Ein Schulkeller als geheimes Waffendepot – der Waffenfund in der Wöhlerschule 1921

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Nach der Besetzung des Rheinlandes durch französische und belgische Truppen wurden in den Städten am Rand der entmilitarisierten Zone gezielt Waffenverstecke angelegt. Dahinter stand die Reichswehr oder so genannte Einwohnerwehren wie die „Organisation Escherich“ (kurz: „Orgesch“, benannt nach ihrem Leiter, dem bayerischen Forstrat Escherich) und die aufgelösten Freikorps. In Frankfurt erregte der Fund eines größeren Waffendepots im Heizungskeller der Wöhlerschule 1921 reichsweit großes Aufsehen.

In der renommierten Wöhlerschule, damals noch in der Lessingstraße im Westend ansässig, wurden 1921 Waffen gefunden. Die nicht näher zu datierende Aufnahme zeigt die Schule nach der Zerstörung im 2. Weltkrieg.


Die Wöhlerschule galt als gutbürgerliches Bildungsinstitut, das 1870 von der Frankfurter Bürgerstiftung „Polytechnische Gesellschaft“ gegründet wurde. Zu den ehemaligen Schülern zählten so renommierte Namen wie Erich Fromm und Walter Rathenau oder der Schriftsteller Elias Canetti, der 1921 dort sein Abitur ablegte. Die Schule im Westend verfügte über einen guten Ruf, zu Beginn der zwanziger Jahre waren jedoch einzelne Lehrer und Schüler immer wieder durch deutschvölkische Demonstrationen aufgefallen. Misstrauisch beäugte die Arbeiterpresse auch die nachmittäglichen, an Wehrsport erinnernden Veranstaltungen der Pfadfindergruppe um den Studienrat Dr. Friedrich Jung, die auf dem Schulhof in der Lessingstraße stattfanden.

Ausschnitt aus der Volksstimme vom 18. 7. 1921, Frankfurter Beilage


Zwischen der Diskussion um den hohen Brotpreis und den skandalösen Preisabsprachen eines „Heidelbeeren-Trusts“ auf dem Frankfurter Wochenmarkt konnte der Leser oder die Leserin der sozialdemokratischen Tageszeitung „Volksstimme“ am 18. Juli 1921 eine ganz andere Nachricht lesen: Im Keller der Wöhler-Schule waren am Samstag, den 16. Juli 1921, 500 einsatzfähige Gewehre gefunden worden – getarnt als Gesteinsproben.
Unter der Überschrift „Reaktionäres Waffenlager in Frankfurt am Main“ beherrschte der Fund am nächsten Werktag und auch während der folgenden Tage die Titelseiten der „Volksstimme“. Denn wie die engagierten sozialdemokratischen Journalisten erfuhren, war der Fund in der Wöhlerschule nicht der einzige:

Die Tennisplätze auf der so genannten Hundswiese an der Eschersheimer Landstraße dienten zu Beginn der zwanziger Jahre reaktionären Kräften als Waffenversteck. Während des Zweiten Weltkrieges wurde hier ein Zwangsarbeiterlager eingerichtet. Die Aufnahme von 1930 zeigt im Hintergrund das Budge-Heim.


