Die „Völkische Rundschau“ (1921-1922) – Frankfurts erste nationalsozialistische Wochenzeitung

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Titelseite der Völkischen Rundschau Nr. 1, 1921

Am 2. Juli 1921 erschien sie zum ersten Mal in einer Auflage von angeblich 10.000 Exemplaren: die „Völkische Rundschau“. Die bis zum Ende des Jahres 1922 mit Unterbrechungen publizierte Wochenzeitung wurde zunächst von dem Vorsitzenden des „Deutsch-Völkischen Schutz- und Trutzbundes“ in Frankfurt und späteren NSDAP-Gründungsmitglied, Gustav Windmeier, herausgegeben. Schon die erste Nummer vom 2. Juli machte deutlich, dass die Wochenschrift nicht nur Informationsblatt und „Sprachrohr aller deutschvölkischen Kreise … von Frankfurt, Hessen und Hessen-Nassau“ sein sollte, sondern auch ein lautstarkes Agitationsorgan. Rüde antisemitische und antirepublikanische Ausfälle prägten die Artikel und Kommentare, und es ist unverständlich, dass da Blatt erst nach der Ermordung von Walther Rathenau verboten wurde, die im Artikel eines Tatbeteiligten unverhüllt angekündigt wurde.
Das Gros der Artikel befasste sich mit den angeblichen Skandalen und Verfehlungen der Regierungsparteien der Linken und der Juden, mit Misswirtschaft, Schiebungen und Betrügereien. Auch an die „Deutsche Frau“ als Leserin waren einige Artikel gerichtet. Dank der politisch konservativen bis reaktionären Grundstimmung der meisten Völkischen war es vor allem die vorsichtige Emanzipation der Frau, die auf heftigen Widerspruch stieß. Und was galt mehr als Symbol des neuen Frauenbildes, des Abschneidens von alten Zöpfen? Der im Jahr 1921 zum letzten Schrei der Damenhaarmode avancierte Bubikopf, die „Krone der Verrücktheit“ und „undeutschen Narretei“: „Deutsche Frau! Wache auf! Wirf die Judenmode von Dir und schwöre allem welschen [d.h. französischen] Plunder Fehde! Rette Dich und durch Dich den deutschen Mann … Sei einfach in Kleidung und Wesen, rein und edel in deinen Sitten, treu in Deiner Liebe – kurzum: werde wieder deutsch!“ (Völkische Rundschau vom 13.8.1921)
Gebetsmühlenartig wurde die Verführung der deutschen Arbeiterschaft durch die angeblich jüdisch-bolschewistischen Hintermänner in den Gewerkschaften und Arbeiterparteien angeprangert und der Versuch des „internationalen Judentums“, die Deutschen zu unterjochen und auszubeuten, angeklagt. Keine Ausgabe verging ohne Hetze gegen die jüdischen „Vampire“ und ihre Machenschaften, obwohl „unsere Arbeiterschaft heute noch – nach einer dreijährigen Sudelherrschaft rassisch-verkommener Individuen – noch immer nicht darauf gekommen ist, welch ein gemeiner Schwindel mit ihr getrieben wird …“ Unfassbar sei, dass sich „der harmlose deutsche gutmütige Arbeiter vor diese Vampire stellt, sie schützt und dadurch immer wieder verhindert, dass diesen Herren aus dem Morgenlande das Schieber- und Ausbeuterhandwerk gelegt wird.“ (Völkische Rundschau vom 23.7.1921).
Im 13. August 1921 verkündete das Blatt: „Die Zeit der großen Abrechnung mit den jüdischen Leitern der Sozialdemokratie steigt herauf“. Vorangegangen war am 9. Juni die Ermordung des bayerischen USPD-Politikers Karl Gareis, der Beginn einer unheimlichen Mordserie, die am 26. August 1921 die mit dem Anschlag auf den ehemaligen Finanzminister Matthias Erzberger fortgesetzt wurde. Von den ermittelten Tätern, zwei Angehörigen der Organisation Consul, Heinrich Tillessen und Hermann Schulz, führte die Spur direkt auch nach Frankfurt. Einer der maßgeblichen Initiatoren der Anschlagserie, Manfred von Killinger, war noch in den Tagen zuvor in Frankfurt gewesen, um die völkisch-radikale Gruppe um Friedrich Wilhelm Heinz und Gustav Windmeier und ihre konspirative Arbeit gegen die französische Besatzungsmacht näher unter die Lupe zu nehmen.
Die Verbindungen zwischen den Morden und dem Kreis um die „Völkische Rundschau“ nur ahnend, hatten sich die Frankfurter Linksparteien am 31. August 1921 zu einer großen Kundgebung zusammen gefunden. An der Demonstration am Opernplatz nahmen etwa 80.000 Menschen teil. Vertreter von SPD, USPD und KPD wetterten „gegen die Hakenkreuzler“ und gegen den „Terror und Militarismus“. Die Frankfurter Völkischen reagierten prompt: sie ließen ein Flugblatt in mehreren tausend Exemplaren drucken, dass auch in der „Völkischen Rundschau“ erschien. Unter der Schlagzeile „Was wollen die viel verschmähten und verlästerten Hakenkreuzler?“ forderten sie die „Bauern! Arbeiter! Angestellte! Beamte! Handwerker! Kleinbürger! Rentner und Pensionäre!“ auf, gegen Bodenspekulation und Hypothekenwirtschaft, gegen das jüdische Bankkapital und Zeitungsmonopol zu „protestieren, demonstrieren, randalieren!“
Ganz den Postulaten der diversen völkischen und nationalsozialistischen Gruppierungen entsprachen auch die hervorgehobenen Kampfziele: „Wir wollen erzwingen: Die Brechung der Zinsknechtschaft durch die Abschaffung des unsittlichen und ausbeutenden Zinsabkommens. Die Befreiung von Grund und Boden durch eine neue Bodengesetzgebung auf völkischer Grundlage. Die deutsche Rechtsprechung durch Beseitigung des römischen Kapitalisten- und Besitzrechts. Die Gesundung der deutschgermanischen Rasse durch restlose Ausscheidung des Judentums!“ (Abdruck der Flugschrift, Völkische Rundschau vom 17.9.1921.)

