Die unglaubliche Rettung von Ilse und Lisa Stein aus dem Ghetto Minsk

Druck

„Es war sehr lebensgefährlich. … Für mich und für ihn … Er hat mir gesagt: Komm! Und ich bin gekommen. Ich konnte anders nicht tun. Ich war wie eine Gefangene.“ (Ilse Stein, 1991)

Dorfleben in Nidda – brutal zerstört
Der aus Crainfeld im Vogelsberg stammende Kaufmann Leopold Stern (1891-unbekannt) und Hilda Stern (1890-1943) heiraten 1921 im Heimatort der Braut Geiß-Nidda. Dort betreibt das Ehepaar einen kleinen Lebensmittel- und Kolonialwarenladen im eigenen Haus, Hauptstraße 28. Ihnen gehören auch andere Liegenschaften in dem Ort. Vier jüdische Familien gibt es dort. Zum Schabbes-Gottesdienst geht es immer in die Synagoge nach Bad Salzhausen. Die Töchter Lilly, Ilse und Lisa kommen 1922, 1924 und 1934 zur Welt. Sie besuchen zunächst die Volksschule in Geiß-Nidda. Aber bald nach 1933 sehen sich die Eltern gezwungen, die Mädchen zum Schutz vor Anfeindungen auf die Jüdische Schule nach Bad Nauheim zu schicken. Ilse Stein beginnt in Bad Nauheim eine Ausbildung zur Näherin. Leopold Stein schließt sich der Zionistischen Vereinigung an, als Mitglied der Ortsgruppe Nidda ist er 1936 nachweisbar.
Während des November-Pogroms 1938 verwüsten Nazi-Anhänger das Anwesen der Familie. Tochter Ilse wird mit einem Messer am Arm verletzt und Leopold Stein in das Konzentrationslager Buchenwald verschleppt. Bis zum Umzug 1939 zu Verwandten nach Frankfurt vegetiert die Familie hinter vernagelten Fenstern im eiskalten Haus. Verfolgungsbedingt müssen alle Liegenschaften am 12. Mai 1939 verkauft werden.
In Frankfurt ist die fünfköpfige Familie von Dezember 1939 bis Mai 1940 auf Unterstützung durch die Jüdische Wohlfahrtspflege angewiesen. Ilse und Lilly arbeiten nach kurzer Zeit als Dienstmädchen. Lilly verlobt sich in Frankfurt. Die jüngste Tochter Lisa besucht das Philanthropin. Bald müssen die beiden älteren Mädchen jedoch zur Zwangsarbeit in die Glanzstofffabrik nach Kelsterbach, wo sie Fallschirme nähen. Der Vater hat als Zwangsarbeiter Steine zu klopfen. Zuletzt lebt die Familie im Baumweg 23.


Von Frankfurt nach Minsk
Bei der zweiten Deportation aus Frankfurt werden die Eheleute Stein mit den 19-, 17- und siebenjährigen Töchtern in das Ghetto Minsk verschleppt. Ursprünglich ist diese Deportation für den 2. November 1941 vorgesehen. Doch die Geheime Staatspolizei verschiebt den Termin um neun Tage auf Donnerstag, den 11. November, vermutlich um mit einigen Rüstungsbetrieben zuvor Rückstellungswünsche für jüdische Zwangsarbeiter abzustimmen. Der Transport besteht überwiegend aus Familien mit Kindern. Die Opfer werden drei Tage zuvor über ihre Verschleppung, nicht aber über das Fahrtziel unterrichtet. Neben der Geheimen Staatspolizei übernehmen Kriminal- und Schutzpolizisten die Durchführung.
Die sechstägige Fahrt geht über Berlin, Warschau, Bialystock, Wolkowysk und Baranowitschi. Der Frankfurter Transport, die Deportationsliste umfasst 1.052 Namen, darunter Leopold, Hilda, Lilly, Ilse und Lisa Stein, erreicht das kriegszerstörte Minsk wohl am 17. November 1941. Durch Trümmer müssen die Frankfurter quer durch die Stadt in das Ghetto laufen. Dort werden die Deportierten mit den Leichen weißrussischer Juden konfrontiert. Um Platz für die Neuankömmlinge zu schaffen, waren vor ihrer Ankunft 6.624 Ghettoinsassen ermordet worden.

