Das Wollheim-Memorial. Erinnerungszeichen für einen Streiter im Dienste der Gerechtigkeit

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Norbert Wollheim, Düsseldorf 1947

„Wir sind gerettet, aber wir sind nicht befreit.“ Norbert Wollheim, 26. August 1945

Mit der Entscheidung zur Nutzung der ehemaligen Hauptverwaltung des nach 1945 zerschlagenen -Konzerns I.G. Farbenindustrie durch die Johann Wolfgang Goethe-Universität entbrannte eine Diskussion über den Umgang mit der Geschichte des Ortes und seiner Nutzer.
Die IG hatte als einer der während der NS-Zeit weltweit größten Chemiekonzerne ihre Produktion an die Interessen des nationalsozialistischen Terrorregimes angepasst. Das Unternehmen profitierte wesentlich von Kriegsvorbereitung und Kriegsführung. In den Jahren 1942 bis 1945 unterhielt es zusammen mit der SS das Konzentrationslager Auschwitz III/Buna-Monowitz, das von der SS mit Zwangsarbeitern „beliefert“ wurde. Von den Zehntausenden KZ-Häftlingen, die dort als Sklavenarbeiter durch die IG ausgebeutet wurden, fand der Großteil entkräftet und ausgehungert den Tod in den Gaskammern von Auschwitz-Birkenau. Das Gas Zyklon B, vertrieben durch die mit dem IG-Farben-Konzern verbundene Gesellschaft DEGESCH, diente in den NS-Vernichtungslagern als Tötungsmittel für den Massenmord vor allem an Juden.

Kontroverse um die Namensgebung auf dem neuen Campus
Schon bei der offiziellen Einweihung des Campus Westend wurde 2001 eine Gedenktafel vor dem IG Farben-Haus enthüllt, die den historischen Kontext seiner Nutzung bis zum Einzug der Universität auflistet. Den Studierenden, aber auch den überlebenden Zwangsarbeitern von Buna-Monowitz genügten diese Tafel und die von der Universitätsleitung beauftragte historische Ausstellung „Von der Grüneburg zum Campus Westend. Die Geschichte des IG Farben-Hauses“ jedoch nicht als Zeichen der Auseinandersetzung mit der Rolle des IG Farben-Konzerns im Holocaust. Karl Brozik (1926-2004), selbst Monowitz-Überlebender und damals Leiter der Claims Conference in Deutschland, schlug vor, die Adresse des neuen Campus von Grüneburg-Platz in Wollheim-Platz umzubenennen. Dieser Vorschlag fand aber weder bei den politisch noch bei den universitär Verantwortlichen aktive Unterstützer. Die Studierenden machten sich jedoch für die Umbenennung stark und sorgten so dafür, dass über das Thema weiter diskutiert wurde. Schließlich entschärfte der Holocaust-Überlebende Arno Lustiger die Kontroverse mit dem Vorschlag, ein Denkmal für Norbert Wollheim zu errichten, der mit einem Musterprozess Anfang der 1950er Jahre die Zwangsarbeiterentschädigung durchgesetzt hatte. Darauf konnten sich die Beteiligten aus Universitätsleitung, Studierenden, Rat der Überlebenden und der Politik verständigen.
Um die Realisierung wissenschaftlich wie politisch zu begleiten und einen breiten gesellschaftlichen Konsens für das Memorial zu erreichen, wurde die Wollheim-Kommission der Goethe-Universität gebildet. Unter dem Vorsitz von Universitätspräsident Rudolf Steinberg gehörten ihr Repräsentanten des Hessischen Ministeriums für Wissenschaft und Kunst, des Rates der Überlebenden des Holocaust am Fritz Bauer Institut, der Claims Conference, der Initiative Studierender am IG Farben-Haus sowie Wissenschaftler der Universität und des Fritz Bauer Instituts an. Viele von ihnen waren auch an der Umsetzung des Memorials und Erarbeitung der Dokumentation beziehungsweise Website beteiligt. Die künstlerische Beratung übernahm der ehemalige Leiter des Frankfurter Museums für moderne Kunst Jean-Christophe Ammann. Eine wissenschaftliche Sachverständigenkommission bürgte für die fundierte Darstellung. An der Finanzierung des Wollheim-Memorials beteiligten sich zahlreiche Privatpersonen, Stiftungen, Unternehmen, aber auch Gewerkschaften, die Jüdische Gemeinde und die Stadt Frankfurt am Main.
In einem neuen Anlauf gelang es Studierenden der Goethe-Universität 2014, die Universität und den Ortsbeirat Westend davon zu überzeugen, den Platz vor dem IG Farben-Haus doch noch in Norbert-Wollheim-Platz umzubenennen.

