Das KZ-Außenlager Walldorf 1944

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1700 ungarisch-jüdische Mädchen und Frauen im Alter von 13 – 45 Jahren kamen am 22. August 1944 bei einer Bahnstation in der Nähe von Mörfelden-Walldorf an.
Nach dem Einmarsch der deutschen Wehrmacht in das bisher verbündete Ungarn im März 1944 wurden sie in das KZ Auschwitz-Birkenau deportiert und wenige Wochen später von dort in das Rhein-Main-Gebiet. „Die Häftlinge werden zur Erledigung kriegsentscheidender Bauvorhaben eingesetzt, Flugplatz Rhein-Main, Frankfurt/Main.“ Der Rhein-Main-Flughafen stand als „Fliegerhorst Rhein-Main“ unter militärischer Hoheit. Neue düsengetriebene Flugzeuge der deutschen Luftwaffe, insbesondere der Raketenjäger Me 163 und die Me 262, sog. „Wunderwaffen des Führers“, ließen den Bau betonierter Rollbahnen sinnvoll erscheinen. Die bisher üblichen Propellermaschinen starteten lediglich auf Gras.
Den Bauauftrag erhielt die Firma Ed. Züblin AG. Die Organisation Todt (OT) beantragte beim SS-Wirtschafts-Verwaltungs-Hauptamt als „Hilfsarbeiter“ die 1700 Arbeitskräfte.

Blick auf die KZ-Außenstelle Walldorf, Luftbild der Alliierten, Februar 1945


Die KZ-Außenstelle wurde am nördlichen Ortsrand von Walldorf in fünf bis sechs einstöckigen Holzbaracken eines ehemaligen Reichsarbeitsdienstlagers eingerichtet. Zur Bewachung wurden 30 SS-Männer, innerhalb des Lagers drei, zeitweise auch vier SS-Frauen eingesetzt. Lagerführer war der SS-Sturmscharführer Reinhold Loehs. Das Lager unterstand als KZ-Außenlager Walldorf dem elsässischen Stammlager Natzweiler-Struthof.
Züblin war für die Einteilung und fachliche Anleitung der Arbeitskräfte zuständig, unterstützt durch weitere Mitarbeiter der Organisation Todt. Das Bauunternehmen bezahlte pauschal pro Tag und Häftling vier Reichsmark; es war zudem für die Verpflegung der Häftlinge zuständig.
Der Arbeitsbeginn lag – abhängig vom Eintreffen der Wachen – zwischen sechs und sieben Uhr, Arbeitsende zwischen 18 und 19 Uhr. Morgens bekamen sie eine Tasse „Kaffee“ und ein Stück Brot, am Abend oftmals eine wässrige Suppe mit Kraut, Rüben oder einzelnen Kartoffelstückchen. Die schwere körperliche Arbeit, die von den Frauen auf der Baustelle verlangt wurde, überstieg deren physische Kräfte bei weitem. Zunächst mussten sie die gefällten Bäume auf ihren Schultern wegtragen, mit der Spitzhacke große Wurzelstöcke ausgraben, anschließend den Waldboden planieren, schottern, betonieren, nivellieren, längs der Rollbahnen Kabelschächte graben …

Miriam Heller (Häftling in Walldorfer Lager 1944/45), im Dezember 1942

Miriam Heller (Häftling in Walldorfer Lager 1944/45), im Juni 1945 wenige Wochen nach ihrer Befreiung


Die KZ-Häftlinge arbeiteten an den Anfängen der heutigen Südbahn des Frankfurter Flughafens; sie waren aber zudem vor allem beim Bau eines ersten großen Parallelbahnsystems innerhalb eines angrenzenden Waldgebietes eingesetzt. Die Bauleistung, die sie während der drei Monate im Walldorfer Lager erbrachten, war enorm. Neben der Schwere der Arbeit und der Unterernährung, unter der sie zunehmend litten, war es vor allem die Kälte, die ihnen im Laufe des früh einsetzenden Winters immer mehr zusetzte. Bereits am 8. September hatte der Lagerführer darauf hingewiesen, „dass die Häftlinge zu dünne und ungenügende Bekleidung haben und zum Teil sogar barfuß laufen, da sie keine Schuhe besitzen.“ Von einer zusätzlichen Lieferung an Kleidung oder Schuhen ist nichts bekannt. Der Krankenstand stieg permanent.

