Das Völkermuseum bis 1945

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Die Anfänge des Frankfurter Völkermuseums, dem heutigen Museum der Weltkulturen, gehen auf private Sammlungen ethnografischer Objekte im 19. Jahrhundert zurück. Die erste große Ausstellung fand 1877, organisiert von Adam Hammeran, im Palais Thurn und Taxis statt. 1879 wurde das Historischen Museum der Stadt gegründet, dem eine eigene „Ethnographische Sammlung“ mit Exponaten aus der ganzen Welt angehörte. In anderen deutschen Städten gab es jedoch bereits selbständige Völkerkundemuseen, und so erschien es fast überfällig zu sein, eine solche Institution auch in Frankfurt einzurichten. Eine entscheidende Rolle spielte Bernhard Hagen (1853-1919). Er hatte als Arzt in den Kolonien gearbeitet und kam 1896 nach Frankfurt, um verschiedenen universitären Lehraufträgen nachzukommen. 1901 gründete er die Frankfurter Anthropologische Gesellschaft.1903 organisierte er eine Ausstellung ethnographischer Objekte verschiedener Besitzer im Frankfurter Zoo, die auch Oberbürgermeister Ludwig Landmann begeisterte. Die Stadt stellte daraufhin in der Junghofstraße ein Lager zur Verfügung, in dem die Sammlungen des Historischen Museums, der Anthropologischen Gesellschaft (die spätere Deutsche Gesellschaft für Kulturmorphologie, heute Frobenius Gesellschaft), der Colonial Gesellschaft und verschiedene private Sammlungen zusammengeführt werden konnten. Das Völkermuseum, wie es bis 1946 hieß, eröffnete am 22. Oktober 1904 in der Münzgasse 1 (Gollsches Bankhaus) unter der Leitung von Bernhard Hagen seine Tore. Da die Sammlung schnell wuchs, benötigte man bald mehr Platz und zog 1908 in das Palais Thurn und Taxis in der Großen Eschenheimer Straße 26.
In seiner Eröffnungsrede beschrieb Bernhard Hagen ganz im kolonialen Geist der Zeit die Aufgaben eines Völkermuseums: Das Museum diene der Volksbildung, und seine Zielgruppen seien unter anderen Kaufleute, die nach Absatzgebieten suchten, Soldaten, die sich ihre Einsatzgebiete ansehen wollten oder Politiker, die sich für andere Erdteile interessierten. Hagen blieb bis zu seinem Tod im Jahr 1919 Direktor des Völkermuseums. Nach ihm übernahm Johannes Lehmann die kommissarische Leitung des Museums, die auch bis 1934 wegen finanzieller Schwierigkeiten der Stadt kommissarisch blieb.

