Die räuberische Aneignung „jüdischen Besitzes“ durch die Stadt Frankfurt am Main

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Frankfurt war die Großstadt mit dem höchsten jüdischen Bevölkerungsanteil im Deutschen Reich. Die Stadt bereicherte sich in der NS-Zeit systematisch am Besitz jüdischer Bürger und Institutionen. Bei den städtischen Raubzügen war der aus völkisch-antisemitischen Kreisen kommende Oberbürgermeister Krebs, der als Landgerichtsrat ohne Erfahrung in der Kommunalverwaltung war, in besonderem Maße auf die Zuarbeit leitender Beamter angewiesen. Bei der Politik der Bereicherung traten vor allem die Amtsleiter des Bauamtes, in Personalunion mit dem Rechtsamt/Stiftungswesen, sowie des Fürsorgeamtes und des Kulturamtes hervor. Doch nur das Fürsorgeamt wurde neu mit einem „Alten Kämpfer” besetzt. Die anderen Amtsleiter waren bereits vor 1933 in städtischen Diensten. In die NSDAP sind sie erst nach der Machtübernahme eingetreten. Auch Leiter der städtischen Kultureinrichtungen, von denen mehrere erst 1938 ins Amt kamen, nutzten geschickt die sich im Zuge der allgemeinen Verfolgungspolitik bietenden Handlungsspielräume und profilierten sich und ihre Einrichtungen durch die „Arisierung” jüdischer Kunstgüter.
Seit den „Nürnberger Gesetzen” versuchte die Stadtverwaltung, mildtätige „jüdische” Stiftungen oder deren Erträge zu „arisieren”. Gegen den Widerstand der Jüdischen Gemeinde, die diese Stiftungen für ihr Fürsorgesystem benötigte, gelang der Stadt mit Hilfe des Regierungspräsidenten und illegaler Rechtskonstruktionen, diverse Stiftungen ihrem Besitz einzuverleiben. Die Ereignisse des Novemberpogroms 1938 erlaubten der Stadt und ihren Kulturinstituten dann auf verschiedenen Ebenen, gegen den Besitz jüdischer Institutionen und auch gegen Privatpersonen vorzugehen. Diverse städtische Institutionen eigneten sich am Tag des Pogroms Kulturgut aus den Synagogen, aus dem Jüdischen Museum sowie aus Archiv und Bibliothek der Jüdischen Gemeinde an. Auch die besonders wertvolle Sammlung des Barons Goldschmidt-Rothschild erwarb die Stadt offenbar unter Ausübung massiven Drucks noch während des Pogroms. Fürsorgeamt, Bauamt und Stiftungsabteilung koordinierten in den nächsten Wochen und Monaten ihr Handeln, es entstand so eine eigene Frankfurter „Arisierungsdynamik”. Die Stadt war in großer Eile bestrebt, sich Besitz der jüdischen Organisationen anzueignen, um damit der Gründung einer Zwangsorganisation für Juden auf Reichsebene zuvorzukommen, in die dieser Besitz eingegliedert werden sollte. Im Frühjahr 1939 kaufte die Stadt unter dem Verkehrswert umfangreichen Grundbesitz von der Jüdischen Gemeinde an, den sie perfiderweise mit angeblich in der Zukunft zu leistenden Fürsorgezahlungen zu ihren Gunsten verrechnete. Die jüdische Wohlfahrt wurde einem städtischen Beauftragten untergeordnet, ebenso die jüdischen Stiftungen. Die antijüdische Änderung des Stiftungsrechtes durch das Reichsinnenministerium im Mai 1939 war entscheidend von Frankfurter Initiativen mitgeprägt.
Die städtische Politik führte zu Konflikten mit der Frankfurter Gestapo, die die jüdischen Einrichtungen zu kontrollieren hatte. Die Gestapo beschlagnahmte von der Stadt geraubtes Kulturgut oder verlangte höhere Preise für von der Stadt gekaufte Immobilien der jüdischen Gemeinde. Mit der Gründung der Reichsvereinigung intensivierten sich die Konflikte. Die Stadt versuchte, das nun offiziell verankerte Aufsichtsrecht der Gestapo abzuwehren, doch zog sie hier den kürzeren.
