Der Dirigent Hans Wilhelm (William) Steinberg

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Hans Wilhelm Steinberg mit dem Orchester des Jüdischen Kulturbunds Berlin, 1936.

Hans Wilhelm (William) Steinberg wurde am 1. August 1899 im Köln als Sohn des Textilkaufmanns Julius Steinberg und seiner Frau Bertha geb. Matzdorf geboren. Den ersten Klavierunterricht erhielt er von der Mutter. Ab 1915 studierte Steinberg am Kölner Konservatorium (der späteren Hochschule für Musik) Klavier bei Lazzaro Uzielli, Komposition bei Franz Boelsche und Dirigieren bei Hermann Abendroth. Nach dem Abschluss seines Studiums 1920 berief Otto Klemperer ihn als seinen Assistenten an die Kölner Oper.
Nach verschiedenen Konzertreisen durch Osteuropa wurde Hans Wilhelm Steinberg 1925 Operndirektor des Deutschen Theaters in Prag (als Nachfolger von Alexander Zemlinsky); eine Position, die er bis 1929 bekleidete. 1929 schließlich wurde Steinberg Generalmusikdirektor der Frankfurter Oper.
Nachdem Steinberg am 19. März 1933 daran gehindert worden war, eine Aufführung der „Meistersinger“ in der Frankfurter Oper zu dirigieren, wurde er am 28. März 1933 von Oberbürgermeister Friedrich Krebs offiziell beurlaubt. Am 22. Mai folgte die fristlose Kündigung. Steinberg legte Beschwerde ein; die rechtlichen Streitigkeiten zogen sich bis Mai 1934 hin und wurden schließlich zu Ungunsten Steinbergs entschieden.

Tondokument

Spätestens 1928 lernte Hans Wilhelm Steinberg den polnischen Geiger Bronislaw Huberman in Berlin kennen: Ausschnitt aus dem Violinkonzert D-Dur von Tschaikowsky, Steinberg dirigiert die Staatskapelle Berlin, der Solist ist Huberman (Aufnahme Dezember 1928). ; ©


Bereits im Herbst 1933 beteiligte sich Hans Wilhelm Steinberg als Berater und künstlerischer Leiter an der Bündelung der kulturellen Aktivitäten der Frankfurter Juden durch die Gesellschaft für jüdische Volksbildung. Zur selben Zeit nahm der Kulturbund Deutscher Juden in Berlin unter der Leitung von Kurt Singer seine Tätigkeit auf. Die konstituierende Sitzung des Kulturbunds Deutscher Juden, Bezirk Rhein-Main/Frankfurt am Main, fand am 17. April 1934 statt. Hans Wilhelm Steinberg, der sowohl Mitglied des Vorstands als auch der Arbeitskommission für Musik war, trieb die Gründung eines Berufsorchesters innerhalb des Kulturbunds Rhein-Main voran. In nur zwei Monaten Vorbereitungszeit entstand ein 35-köpfiges Symphonieorchester, das am 28. Mai 1934 im Großen Saal der Frankfurter Loge unter der Leitung von Steinberg sein Debüt gab.

Programmankündigung für die erste szenische Aufführung des Kulturbundorchesters unter Steinberg, Monatsblätter des Jüdischen Kulturbunds Rhein Main/Frankfurt am Main, Februar 1935.


In den folgenden zwei Jahren realisierte Steinberg mit dem Frankfurter Kulturbundorchester zahlreiche Konzerte und szenische Aufführungen; zum Beginn der Saison 1936/37 wechselte er als Nachfolger von Joseph Rosenstock zum Kulturbundorchester nach Berlin; nach drei Monaten verließ Steinberg Berlin jedoch wieder, um die Eröffnungskonzerte des Palestine Orchestra vorzubereiten.
Oft ist zu lesen, Steinberg sei von Bronislaw Huberman Ende 1936 nach Tel Aviv „berufen worden“, um das neu gegründete Palestine Orchestra auf seine Eröffnungskonzerte unter Arturo Toscanini vorzubereiten. Steinberg war jedoch schon Anfang 1934 als einer der zukünftigen Dirigenten des Orchesters im Gespräch. Am 1. März 1934 bedankte er sich brieflich bei Huberman für dessen Empfehlung. „Die Tatsache, dass gerade Sie mich für das Orchester der Philharmonic Society in Tel Aviv als Dirigenten in Vorschlag brachten, berührt mich schon deswegen mit ganz besonderen Empfindungen, weil ich bei Gott nicht viel Gelegenheit hatte, mich im Verlaufe des letzten Jahres über mein Schicksal zu freuen, und das Bewusstsein, dass ein Mann wie Sie die Fahne hochhält, lässt mich manches leichter ertragen. […] Ich habe viel Hoffnung, dass Dank Ihrer Initiative die Sache gelingt.“ (zit. n. von der Lühe, S. 49 f.) Aus der Korrespondenz mit Huberman geht auch hervor, dass Steinberg sich aus eigener Initiative schon früher an die Philharmonic Society in Tel Aviv gewandt hatte, noch bevor Huberman die Namen möglicher Dirigenten öffentlich machte.
Als im Herbst 1935 die Suche nach Musikern für das Palestine Orchestra begann, war Hans Wilhelm Steinberg in dieses Auswahlverfahren von Anfang an eingebunden. Steinberg schlug selbst Musiker vor und sollte zudem die in Deutschland zur Verfügung stehenden Kräfte mit den Musikern vergleichen, die Huberman bei Probespielen in Wien, Budapest und Warschau auswählte. Im Frühsommer 1936 hielten Huberman und Steinberg gemeinsam in Warschau, Wien und Basel weitere Probespiele ab. Auch aus dem Orchester des Jüdischen Kulturbunds Rhein-Main wurden einige Musiker für das Palestine Orchestra engagiert.

