Von der Hungerkrise zur Fresswelle – die Versorgungslage zwischen Kriegsende und den 1950er Jahren

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Das Kriegsende bedeutete für Deutschland den Beginn einer dreijährigen Hungerkrise, die während der ersten Kriegsjahre durch das Ausbeuten und Aushungern von für minderwertig erachteter Nationalitäten und Ethnien verhindert und danach zumindest abgemildert worden war. Mit der deutschen Niederlage war der Zugriff auf ausländische Ressourcen drastisch eingeschränkt, und die eigene landwirtschaftliche Produktion konnte den Bedarf nicht decken. Zur weltweiten Lebensmittelknappheit kamen in Deutschland Beeinträchtigungen durch kriegsbedingte Schäden in den Produktions- und Verarbeitungsbetrieben, fehlender Kunstdünger und Maschinen in der Landwirtschaft sowie massive Transportprobleme. Wie schon nach dem Ersten Weltkrieg schnitt die Aufteilung Deutschlands in Besatzungszonen Frankfurt von einem Teil seiner bisherigen Zulieferungsgebiete ab.

Schlange vor der Pferdemetzgerei Deppert im Baumweg, 1946

Razzia gegen Schwarzmarkthändler in der Großen Friedberger Straße, 1946


In der amerikanisch besetzten Zone, deren Verwaltungssitz Frankfurt wurde, blieben die in der Kriegszeit ausgebildeten Strukturen der Ernährungsverwaltung bis Anfang 1948 bestehen. Dabei nahm die Besatzungsregierung zwar in Form von Vorschriften und Weisungen Einfluss auf die Lebensmittelerfassung und -verteilung, die praktische Umsetzung war jedoch Aufgabe der deutschen Behörden. Da aber die (deutsche) staatliche Autorität, die das System der Erfassung und Lenkung durch den Reichsnährstand und die Ernährungsämter überhaupt erst handhabbar gemacht hatte, mit Kriegsende weggefallen war, konnte das Rationierungssystem unter den politischen und wirtschaftlichen Bedingungen der Nachkriegszeit nur noch eingeschränkt funktionieren.