Norbert Wollheim, ohne Datum

Norbert Wollheim und der „Wollheim-Prozess“
Der aus Berlin stammende Norbert Wollheim, 1938 Mitorganisator von „Kindertransporten“, war zusammen mit seiner Ehefrau Elsa und dem gemeinsamen dreijährigen Sohn Uriel im März 1943 nach Auschwitz deportiert worden. Während Norbert Wollheim zur Sklavenarbeit für die IG Auschwitz nach Buna-Monowitz gebracht wurde, ermordete die SS seine Ehefrau und den Sohn. Er überlebte das Konzentrationslager und auch den dreimonatigen Todesmarsch ab Januar 1945. Nach Kriegsende engagierte er sich im Zentralkomitee der befreiten Juden in der britischen Zone und sagte 1947 als Zeuge im Nürnberger Prozess gegen den IG Farbenkonzern sowie 1949 im Prozess gegen den Regisseur des Films „Jud Süß“, Veit Harlan, aus. Wollheim emigrierte 1951 in die USA und starb 1998 in New York.
Als erster Zwangsarbeiter kämpfte Norbert Wollheim (1913-1998) nach dem Krieg um eine Entschädigung für seine Ausbeutung und klagte im November 1951 gegen die IG Farbenindustrie in Abwicklung vor dem Frankfurter Landgericht: mit durchschlagendem Erfolg! Zusammen mit seinem Frankfurter Anwalt Henry Ormond, selbst antisemitisch Verfolgter, bekam er in sämtlichen Punkten Recht. Sie erstritten in dem bis 10. Juni 1953 andauernden Prozess Schmerzensgeld und eine Entschädigung für entgangenen Arbeitslohn in Höhe von 10.000 D-Mark samt der seit 1951 aufgelaufenen Zinsen und Prozesskosten. Das Berufungsverfahren endete im Februar 1957 mit einem außergerichtlichen Vergleich: Die IG Farbenindustrie in Abwicklung verpflichtete sich damals zur Zahlung von 30 Millionen D-Mark an die Überlebenden von Buna-Monowitz.
Der „Wollheim-Prozess“ machte Anfang der 1950er Jahre einer breiten Öffentlichkeit das nationalsozialistische Programm „Vernichtung durch Arbeit“ bekannt. Zudem lenkte er die öffentliche Aufmerksamkeit auf die Mitverantwortung der deutschen Industrie an der menschenverachtenden Sklavenarbeit während der NS-Zeit. Letztlich begann mit dem Wollheim-Prozess der Weg zur bis heute andauernden Zwangsarbeiterentschädigung.

Das Wollheim-Memorial auf dem Gelände der ehemaligen I.G. Farben Hauptverwaltung. Die Zahl zeigt die Häftlingsnummer Norbert Wollheims


Die Konzeption des Wollheim-Memorials
Für die Konzeption und Realisierung des Memorials wurde der Künstler Heiner Blum gewonnen, der an der Hochschule für Gestaltung in Offenbach lehrt. Er entwickelte einen „das Herz und den historischen Verstand gleichermaßen ansprechenden Gedenkort“, wie der Frankfurter Journalist Hans Riebsamen anlässlich der Einweihung am 2. November 2008 berichtete.
Im Park vor dem IG Farben-Haus sind heute zwölf großformatige Bildstelen verteilt. Sie zeigen ehemalige Sklavenarbeiter von Buna-Monowitz. Es handelt sich um Fotografien aus ihrem Leben vor der Verschleppung in ein nationalsozialistisches Konzentrationslager. Bilder von fröhlichen Menschen beim Sport, im Urlaub, bei einem Ausflug oder am heimischen Esstisch. Sie dokumentieren jüdisches Leben vor dem Holocaust. Verstörend wirken die großen, meist sechsstelligen Zahlen in roter Schrift: Es sind die Häftlingsnummern der abgebildeten Menschen, die sie in Auschwitz erhielten und mit denen ihre bürgerliche Existenz vollends negiert wurde. Auch am ehemaligen Pförtnerhäuschen des IG Farben-Hauses ist eine sechsstellige Zahl in großen Stahlziffern angebracht. Zehnneunundsiebzigvierundachtzig: Die Häftlingsnummer Norbert Wollheims.
Im Wollheim-Pavillon befindet sich ein kleines Dokumentationszentrum. Zu seiner Grundkonzeption gehört die Verzahnung von Ereignisgeschichte und biografischer Erzählung, jeweils in den drei Zeitebenen Vorkriegs-, NS- und Nachkriegszeit. Hier sind einerseits Videointerviews mit 24 Überlebenden von Buna-Monowitz abrufbar. Sie berichten über ihr Leben vor der Deportation an unterschiedlichen Orten in Europa, die Verschleppung nach Auschwitz, die Bedingungen im Konzentrationslager und ihren Werdegang nach dem Holocaust.
Ein zweiter Bildschirm eröffnet den Zugang zur zweisprachigen Website des Wollheim-Memorials, die in gleicher Form online zugänglich ist. Hier sind fundierte historische Informationen über Norbert Wollheim, den Wollheim-Prozess, IG Farben, IG Auschwitz, Buna-Monowitz, die Entschädigungen und NS-Zwangsarbeit verfügbar. Diese Informationen ermöglichen eine Schritt für Schritt wissenschaftlicher werdende Annäherung an diese Themen. Eine wissenschaftliche Bibliothek und eine Sammlung der Akten zum Wollheim-Prozess sind im Fritz Bauer Institut zugänglich, das seinen Sitz im IG Farben-Haus hat.
Führungen und Studientage, die beim Fritz Bauer Institut gebucht werden können, vertiefen die Inhalte des Wollheim-Memorials. Sie führen in die Geschichte des IG Farben-Konzerns, der Zwangs- und Sklavenarbeit sowie der Entschädigungen ein.


Literatur
  • Joachim Robert Rumpf, Der Fall Wollheim gegen die I.G. Farbenindustrie AG in Liquidation. Die erste Musterklage eines ehemaligen Zwangsarbeiters in der Bundesrepublik Deutschland. Prozess, Politik und Presse, Frankfurt am Main 2010.
  • www.wollheim-memorial.de.

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    Impressum © Stadt Frankfurt am Main. Text erstellt 2011, aktualisiert am: 26.10.2015