Die Rolle des Universitätsinstituts für Erbbiologie und Rassenhygiene 1935-1945

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Prof. Dr. Otmar Freiherr von Verschuer

1935 wurde das Frankfurter „Universitätsinstitut für Erbbiologie und Rassenhygiene“ in der Gartenstraße 140 gegründet. Am 1. April 1935 übernahm Prof. Otmar Freiherr von Verschuer den Direktorenposten und wurde zugleich Professor an der Medizinischen Fakultät der Universität Frankfurt. Zuvor war er Abteilungsleiter am Berliner „Kaiser-Wilhelm-Institut für Anthropologie, menschliche Erblehre und Eugenik“ gewesen. In seinem Werk „Leitfaden der Rassenhygiene“ forderte Verschuer 1941 „eine neue Gesamtlösung des Judenproblems“. Im Einklang mit den Nürnberger Gesetzen von 1935 vertrat er die Position, die „einzige fremdrassige Einwanderung nach Deutschland“ sei „durch die Juden und die Zigeuner erfolgt.“
Unter Verschuers Leitung des Frankfurter Universitätsinstituts (1935-1942) bildeten Forschungen zu Sinti und Roma zwar nicht den Schwerpunkt, doch es wurden wichtige Beiträge zur wissenschaftlichen Legitimierung ihrer Verfolgung geleistet.
Neuartig war Verschuers Bestreben, neben Lehre und Forschung auch die gesellschaftliche Anwendung der Wissenschaft voranzutreiben. Verschuer verstand sich als „Erbarzt“. Die Schaffung einer institutionellen Basis hierfür erreichte er durch Einrichtung der amtsärztlichen „Beratungsstelle für Erb- und Rassenpflege II“. Diese war zuständig für Frankfurt-Süd (Teile südlich des Mains), während die Beratungsstelle I im Stadtgesundheitsamt die Zuständigkeit für Frankfurt-Nord erhielt. In Frankfurt-Süd war Verschuer für die Eheberatung mit rassenhygienischer Zielrichtung zuständig. Außerdem war er an der Zwangssterilisationspraxis beteiligt. Jährlich wurden in der Beratungsstelle II etwa 1.000 Personen amtsärztlich untersucht, die wegen Eheberatung, Untersuchung wegen „Ehestandsdarlehen“, Ausstellung von „Ehetauglichkeitszeugnissen“ und Begutachtungen zur Unfruchtbarmachung dorthin kommen mussten.

In seinem Schreiben an das Frankfurter Erbgesundheitsgericht vom 21. Juli 1941 fordert Verschuer die Zwangssterilisation einer Sintezza, Vorderseite

Schreiben Verschuers vom 21.7.1941, Rückseite


Wie exemplarisch belegt ist, verweigerte Verschuer Sinti und Roma das „Ehetauglichkeitszeugnis“ aus rassischen Gründen ohne gesetzliche Grundlage und trug damit zur Auferlegung von Eheverboten bei. Ebenfalls lässt sich beispielhaft belegen, dass Verschuer sich vehement für die Zwangssterilisation bei Sinti und Roma einsetzte, obwohl Zwangssterilisationen vom NS-Staat offiziell zwar aus gesundheitlichen, nicht aber aus „rassischen“ Gründen vorgesehen waren.
Ein Element des Instituts war die rassenanthropologische Forschung des Verschuer-Schülers Gerhart Stein (1910-1979). Als Student am Institut fertigte Stein seine Dissertation „Zur Psychologie und Anthropologie der Zigeuner in Deutschland“. Für diese Arbeit nahm Stein ab 1936 Untersuchungen an Frankfurter Sinti und Roma vor. Die Ergebnisse flossen später in das Material der rassenbiologischen Erfassungen von Sinti und Roma durch die „Rassenhygienische Forschungsstelle“ unter Dr. Robert Ritter ein, bei der Stein zeitweilig mitarbeitete. Zudem suchte Stein intensiv den Kontakt zu Kriminalpolizeibehörden, um Vorschläge für ein staatliches Vorgehen gegen Sinti und Roma zu machen.
1942 ging Verschuer als Leiter des „Kaiser-Wilhelm-Instituts für Anthropologie, menschliche Erblehre und Eugenik“ nach Berlin. In Frankfurt folgte ihm bis 1945 Prof. Heinrich Wilhelm Kranz (1897-1945). Kranz sah Forschungen über Sinti und Roma als Beitrag zur Lösung einer „außerordentlich wichtige[n] und rassen- wie erbbiologisch durchaus vordringliche[n] Frage“, die „bevölkerungs- und rassenpolitische praktische Folgerungen“ erfordere.
Die Geschichte des Frankfurter Universitätsinstituts verbindet sich auch mit dem Namen von Dr. Josef Mengele, der ab 1937 Verschuers Assistent in Frankfurt war. Mengele behielt diese Stellung formal bis 1945, war aber seit 1940 nicht mehr in Frankfurt tätig. Im Mai 1943 kam Mengele ins Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau und beteiligte sich dort am Genozid an Sinti und Roma. Von Auschwitz aus kooperierte er mit seinem nun in Berlin ansässigen ehemaligen Vorgesetzen Verschuer. Verschuer wurde zum wissenschaftlichen Nutznießer der Medizinverbrechen im Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau.
1946 bis 1949 versuchte Verschuer vergeblich, seinen früheren Frankfurter Lehrstuhl wiederzuerlangen. Mit Blick auf seine Vergangenheit bot ihm die Universität die Gelegenheit zur wissenschaftlichen Forschungstätigkeit an, allerdings ohne Professorentitel und Institutsleitung. Verschuer verzichtete. Bald darauf wurde er von der Universität Münster auf einen eigens geschaffenen Lehrstuhl berufen und übernahm 1951 die Leitung des neuen Instituts für Humangenetik in Münster.


Literatur und Quellen
  • Peter Sandner, Das Frankfurter „Universitätsinstitut für Erbbiologie und Rassenhygiene“. Zur Positionierung einer „rassenhygienischen“ Einrichtung innerhalb der „rassenanthropologischen“ Forschung und Praxis während der NS-Zeit. In: Fritz Bauer Institut (Hg.), „Beseitigung des jüdischen Einflusses ...“. Antisemitische Forschung, Eliten und Karrieren im Nationalsozialismus, Frankfurt am Main / New York 1999, S. 73-100.
  • Akten im Universitätsarchiv Frankfurt am Main: Personalakte Verschuer; Akte des Kuratoriums 3/22-25, Az. V c 14

Zusätzliche Stichwörter
Institutionen/Orte/Begriffe:  Institut für Erbbiologie und Rassenhygiene;   Gesundheitsamt;  

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