Hartmut Plaas (1899-1944)


Damit hatte die Schriftleitung den Bogen überspannt. Nachdem der Frankfurter OC-Führer Friedrich Wilhelm Heinz wegen Verdachts der Beteiligung an der Ermordung Erzbergers kurzzeitig verhaftet wurde, und die „Völkische Rundschau“ ihre verbale Agitation verschärfte, verbot Frankfurts Polizeipräsident Ehrler die Zeitung am 5. Oktober für zunächst zwei Wochen mit der Begründung: die „Angriffe und Verhöhnungen“ seien dazu geeignet, die „verfassungsmäßigen Organe und Einrichtungen des Staates in einer den inneren Frieden des Staates gefährdenden Weise verächtlich zu machen.“
Nach dem Verbot erlebte die „Völkische Rundschau“ einen ungeahnten Auftrieb. Die OC-Zentrale schickte den Bruder des Erzberger-Mörders Karl Tillessen nach Frankfurt, zusammen mit Hartmut Plaas. Plaas, NSDAP-Mitglied aus dem Jahr 1921, übernahm die Redaktion, und verschärfte den Ton der Artikel ein weiteres Mal. Im Frühjahr 1922 kündigte Karl Tillessen in der „Völkischen Rundschau“ den zu diesem Zeitpunkt bereits geplanten Mord an Außenminister Walther unverhüllt an: „Der jüdische Kutscher, der den Reichswagen in langjähriger Dunkelarbeit in den Sumpf gefahren habe, müsse beseitigt werden.“ In der gleichen Nummer vom „Ostermond“ 1922 warb Tillessen für Hitler und die NSDAP, die als einzige Partei die Deutschen vor „Alljuda“ schütze.
Mit dem Rathenau-Mord und der Inhaftierung und Verurteilung der Tatbeteiligten im Oktober 1922 ging es auch mit der „Völkischen Rundschau“ zuende. Ende November berichtete sie noch einmal über den Vortrag des Münchner NSDAP-Mitglieds Hermann Esser bei der Frankfurter Ortsgruppe der NSDAP vom 7. November 1922, Hitler sei „Deutschlands Mussolini“ und rühmte den „glühenden deutschen Idealismus“ dieses „kühnen Mannes“ und „Vollblutdeutschen“ (Völkische Rundschau vom 24.11.1922).
Ende 1922 war die Zeitschrift auch auf Grund der gegen sie eingeleiteten Verleumdungsprozesse und Schadensersatzforderungen bankrott, Gustav Windmeier verschwand aus Frankfurt, und der Frankfurter OC-Führer Friedrich Wilhelm Heinz verlagerte den Schwerpunkt seiner Aktivitäten aus der Stadt, da er hier zu sehr vom politischen Gegner überwacht wurde. Die Nationalsozialisten selbst waren zu klein und zu zerstritten und auch nicht finanzstark genug, um eine eigene Zeitschrift ins Leben zu rufen.


Literatur
  • Ein Grossteil der 32 Ausgaben der „Völkischen Rundschau“ befindet sich im Institut für Zeitungsforschung der Stadt Dortmund
  • Susanne Meinl, Nationalsozialisten gegen Hitler. Die nationalrevolutionäre Opposition um Friedrich Wilhelm Heinz, Berlin 2000
  • Eberhard Schön, Die Entstehung des Nationalsozialismus in Hessen, Meisenheim am Glan 1972

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