Das Ghetto Minsk
Nach dem Einmarsch in die Sowjetunion haben die Deutschen im Juli 1941 in Minsk ein Ghetto eingerichtet, in dem rund 100.000 Juden eingesperrt werden. Der von den Nazis eingesetzte „Judenrat“ arbeitet mit dem Ghetto-Untergrund zusammen. Die meisten der mit Hilfe des Untergrundes in die Wälder geflohenen 10.000 Menschen kommen jedoch ums Leben.
Ende 1941 wird das Ghetto in einen Hauptteil und zwei Sonderghettos für deutsche Juden unterteilt. Von November 1941 bis Oktober 1942 werden insgesamt 35.442 Juden aus Deutschland und dem Protektorat Böhmen und Mähren nach Minsk verschleppt. Viele werden gleich nach der Ankunft im nahen Todeslager Maly Trostenez in Gaswagen gepfercht, in denen etwa 65.000 Menschen ermordet werden. Für die Frankfurter und ihre Leidensgenossen aus Hamburg und Düsseldorf wird das deutsche Sonderghetto I eingerichtet, in dem etwa 7.300 Menschen leben müssen. Die Behausungen im Ghetto bestehen mehrheitlich aus Holzhütten und zweistöckigen Steinhäusern, die im Sonderghetto I pro Zimmer mit etwa vier bis sechs Personen belegt sind. Bei Temperaturen von 40 Grad unter Null und schlechten sanitären Verhältnissen sterben in Minsk etwa 200 geschwächte Frankfurter. Auch die entkräftete Hilda Stein überlebt 1943 eine Typhuserkrankung nicht.
Ein Stacheldraht trennt den weißrussischen von den deutschen Teilen. Der Ghettozaun ist bald Treffpunkt zwischen deutschen und weißrussischen Juden, die hier trotz strikten Verbots Habseligkeiten wie Kleidung oder Wertgegenstände gegen Lebensmittel tauschen. Dies ist lebensgefährlich und wird ebenso wie ein Fluchtversuch mit dem Tode bestraft. Viele Verschleppte müssen Zwangsarbeit in Arbeitskommandos außerhalb des Ghettos leisten.
Ungefähr 400 Frankfurter fallen bestialischen Mordaktionen zum Opfer. Die meisten Insassen des Sonderghettos I werden am 8. Mai 1943 getötet. Im September 1943 befinden sich die sowjetischen Truppen auf dem Vormarsch. Die Deutschen möchten deshalb die Spuren ihrer Verbrechen tilgen. So müssen russische Gefangene die bis dahin in Massengräbern verscharrten Leichen der Mordaktionen „enterden“, wie es im NS-Jargon heißt, und auf Scheiterhaufen verbrennen. Um sich der Augenzeugen zu entledigen, ermorden die Wachmannschaften die russischen Gefangenen in regelmäßigen Abständen.