Arbeitsstundennachweise abgezeichnet vom Baustellenleiter Pohl, Mitarbeiter der Firma Züblin, gegengezeichnet von SS-Oberscharführer Nitsch.


Elsa Böhm arbeitete in der Lagerküche. Wann immer sie konnte, half sie kranken und besonders schwachen Mithäftlingen durch kleine zusätzliche Essensportionen. Anfang Oktober wurde dies entdeckt. Kornelia Grünwald erinnert sich: „Ich habe miterlebt, dass ein Häftling mit Nachnamen Böhm totgeschlagen wurde. Das passierte im Keller der Küchenbaracke. Frau Böhm wird irgendjemandem etwas Nahrung zugesteckt haben. Das konnte sie, weil sie in der Küche arbeitete. Das war der Grund, sie totzuschlagen. Frau Böhm war in unserer Baracke. Ich war natürlich nicht dabei, als sie im Keller totgeschlagen wurde, aber es war so, dass sie anschließend nicht mehr zurück in unsere Baracke kam.“ Diese Aussage machte sie im Rahmen eines Ermittlungsverfahrens, das Mitte der 1970er Jahre gegen den Lagerführer wegen des „Verdachts des Mordes und der Beihilfe zum Mord in dem Nebenlager Walldorf“ eingeleitet worden war. Loehs sagte dazu bei seiner Befragung: „Von der Tötung des Häftlings Böhm … habe ich keine Kenntnis … Im Übrigen bin ich gar nicht mal so sicher, ob unter der Küche überhaupt ein Keller war.“ Das Verfahren gegen ihn und weitere Angeklagte wurde 1980 eingestellt, „da gegen keinen der ermittelten Beschuldigten der Nachweis einer Beteiligung an strafrechtlich relevanten, noch verfolgbaren Handlungen erbracht werden kann.“ Im Sterbeeintrag der Elsa Böhm vom 3. Oktober 1944 gab der SS-Mann Erich Schwabach an: „Todesursache: „Fett-Herz, Herzmuskelschwäche, Kreislaufschwäche.“ Kein Arzt hat dies je beurkundet.
Anfang Oktober 1944 bat der Lagerführer seine Vorgesetzten, nicht mehr arbeitsfähige Häftlinge zurück ins Stammlager schicken zu dürfen. Bereits am 8. Oktober wurden 34 Häftlinge „nach Auschwitz überwiesen.“
Die Wochenberichte des Lagerführers liegen bis Ende Oktober vor. Zu diesem Zeitpunkt waren von den 1700 Mädchen und Frauen 40 verstorben; die Zahl der Kranken und nicht mehr Arbeitsfähigen stieg in den kalten Wochen.
Am 25. November 1944 wurde das Walldorfer Lager aufgelöst und die Häftlinge in das KZ Ravensbrück deportiert. Nur von ca. 350 der ursprünglich 1700 Mädchen und jungen Frauen ist bekannt, dass sie das Kriegsende erlebten und sich bei einer der internationalen Suchorganisationen meldeten, um nach überlebenden Verwandten zu forschen.

Tal Segev zeigt einen Herdring, den sie im Sommer 2005 im ehemaligen Keller unter der Küchenbaracke ausgegraben hat. Ihre Großmutter, Goldi Mermelstein, war als 17-Jährige im Walldorfer Lager inhaftiert.