„Die Funde von Waffen, die von den Reaktionären angesammelt sind, haben in Frankfurt a.M. einen derartigen Umfang angenommen, dass die hochverräterischen Absichten der beteiligten Monarchisten klar ersichtlich sind. […] Man sollte eigentlich meinen, die Reaktion suche ihre Schlupfwinkel und hatte ihre Waffenlager in reaktionären Provinzstädten, wo sie, wie in Marburg und Gießen, das Übergewicht haben… Nun hat sich das Unerhörte ereignet, dass in einer reinen Industriestadt wie in Frankfurt a.M. in den letzten Tagen an mehreren Stellen Waffenlager in außerordentlicher Größe gefunden worden sind. In der Wöhlerschule sind mehr als 500 Gewehre gefunden worden; große Mengen von Schusswaffen wurden gestern bei Bonnie in der Eschersheimer Landstraße zutage gefördert. Dort ist der Sitz der reaktionären Studentenverbindungen! Es ist außer Zweifel, dass auch die in der Wöhlerschule gefundenen Waffen denselben Kreisen zuzuschreiben sind. Aus der Zahl der gefundenen Waffen lässt sich ein Schluß ziehen auf die Zahl derjenigen militärischen Hilfsmittel, die sich auch in dieser Stunde noch in den Händen der Gegenrevolution befinden. Nicht die Tat einzelner Fanatiker sondern das zielbewusste Handeln einer Menge Entschlossener! […] Frankfurt war fertig zum Losschlagen! Wo ist in dieser Stunde die Staatsanwaltschaft? Wo sind die Haftbefehle? […] Wo ist der Haftbefehl gegen den Direktor, den Pedellen? Man wird doch nicht alles Ernstes behaupten wollen, dass sie von 500 Gewehren im Keller nichts gewusst haben? […] Die Republik und die Demokratie sind in Gefahr! Wir erwarten, dass mit unnachsichtiger Strenge und ohne Ansehen der Person zugegriffen wird!“
Während dieser Artikel erschien, wurden weiter Waffen mit Kraftwagen von Frankfurt nach Gießen verbracht. Drahtzieher war ein Frankfurter Eisenbahnbeamter, der nach Gießen versetzt worden war. Auch das war den Augen wachsamer Sozialdemokraten nicht entgangen. Da die beobachteten Autos eine grüne Farbe hatten, ging in Frankfurt schnell das Gerücht um, die Polizei selbst habe die Waffen aus der Stadt geschafft. Zwei Tage später, am 22. Juli, stellte die „Volksstimme“ in einem detailreichen Artikel dies als Fehlmeldung richtig. Tatsächlich waren es Wagen der Autoverleihfirma Pokorny & Wittekind, in denen die Waffen auch schon von Aschaffenburg nach Frankfurt gebracht worden waren. Angefordert hatte die Wagen der „Großhessische Wirtschaftsbund“. Unter diesem scheinbar harmlosen Namen verbarg sich der hessische Zweig der „Organisation Escherich“, dem reichsweiten Verband konterrevolutionärer Einwohnerwehren.
Zwei weitere Namen von Beteiligten wurden genannt, die Eingeweihten keine Unbekannten waren: Der Leutnant a. D. und nunmehrige Student Fritz Renner hatte die Waffen von Bayern nach Frankfurt gebracht und verteilt. An der Wöhlerschule war es der Studienrat Dr. Jung, bekannt durch sein nachmittägliches Training einer Pfadfindergruppe auf dem Schulhof. Er konnte nicht festgenommen werden, weil er sich in die Tschechoslowakei abgesetzt hatte. Auch der Student und Anhänger des „Jungdeutschen Ordens“, Renner, war flüchtig. Der Direktor der Wöhlerschule, Liermann, hatte sofort nach dem Bekanntwerden des Waffenfundes seinen Urlaub abgebrochen und sich der Polizei zur Verfügung gestellt. Er habe sich nichts dabei gedacht, als Jung die Kisten in den Schulkeller verbringen ließ, da es sich angeblich um Gesteinsproben für das Senckenberg-Museum gehandelt habe.
Bei Hausdurchsuchungen in den Wohnungen der Tatbeteiligten wurde zahlreiches Belastungsmaterial gefunden. Weitere Personen wie auch der Pedell der Wöhlerschule, Brinkmann, wurden festgenommen. Der Waffenfund bei der Gastwirtschaft Bonnie bei den Tennisplätzen an der Eschersheimer Landstraße – neben Schusswaffen und Munition wurde angeblich auch ein Panzerwagen sichergestellt – war nur ein Ergebnis der Hausdurchsuchung. Einige Tage später wurden in Gießen zwei weitere an der Waffentransaktion beteiligte Studenten verhaftet und nach Frankfurt überstellt.
Überraschenderweise stellte sich im August Studienrat Dr. Jung der Polizei. Er wurde nicht verhaftet, sondern nur protokollarisch vernommen. Freimütig gestand er, dass er die Waffen zum Schutz vor einem drohenden Putsch von Links nach Frankfurt gebracht habe. Ein derartig „couragiertes“ und patriotisches Verhalten mochte der Magistrat der Stadt Frankfurt nicht mit der Einleitung eines Disziplinarverfahrens gegen Jung beantworten. Die Stadtverordnetenversammlung fasste den Beschluss, eine Entscheidung darüber dem Regierungspräsidenten zu überlassen.
Und damit verschwand die Affäre aus dem Blickfeld der Öffentlichkeit. Es ist nicht bekannt, ob gegen Jung ein Disziplinarverfahren eingeleitet wurde. 1924 – aus dieser Zeit datieren die erhalten gebliebenen Berichte der Schule – gehörte er dem Kollegium jedenfalls nicht mehr an. Auch die „Volksstimme“ konnte nichts mehr in Erfahrung bringen. An der Wöhlerschule, deren Schulgebäude im Zweiten Weltkrieg zerbombt wurde, ist keine Erinnerung mehr an diese Episode geblieben.

Literatur und Quellen
  • ISG, Akten der Stadtverordnetenversammlung 950
  • ISG, Volksstimme (Mikrofiches)

Zusätzliche Stichwörter
Personen:  Walther Rathenau;  

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