Das kulturelle Echo auf den Auschwitz-Prozess

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Der Auschwitz-Prozess auf der Bühne
Eingang in die Weltliteratur fand der Auschwitz-Prozess mit dem Theaterstück Die Ermittlung. Oratorium in 11 Gesängen von Peter Weiss. Das Stück, das sich an der Struktur einer Gerichtsverhandlung orientiert, richtete sich gegen die Verdrängung der Verbrechen von Auschwitz.
Im Oktober 1965 wurde es als „extreme Variante des Dokumentartheaters“, das nur die Dokumente sprechen ließ, erstmalig in einem „Massenstart“ gleichzeitig an 15 Theatern der DDR und der BRD „als spektakulärstes Theaterereignis Deutschlands“ uraufgeführt. Peter Weiss hatte selbst mehrfach den Auschwitz-Prozess besucht und sich auf die Prozessberichterstattung von Bernd Naumann in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung gestützt. In den folgenden Wochen strahlten mehrere Radiosender eine Hörspielfassung des Stücks aus. Wenige Tage nach der Uraufführung der Ermittlung sagte Fritz Bauer, der das Entstehen des Stückes verfolgt hatte, auf einer Podiumsdiskussion im Stuttgarter Theater:
„Dieser Appell an uns alle, Auschwitz im Alltag, in jeder Stunde zu widerstehen, jenem Auschwitz, das immer wieder, jeden Tag, jede Minute an uns herantritt, gegenüber NEIN zu sagen – das war der Schrei unserer Staatsanwälte. Ich wünschte, daß der Dichter das in Worte fasste, so daß wir alle erfüllt und erschüttert werden und Auschwitz nun wirklich ein lebendiges Ereignis ist, das wir realisieren. […] wir Juristen in Frankfurt haben erschreckt gerufen nach dem Dichter, der das ausspricht, was der Prozess auszusprechen nicht im Stande ist.“
Wenige Jahre später hatte man das Stück bereits in 15 Ländern aufgeführt. Auch heute gehört es noch zum Repertoire deutscher und internationaler Theater.

Der Auschwitz-Prozess in der Literatur
„Was fühlen und denken eigentlich diejenigen, die damals kleine Kinder waren, wenn erzählt wird, wie ihre Eltern drei Millionen Menschen in Auschwitz ermordet haben?“, fragte der Literaturkritiker Marcel Reich-Ranicki. „Keiner ist verpflichtet, sich dieser Frage anzunehmen. Aber die deutsche Literatur unserer Zeit ist es.“ Und er fragte weiter, ob die deutschen Schriftsteller „zu jenen, die zudecken oder zu jenen, die aufdecken“ gehörten.
Mehrere Schriftsteller beschäftigten sich in ihrem Werk mit dem Auschwitz-Prozess, so Marie Luise Kaschnitz, Horst Krüger, Paul Celan, Martin Walser, Robert Neumann, Alfred Andersch, Wolfdietrich Schnurre, H. G. Adler, Günther Grass, Horst Bienek. Der Auschwitz-Prozess stellt den Wendepunkt in der literarischen Beschäftigung mit Auschwitz dar.

Der Auschwitz-Prozess im Film
Im Film spiegelt sich der Auschwitz-Prozess in Dokumentarfilmen wie Auschwitz vor Gericht des Hessischen Rundfunks aus dem Jahr 1965 oder von Thilo Koch „Bleiben die Mörder unter uns?“ aus dem Jahre 1964 wider. Lediglich in zwei Spielfilmen wird mehr oder weniger indirekt auf den Auschwitz-Prozess Bezug genommen.
In dem Fernsehspiel „Mord in Frankfurt“ von 1968 geht es in einer Parallelhandlung um den Mord an einem Taxifahrer, der den Ruf nach der Todesstrafe auslöst, und um die Bedrohung eines polnischen Zeugen in einem NS-Prozess und Proben zu „Die Ermittlung“ von Peter Weiss.
Der Spielfilm „Die Zeugin aus der Hölle“ ist einer der wenigen BRD-Spielfilme, der den Holocaust als Problem der bundesrepublikanischen Nachkriegsgesellschaft thematisiert.

Ausstellungen über Auschwitz
Im Umfeld des Auschwitz-Prozesses, sozusagen „als Illustrierung des Verfahrens“, thematisierten zwei große Ausstellungen erstmals für eine breite Öffentlichkeit die Ermordung der europäischen Juden. Am symbolträchtigen Ort der Paulskirche wurde wenige Wochen vor Beginn des Prozesses die Ausstellung „Warschauer Ghetto“ gezeigt, während sich die Ausstellung „Auschwitz – Bilder und Dokumente“ nach fast einem Jahr Prozessdauer unmittelbar auf den Gegenstand des Prozesses bezog. Fritz Bauer und auch der Nebenkläger im Prozess, Henry Ormond, hatten diese Ausstellung mitinitiiert, um – so Fritz Bauer – „den eigentlichen Stoff des Prozesses durch eine eindrucksvolle Ausstellung sichtbarer zu machen“. Beide Ausstellungen hatten große öffentliche Resonanz, vor allem auch bei jüngeren Menschen, und wurden in vielen westdeutschen Städten gezeigt.

Gedenken an die Ermordeten
Die Informationen über die Verbrechen in Auschwitz wirkten sich auch sichtbar auf die Erinnerungs- und Gedenkarbeit vor Ort aus. Gedenksteine zur Erinnerung an die Opfer des Holocaust wurden in denjenigen Städten und Gemeinden aufgestellt, wo sich eine politisch interessierte Öffentlichkeit der Thematik annahm.
In Hanau beispielsweise weihte der Oberbürgermeister im Frühjahr 1964 einen Gedenkstein an die Opfer in der Nähe der 1938 zerstörten Synagoge ein, auf dem die Bibelworte „Rachel weint um ihre Kinder und lässt sich nicht trösten“ zu lesen sind. Der hessische Landesrabbiner sagte in seiner Ansprache: „Jede Stadt, in deren Mauern während des Dritten Reiches Juden gelebt haben und gestorben sind, hat eine moralische Verpflichtung. Die des Gedenkens an die Opfer nämlich und die der Sorge dafür, daß sich die schrecklichen Geschehnisse von damals nie wiederholen. Hanau hat mit der Enthüllung dieses Steines eine moralische Pflicht erfüllt.“
In Frankfurt weihte man im Oktober 1964 – während des Auschwitz-Prozesses neben der Paulskirche ein „Mahnmal für die Opfer der Konzentrationslager“ ein, auf dem die Namen zahlreicher Konzentrations- und Vernichtungslager stehen.
Bei Gedenktafeln aus dieser Zeit fällt – im Vergleich zur Erinnerungsarbeit einige Jahrzehnte später – auf, dass sie möglichst allgemein gehalten sind und wenig konkrete Informationen zum Leben der jüdischen Bürger und zu ihrer Ermordung enthalten.



Gekürzter Text aus: Monica Kingreen, Der Auschwitz-Prozess 1963–1965. Geschichte, Bedeutung und Wirkung, (Pädagogische Materialien Nr. 8, Fritz Bauer Institut), Frankfurt am Main, 2004, S.97-102

Zusätzliche Stichwörter
Ereignisse:  Erster Frankfurter Auschwitz-Prozess;  

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