Das Barackenlager in Walldorf war bei Kriegsende leer. Es wurde um 1950 gesprengt und das Gelände neu aufgeforstet. Anfang der 1970er Jahre entdeckten drei junge Kommunisten aus Mörfelden-Walldorf die Geschichte dieses Lagers bei ihrem Besuch in der Gedenkstätte Buchenwald. 1980 setzte die Stadt einen offiziellen Gedenkstein. Seit Mitte der 1990er Jahre recherchiert das örtliche Museum zusammen mit Schulklassen erneut. Im Beisein von 19 Überlebenden wurde im Herbst 2000 ein „Historischer Lehrpfad“ rund um das ehemalige Lagergelände eingeweiht. Die Margit-Horváth-Stiftung organisiert seit Jahren historische Projekte und Veranstaltungen für Schüler und Studenten. Sie legten inzwischen auch wieder die berüchtigten Kellerräume unter der Küchenbaracke frei.
Diese werden 2015/16 durch eine Einhausung geschützt. Mit diesem neuen Gebäude entsteht an dem historischen Lernort zugleich ein Seminarraum, in dem junge Erwachsene zu Fragen der Verletzung von Menschenrechten und Menschenwürde arbeiten können.
Der Teil des Lagergeländes, in dem die Kellerräume liegen, gehört heute zur Frankfurter Gemarkung.

Kontakt, auch Infos zu Führungen und Seminaren: Museum der Stadt Mörfelden-Walldorf und Margit- Horvath-Stiftung, cornelia.ruehlig@moerfelden-walldorf.de, Tel.: 06105/320.141
Links: www. kz-walldorf.de; www.margit-horvath.de; www.struthof.fr/de/

Anmerkungen

Schreiben der Kommandantur Natzweiler SS-Sturmbannführer Fritz Hartenstein vom 14. August 1944, Bundesarchiv Berlin.

Vgl. Monatsbericht für September 1944 des Lagerführers Loehs vom 30. September 1944, Bundesarchiv Berlin.

Wochenbericht des Lagerführers Loehs vom 8. September 1944, Bundesarchiv Berlin.

1975, Aussage Kornelia Grünwald vor dem Deutschen Konsulat in New York, Zentralstelle der Landesjustizverwaltungen Ludwigsburg.

Aussage Reinhold Loehs am 5. Oktober 1978 vor der Staatsanwaltschaft in Bonn, Zentralstelle der Landesjustizverwaltungen Ludwigsburg.

Schreiben der Staatsanwaltschaft bei dem Landgericht Darmstadt an den Bürgermeister der Stadt Mörfelden-Walldorf vom 30. Juni 1980, Museum der Stadt Mörfelden-Walldorf.

Standesamtliche Unterlagen, Sterbebuch der Gemeinde Walldorf, 1944.

Wochenbericht des Lagerführers Loehs vom 13. Oktober 1944, Bundesarchiv Berlin.

Literatur
  • Cornelia Rühlig, „Das Geheimnis der Erlösung heißt Erinnerung“, eine Dokumentation der Informationstafeln des „Historischen Lehrpfades“ bei dem ehemaligen KZ-Außenlager Walldorf, hrsg. Magistrat der Stadt Mörfelden-Walldorf, 2000 sowie das Ergänzungsheft (update 2008) zu dieser Dokumentation
  • Cornelia Rühlig „Walldorf“, in „Der Ort des Terrors“, Band 6, hrsg. von Wolfgang Benz und Barbara Distel, 2007
  • Klara Strompf, „KZ Außenlager Walldorf“, hrsg. von E. R. Wiehn, 2009
  • Vera und Miki Dotan, Aufstieg aus der Hölle. Israel, dt. Ausgabe November 2010
  • Magda Hollander-Lafon, „Vier Stückchen Brot. Eine Hymne an das Leben“, dt. Ausgabe, 2013.
  • Therese Müller, „Als junge ungarische Jüdin im Holocaust“, hrsg. von E. R. Wiehn, dt. Ausgabe, 2014

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