Werbeanzeige für die Konzertsaison 1937/38 des Palestine Orchestra: Hans Wilhelm Steinberg gehörte zu den ständigen Dirigenten des Orchesters.


Die Eröffnungskonzerte des Palestine Orchestra sollten Ende Dezember 1936 unter der Leitung von Arturo Toscanini stattfinden, und Hans Wilhelm Steinberg hatte nur wenige Wochen Zeit für die vorbereitende Probenarbeit. Dabei gab es nicht nur sprachliche Schwierigkeiten zu überwinden. Heinrich Simon, der im Dezember 1936 auf Wunsch von Huberman das Management des neu gegründeten Orchesters übernahm, beschrieb die widrigen äußeren Umstände folgendermaßen: „Das Hämmern der Schiffszimmerleute in unmittelbarer Nachbarschaft schien vom Dach der Konzerthalle zu kommen. Wir setzten die Probe fort, bis wir alle Kopfschmerzen hatten.“ (zit. n. von der Lühe, S. 156)
Nach den Eröffnungskonzerten unter Toscanini sollte das Orchester keinen ständigen musikalischen Leiter erhalten, sondern im Wechsel mit verschiedenen Dirigenten arbeiten, darunter auch Hans Wilhelm Steinberg, der im von Januar bis Dezember 1937 mehrere Konzertserien leitete. Seine Hoffnungen allerdings, längerfristig mit dem Palestine Orchestra arbeiten zu können bzw. doch die Stelle des musikalischen Direktors bekleiden zu können, so sie denn geschaffen würde, erfüllten sich nicht. Steinberg ergriff daraufhin das Angebot Toscaninis, der ihn als stellvertretenden Dirigenten des von ihm geleiteten NBC-Orchesters nach New York empfahl.
Im Hinblick auf seine bereits seit Anfang 1934 bestehendes Interesse am Palestine Orchestra und auch auf seine langjährige enge Zusammenarbeit mit Huberman beim Aufbau des Orchesters erscheint Steinbergs Verbleiben in Frankfurt und später in Berlin in einem anderen Licht. Mag es auf der einen Seite seine patriotische Einstellung gewesen sein, die ihn bewog, weiterhin in Deutschland auszuharren, so legt sein frühes und konsequentes Eingebundensein in den Aufbau des Palestine Orchestra auch den Schluss nahe, dass Steinberg von langer Hand seine Emigration nach Palästina plante und aus diesem Grund zunächst in Deutschland blieb und seine Arbeit für den Jüdischen Kulturbund aufnahm, bis die Gründung des Palestine Orchestra vollzogen war.
Im Herbst 1938 begann William Steinberg mit seiner Arbeit in New York. Nachdem er ab 1941 Gastdirigent verschiedener Orchester war, ging er 1944 für vier Spielzeiten als musikalischer Leiter der Oper nach San Francisco und von 1952 bis 1976 als Chefdirigent zum Pittsburgh Symphony Orchestra. Parallel dazu führten ihn Engagements nach Buffalo (1945-1952), London (1958-1960), New York und Boston (1969-1972).
Eine erste Wiederbegegnung mit dem Frankfurter Museumsorchester fand 1955 statt: William Steinberg dirigiert in einem Museumskonzert Beethovens 5. Symphonie, mit der er im April 1936 seinen Abschied von Frankfurt und von seiner Arbeit mit dem Orchester des Jüdischen Kulturbunds genommen hatte. Trotz häufiger Gastspiele dachte Steinberg jedoch nicht daran, nach Europa zurückzukehren. Er fühle sich in Amerika zu Hause, sagte er 1964 der Frankfurter Rundschau, Berufungen nach Europa wären für ihn „schmeichelhaft, aber nicht interessant“. William Steinberg starb am 16. Mai 1978 in New York.



Literatur und Quellen
  • Hanau, Eva: Musikinstitutionen in Frankfurt am Main 1933 bis 1939, Köln 1994
  • Lühe, Barbara von der: „Musik war unsere Rettung!“ Die deutschsprachigen Gründungsmitglieder des Palestine Orchestra, Tübingen 1998
  • Stompor, Stephan: Jüdisches Musik- und Theaterleben unter dem NS-Staat, Hannover 2001
  • Monatsblätter des jüdischen Kulturbundes, Bezirk Rhein-Main, Frankfurt am Main

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