Das Völkermuseum im Bundespalais 1938


Leo Frobenius im Völkermuseum
1925 kam Leo Frobenius samt seinem Forschungsinstitut für Kulturmorphologie nach Frankfurt und zog unter das Dach des Völkermuseums. 1931 sprach sich das Revisionsamt der Stadt aus Sparsamkeitsgründen für die Zusammenlegung von Forschungsinstitut und Museum aus. Doch dagegen wehrten sich die etablierten Kustoden Johannes Lehmann (1876-1961) und Ernst Vatter (1889-1948). Sie ließen sich von Kollegen aus ganz Deutschland die museale Unerfahrenheit von Frobenius bestätigen. Lehmann beklagte im Mai 1933 bei Oberbürgermeister Krebs, dass Frobenius sich auf die Unterstützung von „höchsten Spitzen der jetzigen nationalen Regierung“ berufen konnte – ganz im Gegensatz zu ihm selbst, der jedoch seit dem 1. März 1933 Mitglied der NSDAP war. An anderer Stelle versuchte er Frobenius zu diffamieren, da dieser „durch Juden“ nach Frankfurt geholt worden sei. Das Büro der NSDAP Hessen-Nassau beteiligte sich ebenfalls an der Diskussion und verwies auf finanzielle Missstände bei Frobenius. Ernst Vatter bemängelte in einem Brief an den Kulturdezernenten Dr. Rudolf Keller 1934, dass die „letzte Ehrlichkeit in allen wissenschaftlichen Dingen“ bei Frobenius fehle.
Doch Oberbürgermeister Krebs, der unermüdliche Fürsprecher von Frobenius, setzte sich durch: Leo Frobenius wurde im November 1934 Direktor des Völkermuseums. Sofort begann er damit, in der Frankfurter Zeitung die Arbeit der bisherigen Mitarbeiter des Museums zu verunglimpfen. Eine Woche nach dem Führungswechsel kündigte die Stadt die Versetzung von Lehmann und Vatter an. Johannes Lehmann erhob Einspruch, wurde jedoch (begründet durch Ergebnissen eines Gutachtens der „Fürsorgestelle für Gemüts- und Nervenkranke“) in den dauernden Ruhestand versetzt. Ernst Vatter wechselte in die Stadtbibliothek. Er war von 1931 bis 1935 auch außerordentlicher Professor an der Frankfurter Universität, verlor jedoch 1937 seine Lehrerlaubnis, da seine Frau jüdischer Abstammung war. Die Familie wandert 1939 nach Chile aus, Vatters wissenschaftliche Laufbahn war damit beendet. Im Museum wurden die Stellen mit Mitgliedern aus Frobenius’ Institut für Kulturmorphologie besetzt: Adolf E. Jensen, Hermann Niggemeyer und später Karin Hissink.
Die Dauerausstellung des Völkermuseums im Palais Thurn und Taxis war zeitgemäß nach evolutionistischen und geografischen Kriterien präsentiert. 1933 hatte man mit der Sonderausstellung „Deutsche Kolonien“ ein politisches Thema gewählt, was auf weitere Sonderausstellungen zwischen 1931 und 1940 nicht zutraf. Mit Besucherzahlen von 80.000 im Jahr 1935 war das Völkermuseum sehr erfolgreich, sie gingen bis 1939 allerdings auf jährlich 25.000 zurück.

Das im März 1944 zerstörte Völkermuseum. Die Aufnahme entstand ca. 1945/46.


