Besucher im Auschwitz-Prozess

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Korrespondierend mit der breiten Berichterstattung durch die Medien gab es viele, die dem Prozessgeschehen im Gerichtssaal direkt folgen wollten. Im Römer-Saal konnte man den Andrang der Öffentlichkeit gar nicht bewältigen, Lautsprecher mussten die Verhandlung nach draußen auf die Straße übertragen. „Einen Augenblick“, schrieb ein Journalist, „wünscht man sich, daß diese Lautsprecher überall montiert wären, wo Menschen in dieser Stadt, in diesem Lande beisammen sind.“ Die Möglichkeit, dass ganze Schulklassen den Prozess besuchten, war im Römer wegen der begrenzen Zuschauerplätze nicht gegeben.

Zuschauer beim Prozess


Die Situation entspannte sich für die Zuschauer etwas ab April 1964 im Haus Gallus, wo nun neben mehr als 120 Plätzen für die Presse fast 150 Zuschauerplätze zur Verfügung standen. Aber auch hier hieß es früh kommen und anstehen, um einen Platz zu bekommen. Mehr als 20.000 Personen besuchten während der 20 Monate Verhandlungsdauer den Prozess.
Beobachter des Auschwitz-Prozesses zeigten sich häufig darüber irritiert, dass sie die Angeklagten äußerlich nicht identifizieren könnten. So eine Reportage vom Besuch der Gerichtsverhandlung im Römer:
„Ich schaue mich verstohlen um. Unter den Richtern, neben den Polizisten, das müssen die Angeklagten sein. Grauhaarige Männer, schmale Münder, Durchschnittsgesichter. Sehen so Mordgehilfen aus? Aber woher kommen die Frauen in ihren Reihen? Es dauert eine Weile, bis ich aufgeklärt werde: Das sind nicht die Angeklagten, das sind die Geschworenen, brave Frankfurter Bürger. Ich schaue mich weiter um. Der dort, bleich mit schwarzer Brille, sicherlich ist das ein Angeklagter. Falsch. Es ist ein Kollege, ein Journalist. Aber der da rechts, mit den Schmissen? Falsch. Er trägt die Robe des Verteidigers. Immer wieder versuche ich mich zurechzufinden. Der da rechts, raunt mein Nachbar, der Blasse, das ist der Adjudant des Lagerkommandanten Höß, einer der wichtigsten Angeklagten. Ich starre auf ein messerscharfes Profil, es läuft mir kalt den Rücken runter. Falsch, sagt mein Nachbar, der doch nicht, der war SDG [Sänitätsdienstgrad] im HKB [Häftlingskrankenbau] und ,spritzte ab‘. Flüsternd erklärt er mir den Auschwitz-Jargon. […] Wieder schweift mein Blick umher. Gleich neben mir sitzt ein gut angezogener älterer Herr. Weiße Haare, randlose Brille, Goldbügel […] Auf seinem Pult türmen sich Akten, er macht Notizen. Ein Rechtsgelehrter denke ich, ein Gutachter wahrscheinlich. Falsch. Dies ist Robert Mulka, Adjudant von Höß in Auschwitz von 1942 bis 1943. Erst langsam beginne ich zu verstehen, daß vor jedem Angeklagten, die im ganzen Saal verteilt sind, jeweils ein Nummernschild mit Tesafilm auf dem Pult befestigt ist. Nur daran sind sie zu erkennen. Mulka hat als erfolgreicher Exportkaufmann, wiewohl der Beihilfe zum Massenmord angeklagt, eine Kaution von 50.000 Mark gestellt und wohnt während der Verhandlung im Luxushotel. Eben fordert sein Verteidiger […] die Freilassung wegen Verjährung. Dem Antrag wird nicht stattgegeben, Mulka wird übrigens noch am gleichen Tag verhaftet. Von den 22 Angeklagten sind nur noch 12 auf freiem Fuß. In den Pausen stehen sie beieinander, trinken Coca-Cola, rauchen und sind guter Dinge. Ich schaue sie mir genau an, unterscheiden sie sich von den übrigen? Kaum. Das ist das Schlimmste, die Erkenntnis: Alle diese Köpfe sind austauschbar. Jeder könnte es sein, keiner könnte es sein.“
In seiner Zwischenbilanz nach acht Monaten Prozessdauer beschrieb Nebenklagevertreter Henry Ormond auch die Prozesszuschauer:
Es „fällt die große Zahl Jugendlicher unter den Zuhörern auf. Studenten von Hochschulen, Studierende von Fachhochschulen, Schülerinnen und Schüler der oberen Klassen von Gymnasien, Angehörige der Polizeischulen und der Bundeswehr kommen von Frankfurt und Umgebung, oft aber auch von weither, um sich diesen zeitgeschichtlichen Anschauungsunterricht am lebenden Objekt nicht entgehen zu lassen. Es scheint mir der beste Weg zu sein, den immer noch von zahlreichen Elternhäusern ausgehenden Verharmlosungstendenzen wirksam entgegenzutreten.“
Schüler des Frankfurter Lessing-Gymnasiums schrieben Ende 1964 ihre Abituraufsätze zum Thema: „Sie haben Verhandlungen des Auschwitz-Prozesses in Frankfurt besucht. Schildern Sie Ihre Eindrücke. Warum erscheint Ihnen dieser Prozeß notwendig?“
Ein Schüler schrieb: „Weshalb ich diesen Prozeß besuchte? Um ganz ehrlich zu sein, ich wollte die Angeklagten einmal aus der Nähe sehen. Wie oft hört man, daß diese Angeklagten aussähen wie Mörder! Ich selbst bin zwar immer anderer Meinung gewesen und wurde auch durch den Prozeß nur noch darin bestärkt. Aber ich muß zugeben, daß einzelne Zeitungen durch Bilder diesen Eindruck aufkommen lassen, weil sie versuchen, durch Bild und Wort die Schlechtigkeit dieser Menschen herauskommen zu lassen. Dadurch erreichen sie zwar bei einigen Teilen der Bevölkerung eine Verurteilung dieser Menschen, aber sie hindern den Leser daran, sich selbst zu fragen, ob er es hätte nicht auch sein können.“


Text aus: Monica Kingreen, Der Auschwitz-Prozess 1963–1965. Geschichte, Bedeutung und Wirkung, (Pädagogische Materialien Nr. 8, Fritz Bauer Institut), Frankfurt am Main, 2004, S. 34-35

Zusätzliche Stichwörter
Ereignisse:  Erster Frankfurter Auschwitz-Prozess;  

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