Verteilung von Hilfsgütern an Sossenheimer Kinder, 1946


Entsprechend war es kaum noch möglich, die Versorgung der Bevölkerung mit einer lebensnotwendigen Menge an Kalorien und Nährstoffen sicherzustellen: Im April 1946 z.B. war ein erwachsener Frankfurter pro Woche zum Bezug von 1600g Brot, 100g Fett, 200g Fleisch, 1l entrahmte Milch, 3kg Kartoffeln, 250g Hülsenfrüchte, 140g Nudeln oder Grieß und 47g Käse berechtigt – das bedeutete 1255 Kalorien am Tag. (Die moderne Ernährungswissenschaft setzt einen Tagesbedarf von 2.600 kcal bei männlichen Leichtarbeitern mittleren Alters an.) Im Mai 1947 war die wöchentliche Brotration auf 1500g, die Fleischration auf 100 und die Fettration auf 50g pro Woche zusammengeschrumpft. Wer Butter, Eier, Obst oder Schokolade essen wollte, musste auf den Schwarzmarkt gehen oder gute Beziehungen zu den amerikanischen Besatzern unterhalten – sei es in Form einer legalen Beschäftigung, sei es als „Ami-Liebchen“ oder Prostituierte.
Mit der Verschlechterung der Versorgungslage sank vor allem in der kalten Jahreszeit nicht nur die Leistungsfähigkeit sondern auch die Widerstandsfähigkeit gegen Krankheiten. Infolge der Bombenangriffe war ein Großteil der Gebäude wie auch der Straßen im Stadtgebiet zerstört, und die Bevölkerung lebte entsprechend in Behelfsunterkünften oder auch buchstäblich in den Trümmern. Städtische und privat organisierte Suppenküchen, die Schulkinderspeisung und auch amerikanische Hilfslieferungen oder Care-Pakete konnten die Lage nicht deutlich verbessern, ermöglichten aber immerhin eine Aufrechterhaltung der Lebensmittelversorgung auf äußerst niedrigem Niveau.
Parallel zu den Hilfeleistungen für die deutsche Bevölkerung wurde von den Amerikanern versucht, das von den Nationalsozialisten begangene Unrecht wieder gutzumachen bzw. an den Deutschen zu sühnen: Diejenigen, die vorher aufgrund ihres Glaubens oder ihrer Rasse verfolgt, gequält und ausgebeutet worden waren, sollten nun entschädigt werden. Die Gewährung bzw. der Entzug von Nahrungsmitteln wurde als „erzieherisches“ Mittel eingesetzt – wenn auch unter umgekehrten Vorzeichen. Zum Symbol für die Umkehrung wurde in Frankfurt das für Displaced Persons (DP) eingerichete Lager Zeilsheim, das – wie das Bahnhofsviertel – schnell zu einem Zentrum des Frankfurter Schwarzmarktes wurde.
Einen Wechsel zum Besseren brachte die Währungsreform vom Juni 1948; es dauerte allerdings noch einige Jahre, bis sich die Lebensverhältnisse im Vergleich zur Vorkriegszeit wieder normalisiert hatten bzw. bis sich im Rahmen des so genannten Wirtschaftswunders neue Konsummöglichkeiten eröffneten, die über das Angebot der vergleichsweise stabilen und „satten“ letzten Vorkriegsjahre hinausgingen. Statt behördlicher Vorgaben entschied nun das individuelle Einkommen darüber, was auf den Tisch kommen konnte und welche Genüsse man sich (noch) versagen musste. Da die Lebensmittelproduzenten ihre höheren Kosten auf dem offiziellen Markt nicht an ihre Kunden weitergeben konnten, bestand der Schwarzmarkt bis zum Spätherbst 1949 weiter, wovon nur eine kaufkräftige Klientel – und natürlich die Händler – profitieren konnten.
Die schrittweise Aufhebung der Rationierung wurde begleitet von einer Preisexplosion im Lebensmittelsektor bei zunächst stagnierenden Löhnen und Gehältern. Insgesamt veränderte sich das Konsumverhalten nur langsam, d.h. es blieb zunächst bei einem höheren Konsum pflanzlicher Nahrungsmittel wie Brot, Hülsenfrüchten und Nährmitteln, während der Konsum tierischer Produkte wie Eier, Vollmilch, Butter und Fleisch noch hinter dem Vorkriegsverbrauch zurückblieb.
In den frühen fünfziger Jahren erlebte die Frankfurter Wirtschaft einen im Vergleich zu Hessen und zum Bundesgebiet rasanten Aufschwung, der sich nicht nur in Unternehmensgewinnen, sondern auch in den privaten Haushaltsbudgets niederschlug. Der Konsum verschob sich zu einer abwechslungsreicheren und höherwertigen Kost: Es wurden mehr frisches Obst, mehr Fleisch und mehr Milchprodukte verzehrt, während die reinen „Sattmacher“ wie Kartoffeln und Nudeln in gleichem oder auch geringerem Umfang als bisher auf dem Speiseplan auftauchten. Das Vorkriegsniveau wurde bei Lebensmitteln wie Fleisch und Butter allerdings noch nicht erreicht; man aß weniger, dafür aber besser und entsprechend teurer als in der ersten Zeit nach der Währungsreform.
Deutlicher als die Jahre des Mangels ließ der größere gesellschaftliche Reichtum die sehr ungleichmäßige Einkommensverteilung erkennen: Ein Charakteristikum der ersten Hälfte der Fünfziger Jahre war die Ungleichzeitigkeit in der Verbesserung der privaten Lebensverhältnisse, das Nebeneinander von bereits existentem oder beginnendem Wohlstand und absoluter Armut. Das hemmungslose Schwelgen in kalorienreichen Köstlichkeiten, dem eine breite Bevölkerung frönte, war tatsächlich eine Erscheinung der späten fünfziger Jahre.


Literatur
  • Jutta Heibel, Vom Hungertuch zum Wohlstandsspeck. Die Ernährungslage in Frankfurt am Main 1939-1955, Frankfurt am Main 2002

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