Schließung des Museums und Kriegszeit
Als die männlichen Mitarbeiter des Museums ab 1940 zum Kriegsdienst eingezogen wurden, wurde das Museum für den Publikumsverkehr geschlossen. Ab 1942 organisierte Karin Hissink die Auslagerung von etwa zwei Dritteln der Museumsbestände an elf verschiedene Orte, zumeist Schlösser in Süddeutschland. Im März 1944 zerstörten Fliegerbomben das Palais, es kam zu Schäden an Sammlungsstücken, die in den Kellergewölben verblieben waren. Die Museums- und auch Institutsarbeit fand danach in zwei Räumen des Geographischen Instituts in der Bockenheimer Landstraße 104 statt, bis auch dieses Gebäude im September 1944 zerbombt wurde. Im gleichen Monat wurden auch die restlichen Kellerräume des ehemaligen Museums zerstört, dabei starben der Oberaufseher des Museums Sperb und der Museumsarbeiter Hohmann. Zuflucht für Museum und Institut wurde nun das Privathaus von Frau Hissink in der Myliusstraße 29.
Die Museumsarbeit während des Krieges bestand allerdings auch in der Erweiterung der Sammlung. 1940 konnten Hermann Niggemeyer und Ewald Volhard eine Einkaufsreise in das besetzte Paris mit „besonderem Erfolg“ abschließen. Die Stadt bewilligte dafür 30.000 RM und wies auf weitere „hervorragende Einkaufmöglichkeiten“ im ebenfalls besetzten Brüssel und Amsterdam hin. Im Herbst 1941 wurden noch einmal 260.000 RM für Kunsteinkäufe im Ausland bereitgestellt, es ist allerdings nicht klar, welcher Anteil dabei für das Völkermuseum vorgesehen war. Weitere eventuell stattgefundene Einkäufe lassen sich nicht mehr nachweisen, lediglich, dass das Völkermuseum 1944 noch einmal ca. 22.600 RM für Einkäufe in Paris erhielt, davon 2.800 RM zum Ausgleich für Kriegsverluste.
Der Bestand des Museums vergrößerte sich zwischen 1933 und 1945 um 6.076 Objektnummern. Davon 1.965 durch die Expeditionen der Gesellschaft für Kulturmorphologie, 1.168 wurden bei Kunsthändlern in den besetzten Gebieten gekauft, 2.943 Stücke aus privater Hand gekauft oder eingetauscht. Von den ca. 1.000 Stücken aus den besetzten Gebieten kamen 700 vom Pariser Kunsthandel, aus den Niederlanden ca. 200 Stücke und aus Belgien ca. 50 Stücke. Bei zwei Sammlungen lässt sich nachweisen, dass sie aus jüdischem Besitz stammten: Beim Pariser Kunsthändler Charles Ratton wurde eine Sammlung wertvoller Ethnographika aus Abessinien (572 Stücke) erworben, die Maurice von Rothschild gehört hatte; sie wurde bei einem Bombenangriff 1944 vernichtet. 1943 hatte man bei einer Versteigerung beschlagnahmten Besitzes jüdischer Emigranten 15 Stücke des Malers und Sammlers Alfred N. Oppenheim gekauft. Hiervon waren nach dem Krieg noch zwei Stücke vorhanden, die 1951 zurückgegeben wurden.
Von über 1.000 Gegenständen, die (nach amerikanischer Militärgesetzgebung der Nachkriegszeit) widerrechtlich in den Museumsbesitz gekommen waren, konnten nur noch 37 aufgefunden werden. Diese stammten von niederländischen Händlern und wurden 1947 dem Central Collecting Point in Wiesbaden übergeben.



Literatur
  • Sybille Baum, Das städtische Völkerkundemuseum in Frankfurt am Main. Ein Beitrag zur museumsethnologischen Diskussion, unveröffentlichtes Ms., Frankfurt am Main1986.
  • Sybille Ehl, Ein Afrikaner erobert die Mainmetropole. Leo Frobenius in Frankfurt (1924-1938), in: Thomas Hauschild (Hg.), Lebenslust und Fremdenfurcht. Ethnologie im Dritten Reich, Frankfurt am Main 1995.
  • Wolfgang Schivelbusch, Intellektuellendämmerung. Zur Lage der Frankfurter Intelligenz in den zwanziger Jahren, Frankfurt am Main 1985.
  • Meinhard Schuster, Museum und Institut. Zu Genealogie und Vernetzung der Frankfurter Ethnologie 1904-1965, in: Karl-Heinz Kohl/Editha Platte (Hg.), Gestalter und Gestalten. 100 Jahre Ethnologie in Frankfurt am Main, Frankfurt am Main/Basel 2006.
  • Achim Sibeth, Bernhard Hagen: Vom Kolonialarzt zum Museumsgründer, in: Museum der Weltkulturen – Ansichtssachen. Ein Lesebuch zu Museum und Ethnologie in Frankfurt am Main,Frankfurt am Main 2004.
  • Josef Franz Thiel, Frobenius und das „Völkermuseum“, in: Karl-Heinz Kohl/Editha Platte (Hg.), Gestalter und Gestalten. 100 Jahre Ethnologie in Frankfurt am Main, Frankfurt am Main/Basel, 2006.
  • Hans Voges, Frankfurter Völkerkunde im Nationalsozialismus, 1933-1945, in: Museum der Weltkulturen – Ansichtssachen. Ein Lesebuch zu Museum und Ethnologie in Frankfurt am Main, Frankfurt am Main 2004.

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