Die Liebe macht einen Offizier zum Retter in Uniform
Die äußerst attraktive Ilse Stein und ihre Schwestern haben jedoch Glück. Der Wehrmachtsoffizier Willi Schulz verliebt sich auf den ersten Blick in die 17-jährige Ilse Stein. Zunächst wie der Vater bei der Polizei tätig, entschließt sich der 1899 geborene Schulz um 1930 für die Beamtenlaufbahn beim Zoll. Die Prüfung zum Zollassistenten besteht er im Mai 1931 mit gutem Erfolg. Damals ist er bereits fünf Jahre verheiratet; seine Ehe bleibt kinderlos und gilt als unglücklich. Seit Februar 1942 gehört der Reserveoffizier als Oberzahlmeister dem Stab des Luftgaukommandos Minsk an. Ihm unterstehen sowohl russische Zwangsarbeiter als auch ein Arbeitskommando aus dem Ghetto. Unerwartet bestimmt Schulz die junge Ilse Stein zur Kolonnenführerin.
Ihr Arbeitskommando, bestehend aus deutschen und russischen Juden, muss mit Torf und Holz beladene Loren vom Bahnhof zum Kesselhaus schieben und das angelieferte Heizmaterial abladen. Damit wird das „Hochhaus“, Zentrale der deutschen Verwaltung in Minsk und Unterkunft ihrer Mitarbeiter, beheizt. In dem Gebäude befinden sich sowohl der Büro- als auch der Privatraum von Schulz. Manche Arbeiten dienen ihm dazu, die Anwesenheit von Ilse Stein in seinem Büro zu rechtfertigen. Dabei kommen sie sich näher. Das Mädchen kann dadurch dem hoffnungslosen Ghettoalltag entfliehen. So wird davon berichtet, Schulz habe sie „bis in die Nacht hinein auf seinem Zimmer mit Schreibarbeiten“ beschäftigt. Allmählich hält sich Ilse Stein dort immer häufiger auf und bereitet gar Bratkartoffeln für den Offizier zu. Meist nimmt er die Mittagsmahlzeiten nicht mehr im Kasino, sondern mit den Schwestern Stein in einer Abstellkammer ein.
Nichts deutet zunächst darauf hin, dass sich Schulz als „rückhaltlos auf dem Boden der nationalsozialistischen Weltanschauung“ stehendes NSDAP-Mitglied zum Retter in Uniform und Fahnenflüchtigen entwickeln wird. Aber das Verhältnis ist rasch so eng, dass Schulz seine Geliebte, ihre Angehörigen und oft auch die rund 100-köpfige Arbeitskolonne bei mehreren Mordaktionen im Ghetto vor dem sicheren Tod bewahrt – einmal sogar im Keller des Luftgaukommandos. Die junge Frau lehnt es aber ab, sich ohne ihre Familie zu Schulz‘ Eltern nach Dresden schmuggeln zu lassen. Da Ilse Stein die russische Sprache nicht beherrscht, bestimmt Schulz Jelisaweta Gudkowitsch aus dem weißrussischen Teil des Ghettos zu ihrer Dolmetscherin und Vertreterin. Über sie kann der Hauptmann Kontakt zu den Partisanen knüpfen, denn er plant angesichts der drohenden Liquidation des Ghettos die Flucht.

Abenteuerliche Flucht aus dem Ghetto
Um für eine gemeinsame Zukunft mit Ilse Stein zu sorgen, plant Schulz sein Überlaufen zu den Partisanen, die über die Dolmetscherin einen Lastwagen mit Nachschub sowie Passierscheine fordern. Der Offizier lässt sich auf alle Wünsche ein. Getarnt als Arbeitseinsatz gelingt Schulz zusammen mit Ilse Stein, ihren Schwestern, der Dolmetscherin Jelisaweta Gudkowitsch sowie mehr als 20 weiteren Ghettoinsassen die Flucht zu den Widerständlern in den Wäldern. Im Sommer 1943 bleiben Ilse Stein und Willi Schulz noch bei den Partisanen. Lisa und Lilly Stein werden in einem Dorf einquartiert. Die Schwestern können sich nur noch einmal sehen. Zum Jahresende werden Ilse Stein und Willi Schulz nach Moskau gebracht, wo man sie bald trennt. Der Überläufer soll im „Nationalkomitee Freies Deutschland“ mitarbeiten. Die schwangere Ilse Stein wird in die „Autonome Jüdische Region“ im sibirischen Birobidschan verschleppt. Drei Monate nach der Geburt stirbt ihr Kind Willy. Sie muss es in einer Holzkiste bestatten.

Die Liquidation des Ghettos
Bei der Liquidation des Ghettos im September 1943 werden die meisten Insassen des Sonderghettos I erschossen oder in Gaswagen ermordet – auch 270 Frankfurter. Rund 140 Frauen und Männer aus der Mainmetropole werden in andere Lager gebracht. Insgesamt kommen aber mindestens 1.116 Frankfurter in Minsk oder Maly Trostenez zu Tode; darunter gleichfalls Menschen, die nicht aus Frankfurt, sondern aus ihren späteren Wohnorten deportiert worden waren. Auch Leopold Stein wird erschossen – vermutlich als Sühne für die Flucht der Kinder. Nur elf Überlebende des Frankfurter Transports sind bekannt. Die Befreiung Minsks durch die sowjetische Armee am 3. Juli 1944 erleben nur wenige geflüchtete Ghettoinsassen.

