„nach Osten“ verschleppt: Der Journalist Walter Strauss (1895– unbekannt)

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Walter Gustav Strauss wird am 31. März 1895 in Frankfurt am Main als Sohn des Kaufmannes Wilhelm Strauss und von Martha Regina Strauss geboren. Die Familie, zu der auch noch der jüngere Bruder Fritz zählt, wohnt im Frankfurter Westend in der Corneliusstraße 11. Das Haus gehört den Eltern. Später sind die Mutter und Walter Strauss alleinige Besitzer. Walter Strauss ist mit Elise Schmalzmann verheiratet. Die Ehe bleibt kinderlos.
Wie sein Bruder besucht auch Walter Strauss die Wöhlerschule. Nach dem Abitur übt er zunächst eine kaufmännische Tätigkeit aus, um schließlich freiberuflich als Journalist zu arbeiten. Er publiziert unter anderen in der „Frankfurter Zeitung“, dem „Frankfurter Generalanzeiger“ und verschiedenen süddeutschen Blättern. Bekannter geworden sind seine literarischen Arbeiten und Theaterkritiken.
In den Jahren von 1924 bis 1928 schreibt Strauss regelmäßig für das politisch-satirische Magazin „Das Stachelschwein“, gegründet von dem Humoristen, Kabarettisten und Zeichner Hans Reimann. Diese „Gartenlaube der Intellektuellen“ spießt jeden und alles auf, seien es der deutsche Kleinbürger oder die politischen Strukturen der Weimarer Republik. Die meisten Mitarbeiter fühlen sich dem Kommunismus verbunden. Bis Ende 1926 wird die Zeitschrift in Frankfurt am Main, anschließend – bis zu ihrer Einstellung Anfang 1929 – in Berlin verlegt. Von Gedichten, über Essays, Kurzgeschichten, Glossen bis hin zu den Anfängen von Alltagsreportagen – zahlreiche Gattungen sind im „Stachelschwein“ vertreten. Auch Buch-, Theater- und Filmkritiken erscheinen in regelmäßigen Kolumnen. Walter Strauss, der unter den Siglen „WS“ oder „Wastra“ veröffentlicht, neigt eher der literarischen Momentaufnahme zu. Aber er betreut ebenso Buchrezensionen und die Rubrik „Bagatellen“, meist feinsinnige Beobachtungen der Theaterwelt. Rückblickend kommentiert Hans Reimann 1959 das „Stachelschwein“ wie folgt: „Von den Autoren mag man auf die Art der Wochenschrift schließen. Sie konnte kaum anders heißen. Weiter möchte ich zu dem Thema nichts bemerken.“
Das Grundstück der Familie Strauss in der Corneliusstraße muss 1938 für 22.200 Reichsmark verkauft werden. Walter Strauss wird verpflichtet, eine „Judenvermögensabgabe“ in Höhe von 1.800 Reichsmark zu entrichten. Spätestens seit 1939 weist die Geheime Staatspolizei immer wieder Juden zwangsweise in Wohnungen ein, in denen sie häufig bis zur Deportation bleiben müssen. Für Walter und Elise Strauss heißt die letzte bekannte Adresse vor der Verschleppung aus Frankfurt Liebigstraße 53.
Zwei Wochen nach Abschluss der großen Deportationen in das Ghetto Theresienstadt werden am 24. September 1942 noch einmal 237 Menschen aus Frankfurt in Richtung „Osten“ verschleppt, unter ihnen befinden sich auch Walter und Elise Strauss. Sammelstelle für diese Deportation ist das Jüdische Altersheim in der Rechneigrabenstraße 18-20. Von dort werden die Menschen zur Großmarkthalle gebracht. Der Transport setzt sich vorwiegend aus Bediensteten der Gemeinde, zum Beispiel Pflegepersonal aus dem kurz zuvor aufgelösten Krankenhaus in der Gagernstraße, und Handwerkern sowie deren Familien zusammen. Der Zug fährt zunächst nach Berlin, wo weitere 812 Personen zusteigen müssen. Der ehemalige Gestapo-Mitarbeiter Heinrich Baab wird 1965 zu Protokoll geben, er sei bis nach Berlin mitgefahren. Weiter geht es in Richtung Riga. Wegen Überbelegung des dortigen Ghettos beschließt die SS, nach Norden auszuweichen.
„Nach einem Tag oder so fuhr der Zug nach Norden, und wir hielten in Estland, 35 Kilometer von Tallinn entfernt in Raasiku. Dort befahl uns die SS mit sehr unfreundlichen Stimmen, auszusteigen. Die jungen Männer mussten zuerst heraus, um das Gepäck zu nehmen. Es gab viel Geschrei, und als mein Mann herausging, war es das letzte Mal, daß ich ihn gesehen habe.“ (Traude Seckbach, November 1945)
An der Bahnstation Raasiku in Estland, etwa 35 Kilometer von Tallinn entfernt, räumen SS-Leute vermutlich am 30. September 1942 die Waggons und trennen die Insassen.
Greise, Mütter und Kinder werden in bereitstehende Busse verladen und in die Dünen gefahren. Dort ist bereits ein Graben für das geplante Massaker ausgehoben. Die Menschen müssen sich entkleiden, ihre Wertsachen in einen Koffer werfen. An abgelegenerer Stelle werden ihnen bei lebendigem Leib die Goldzähne gezogen. Anschließend müssen sie sich gruppenweise in den Graben begeben, wo alle von einem estländischen Kommando erschossen werden – erst die Erwachsenen, dann die Kinder. Der Ort des Verbrechens wird anschließend mit Sand bedeckt.
Die übrigen Personen des Transports – etwa 250 Frauen und 100 Männer – kommen in ein von estnischer Polizei bewachtes Waldlager und werden dort nach Geschlechtern getrennt. Immer wieder gibt es Selektionen und Verlegungen in andere Gefängnisse oder Lager, zum Beispiel nach Kaiserwald bei Riga. Einige müssen bei der Firma „Philipp Holzmann“ in Reval Zwangsarbeit leisten. Im April 1945 erreichen wenige Häftlinge noch Bergen-Belsen, wo sie von den Briten befreit werden.
Nach derzeitigem Kenntnisstand haben sieben Frankfurter die Deportation nach Estland überlebt. Das Todesdatum für Walter und Elise Strauss wurde auf den 31. Dezember 1945 festgesetzt.


Literatur
  • Heike Drummer/Jutta Zwilling (Bearb.)/Jüdisches Museum Frankfurt am Main (Hg.), Datenbank Gedenkstätte Neuer Börneplatz.
  • Dies., Katalogteil, in: „Und keiner hat für uns Kaddisch gesagt …“. Deportationen aus Frankfurt am Main 1941 bis 1945. Jüdisches Museum Frankfurt am Main (Hg.), Frankfurt am Main 2005, S. 315-330.
  • Monica Kingreen (Hg.), „Nach der Kristallnacht“. Jüdisches Leben und antijüdische Politik in Frankfurt am Main 1938-1945, Frankfurt am Main/New York 1999, besonders S. 380-383.

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