Als die innerstädtischen Quellen zur „Sicherung” jüdischen Besitzes erschöpft schienen, ergaben sich 1940 mit der Besetzung westeuropäischer Länder neue attraktive Möglichkeiten der „Arisierung”. Frankfurt schickte mit Sondermitteln ausgestattete Einkäufer nach Frankreich, Belgien und Holland, die dort massenhaft und billigst Objekte erwarben, die häufig aus dem Besitz verfolgter jüdischer Familien stammten. Seit dem Überfall auf die Sowjetunion konnten die städtischen Museen und Bibliotheken auch durch Aufkäufe dort ihre Bestände erweitern. In der Stadt selbst eröffneten sich neue „Arisierungschancen” ab Frühjahr 1941, als das Umzugsgut bereits emigrierter Juden von der Gestapo beschlagnahmt und dann öffentlich versteigert wurde. Die durch eine reichsweite Regelung als „Sachverständige zur Sicherung und Verwertung deutschen Kulturgutes aus jüdischem Besitz” eingesetzten Frankfurter Leiter von Kulturinstituten konnten ihren Einrichtungen wieder wertvolle „Zugewinne” sichern. Im Zuge der Massendeportationen erwarb die Stadt über das Finanzamt Kunst- und Kulturgüter, aber auch Hausrat und Mobiliar der verschleppten Juden. Nach Abschluß der Massendeportationen aus Frankfurt im September 1942 tätigte die Kommune noch in größerem Umfang Immobilienkäufe aus dem Besitz der Jüdischen Gemeinde.
Nach 1945 wurde der größte Teil dieser Raubgüter dank der amerikanischen Restitutionspolitik den rechtmäßigen Besitzern bzw. an Nachfolgeinstitutionen oder an die Länder, aus denen sie beschafft worden waren, zurückgegeben. Im Zuge der Restitution entstanden Rettungslegenden, die die aktive Rolle der Stadt beim Raub des Besitzes jüdischer Bürger systematisch verschwiegen. Ein Grund hierfür war die hohe personelle Kontinuität sowohl in der Stadtverwaltung als auch in deren Kulturinstitutionen nach 1945. Heike Drummer hat 1990 auf die Notwendigkeit hingewiesen, die Verbindungen des Oberbürgermeisters Krebs „mit der städtischen Bürgerkultur präzise zu bestimmen und zu prüfen, welchen Einfluß dieses ‚Bündnis‘ auf die nationalsozialistische Kommunalpolitik hatte.” Bei der Suche nach den Ursachen für die frankfurtspezifische Dynamik berühre man, so Drummer, „natürlich das sehr empfindliche Terrain einer engen Kooperation zwischen traditionellen Führungsgruppen und Nationalsozialismus.” Bis heute hat in Frankfurt weder innerhalb noch außerhalb der beteiligten Institutionen eine kritische Reflexion des „Arisierungsverhaltens” des städtischen Führungspersonals begonnen. Die Rolle der Stadt als skrupelloser Profiteur an der Vertreibung und Vernichtung ihrer jüdischen Bürger wird nicht wahrgenommen. Das „Loch in der Frankfurter Geschichtsbeschreibung für die Zeit von 1933-1945”, das der Sachwalter der Stadtgeschichte Frankfurts, Rebentisch, 1998 so freimütig und treffend attestierte, muß erst noch gefüllt werden.

Kapitel „Zusammenfassung“ aus Kingreen, Raubzüge (siehe Literatur)


Literatur
  • Monica Kingreen, Raubzüge einer Stadtverwaltung. Frankfurt am Main und die Aneignung „jüdischen Besitzes“, in: Beiträge zur Geschichte des Nationalsozialismus, Band 17, Bürokratien, Initiative und Effizienz, 2001, S. 17-50.
  • Heike Drummer, Friedrich Krebs (1894-1961) - Zur politischen Biographie des nationalsozialistischen Frankfurter Oberbürgermeisters. Magisterarbeit Universität Frankfurt am Main 1990, S. 74 f. Darauf basierend auch dies., Friedrich Krebs - Nationalsozialistischer Oberbürgermeister in Frankfurt am Main. Rekonstruktion eines politischen Lebens, in: Hessisches Jahrbuch für Landesgeschichte 42 (1992), S. 219-253, hier S. 78f.
  • Dieter Rebentisch, Editorial, in: Archiv für Frankfurts Geschichte und Kunst 65 (1999), S. 7.

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  • Monica Kingreen, Fritz Bauer Institut  

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