Nur Ilse und Lisa Stein überleben
In Birobidschan lernt die 20-jährige, nun ganz auf sich allein gestellte Ilse Stein den hoch dekorierten Armee-Veteranen Arkadi Jablonko kennen. Er ist Jude wie sie und stammt aus Polen. Sie heiraten 1949 und bekommen einen Sohn und eine Tochter. Ab 1951 leben sie in Rostow am Don.
Als Ilse Stein 1986 per Annonce für ihre Rente Nachweise über die Zeit bei den Partisanen sucht, meldet sich ihre Dolmetscherin aus dem Ghetto. Durch sie erfährt Ilse Stein, dass ihre Schwester Lilly an die Deutschen verraten und von diesen erschossen worden war, Lisa aber verwundet und versteckt im Wald überlebt hat. Bis 1959 ist sie in einem Kinderheim bei Minsk gewesen. Erst 42 Jahre nach der Trennung stehen sich die beiden Schwestern wieder gegenüber.
Durch den Hörfunkjournalisten Johannes Winter, der für eine Dokumentation über ihre Lebensgeschichte recherchiert, erfährt Ilse Stein, dass Willi Schulz in der Silvesternacht 1944 in einem Umerziehungslager in Krasnogorsk an Hirnhautentzündung starb. Immer hatte sie gehofft, ihn wiederzusehen.
Ilse Stein entschließt sich um 1990 die Rückkehr nach Deutschland und ihre Wiedereinbürgerung zu betreiben. Die endgültige Ausreise nach Deutschland verzögert sich aber immer wieder, weil sie ihren Ehemann nicht in Rostow zurücklassen möchte. Nach einer Gallensteinoperation stirbt sie noch nicht 70-jährig in Russland. Ihre Schwester Lisa lebt heute in Astrachan am Kaspischen Meer.


Literatur
  • Karl Löwenstein, Minsk. Im Lager der deutschen Juden, Schriftenreihe der Bundeszentrale für Heimatdienst, Heft 51, Bonn, 1961.
  • Heinz Rosenberg, Jahre des Schreckens, Göttingen 1992
  • Wolfgang Gilbert Stingl, Fragmente jüdischen Lebens in Nidda, Nidda 1995, S. 92, 95, 99, 159, 173.
  • Johannes Winter, Hauptmann Willi Schulz. Judenretter und Deserteur, in: Wolfram Wette, Retter in Uniform. Handlungsspielräume im Vernichtungskrieg der Wehrmacht, Frankfurt am Main 2002, S. 122-141.
  • Ders., Das Überleben der Ilse Stein. Geiß-Nidda, Ghetto Minsk, Birobidschan, Rostow am Don, in: ders., Herzanschläge. Ermittlungen über das Verschwinden von Juden, Zwangsarbeitern und Kriegsgefangenen aus dem Dorf, Frankfurt am Main 1993, S. 93-105.
  • Ders., Die verlorene Liebe der Ilse Stein. Deportation, Ghetto, Rettung, Frankfurt am Main 2007.
  • Der Frankfurter Journalist Johannes Winter erstellt für den Hessischen Rundfunk (hr) das Hörfunkfeature „Er sagt, er will mich retten.“ Die Flucht aus dem Ghetto Minsk, das der hr am 17. Januar 1992 erstmals sendet. Die 90-minütige hr-Dokumentation „Die Jüdin und der Hauptmann“ (Buch: Johannes Winter und Ulf von Mechow; Regie: Ulf von Mechow) wird zwei Jahre später vorgestellt.

Zusätzliche Stichwörter
Ereignisse:  Novemberpogrom;   Judendeportation aus Frankfurt (2);  

  • Weitere Beiträge zu verwandten Themen
  • Heike Drummer/Jutta Zwilling  

    Impressum © Stadt Frankfurt am Main. Text erstellt 2010, aktualisiert am: 26.10.2015