger Kritik an seiner Person und seinem Handeln sowie jede Form der Widersetzlichkeit gegen seine Anweisungen grundsätzlich nicht duldete und mit zum Teil einschneidenden Konsequenzen unnachsichtig ahndete, beschloss er im Sommer 1944, Krebs nach Ablauf von dessen Amtszeit nicht noch einmal mit dem Posten des Oberbürgermeisters zu betrauen. Krebs’ vorzeitige politische Entmachtung, die mit der Ankündigung Sprengers zwangsläufig einhergegangen wäre, verhinderte lediglich der Entscheid Himmlers, dass der Oberbürgermeister nicht vor Kriegsende ausgetauscht werden dürfe.
Sprengers zunehmender Einfluss auf Partei und staatliche wie kommunale Stellen in seinem Gau sorgte aber auch dafür, dass für die Frankfurter Region wichtige und für Sprenger prestigeträchtige Wirtschaftsprojekte vorangetrieben wurden. Hierzu gehörte z.B. der Bau der 1935 für den Verkehr freigegebenen Autobahn zwischen Frankfurt, Darmstadt und Mannheim oder die Errichtung des 1936 eingeweihten Flughafens Rhein-Main, der den alten Flughafen auf dem Rebstockgelände ersetzte. Dabei hatte er allerdings nicht nur das wirtschaftliche Wohlergehen des Rhein-Main-Gebiets im Auge, sondern verfolgte darüber hinaus weiterhin das Ziel, seine persönliche Macht, die auf den ihm zugewiesenen Kompetenzbereich - den Gau - beschränkt war, nach Möglichkeit auf die Reichsbehörden und die Reichsleitung der Partei auszudehnen.
Diesen Gedanken gab er auch nach dem Ausbruch des 2. Weltkrieges nicht auf. Infolge seiner Ernennung zum Reichsverteidigungskommissar am 1. September 1939 und der Übernahme des Oberpräsidentenamts für die neu geschaffene preußische Provinz Hessen-Nassau im Jahr 1944 nahm sein Einfluss auf die politische Ausgestaltung der Region sogar noch weiter zu. Erst der alliierte Vormarsch beendete im Frühjahr 1945 den steten Machtzuwachs Sprengers. Mit ebenso widersprüchlichen wie unsinnigen Befehlen versuchte er noch, die drohende Niederlage aufzuhalten. Dazu gehörte die am 23. März 1945 ergangene Order, Frankfurt mit allen Mitteln und bis zum letzten Mann zu verteidigen. Einen knappen Tag später, in der Nacht des 24. März 1945, befahl er dann das genaue Gegenteil. Jetzt verlangte er, dass die Bevölkerung die Stadt unverzüglich verlasse und bei ihrem Auszug komplett zerstöre.
Während die Mehrheit der Einwohnerschaft die widersprüchlichen Befehle des Gauleiters ignorierte und in Frankfurt verblieb, flüchtete Sprenger in der Nacht vom 25. auf den 26. März 1945 in die Nähe von Kössen in Tirol. Dort nahm er sich am 7. Mai 1945 das Leben.


Literatur
  • Stephanie Zibell, Jakob Sprenger (1884-1945), NS-Gauleiter und Reichsstatthalter in Hessen, Quellen und Forschungen zur hessischen Geschichte 121, Darmstadt und Marburg 1999

Zusätzliche Stichwörter
Institutionen/Orte/Begriffe:  Völkisch-Sozialer-Block (VSB);   Nationalsozialistische Freiheitspartei;  

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